Als Rentner im Unruhestand

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Rentnernder Blogger im Ort Rente (Spanien): Zeit ist Mangelware.

Wie erklärt man jemandem, der mitten im Berufsleben steht, dass das Rentnerdasein manchmal ziemlich stressig sein kann? Wie reagiert wohl eine junge Mutter mit drei Kindern, wenn sie einen Ruheständler über zu viele Termine und zu wenig Freizeit jammern hört? Fragen Sie mal meinen Freund Michael im Allgäu. Der bekommt den Rentnerstress zurzeit hautnah zu spüren.

Michael ist eine gute Seele – und eine geduldige dazu. Wir versuchen schon seit Tagen, eigentlich seit Wochen, einen Termin zu finden, da wir uns endlich mal in Ruhe zu einem Videochat treffen können.

Mal ist es ein Arzttermin, der mich dazu zwingt, Michaels Skype-Angebot auszuschlagen. Mal kann Michael nicht, weil er – Reporter eben – an einem mir unbekannten Ort Recherchen über ein mir fremdes Themen anstellt. Unter Termindruck, versteht sich.

Vorigen Sonntag fasste sich Michael dann ein Herz. Er wählte ohne Vorankündigung meine Facetime-Nummer in der Hoffnung, mich endlich zu Gesicht zu bekommen – und ich ihn.

Die gute Nachricht: Er hat mich erreicht. Die schlechte: Er hat mich just zu dem Zeitpunkt erreicht, da ich mich bei Freunden, die uns zum Neujahrs-Brunch eingeladen hatten, zu Lachsschnittchen, Montrealer Bagels und Quiche Lorraine hinsetzen wollte.

Video-Chats und Brunch-Talk passen nicht zusammen, das verbietet schon die Höflichkeit dem Gastgeber gegenüber. Also musste ich Michael, wie man so schrecklich uncharmant sagt, „wegdrücken“.

Wobei die Kernfrage noch nicht beantwortet wäre: Was macht eigentlich ein Renter so den ganzen Tag?

Antwort: Er rentnert. Und das kann ganz schön zeitraubend sein.

Rentnernde Rentner müssen in der Regel häufiger zum Arzt als Journalisten, die, wie Michael, noch voll im Saft stehen. Naja, relativ voll.

Rentnernde Rentner nehmen zunächst einmal jeden Termin an, weil sie in ihrem Wahrnehmungswahn glauben, sie hätten freie Zeit ohne Ende. Arzttermine. Optikertermine. Banktermine. Brunchtermine. Was für ein Trugschluss!

Schon bald stellt sich nämlich heraus, dass der Lunchtermin des Kumpels wegen des Optikertermins verschoben werden muss, weil die beiden Termine sonst miteinander kollidieren.

Den Rentner muss ich erst noch kennenlernen, der Termine auf Kollisionskurs verzeiht.

Altersmilde? Dass ich nicht lache!

Rentnern heißt aber auch, dass man oft nicht nur seine eigenen Termine hat, sondern auch die von rentnernden Freunden. Man bietet sich den Freunden, weil es ja altersstatistisch immer weniger werden, großherzig an, deren Auto in die Werkstatt zu bringen, sie zum Flughafen zu fahren, ihnen Vitaminpräparate und andere Rentner-Utensilien aus der Apotheke zu besorgen.

Und man wundert sich dann, dass Freunde und Nachbarn das Angebot doch tatsächlich annehmen. Woher sollen sie auch wissen, wie knapp die Zeit ihrer rentnernden Mitbürger bemessen ist?

Es waren genau 13 (dreizehn!) Emails notwendig, um sich auf einen Termin für ein Abendessen im russischen Restaurant zu einigen, das eine Handvoll ehemaliger (rentnernder) Arbeitskollegen an einen Tisch bringen soll.

Als dieser Termin dann endlich für die komplette Rentnerschar passend gemacht wurde, schneite die Nachricht von lieben Freunden aus Deutschland in die Runde, die genau an diesem Nachmittag auf dem Weg in den Karibikurlaub einen Zwischenstopp in Montreal einlegen: „Wäre super, wenn wir uns kurz sehen könnten!“

Tja, wäre wirklich super gewesen. Geht aber leider nicht. Der Termin für das Russen-Dinner steht jetzt unwiderruflich fest. Glaube ich. Denke ich. Hoffe ich.

