Nova Scotia: Ein Regentraum

Wer in Kanada lebt, hört irgendwann auf, sich über das Wetter zu beklagen. Arktische Temperaturen im Winter, tropisch-schwül im Sommer. Dazwischen mal so, mal so. Aber das, was wir heute erlebt haben, sprengt so ziemlich alle Dimensionen. Es regnete und regnete und wollte gar nicht aufhören zu regnen. So also sah unser zweiter Urlaubstag aus.

Schon der frühe Morgen im Motel in Woodstock verhieß nichts Gutes. Kaum waren wir wach, goss es in Strömen. Und es hörte nicht auf. Beim Frühstück in einem Diner am Highway goss es noch immer wie aus Kübeln. Danach ging es weiter. Gut 700 Kilometer lang vor uns die Sintflut.

Und dann, kurz vor dem Ziel, ging die Sonne auf. Aber nur für kurze Zeit. Dann zeigte uns Petrus erneut den Mittelfinger.

Aber jetzt ist alles gut. Der Regen hat nachgelassen und wir sitzen in einem Haus, das Lore eben als „schlicht ein Traum“ bezeichnete. Das 130 Jahre alte Holzhaus unweit vom Meer gehört einer Kanadierin und ihrem neuseeländischen Lebensgefährten. Die Geschichte der Beiden muss ich noch recherchieren.

In einem ehemaligen Fischerhaus unweit des Meeres sind wir also gelandet, das so schön ist, dass es, zusammen mit anderen Häusern in Lunenburg/Nova Scotia, zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Hier also werden wir die kommende Woche verbringen

Schlossführung folgt. Zuerst wird eine Runde geschlafen.

Die stundenlange Fahrt durch den sintflutartigen Regen von Woodstock/New Brunswick nach Lunenburg/Nova Scotia hatte etwas Zermürbendes.

Lore am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz. Aquaplaning, Regenbedingte Unfälle, Staus. Entspannung geht anders.

Nova Scotia ist, so steht es auf den Nummernschilder,n „Canada’s Ocean Playground“. Der Spielplatz besteht aus der Hauptstadt Halifax, vielen Inseln und malerischen Buchten im Atlantik. Und einem pittoresken Dorf namens Lunenburg. Von hier also kommt dieser Blogpost.

Für uns ist es eine Art déjà-vu. Auch bei unserem letzten Besuch vor mehr als 30 Jahren hat es hier in Strömen gekübelt. Damals sind wir vor dem Regen in die USA geflüchtet, mit der Fähre nach Maine.

Diesmal wird das nicht passieren. Die USA haben ihre Grenzen zu Kanada aus Angst vor Covid noch immer geschlossen. Außerdem verspricht Nova Scotia schon jetzt so viel Schönheit, dass ich einen Teufel tun werde, noch einmal vor dem Regen zu flüchten.

Die liberale Regierung von Nova Scotia nimmt es Ernst mit Corona. Wer die Atlantikprovinz von außerhalb besucht, muss sich vorher online als „doppelt geimpft“ registrieren. Impfgegner haben hier schlechte Karten.

Tatsächlich stehen am Grenzübergang zu New Brunswick Kontrolleure, die den Impfnachweis sehen möchten.

Gut so! Von mir aus dürfen sie auch Körpertemperatur, Schuhgröße und Pulsfrequenz messen. Alles, was hilft, das Virus zu kontrollieren, soll mir Recht sein.

Gleich nach der Ankunft in Lunenburg dann ein Abendessen an der inzwischen regenfreien Bucht. Wo das Meer den Alltag bestimmt, isst man am besten Meeresfrüchte. Haben wir gemacht. Jakobsmuscheln mit Pasta, Fischfrikadellen mit viel frischem Salat, Ein Gedicht. Noch Fragen?

Ja, eine noch: Warum wird in einer Region so vorzüglicher Wein angebaut, wo doch das raue Klima alles andere als prima ist?

Keine Ahnung. Müsste ich mal googlen.

Was ich aber weiss, ist dies: Das Bier, das die Neuschottländer brauen, ist vom Feinsten. Morgen gibt’s mehr davon.

Mehr Nachrichten aus Nova Scotia. Und wahrscheinlich auch mehr Bier.

