Was den Pilger so antreibt

JAKOBSWEG, Tag 10 – 20 Kilometer von Villafranca Montes de Oca nach Atapuerca

FÜR ELKE

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Es war einer dieser Morgen. Du reibst dir die Augen, blickst noch leicht verkatert von dem gemeinsamen Nachtmahl mit dem koreanisch-kalifornisch-australisch-walisisch-taiwanesischen Pilger-Wanderzirkus als erstes auf den Rucksack neben deinem Hostel-Bett und fragst dich klammheimlich nach dem Sinn und Zweck dieser Reise.

Dann öffnest du das Fenster und siehst hinter der Dorfkirche unverschämt blutrot die Sonne aufgehen, hörst der singenden Amsel zu, die vom Krähen des Hahnes abgelöst wird und dir wird in diesem Augenblick klar:

Du bist genau richtig hier und willst an diesem Sonntagmorgen nirgends in der Welt lieber sein als in diesem Flecken Erde mit dem wunderbar klingenden Namen Villafranca Montes de Oca, irgendwo in der Tiefe Spaniens.

Du weißt, dass auch heute wieder ein Tag auf dich wartet, der so anders ist als alle anderen Tage deines 70 Jahre lang gelebten Lebens. Es ist der Tag eines Pilgers auf dem 670 Kilometer langen Fußweg von Pamplona nach Santiago de Compostela.

Zwei Fragen werden dir auf dieser Wanderung immer und immer wieder gestellt – von Einheimischen, aber auch von anderen Pilgern: Wo kommst du her? Und: Was treibt dich an?

Die erste Frage ist schnell beantwortet. Wir kommen aus Kanada, auch wenn wir zur Überraschung Vieler muttersprachlich Deutsch sprechen.

Die Antwort auf Frage Nummer zwei ist da schon etwas komplizierter.

100 Pilger, 200 Gründe. Die meisten der jungen Pilger, die uns bisher begegnet sind, erzählen etwas von Selbstfindung, meistens in Verbindung eines Studien- oder Berufswechsels.

John zum Beispiel, der kernige Schotte mit den coolen Tattoos, ist von Beruf Bauschreiner. Keine schlechte Berufswahl, wenn du gerne in der frischen Luft bist und gut mit Holz kannst.

Aber nach zehn Jahren auf dem Bau sei er es leid, sagt John, in den zugigen schottischen Wintermonaten Balken zu verschrauben, die er hinterher nie mehr zu Gesicht bekommen wird. Etwas Bleibendes würde er gerne schaffen, sagt er und verrät mir, dass er darüber sonst nicht einmal mit seinen Kumpels spricht. „Out of my comfort zone“, seien Gespräche dieser Art. Hier auf dem Camino habe er kein Problem, darüber zu sprechen. Der Camino habe ihn frei gemacht.

Die junge koreanische Theologie-Studentin, die wir vor ein paar Tagen in Los Arcos getroffen haben, glaubt zwar an Gott. Ob sie ihr Leben jedoch tatsächlich als Pastorin fristen werde, stehe noch in den Sternen. Vielleicht bringt ja der Camino die Erleuchtung?

James aus Los Angeles, ein hübscher Kerl mit asiatischen Eltern, hat auf einer privaten Uni studiert und seinen Abschluss in Business-Informatik gemacht. „Aber will ich wirklich mein Leben lang mit Geld arbeiten?“, fragt er sich und mich gleichzeitig. Und kennt auch schon die Antwort: „Nein, eher nicht“. Stattdessen würde er lieber als Krankenpfleger etwas Sinnvolles tun. Vom Jakobsweg erhofft er sich eine Entscheidungshilfe.

Georges aus Ohio, 62 Jahre alt, ist zusammen mit seinem 60jährigen Bruder auf dem Camino unterwegs. Die Beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, obwohl man sie leicht für Zwillinge hält.

Georges glaubt an Gott und den Heiligen Geist. John schwört mehr auf den Geist des Weines und leert vor dem nächsten Berggipfel schon mal eine Flasche im Stehen.

Bei John war vor ein paar Monaten eine Herzinsuffizienz diagnostiziert worden. Statt die schon lange geplante Pilgerwanderung abzublasen, entschied er: Jetzt erst recht! Sicher ist sicher: Auf die Idee, ein Pfund Vitamintabletten im ohnehin schon viel zu schweren Rucksack zu verstauen, muss man allerdings erst einmal kommen.

Aber es läuft bestens für den amerikanischen Autohändler. Nur neulich schwächelte er im Aufstieg gewaltig. Ums Haar hätte er aufgegeben. Dann geschah das Unfassbare:

Wie auf wundersame Weise von einem heftigen Rückenwind angeschoben, erreichte er problemlos den Gipfel.

Als er später seiner Frau am Telefon von dem Powerschub berichtete, verriet sie ihm, dass genau zu dem Zeitpunkt, als der Rückenwind ihm Flügel gab, seine komplette Yoga-Klasse im heimischen Ohio für ihn gebetet habe.

Natürlich werde er jetzt schon aus Dankbarkeit den Camino zu Ende wandern, sagt John.

Wir haben in den letzten zehn Tagen Dutzende dieser Geschichten gehört. Einige davon kann ich nachvollziehen, andere sind halt, naja, gute Geschichten eben.

Und wir so? Was treibt uns an, am frühen Morgen das warme Herbergsbett zu verlassen und ein weiteres Mal den Rucksack zu schnüren, wo doch in diesem begnadeten Teil Spaniens der Wein so gut schmeckt?

Die Antwort darauf ist eher unspektakulär. Sie hat in unserem Fall nichts mit Glaubensfragen zu tun, aber viel mit Wohlfühlen, Gesundheit und täglich neuen Herausforderungen.

Wer sich stundenlang dem Gipfel entgegen schleppt und anschließend ein Grinsen im Gesicht hat, muss irgend etwas richtig gemacht haben. Ein Glücksgefühl beschleicht dich. Und wieder eine Herausforderung gemeistert. Diese geht zwei Menschen im Rentneralltag nämlich manchmal ab.

Schon allein deshalb freuen wir uns auf Morgen. Burgos erwartet uns, eine der größten Städte entlang des Caminos.

Gute Nacht aus Atapuerca. Und Buen Camino!

3 Gedanken zu „Was den Pilger so antreibt

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