Nanu, was ist denn da los: Zwei Wochen hintereinander ein Foto-Blog? Gar nichts ist los, und genau deshalb lässt der Blogger auch diesmal wieder Bilder sprechen, statt sich in vielen Worten zu verlieren.
Dass es heftig herbstelt, ist wohl keinem entgangen, der nicht gerade in einer Höhle wohnt: In den Straßen Montreals, in den Hintergassen und natürlich auch auf dem Atwater-Markt bei uns um die Ecke. Und weil die Farben gar so schön sind, gibt’s das Blumenbild mit Halloween-Motiv diesmal nicht nur als Banner, sondern auch als Teil der Fotoserie. (Wirklicher Grund: Bannerbilder kommen und gehen, Blog-Fotos bleiben).
Und dann natürlich wieder Besuch in meinen Lieblingscafés in der „Indigo“-Buchhandlung und bei „Aux Merveilleux de Fred“ an der Rue St-Denis. Dass genau dort heute Nachmittag eine Demo Québecer Separatisten vorbeizog, ist reiner Zufall. Schön, wenn ein paar Ewiggestrige keine größeren Probleme haben, als sich von so einem tollen Land wie Kanada loslösen zu wollen.
Auch ein Besuch in Chinatown war wieder dabei – mit Fortune Cookies und weisen Sprüchen: Nein, bitter wollen wir nicht sein – und ja, das Alter ist ganz lustig. Meistens jedenfalls.
Keine Woche ohne Poppy-Bild. Die Kleine kommt langsam ins Teenageralter. Statt Puppy-TV gab’s diesmal eine Kochshow. Sagte ich schon, dass wir verknallt sind in Cassians Hundemädchen?
Die Sonne mag uns – und wir sie auch. Vor allem jetzt im Herbst lechzen wir nach jedem Strahl. Denn irgendwann – bald – ist vorbei mit lustig. Dann stapft er wieder mit schweren Stiefeln durch die Lande: Old Man Winter.
Aber vorher genießen wir noch das wärmende Licht, das uns auch diese Woche wieder aus dem noch immer stahlblauen Himmel erreichte. Wo Licht ist, das weiß jedes Kind, da ist auch Schatten. Den hat uns Cassian hergezaubert – in Form einer Nachtaufnahme vom Lac Dufresne, gespickt mit vielen Sternen.
In der Cottage verbrachte er, wie jedes Jahr, ein langes Wochenende mit vier Freunden aus Schulzeiten. Was für eine schöne Tradition! Da reisen vielbeschäftigte junge Männer seit mehr als 20 Jahren an, von wo immer sie gerade sind. Dann wird getafelt: Linsen mit Spätzle und Saitenwürsten (made by Mutter) und was Küche und Keller sonst noch so hergeben.
Weil Poppy als kleines Mädchen nicht so richtig in eine Männerrunde am See passt, wird sie derweil von Oma und Opa bespaßt – inklusive Fernsehen („Puppy-TV“ gibt’s wirklich auf YouTube) und einem Herbstspaziergang entlang der abgeernteten Felder in St-Bernard-de-Lacolle. Aber auch hier in der Stadt geht der Alltag weiter.
➤ Mit guten Freunden aus Köln, deren Blumenstrauß noch immer unsere Wohnung ziert.
➤ Mit diversen Arzt- und Krankenhausbesuchen.
➤ Mit einer Fahrradtour an den Hafen, wo noch immer Kreuzfahrtschiffe aus aller Herren Länder Touristen an Land bringen, die von hier aus in den Norden geshuttelt werden, wo der Indian Summer in seiner Blüte steht.
➤ Mit einer leckeren Kübissuppe mit gerösteten Körnern.
➤ Mit einem Spaziergang am Lachine-Kanal entlang, wo immer fleißig gebaut wird.
Da ist sie wieder, die liebe Sonne! Und freut sich, dass wir uns über sie freuen. Denke ich.
So ganz politisch korrekt ist der Begriff „Indianersommer“ ja nicht mehr. Dabei ist es so ein schönes Wort. „Altweibersommer“ trifft es zwar auch, klingt aber weitaus weniger charmant – und entspricht möglicherweise ebenfalls nicht mehr der political correctness, die uns das Leben nicht gerade einfacher macht.
Egal. Gemeint sind jedenfalls die warmen, sonnigen Tage und kühlen Nächte nach einer Kälteperiode oder dem ersten Frost. Sie sorgen dafür, dass die Laubbäume in den Mischwäldern eine besonders intensive Farbpalette zeigen, geprägt von Rot-, Orange- und Gelbtönen. Hier in Québec bezeichnet man dieses Farbenspiel auch als „Foliage“.
