Mehr als ein Jahr ist es her, dass ich zum letzten mal im Blockhaus am Lac Dufresne war. Augenleiden, Covid, OP-Termine, Schonzeiten – all das hat es mir unmöglich gemacht, die geliebte Cottage wiederzusehen.
Lore war schon ein paarmal alleine hier, ohne mich. Aber jetzt ist es wieder soweit. Und es fühlt sich seltsam schön an. Man könnte auch sagen: ganz schön seltsam.
Ganz langsam tastet sich der Indian Summer vor. Die Nächte frisch bis kühl, die Tage angenehm warm. Jetzt ja nicht übermütig werden und noch einen Sprung ins Wasser wagen! Das würde ein 72jähriger Körper möglicherweise nicht verzeihen.
Aber auch ohne Schwimmübungen kommt keine Langeweile auf. Mit dem Ruderboot (mit Batterie-Hilfsmotor für alle Fälle) den Kumpel in der anderen Seebucht aufsuchen, den lauthals am stahlblauen Himmel fliegenden Kanadagänsen ein „Tschüss, bis nächstes Jahr!“ zurufen, den „Brown-eyed Susans“ sagen, wie schön sie noch immer blühen – all das gehört zum überschaubaren Tagespensum des Blockhausbesitzers.
Am See sind wir so gut wie allein. Nach dem „Labour Day Weekend“ verziehen sich die meisten Kanadier wieder in ihre Wohnungen und Häuser in den Städten und Dörfern. Und auch wir machen uns schon bald wieder auf den Weg nach Montreal.
Schön ist es hier oben, zwei Stunden nördlich von der Stadt meines Herzens, sehr schön sogar. Man könnte glatt noch bleiben. Wären da nicht schon wieder diese Rentner-Verpflichtungen in der großen Stadt.
Aber wir kommen wieder. Und bis zum nächsten mal wird es nicht wieder ein Jahr dauern.
Ein Sikh mit Turban, eine afro-amerikanische Jüdin, ein charme-offensiver Quebecer Separatist – daneben wirken Justin Trudeau und sein konservativer Herausforderer Erin O’Toole so bieder wie Olaf Scholz und Armin Laschet. Am 20. September wird in Kanada gewählt. Schon wieder. Denn erst vor knapp zwei Jahren hatte die Liberale Partei unter Justin Trudeau eine Minderheitsregierung gewonnen.
Doch das war dem einstigen Sunnyboy nicht genug. Der amtierende Premierminister wollte es noch einmal wissen. Nun peilt er mit vorgezogenen Neuwahlen die absolute Mehrheit in Ottawa an. Doch der Schuss könnte leicht nach hinten losgehen.
Die Wahl sei unnötig wie ein Kropf, tönt es selbst aus sonst Trudeau-freundlichen Reihen. Millionen Wahlberechtigte ohne Not mitten in einer Pandemie an die Urnen zu zitieren, gehöre sich nicht.
Und überhaupt gebe es schwerwiegendere Probleme zu lösen als um jeden Preis nach der Mehrheit zu streben. Zumal es die konservative Opposition dem liberalen Trudeau relativ leicht gemacht hatte, die ersten beiden Jahre als Minderheitsregierung zu überstehen.
Die wichtigsten Gesetze brachte Justin Trudeau mithilfe der weitgehend kooperativen Konservativen geschmeidig durch. Warum also die zwanghafte Ambition, um jeden Preis die Mehrheit zu gewinnen?
Eine richtige Antwort darauf blieb Justin Trudeau bisher schuldig. Sein Argument, die Bevölkerung habe ein Recht darauf zu wissen, wie es mit den Covid-Folgen weitergehe, klingt wenig überzeugend.
Aber das mit den richtigen Antworten ist ohnehin so eine Sache im kanadischen Wahlkampf. Bei den diversen TV-Debatten wimmelte es von Phrasen wie: „Wir haben einen Plan!“. Wie diese Pläne aussehen könnten, darüber darf spekuliert werden. Konkretes blieben alle SpitzenkandidatInnen weitgehend schuldig.
