Kurz zum Kumpel nach Marseille

IMG_3322Von Mallorca nach Marseille ist es eine knappe Stunde mit dem Flugzeug. Für kanadische Verhältnisse also gerade mal kurz um die Ecke. Perfekt, um einen Freund aus Montréal zu besuchen, der einen Teil des Winters am Mittelmeer verbringt.

Für mich war der Trip ein Déjà-vu. Bei meiner letzten Reise nach Marseille war ich gerade mal sechzehn. Mit Rucksack und Gitarre hatte ich mich per Anhalter wochenlang durch Europa treiben lassen, in Stadtparks und Eisenbahnwaggons übernachtet und meine Eltern fast zur Verzweiflung gebracht.

Diesmal ging es gesitteter zu. Zwar immer noch mit Rucksack, aber mit Hotelreservierung ging es im Flieger nach Südfrankreich – nicht von Ummendorf aus, sondern von Mallorca, wo wir den Winter verbringen.

Der erste/zweite Eindruck von Marseille: Das Tor zum mediterranen Teil Europas ist eine wunderschöne Stadt. Marseille hat aber auch eine dunkle Seite. Es gilt als Frankreichs Hauptstadt für Kriminalität und Drogen, für Mord- und Totschlag. Es gibt angeblich Viertel, in die sich auch heute noch kaum jemand wagt und in denen eigene Gesetze herrschen.

Echt jetzt? Solche Gegenden kenne ich in Palma auch. Nur geht man da einfach nicht hin. Basta.

Richtig ist, dass mir als Teenager damals in Marseille meine Gitarre gestohlen wurde und ich zeitweise meinem Broterwerb als Straßenmusiker nicht mehr nachkommen konnte. (Ein Polizist erbarmte sich meiner und fand das gestohlene Instrument schließlich auf einem Flohmarkt wieder).

Richtig ist aber auch, dass wir uns während unseres jetzigen Kurzbesuchs zu keinem Zeitpunkt bedroht fühlten und wir weder beklaut, überfallen oder ermordet wurden. Dies gilt übrigens auch für unseren Freund Jean, der unweit des Hafens wohnt, wo doch angeblich Mord und Totschlag herrschen. So viel zum Thema Ruf und Wirklichkeit.

Die stundenlangen Spaziergänge durch die Altstadt, die Hafengegend und sogar hinauf zur Basilika Notre-Dame de la Garde waren wegen der Hügellandschaft zwar anstrengend, aber auch faszinierend und wunderschön.

Das multikulturell geprägte Stadtbild von Marseille erinnerte mich ein wenig an Montréal, einige geschichtsträchtige Ecken aber auch an Palma. Alles in allem also eine perfekte Mischung zwischen den beiden Städten meines Herzens.

Und wie war das nochmal mit dem „Essen wie Gott in Frankreich„? Ich kenne Herrn Gott nicht, vermute aber, da ist was dran. Jedenfalls haben wir nicht ein einziges Mal schlecht oder auch nur mittelmäßig gegessen. Selbst der Gâteau aux pommes meringué in der Abflughalle schmeckte himmlisch, dabei war die Maschine zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal über den Wolken.

Reden wir nicht über französische Preise. Oder sagen wir mal so: Meine freundliche  Kreditsachbearbeiterin bei der Ulmer Volksbank wird demnächst einen Anruf von mir bekommen. Ist es dann zwingend notwendig, ihr zu verraten, dass die Bouillabaisse 36 Euro gekostet hat? Pro Person und ohne Wein?

Was dem Bub aus Ummendorf sonst noch passiert ist, damals in Marseille, können sie übrigens in meinem kleinen Roadtrip-Roman „DAS GIBT SICH BIS 1970“ nachzulesen. Dazu gehörte auch die Erkenntnis, dass Französisch weit mehr sein kann als nur eine wunderbare Sprache.

 

Mehr über das Leben am Meer

IMG_2261Wenn ich etwas verabscheue, dann ist es eine Gemeinsamkeit mit Donald Trump. Aber jetzt ist es passiert: Ich hatte – zwar nicht per Twitter, aber in meinem Blog – vorlaut verkündet, wie wunderbar doch das Leben am Meer sei. Jetzt weiss ich es besser: Ich möchte nie dauerhaft am Meer leben!

Die Faszination für das animalische Brüllen, das orgastische Stöhnen, die rohe Gewalt des  Meeres, die bei mir noch vor zwei Monaten Begeisterung ausgelöst hatte, ist vorbei. Ich finde – Achtung, Erste-Welt-Problem! – das Leben am Meer mega-anstrengend für die Sinne. Und ganz oft nervt es.

Ist der Himmel grau, spiegelt sich die Farbe ziemlich plump im Meer und das Wasser wird dunkelgrau. Grau und Grau ergibt eine Mischung, die keiner will.

