Frühstück mit einem Urgestein

JAKOBSWEG, Tag 9 – 14 Kilometer von Belorado nach Villafranca Montes de Oca

FÜR HAJO

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Dass wir heute zum ersten Mal weniger als 20 Kilometer gewandert sind – es waren knapp über 14 – hat mehrere Gründe. Zum einen zwackte seit dem frühen Morgen eine Blase am linken Fersen. Dann kam auch noch Knie dazu.

Und dann kam Jørgen.

Wir treffen uns in der Cantina beim Frühstück, irgendwo hinter dem Dorf Belorado.

Unsere gewöhnliche Abreise-Routine war etwas aus dem Ruder geraten. In Belorado, wo wir die Nacht in einem zauberhaften Hostal verbracht hatten, wollte uns zu so früher Stunde am Samstagmorgen keine Bar Frühstück servieren.

Und das geht schon mal gar nicht bei einem, der den Begriff „Schlechtbrot“ geprägt hat. Bekomme ich nämlich morgens nach dem Aufstehen nicht gleich ein Stück Brot zu essen, ist der Tag schon gelaufen und mir wird schlecht. Oder so ähnlich.

Jedenfalls marschierten wir mit leerem Magen, dafür einem Hund im Schlepptau, durch die frische Natur. Prompt rächte sich mein ausgehungerter Körper und verpasste mir besagte Blase.

Glücklich ist der Pilger, der mit einer Privat-Chirurgin verreist. Frau Dr. Lore setzte Nadel, Jod und Pflaster an – und gut war’s.

Wenig später erstrahlte dann auch noch einer Fata Morgana gleich besagte Cantina mit Jørgen als einzigem Gast.

Jørgen geht auf dem Camino ein legendärer Ruf voraus und natürlich hatten auch wir schon von diesem Pilger gehört.

Er ist nämlich 81 Jahre alt und wandert den Jakobsweg seit neun Jahren. Ein freundlicher Riese, der die Ruhe weg hat. Däne eben.

Man kennt Jørgen entlang dem Camino. Und natürlich kennt Jørgen jeden Stein. „Man kann süchtig werden“, sagt er, während er eine Portion Eier mit Schinken und Kartoffeln verdrückt.

Das erste Mal ist er den Jakobsweg 2010 einer Freundin zuliebe gewandert. Die wollte den Camino nicht solo gehen und Jørgen willigte eher widerwillig ein.

Für die Freundin blieb es übrigens die erste und einzige Pilgerwanderung. Jørgen dagegen konnte einfach nicht genug bekommen.

Jedes Jahr um diese Zeit schnallt sich der pensionierte Lehrer seinen Zehn-Kilo-Rucksack auf den Buckel und zieht los. 35 Kilometer legt er täglich im Schnitt zurück. Eine für uns kaum zu schaffende Strecke. Dabei sind wir neben Jørgen mit 66 bzw. 70 Jahren junge Hüpfer.

Für ihn sei der Camino immer wieder ein social event, sagt Jørgen. Menschen aus aller Welt kennen zu lernen und sich gleichzeitig sportlich in der frischen Luft zu betätigen – diese Kombination sei schwer zu toppen.

Er müsse jetzt leider gehen, sagt Jørgen irgendwann und verschwindet aufrechten Schrittes in Richtung Burgos. Er treffe sich nämlich später noch mit zwei Pilgern aus Brasilien und Italien. Versprochen ist versprochen.

Aus dem Tag ohne Schlechtbrot ist also doch noch etwas richtig Schönes geworden.

Und es kommt noch besser. Eben, beim Einchecken in ein gepflegtes Hostel, treffen wir die australisch-walisisch-kalifornische Truppe von gestern. Auch sie machen heute halblang. Schließlich ist Wochenende. Da darf der Pilger auch mal einen Gang zurückschalten.

Nur Jonas fehlt, der Junge aus Deutschland. Er musste über Burgos und Bilbao vorzeitig in die Pfalz zurück. Jetzt zieht die Karawane eben ohne ihn weiter.

Wir genießen unseren bisher einfachsten Wandertag und pflegen gleichzeitig unsere kleine Wunden.

Passt gut: Das Hostel mit dem traumhaften Blick über Allgäu-Wiesen wurde 1377 als Pilgerhospital gebaut.

Tiefenentspannte Grüße aus Villafranca Montes de Oca. Und Buen Camino!

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3 Gedanken zu „Frühstück mit einem Urgestein

  1. It’s a dream, Jennifer. Sunshine every single day. Not a drop of rain yet. And nature can be breathtaking around here. Foot and knee are under control thanks to Dr. Lore. Thanks for your interest in our journey!

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  2. Blue skies, sun & spring blossoms are following you everyday. So nice to appreciate all the beauty around you.🌼Hope the foot and the knee are feeling better.

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  3. Danke Danke Danke. Jeden Tag eine neue Geschichte, beziehungsweise Geschichten. Ich gehe im Geiste mit Euch mit und freue mich über alles, was Du zu berichten weißt. Und dazu noch die tollen Fotos. Liebe Grüße von der Terrasse……

    So schön, dass du im Geiste mit uns wanderst, liebe Andrea. Für Otto und dich wäre der Camino perfekt!

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