Im Moment liefern sich Justin Trudeau und der Konservative O’Tool ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Gut möglich, dass es sogar einen Regierungswechsel gibt. Damit hätte sich Trudeau dann selbst ins Bein geschossen.
Und so sieht das politische Spektrum aus:
Anders als In Deutschland haben hier weder radikale Links- noch Rechtsparteien eine Chance, in der Regierung mitzumischen.
Jagmeet Singh vertritt einen Wahlkreis in British Columbia und gehört dem linken sozialdemokratischen Flügel der NDP an.
Erin O’Toole sitzt seit neun Jahren für die Progressiv-Konservativen im Parlament.
Der Liberale Justin Trudeau, Sohn des früheren Premierministers Pierre Eliott Trudeau, mag zwar der Charismatischste aller Spitzenkandidaten sein, so richtig will es dem Posterboy der Selfie-Generation diesmal nicht gelingen, die Massen zu bewegen.
Yves-François Blanchet vertritt mit seinem Bloc Québecois in Ottawa zwar sehr publikumswirksam die Interessen der Frankokanadier. Eine echte Chance, die Regierung zu bilden, hat er jedoch nicht.
Und dann wäre da noch eine Newcomerin auf der politischen Bühne: Die 48jährige Annamie Paul aus Toronto will den kanadischen Grünen Flügel verleihen. Im Moment sieht es allerdings eher danach aus, als würde sie nicht einmal einen Parlamentssitz für sich selbst erzielen. Der Funke zwischen ihr und dem Rest Kanadas will einfach nicht überspringen.
Gleich zwei Wahlkämpfe im Blick zu behalten, kostet Zeit, zumal die Debatten hier in Kanada in den beiden Landessprachen Englisch und Französisch über die Bühne gehen, mit Simultan-Übersetzungen in mehreren Ureinwohner-Sprachen.
An Zeit fehlt es dem Rentner nicht. Dann schon eher an der Toleranz, all die Worthülsen auszuhalten, die man sich im Laufe einer Kampagne anhören muss.
Wobei wir bei den Gemeinsamkeiten zwischen deutschen und kanadischen Politikern wären.
Gute Menschen, schlechte Menschen. Und mittendrin ein Hund namens Max. Max ist der Hund von Cassians Freundin Michelle. Das liebste Tier – nach unserer Bella natürlich -, das der Hundehimmel je auf diese Erde geschickt hat.
Der Tag hatte, wie die meisten Tage in meinem Leben, mit einer ausgedehnten Stadtwanderung begonnen. Über den Mont-Royal mit seinen verwunschenen Ecken und wunderbaren Aussichten. Danach Mittagessen beim Portugiesen und Cappuccino bei der immerzu lächelnden Taiwanesin an der Rue Prince-Arthur.
Schön war’s, aber auch ein bisschen anstrengend. Zehn Kilometer zu Fuß in der Großstadthitze packt auch ein Camino-Wanderer mit seinen 72 Jahren nicht mehr einfach so weg. Zeit, um nach Hause zu gehen.
Kurz vor der Wohnung dann die Textnachricht von Cassian: „IN MICHELLES APARTMENT IST EINGEBROCHEN WORDEN. MAX IST VERSCHWUNDEN!“
Der Gedanke daran, dass am hellichten Nachmitag in eine Wohnung eingebrochen worden sein soll, war abscheulich genug. Dass seither aber auch noch ein Hund wie vom Erdboden verschuckt war, ein Tier, das auch uns lieb geworden ist, war kaum auszuhalten. Wer je im Leben ein Haustier besessen hat, weiss, wovon ich rede.
Jetzt begann eine beispiellose Großfahndung.
Im Auto und zu Fuß suchte, wie es schien, die halbe Stadt nach Max. In Westmount und St. Henri, in Pointe St. Charles und Griffintown. Facebook und Instagram strengten sich an, Max zu finden – ohne Erfolg.
Flyers wurden gedruckt und aufgehängt und an völlig unbekannte Menschen verteilt, Dutzende von ihnen. Und alle versprachen sie, nach Max Ausschau zu halten. Und hielten ganz offensichtlich Wort.
Max, der liebe, sonst so häusliche Max, wurde zum Phantom. Und die Vier-Millionenstadt zum Heuhaufen, in dem es eine Stecknadel zu suchen galt.