Im Süden der Provinz, in der wir leben, leuchten die Farben nicht ganz so intensiv wie nördlich von Montréal, zum Beispiel in der Hügel- und Berglandschaft der Laurentiden. Aber wir verbringen mittlerweile nicht mehr viel Zeit in der Blockhütte am Lac Dufresne, dafür umso mehr auf Cassians Farm an der kanadisch-amerikanischen Grenze. Dort sind die meisten Fotos entstanden, die Sie heute sehen.
Ein paar Aufnahmen habe ich in Downtown Montréal gemacht. Das appetitliche Gourmetfoto entstand in einer Dorfkneipe, deren Spezialität Fish & Chips sind. Zur Feier des Tages – wir hatten Freunde aus Deutschland dabei – gab es als Beilage ausnahmsweise mal „Poutine“, eine Art Nationalspeise der Québecer: Pommes mit geschmolzenem Käse und einer braunen Sauce darüber. Muss man nicht unbedingt haben, kann man aber. Dem Vernehmen nach hat es vorzüglich geschmeckt.
Wie fühlt es sich an, wenn man von heute auf morgen zum Popstar wird? Interviews, Groupies, Hotelsuiten, die größer sind als das eigene Apartment daheim? Wenn eine Melodie, die einem an einem verregneten Sonntag in den Kopf gekommen war, während man auf die Freundin wartete, die Charts stürmt und zum Welthit wird?
Genau das ist Peter Freudenthaler mit seiner Band „Fools Garden“ in den 90er-Jahren passiert. Lemon Tree hatte die Buben aus dem Schwarzwald berühmt gemacht. Jetzt schreibt er in seinem Buch „Mein Leben als Zitronenbaum“ darüber: einfühlsam, authentisch, spannend und immer unterhaltsam. Zusammen mit der Autorin Michaela Fröhlich nimmt der Musiker und Songwriter seine Leserinnen und Leser auf eine beeindruckende Zeitreise mit.
„Ich werde oft gefragt“, schreibt der inzwischen 62-jährige Peter Freudenthaler im Vorwort zu seinem Buch, „in welchen Momenten meines Lebens ich am glücklichsten war. Viele vermuten, es müsse die Zeit gewesen sein, als Lemon Tree auf Platz eins der Charts stand. Doch genau das war es nicht, im Gegenteil: Es war eher ein Moment des Schreckens. Ich dachte nur: ‚Um Gottes willen, was passiert hier gerade!?‘ Wir hatten so lange auf diesen Erfolg hingearbeitet, und plötzlich war er da, ganz real: Wir waren Popstars. Und da standen sie vor mir, die Geister, die ich rief. Goethes Worte hallten in meinem Kopf. Der Traum war wahr geworden, doch er hatte mich überrollt – stärker und schneller, als ich es mir je hätte vorstellen können.“
Was die Buchbesprechung eines Popstars der 90er-Jahre in den Bloghausgeschichten zu suchen hat? Peter Freudenthaler und ich sind miteinander in Kontakt, nachdem er in dem Podcast „SWF3 – Das Phänomen“ dem Interviewer Gregor Glöckner erzählt hatte, wie ihn plötzlich Briefe von Hörern aus der ganzen Welt erreichten. Im Buch erzählt der „Lemon Tree“-Sänger jetzt auch meine erste Begegnung mit seinem Welthit:
„Viele Menschen verbinden mit dem Song besondere Geschichten und Erlebnisse. Oder er begegnet ihnen an ungewöhnlichen Orten. Auch dazu erreichen mich immer wieder Nachrichten aus der ganzen Welt. Oftmals sehr berührend, wie die von Herbert Bopp, einem deutschen Journalisten mit Wohnsitz in Kanada, der mir folgende Mail zukommen ließ:„Ich war Mitte der 90er-Jahre mit dem GHAN-Train von Adelaide durchs australische Outback Richtung Alice Springs unterwegs. 24 Stunden durch die Wüste. Ursprünglich hatte ich wegen der langen Strecke ein First-Class-Ticket gebucht, aber dort war die Stimmung eher überschaubar. Also bin ich in den Speisewagen der dritten Klasse gewechselt – der tatsächlich ‚Waltzing Matilda‘ hieß. Was ich dort gesehen habe, werde ich nie vergessen: Ein Aborigine saß auf dem Boden und spielte ‚Lemon Tree‘ auf dem Didgeridoo, neben ihm ein Kerl mit dem Bongo. Um sie herum tanzten, klatschten und sangen Menschen aus aller Welt – Backpacker, Goldgräber, Abenteurer, Geschäftsleute und auch ein kanadischer Journalist mit deutschen Wurzeln.“
Noch einen weiteren lokalen Bezug habe ich in Peters Buch gefunden. Nicht sehr schmeichelhaft, aber amüsant zu lesen, schreibt Peter Freudenthaler über einen Auftritt in der Fachhochschule Biberach:
„Die Stimmung im Publikum pendelte zwischen höflicher Zurückhaltung und demonstrativem Warten auf den nächsten Drink. Nur bei einem Song kam plötzlich Bewegung in die Menge, ausgerechnet bei unserem einzigen Cover: Every Breath You Take von The Police. Kaum erklang das markante Riff, wurde getanzt und mitgesungen. Danach waren wir wieder eher die musikalische Begleitung für Menschen, die sich über das letzte Mathe-Skript unterhielten.Für uns war dieser Abend eine Lektion in Sachen Realitätsabgleich. Aber wir zogen auch diesen Auftritt durch, mit zusammengebissenen Zähnen und dem festen Willen, unseren Weg weiterzugehen. Rückblickend waren gerade diese Konzerte wichtig. Sie stärkten uns und härteten uns ab. Und sie machten uns klar, dass wir das hier nicht machten, um allen zu gefallen, sondern weil wir wussten, dass da etwas war, das wachsen wollte.Und als der Auftritt endlich vorbei war, waren wir alle heilfroh, Biberach den Rücken zu kehren.“
Es sind Anekdoten wie diese, die Peter Freudenthalers Buch so lesens- und liebenswert machen.