Wenn der Wind den Strom macht
Unser home away from home für die kommende Woche.
Downtown Lunenburg
Rosé aus dem rauem Klima von Neuschottland
Frisch gezapft von der Hausbrauerei.
Jakobsmuscheln mit Pasta
Fischküchle mit Salat und Relish
Saltshaker: Gute Wahl fürs erste Essen in Lunenburg

Halbzeit in Woodstock

Der kürzeste Weg von Montreal ans Meer führt quer durch den US-Bundestaat Maine. Aber die Amerikaner wollen uns noch nicht, die Grenzen sind noch immer geschlossen. Also brachte uns jetzt die insgesamt 1400 Kilometer lange Reise durch die kanadische Provinz New-Brunswick.

Irgendwo in den Wäldern, hinter den sieben Bergen, liegt Woodstock. Dort sind wir eben nach genau sieben Stunden Autofahrt angekommen.

Virtuos hat Lore unser Sternchen auf Rädern bei hochsommerlichen Temperaturen über Highways und Landstraßen manövriert. Ein Pino Grigio und ein lokales „Alpine“-Bier, die wir eben bei „Walter’s Table“ in dem Örtchen Woodstock zu uns genommen haben, waren der Lohn für die lange Fahrt. Wie gerne hätte ich sie am Steuer abgelöst, aber die Augen …

Die Reise von Montréal/Québec nach Woodstock/New Brunswick verläuft unspektakulär, ist aber landschaftlich schön. New Brunswick lebt von der Forstwirtschaft. Hier werden jährlich Millionen und Bäume gefällt, damit Kanadiern niemals das Klopapier ausgeht und sie immer genug Bauholz zur Verfügung haben.

Links der St. Lorenz-Strom, rechts der St. John-River, manchmal auch umgekehrt, vorbei an First Nations-Reservaten und Dörfern mit lustigen Namen wie „Saint-Louis-du-Ha!Ha!“. Und immer wieder McDonald’s, Burger King, KFC, Pizza Hut und Tim Horton, die kanadischste aller kanadischen Kaffeeketten.

Wer braucht schon ein Montrealer Bistro, wenn er auf Reisen ist? Wir doch nicht! Obwohl …

Und dann war da noch diese mächtige Elchkuh, die friedlich am Straßenrand äste, als gäbe es weit und breit kein Fastfood.

Kurz vor Woodstock dann noch ein weiteres Highlight: Die längste überdachte Holzbrücke der Welt. (Thanks for the tip, Doug!) Ein 391 Meter langes Kunstwerk aus Holz, das über den Saint-John-River von Hartland nach Somerville führt.

Morgen früh geht unsere erste Reise nach eineinhalb Jahren weiter. Noch sieben Stunden sind es nach Lunenburg am Meer.

Unterwegs holen wir noch Cassian vom Flieger in Halifax ab. Famlienausflüge sind rar, wenn der Sohn sein eigenes Leben führt und voll im Job steht.

Allein schon deshalb lohnt sich die lange Reise.

Woodstock/New Brunswick: Hier dichtet der Blogger den Text, den Sie eben lesen.

Essen und Trinken mit Pedro

OB ASIATISCH ODER SCHWÄBISCH: Küchenkorrespondenz kennt keine Grenzen.

Liebe geht durch den Magen, sagt man. Freundschaften offensichtlich auch. Peter und ich kennen uns seit gut 35 Jahren. Mehrmals pro Woche tauscht der Berliner in Sherbrooke mit dem Schwaben in Montréal kulinarische Abenteuer aus. Und wenn es ein Geheimrezept für diese Dauerbeziehung gibt, dann sind es, naja, Kochrezepte eben.

Was tut man nicht alles als Rentner! Manchmal sind die Mails mit Fotos garniert, manchmal, nicht. Fast immer jedoch mit einer Signatur, die zum Text passt. Peter wird dann etwa zu „Pedro el Thailandayo”, ich zu “Herberto el Sauceniero” oder auch “Herberto el Gulaschkanoniere”. Man beachte den spanischen Einfluss unseres Mailverkehrs.

So weit, so lecker.

Dass unser Mailaustausch inzwischen Kochbuchniveau hat, möchte ich an dieser Stelle nicht verheimlichen. Arbeitstitel: “Essen und Trinken mit Pedro und Herberto”. Oder so ähnlich.

PEDRO UND DER BLOGGER: Das Foto ist zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber immerhin authentisch.