Er sei an der Uni-Klinik, weit draußen im Westen, gesehen worden, hieß es. Dann wieder auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt bei uns in der Nähe. Auch über die Bahnschienen an der Rue St. Ambroise war er wohl gerannt.
Und dann ein freundlicher Mann mit der Horrornachricht: „Tut mir leid, Ihr Hund ist vorhin von einem Auto angefahren worden“.
Entsetzlicher geht’s nun wirklich nicht. Aber das war zum Glück nur die halbe Wahrheit.
Die ganze Wahrheit war: Max hatte versucht, die Atwater Avenue zu überqueren, eine bei Tag und Nacht vielbefahrene, vierspurige Fahrbahn, die an der Markthalle vorbeiführt. Zwei Autos mussten scharf abbremsen und streiften sich dabei wohl auch ein ganz kleines bisschen, während Max unverletzt in Richtung Altstadt weiterrannte.
Zweimal habe ich ihn gesehen, jeweils nur für ein paar Sekunden. Und weg war er.
Eine junge Frau hatte ihn von ihrem Balkon in St. Henri aus entdeckt, kam zur Haustür heraus gerannt, als sie mich mit den Plakaten in der Hand sah, nur um mir zu sagen: „Hier war er eben noch, ich schwöre, er ist eben um diese Ecke gerannt.“
Und dann der Mann, um die fünfzig, nicht ganz schlank wie ich, spurtete eine Straße nach der anderen ab. Von Ost nach West, von Süd nach Nord – ohne Erfolg.
„Du suchst einen Schäferhund?“, fragte mich eine ältere Frau mit Pudel nach gut zwei Stunden. „Er ist gerade an mir vorbei in Richtung Alt-Montreal gelaufen“.
Das Netzwerk funktionierte – und immer wieder klingelte das Handy, kam eine SMS oder lief ein Passant auf mich zu, der den Flyer gelesen hatte.
Cassian war, wie ich, zu Fuß unterwegs, Lore im Auto, Michelle joggend, ganz viele Leute, denen ich die Flyers unter die Nase gehalten hatte – alle suchten sie jetzt nach dem lieben, inzwischen bestmmt total verängstigten Max. Dank der zahlreichen Augenzeugenberichte konnten wir jetzt zumindest die Stadtteile eingrenzen, in denen sich unser Sorgenkind aufhalten muss.
Und dann, die Sonne war gerade am Untergehen und es wurde langsam Nacht, Michelles Entwarnung per SMS: „Wir haben ihn!‘
Max war in die Hände seines Frauchens gelaufen. Buchstäblich. Irgendwo zwischen Markthalle und dem Alten Hafen. Einige Kilometer weit weg von der geplünderten Wohnung.
Fast 17 Kilometer zeigte mein Streckenzähler auf dem Handy inzwischen an. Erschöpfung machte sich breit. Aber der beste noch lebende Hund der Welt ist wieder da! Und unsere Bella, wäre sie nicht schon vor Jahren über die Regenbogenbrücke gegangen, wäre stolz auf uns gewesen.
Danke, ihr guten Menschen da draußen, wer immer ihr auch seid. Ohne euch hätte es an diesem verrückten 9/11-Samstag kein Happy End gegeben,
Montrealer Märkte sind bekannt. Im Norden der Marché Jean-Talon, im Süden der Atwater Market. Im Osten dann der Marché Maisonneuve. Dazwischen jede Menge kleine und nicht so kleine Märkte mit einem kulinarischen Angebot, das vom Lobster bis zum Käsekuchen reicht.
Wir haben uns heute nach einer ausgiebigen Stadtwanderung in die U-Bahn gesetzt und sind zum Jean-Talon-Markt gefahren. Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich dort oben, am nördlichen Ende des Blvd. St. Laurent, war. Man hat ja einen der schönsten Märkte unmittelbar vor der Haustür. Warum also dann in die Ferne reisen?
Warum? Weil unser Nachbar-Markt, der Marché Atwater, zwar wunderschön ist (und leider auch ganz schön teuer), weil es aber eben auch noch andere Märkte gibt, die es sich zu besuchen lohnt.