Und wenn doch nicht?

Kommt Zeit kommt Rente.

10 Gedanken zu „Als Rentner im Unruhestand

  1. Rentner müssen jetzt alles in ihrer freien Zeit erledigen, was sonst parallel zum Dienstgeschehen nebenbei erledigt wurde. Alles geht auch langsamer, wenn wir es auch nicht wahrhaben wollen. Bei aller Fitness im Alter, die auch gepflegt werden will, das Leben ist nicht mehr so quirlig. Es geht nicht mehr so spontan aus dem Augenblick. Bedächtig ist Rentnern eigen, aber nicht bewusst. Die Zeiteinteilung in Arbeitszeit und Freizeit ist nicht mehr so klar getrennt.
    Man muss es erleben und es lässt sich eigentlich nicht erklären 😉

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  2. Eine sehr treffende Betrachtung, lieber Martin. Vielleicht hilft sie dem einen oder anderen bei der Gestaltung des Rentnerns. Noch einen schoenen Winter auf deiner kuscheligen Insel :-)

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  3. Mein „Rentnern“ lässt sich eigentlich ganz kommod an. Bei den meisten Sachen, die an mich herangetragen werden, stelle ich mir drei Fragen: WILL ich das, will ICH das, will ich DAS? Und wenn ich auch nur eine der Fragen mit „nein“ beantworte, mach ich‘s einfach nicht. Das funktioniert natürlich nicht in allen Fällen. Dem Finanzamt ist es beispielsweise wurscht, ob ich meine Steuererklärung machen will oder nicht. Und wenn der Hund raus muss, muss er eben.
    Von den Mallorquinern hier habe ich gelernt, Zeit zu haben und großzügig mit ihr umzugehen. Den Luxus meines After-Shopping-Biers in meiner Stammbar leiste ich mir täglich. Einfach dasitzen, Leute gucken und über Gott und die Welt philosophieren… Mir das nicht zu gönnen würde ich als „Zeit-Geiz“ bezeichnen…
    Das Schöne am Ruhestand ist doch, nichts zu müssen und schon gar nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt. Da werde ich einen Dreck tun und mir selbst neue Zwänge auferlegen. Auch die Ausübung eines Hobbys kann zwanghaft werden. Wenn ich Lust zum Klavierspielen habe, tu ich‘s, sonst eben nicht.Oder morgen. Oder übermorgen…

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  4. In meinem Rentnerdasein mache ich eigentlich gar nicht mehr viel, aber dennoch ist mein Tag ziemlich ausgefuellt, und es sind eine Reihe wuenschenswerter Taetigkeiten, zu denen ich gar nicht komme. Ich frage mich immer wieder, wie ich frueher – in meinem Arbeitsleben – so viel mehr habe schaffen koennen.

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  5. 🙄.. da kann ich sehr wohl auch ein Lied von singen ❗️..ab 80 nehmen die Symptome u. Begleiterscheinungen leider noch gravierend zu 🙈 – Danke für den amüsanten Beitrag u. weiterhin fröhliches Rentnern 😂..XR..🌴

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  6. Hmmm… Die Schwierigkeit, diese vielen Termine irgendwie unter einen Hut zu bekommen, ist vielleicht der Grund, weshalb „immer“ unter der Woche abends und samstagvormittags der Altersschnitt an der Supermarktkasse steil nach oben geht? Dann fragt man sich, ob die Rentner nicht einkaufen gehen können, wenn der Rest der Bevölkerung arbeiten ist 😅 Schön ist dann auch die „Ich hab’s passend!“-Omi.

    Aber an der Kasse, an der man selbst ansteht, dauert es ja sowieso „immer“ am längsten. Stornoooo!

    Un-Ruhestand ist aber doch auch etwas tolles. Bei mir dauert es noch ein paar Jahrzehnte, aber die Liste der Dinge, die ich dann erleben/machen möchte wird nicht kürzer. Ich mag mir auch gar nicht vorstellen, dann nur noch zu Hause sitzen zu müssen. Da bekomme ich ja bei zwei Wochen Urlaub schon einen Koller…

    Gutes neues Jahr, Grüße
    Stefan

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