Neulich zum Beispiel gab es bei Peter Lammkeule. Dazu fiel ihm dies ein:

“Fleisch war gut und zart, aber kein Spring Lamb, eher ein Bock, der im Laufe der Jahre etwas nachlässig in der Körperhygiene geworden ist. Das ganze schwamm in einem als „gravy“ bezeichneten Kochsud, der leider eine grosse Portion Lamm-Fett enthielt und damit ungeniessbar war.”

Unterzeichnet war dieses Pamphlet dann mit “Pedro el lammfrommo”.

Oder auch:

“Bei uns gabs gestern ein schüchternes Fish & Chips ohne Foto. Das war übrigens auf unserer Englandreise das Beste, was die britische Küche zu bieten hatte”.

Bitte keine rassistischen Untertöne, Herr Doktor! Eleganter wäre gewesen: “In der britischen Küche ist durchaus noch Umluft nach oben”.

Mit welcher Hingabe Peter kocht, kredenzt und korrespondiert, zeigt folgendes Beispiel:

“Heute schicke ich dir unser seit langem fälliges Balkonmenü mit dem überlebensgrossen Kasslerkotelett und dem Kartoffelsalat nach dem Peter-Prinzip, nicht zu vergessen den obligaten Rosé TAVEL. Dabei fällt mir ein häufig gehörter Auspruch meines seligen Vaters ein, der zu sagen pflegte: Von allen Gemüsesorten ist mir Kotelett am liebsten!”

Noch einer:

“Bei uns gibts heute wahrscheinlich eine Lachsschnitte, und morgen den zweiten Akt eines vor längerer Zeit begonnenen Sauerkraut-Schauspiels mit vier Sorten Fleisch, für das ich als Autor verantwortlich zeichne. Problem: Was trinkt man dazu? Einen Riesling? Doch nicht etwa ein Bier? Meine Sorgen möchte ich haben!”

Ganz schadlos verlaufen Peters Kücheneskapaden nicht immer:

“Bei uns wären eigentlich heute Kartoffelsalat und Kassler-Kottletts dran, aber nun kommen mir Zweifel auf, zumal der kleine Gichtanfall noch nicht ganz überstanden ist. Pedro el frustrato”

Hin und wieder liefert mein kulinarischer Freund auch Poesie. Zum Beispiel als Antwort auf meine Mail über ein herrliches Paprikagericht, das ich lediglich als “ein Gedicht” bezeichnet hatte.

Peter, der schließlich als Doktor der Philologie zwei Buchstaben vor seinem Namen hat, belässt es nicht bei dem profanen Substantiv, sondern liefert gleich ein veritables Gedicht dazu:

Paprikaschnitzel

Bei mir gabs gestern Schnitzel,

und als besondrer Gaumenkitzel

war da eine scharfe Sauce;

die Zungenlust war eine große.

Gemüsebett in Grün und Rot

Und Gnocchi – Sonderangebot.

Ein Foto von dem Hochgenuss –

Davon kriegt Peter Speichelfluss.

Wer bei der Lektüre unserer Küchenkorrespondenz auf die Idee gekommen sein sollte, Peters (nach der Kochkunst) zweitgrößte Tugend sei seine Bescheidenheit, muss leider eines Schlechteren belehrt werden.

Hier ein Auszug aus seiner Einverständniserklärung zu diesem Blog:

“Du weisst, dass ich schon im Fernsehen Sauerkraut getestet habe, das darf in keiner Publikation fehlen. Auch nicht meine Erfolge als Tellerwäscher in Schweden, wo ich mit Ingrid Bergman auf Du und Du gestanden habe. (Ach nein, das war ja später in Montréal, beim Filmfestival, und genau genommen haben wir uns auch nicht geduzt.) Du kannst das ja etwas literarisch verbrämen, um mich ins rechte Licht zu rücken. Meinen Namen darfst du verwenden, aber bitte keine Details aus meinem Intimleben, das ja mit meiner kulinarischen Existenz eine Symbiose eingegangen ist”.

Ich glaube es reicht. Und das mit dem Kochbuch sollten wir uns vielleicht doch nochmal überlegen.

Herberto el Bloggerino

Urlaub – wie fühlt sich das an?