Der Marché Jean-Talon liegt mitten in Little Italy, das Angebot ist entsprechend südländisch geprägt. Umgeben von Trattorien, Pizzerien und Ristorantes aller Preisklassen, liegt dieser überdachte Markt, den es schon seit 1933 gibt.
Um diese Jahreszeit legen sich die Marktändler besonders ins Zeug. Erntefrische Tomaten, die wegen der Einwecksaison korbweise verkauft werden, Paprikaschoten in allen Farben und Gemüsearten, von denen ich einige nicht einmal vom Hörensagen kannte.
Besonders beliebt ist um diese Jahreszeit Knoblauch aus Québec, der die Stände in Form von hübschen Girlanden ziert.
Zur Stärkung zwischendurch ofenfrische Pasta bei „Pizza Motta“, einem Feinkost-Italiener, der schon bei meiner Ankunft in Montreal vor 40 Jahren Tradition hatte.
Viel Spaß beim Durchklicken der Fotos und: Buon appetito!
Meine Mutter, seit 64 Jahren selig, benützte einmal einen Satz, der mich als Teenager nachhaltig beeindruckt, ja vielleicht sogar verstört hat. Dieses „geile Gesprange“ müsse jetzt endlich aufhören, sagte sie.
Dabei war meine erste Freundin Mucha, auf die sich dieser Satz bezog, alles andere als „geil“ im Wortsinne. Und gleich gar nicht passte der Begriff zu meiner Mutter, die einer ländlich-sittlichen Familie von Schreinern und Landwirten entstammte.
Dass Mutter das G-Wort nicht wörtlich meinte, sondern als Synonym für alles, was mit „unstet“, „übereifrig“ oder auch „hektisch“ zu tun hat, kam mir erst viel später. Dass Mama damals ein Wort benutzte, das heute voll salonfähig ist und längst nicht mehr nur von Jugendlichen benutzt wird, macht sie im Nachhinein zur Trendsetterin.
Heute ist alles geil: Das neue Auto, das tolle Essen, der neue Freund. Ob Jeans, Jacke oder Hose – geil ist geil. Selbst „Geiz ist geil“, wie eine bekannte Elektronikhandelskette Anfang der 2000er-Jahre in einem Slogan feststellte.
Warum ich ausgerechnet heute darauf komme? Daran ist wieder einmal Peter schuld. Mein guter, alter, weiser Freund schrieb mir vor ein paar Tagen diese Mail mit der Betreffzeile „Jugendsprache“:
“Herberto, ich habe heute ein sprachliches Problem. Ein befreundeter Buchautor möchte wissen, wie man am besten das berühmte „T’es con!“ übersetzt. Ich habe ihm einiges geantwortet, weiss aber nicht, wie das heutige Jugendliche von 16 bis17 zu ihrem Vater sagen würden. Es ist ziemlich stark im Französischen. Mein Vater hätte mich umgebracht…. aber heute geht ja alles. Hast du einen Vorschlag? Was typisch Postmodernes? Trottel, Arschloch usw. ist vielleicht nicht mehr cool. Ich habe mal „Hirni“ gehört. Kennst du das?”
“Ja”, schrieb ich zurück, “Hirni kenne ich”. Aber auch noch ein paar andere fielen mir dazu noch ein. (Achtung! Political correctness kurz ausschalten): Spasti (von Spastiker) Du Opfer! Schnarchnase …
“Wunderbar’, antwortete Peter. “Du hast den Nagel mitten ins Gesicht getroffen. Genau sowas suche ich. Das Problem ist nur, das so ein ephemerer Ausdruck in zwei bis drei Jahren wieder völlig von der jugendlichen Bildfläche verschwunden ist”.
Da wäre ich mir nicht so sicher, lieber Peter – siehe oben: Mutters “geil” lebt noch immer.
Übrigens: Bei “ephemer” musste ich erst einmal den Fremdwörter-“Oxford Languages” bemühen: “Ephemer = nur kurze Zeit bestehend; flüchtig, rasch vorübergehend und ohne bleibende Bedeutung.”
Sagt Oxford. Ich bleibe dabei: Meine Ummendorfer Mama war Trendsetterin.