Irgendwann kommen wir an …

Rückflug von Lissabon nach Montreal: Eis, so weit das Auge reicht

Es sagt sich so leicht: Wir sind wieder da. Ja, wir sind seit ein paar Tagen wieder in Montreal. Aber sind wir wirklich angekommen? Nicht so richtig. Die sechs Wochen auf dem Camino sind noch überall gegenwärtig.

Dabei sind wir nicht allein. Ji hyun, die junge Koreanerin, die eine Zeitlang mit uns gepilgert ist und die wir aus aussprachetechnischen Gründen „Mitsou“ nennen dürfen, schreibt: „Ich bringe es nicht übers Herz, meine Camino-Apps von meinem Handy zu löschen. Wir werden für immer Pilger sein!“ Und überhaupt: „I will love you guys forever!“

So ähnlich fühlen auch wir. Auch Lore und ich haben noch keine der Apps von unseren Smartphones gelöscht, die uns auf dem Camino stets den richtigen Weg gezeigt haben. Vielleicht trifft es ja zu, was eine Camino-erfahrene Blogleserin geschrieben hat: „Nach dem Camino ist vor dem Camino“.

Der Winter in Montreal muss gnadenlos gewesen sein. Härter als sonst und länger als gewöhnlich. Das Gras ist spärlich grün und längst nicht alle Bäume haben ausgeschlagen. Blühende Blumen muss man mit der Lupe suchen.

Lac Dufresne als Facebook-Post: Der Frühling lässt auf sich warten.

So ist das eben, wenn man sich ein nordisches Land zum Leben ausgesucht hat. Noch setzt beim Blick auf den Kalender keine Panik ein. Aber ganz im Ernst: In dreieinhalb Monaten ist der Sommer hier schon wieder vorbei. Das gibt zu denken.

Auf dem Lac Dufresne, so wird uns berichtet, liegt noch Eis, das nur sehr langsam auftaut. Das Blockhaus muss also noch warten.

Nach und nach beantworte ich noch immer Mails, die uns nach unserer Pilgerreise durch Spanien erreicht haben. Auch mit ein paar Freunden habe ich mich bereits getroffen. Dabei ist mir klar geworden, dass ich mit meiner Erzählkunst jedes Mal an meine Grenzen komme.

Als Storyteller, so müsste man meinen, findet man für alles Worte. Diesmal muss ich passen. Unser Camino-Abenteuer in treffsichere Sätze zu packen, ist schlicht nicht möglich. Man muss es erlebt, gespürt, gerochen und auch erlitten haben, um zu verstehen, was so eine Pilgerwanderung über fast 900 Kilometer bedeutet.

Wir schlafen schlecht und träumen viel. Von Menschen, die uns auf dem Jakobsweg begegnet sind. Von Herbergen, die plötzlich nicht mehr da sind, nachdem wir sie nach einem kräftezehrenden Tag endlich erreicht hatten. Von brennenden Füßen, die im Schlamm stecken und von Störchen, die so tief fliegen, dass man glaubt, sie mit Händen fassen zu können.

Das Abenteuer Camino zu verarbeiten, das wurde uns auch von anderen Pilgern bestätigt, dauert. Geduld ist etwas, das sich auf dem Jakobsweg wunderbar antrainieren lässt. Also üben wir uns darin.

Irgendwann wird das mit dem Ankommen schon klappen. Bis dahin sage ich – nein, nicht Buen Camino – sondern einfach nur Tschüss!

PS: Sämtliche Camino-Blogposts sind jetzt gebündelt auf einer Unterseite nachzulesen. Die Seite heißt JAKOBSWEG 2019 und ist unter dem Bannerfoto oben zu finden.

3 Gedanken zu „Irgendwann kommen wir an …

  1. Lieber Herbert, liebe Lore,

    zufällig bin ich auf euren Blog gestoßen als ich auf der Suche nach Erfahrungsberichten war, um den Camino auch mal durch andere Augen zu gehen. Früher haben mich Erfahrungsberichte nicht interessiert, ich wollte meine eigenen machen, bevor ich von anderen lese. Ich bin den Camino bis jetzt drei Mal gelaufen. Zwei Mal den Camino Frances von Saint Jean aus und einmal den Camino de la Costa. Ich habe den Camino lieben gelernt. Wegen Corona und dem Heiligen Jahr nächstes Jahr (Camino wird voller Pilger sein) werde ich mich wohl noch in Geduld üben müssen. 😅 Gerne würde ich wieder los. Eure Erlebnisse auf dem Weg haben mich dort zurückgebracht, wenigstens gedanklich. Ich danke euch dafür! Unglaublich, was für ein Wetter ihr hattet – Mit Schnee, Regen, Hagel. Ihr habt es gemeistert. Der Weg nimmt und der Weg gibt. 😄 Toll war es auch von euren Begegnungen zu lesen. Das ist wirklich etwas, das den Jakobsweg so besonders macht im Vergleich zu anderen Wanderwegen. Man muss sich grundsätzlich keine Sorgen machen, um einen Schlafplatz. Man läuft, nimmt die Natur, Kultur und die Menschen auf. Man isst, trinkt, hat seinen kleinen Rucksack bei sich (ich habe den Rucksack immer als „mein zu Hause auf dem Rücken“ genannt, nie hätte ich es übers Herz gebracht ihn mit Taxi vorzuschicken – ich hatte aber auch nie körperliche Beschwerden) – und das war’s im Grunde. Man ist autonom. Man kann sich verabschieden, man kann mit jemandem Reden – alles freier Wille. Im „normalen Leben“ wie die Pilger immer gerne sagen, kann man dies nicht immer. Es werden viele Dinge gemacht, weil es sich so gehört oder weil es der Beruf erfordert. Das kann zuweilen belastend sein. Der Camino soll keine Flucht sein, aber vielleicht sieht man das Leben danach mit anderen Augen. Man ist entspannter, weniger ernsthaft. Wenn man das tut, was einem Freude macht, was kann da schief gehen? 😄 Ich hoffe, für euch, dass ihr noch viele Jakobswege laufen könnt. Der Weg wartet und ist geduldig. Es wäre schön, dann wieder etwas von euch zu lesen 😄

    Liebe Grüße,
    Nathalie aus Deutschland

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  2. Es dauert wohl eine Zeit bis ihr euch an das normale Leben gewöhnt habt, aber dann könnt ihr mit Stolz und Freude daran denken. 🙂 Falls es euch tröstet; ein paar Kilometer weiter südlich in NH ist der Frühling auch noch immer nicht angekommen.

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