FLIEGEN? NEIN DANKE! Das überlassen wir den Kanada-Gänsen © Bopp

So richtig kann ich es immer noch nicht glauben: Wir machen Urlaub! Mit dem Auto geht’s nach Nova Scotia an die kanadische Atlantikküste, vierzehn Stunden ein Weg. Lore fährt, ich sitze daneben. Es sind die Augen, die mich auf unserer ersten Ferienreise seit fast eineinhalb Jahren zum Beifahrer degradieren.

Spanien und das Allgäu, wo wir jetzt auch gerne wären, müssen weiterhin auf uns warten, denn fliegen kommt nicht infrage. Wir wollen nicht mitschuld daran sein, dass die Covid-Zahlen wieder explodieren.

Also machen wir Urlaub daheim, im wunderschönen Kanada. Auch wenn „daheim“ vierzehn Autostunden von Montreal entfernt liegt.

Eine Berliner Bekannte besuchte uns neulich auf der Durchreise zu ihren Eltern nach Ottawa. Ihren Trip bezeichnete sie als „Horror“. Zweimal verpasste sie wegen einer verkorksten Covid-Logistik im Flughafen die Anschlussmaschine. Die Fragerei im Airport war nervenaufreibend und zeitraubend.

Covid macht Flugreisen zum Albtraum.

Will ich wirklich von Flughafen zu Flughafen mehr als 20 Stunden mit Maske unterwegs sein? Täglich mehrmals von den Gesundheitsbehörden angerufen und kontrolliert werden, ob ich die Corona-Bestimmungen auch wirklich einhalte?

Und dann das Ambiente im Flieger selbst: Dass den armen FlugbegleiterInnen das Lächeln hinterm Plexiglasschirm und im Schutzanzug schwerfällt, verstehe ich gut.

Also haben wir uns zu einer sehr langen, aber hoffentlich stressfreien Autofahrt entschlossen. Auch die ist freilich nicht ganz frei von Bürokratie. Wer von Quebec nach Nova Scotia reist, muss sich zuvor online anmelden – doppelter Impfnachweis inklusive.

Finde ich gut. Wenn schon keine Impfpflicht, dann eben mit sanftem Druck gegen Trittbrettfahrer, die sich ohne triftigen Grund den Pieks nicht verpassen lassen wollen.

Los, Leute, lasst euch impfen! Zur Belohnung gibt’s dann auch einen hübschen Reiseblog von unserem Roadtrip nach Nova Scotia.

VON MONTREAL/QUEBEC NACH LUNENBURG/NOVA SCOTIA in 14 Stunden. Wesentlich näher wäre es über den US-Bundesstaat Maine. Leider lassen die Covid-Bestimmungen keine Autofahrt durch die USA zu.

Wenn der Balkon zur Loge wird

UM FÜNF UHR MORGENS erwacht die Stadt.

Über den Wolken, sagt man, müsse die Freiheit grenzenlos sein. Ich behaupte, dass der Blick von meinem Balkon im 6. Stock mehr fürs Auge bietet als jedes Flugzeugcockpit. So hatte sich der kleine Herbert in Ummendorf immer „Wohnen in der Großstadt“ vorgestellt.

Die Wolkenkratzer der Montrealer City grüßen großspurig in Beton und Glas aus der Ferne. Der Fluss, der hier noch Kanal heißt, plätschert behäbig am Haus vorbei – so, als müsse er noch Kraft tanken, ehe er ein paar hundert Meter stadteinwärts vom mächtigen St.-Lorenz-Strom verschlungen wird. Hier darfst du noch ruhen, kleiner Bach. Der Heilige Lorenz weiter unten kennt keine Gnade für schlaftrunkene Wellen, wenn er sich dann in mehr als zwei Kilometern Breite vor dir aufbaut.

Direkt unterm Balkon, im Park ohne Namen, kommen um 5 Uhr morgens die ersten Dosensammler, wühlen in den Recycling-Containern und machen leider nur kleine Beute. Blech gehabt: Die letzten Aluminiumschürfer waren noch kurz vor Mitternacht da. Viel wird nicht recycelt zwischen Mitternacht und Morgengrauen.

Steht die Sonne am Himmel, kommen bald auch die ersten Kinder. Achja, die Kinder. Manche von ihnen könnte man verknuddeln und sofort adoptieren. Andere eher nicht. Gibt es eigentlich so etwas wie die angeborene Schreihalseritis, oder haben Eltern ihnen dieses überschaubare Talent beigebracht?