Hier ein aktuelles Interview mit der SWR-Landesschau Baden-Württemberg zum Erscheinen von „MEIN LEBEN ALS ZITRONENBAUM“
Wer Dennis Wallace in diesen Tagen bei der Arbeit sucht, muss sich zuerst durch dicke Staubschwaden kämpfen – schwere, gelbbraune Wolken, die den Farmer einlullen..Es ist Erntezeit in der Montérégie, dem landwirtschaftlichen Gebiet an der kanadisch-amerikanischen Grenze. Hier bewirtschaften Dennis und Kathy Wallace ihre Farm. Cassians Gehöft liegt in unmittelbarer Nachbarschaft.
Heute waren die Sojabohnen an der Reihe. „Mäßige Ernte“, grummelt Dennis hinter dem Lenkrad seines Mähdreschers, einer Art Feldfabrik auf Rädern. Mit der linken Hand steuert er das Lenkrad, mit der rechten den Joystick.
Es piept, hupt, pfeift und vibriert. Gerät der Mähdrescher aus der Spur, wird nachjustiert. Schiebt sich ein Erdhügel unter die gigantische Maschine, ertönt ein Warnsignal. So viel Technik ist störanfällig – und Reparaturen kosten nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Davon können Farmer wie Dennis in diesen Tagen nicht genug haben.
Die nicht enden wollende Trockenheit ist schuld daran, dass weniger Sojabohnen geerntet werden als sonst. Was für die einen der Traumsommer ’25 war, ist für Farmer wie Dennis eine Saison mit viel Luft nach oben.
Ein Glück, dass die Wallaces breit aufgestellt sind. Neben Soja bauen sie Mais, Weizen, Roggen und grüne Bohnen an – insgesamt auf 530 Hektar Ackerland. Dazu kommen 165 Hektar Wald – auch für kanadische Verhältnisse beeindruckende Zahlen.
An Tagen wie diesem läuft alles wie ein Uhrwerk. Der Maschinenpark ist gepflegt, jede Schraube sitzt, jedes Zahnrad ist gefettet. Die Erntehelfer, darunter Kathy, Dennis’ Frau, und sein Bruder, der nebenbei Schafe hält – arbeiten Hand in Hand, jeder Griff sitzt wie eingeübt.
Der Mähdrescher selbst wirkt wie ein technisches Wunder. Vorn schneiden die rotierenden Messerreihen das Getreide, im Bauch der Maschine werden die Bohnen aus den Schoten gelöst. Durch das lange Überladerohr schießt das Erntegut in den neben der Maschine fahrenden Anhänger. Der Rest der Sojapflanzen landet kleingehäckselt als Dünger auf dem Acker.
Ist der Korntank dann gefüllt, setzt sich der Tross in Bewegung, rollt zu den Silos auf dem Farmgelände. Dort werden die Bohnen computergesteuert bis zur Perfektion getrocknet, ehe die Händler sie in riesigen Lastwagen abholen.
Doch es ist nicht nur die Ernte selbst, die Geschick verlangt. Auch der Weg von Feld zu Feld will geplant sein. Wenn die riesigen Maschinen über die Landstraßen ziehen, gehört die Fahrbahn ihnen allein. Vorbeifahren? Unmöglich. Die Anwohner der Farmen kennen das ungeschriebene Gesetz, das zur Erntezeit gilt: Der Farmer hat Vorfahrt. Immer!
Ein paar Stunden im Cockpit des Mähdreschers – diesem millionenschweren Koloss aus Stahl und Glas – und der Moloch Montreal, kaum eine Dreiviertelstunde nördlich, ist plötzlich ganz weit weg. Er versinkt hinter Staubschleiern, dem Dröhnen der Motoren und der heißen Spätsommersonne.
Was bleibt, sind die Weite, die Felder, das Surren der scharfen Messer, das Flimmern in der Luft und das Gefühl, einmal etwas ganz Besonderes zu sein: Herr der Felder.