Regnet es, dann regnet es überm Meer besonders heftig. Stürmt es, türmen sich die Wellen vor deinem Wohnzimmerfenster meterhoch und die Gischt des Meeres sorgt für eine Unruhe in dir, vergleichbar mit der Angst des Torwarts vor dem Elfmeter.

Und überhaupt: Gestern noch war die Plexiglasverschalung an deinem Balkon klar und durchsichtig, heute überzieht sie eine Schicht von Meersalz, manchmal mischt sich goldgelber Sahara-Sand darunter. Meerschicht statt Meersicht.

Dann spielen sich in deinem Kopfkino Tsunamis ab, bei denen Menschen aus mehrstöckigen Hotels zurück ins Meer geschleudert werden, wo sie von Haien aufgefressen werden, schlimmstenfalls auch von Ertrinkenden.

Die Boote und Surfbretter, die im Hafenbecken unter deinem Fenster geparkt sind, werden im Sturm wütend, fangen an zu klappern, zu pfeifen und zu johlen. Und wenn du Pech hast, johlen die Besitzer gleich mit, denn sie befürchten jetzt den Totalverlust ihres Besitzes und damit ihres Image.

Manchmal, ganz selten, zeigt sich das Meer aber auch von der liebevollen Seite. Von der Seite, wie wir es aus dem photogeshopten Reiseprospekt kennen. Beruhigend und als Seelenbalsam. Aber es sind flüchtige Momente, die kommen und gehen und kaum eine Chance haben, sich in deine Erinnerungsfestplatte einzubrennen.

„Du wusstest das alles“?, fragte ich neulich meinen Atlantik-erfahrenen Freund, der mir in jedem Punkt Recht gegeben hatte. „Klar“, sagt der und setzt noch einen drauf: „Und bestimmt fühlt sich so nah am Meer alles total klamm an“.

„Genau so ist es“, sage ich. Und höre SIE jetzt schon sagen: „Der ist doch selber klamm im Kopf! Wie kann einer das Leben am Meer nicht mögen“?

Sie haben gut reden auf ihrem gemütlichen Sofa, von dem aus Sie ihrem Rasenroboter bei der Arbeit zuschauen, wie er fast mühelos und unglaublich nervenschonend Halm für Halm streichelt, ehe er ihn dann liebevoll köpft und zu duftendem Heu macht.

Und weit und breit kein Meer …

Mallorca: Die Kanadier kommen!

IMG_E2271Inzwischen waren fast alle mal hier, um uns auf Mallorca zu besuchen: Freunde, Kollegen, Brüder, Schwester und Schwägerinnen, Neffen und Nichten. Sie kamen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eingeflogen – und liebten die Insel nicht weniger als wir. Dass Freunde aus Kanada zu Besuch auf Mallorca sind, kommt selten vor. Jetzt war es wieder soweit.

Drei von ihnen besuchten unsere Lieblingsinsel für fünf Tage. Und fanden Mallorca wunderbar – sogar bei strömendem Regen und Bibber-Temperaturen.

Schon vor drei Jahren hatten wir einmal Besuch von einer kanadischen Radlergruppe. Auch sie waren damals angetan von der Vielfalt der Insel und den sportlichen Möglichkeiten, die Mallorca bietet.

Dass Mallorca jetzt auch bei Kanadiern ein Reisethema sein kann, hat mir ausgerechnet meine Montrealer HNO-Ärztin als erste erzählt. Zwischen „Mach-mal-aaaah“, Zäpfchengucken und Stirnhöhlen-Klopftest ließ sie mich wissen, wie sie sogar ihren Honeymoon in Port de Pollença im Norden der Insel verbracht habe. Und natürlich wolle sie unbedingt wieder kommen.

Freut mich, dass es ihr hier gefallen hat. Und auch, dass die soeben wieder abgereisten drei Montrealer Freunde die Insel ins Herz geschlossen haben, ist schön. Und natürlich auch die Radlergruppe aus Ottawa. Alle waren sie uns übrigens hochwillkommen, denn es sind gute Freunde, die wir immer wieder gerne sehen.

Aber ich muss aufpassen, dass das ohnehin schon überlaufene Mallorca nach der deutschen, britischen und skandinavischen jetzt nicht auch noch eine kanadische Invasion erlebt. Die Insel platzt ohnehin schon aus allen Nähten.

„Du schreibst ja auch nur tolle Sachen über Mallorca“, warnte mich neulich ein Freund. Da sei es schließlich kein Wunder, dass jetzt die Touristen schon aus Kanada Schlange stehen.

Also, dann mal anders: Seit einer Woche haben wir hier so gut wie keine Sonne gesehen. Und überhaupt ist es potthässlich hier und wir bibbern uns einen ab. Wegen des Dauerregens befürchten wir ernsthaft, demnächst Schwimmhäute zwischen den Fingern zu bekommen.

Sie sehen: So schön ist Mallorca dann auch wieder nicht …

Mallorca Today: 50 Shades of Grey.