Und dann die Hundeparade! Schwarze, weisse, dünne, fette, süße, hässliche, laute, leise, stumme. Nichts scheint andere Menschen mehr zu bewegen als Hunde.

Babies und Hunde seien die beste Garantie dafür, neue Menschen kennen zu lernen, hatte Cassians Kinderärztin gesagt, als wir damals neu ins Dorf gezogen waren und keine Menschenseele kannten. Die Frau Doktor hatte Recht. Hunde und Babies sorgen immer für Gesprächsstoff. Wir lernten im Laufe der Jahre viele von ihnen kennen. Hunde und Babies.

Unsere Wohnung im 6. Stock erinnert mich an Ferienwohnungen, wie wir sie zwölf Winter auf Mallorca hatten. Freilichtkino rund um die Uhr.

Wir besitzen ein wunderbares Opernglas. Manchmal würde ich mich einfach gerne ans Balkongeländer stellen und Voyeur spielen. Halten sie Händchen oder tun sie nur so? Ja, er ist mit einer Frau unterwegs. Ob das wohl seine ist? Und da: Ein Umweltferkel, das einfach seine Chipstüte auf dem Gras liegen lässt. Hallo? Geht’s noch?

SCHULAUSFLUG mit anschließendem Bootfahren

Die Frau an meiner Seite sagt, das mit dem Fernglas sei unanständig und gehe gar nicht. An manche Regeln halte ich mich zähneknirschend, weil das Nichteinhalten derselben nur Ärger bringen würde. Also bleibt das Opernglas der Oper vorbehalten, die wir aber so gut wie nie besuchen.

Nur manchmal, wenn das Eichhörnchen in der alten Esche direkt vor unserem Balkon aus seinem Nest kriecht und Morgenluft wittert, lege ich den Feldstecher an und begegne dem flinken Winzling auf Augenhöhe. Was immer das bei meinem bescheidenen Sehvermögen heissen mag.

Direkt unter uns gibt es einen Bootsverleih. Tretboote, die aussehen wie putzige Schwäne. Weisse Boote mit Elektromotor, die vielleicht gerne erwachsen wären und als Yachten übers Mittelmeer segeln würden. Kajaks, Kanus, Familienboote – so ziemlich alles, was schwimmt, ist hier halbstundenweise zu mieten. Manche Leute tun sich schwer, ins Boot zu kommen. Andere wiederum haben Probleme beim Aussteigen. Geschmeidigkeit ist eine Körpertechnik, die manche mehr, manche weniger beherrschen.

Montrealer sind ein sportliches Volk. Jogger, und Radler. Radler, die neben Joggern herfahren, Jogger, die ihre radelnde Frau begleiten. Skateboarder und Inlineskater. Rollschuhe, deren Felgen nachts leuchten wie der Times Square.

Unfassbar, was die Bewegungsndustrie sich alles ausgedacht hat, seitdem wir auf der Ummendorfer Umlach mit angeschnallten Schlittschuhkufen unterwegs waren. Vorausgesetzt der Winter war gnädig genug, die Umlach zufrieren zu lassen.

Hinter dem Park, auf der anderen Kanalseite, tuckert dreimal am Tag ein schwerfälliger Zug über die Stadtkulisse. Zwei Dieselloks schleppen schwer an fünf, sechs Waggons. Ich weiss inzwischen, wohin die Reise geht: In die Getreidemühle, ein paar hundert Meter kanalaufwaerts. Von dort kommt unser täglich‘ Brot, das wir spater bei „Mamie Clafoutis“ oder in der Markthalle gegenüber von uns kaufen.

Morgens, immer zur selben Zeit, wackelt eine Gruppe junger Mütter mit Kinderwagen durch den Park. Sie machen auf Kommando eines verdammt gut gebauten (ich hasse ihn!!!) Kerls ihre täglichen Fitnessübungen. Am Ende des Parks kommt die Karawane zum Stehen. Jetzt werden Yogamatten ausgelegt. Die Mamas üben sich in Meditation. Adonis hat jetzt seinen ganz großen Auftritt.

Showtime!

DIE MAMA-PARADE (Adonis mit rotem Rucksack)
DAS BÄHNLE bringt uns unser täglich‘ Brot
BOOTSVERLEIH mit Kähnen und Schwänen. Im Hintergrund Montreals größte Markthalle.
HIER DARF DER KANAL noch Bach sein