Der Eishockey-Banause in mir

Montreal fiebert dem Stanley Cup entgegen – und mich lässt des Kanadiers liebste Sportart kalt. Dabei gibt es mehr als den Cup in den Eishockey-Arenen dieser Welt nicht zu gewinnen. Und Montreal ist ganz nah dran – und ich ganz weit weg. Wenn aber Italien gegen Spanien Fußball spielt, muss ich meine Stimmbänder schonen. Da kann ich für nichts garantieren.

Meine kanadischen Freunde finden Fußball langweilig. Es passiere ja nichts und die akrobatischen Übungen, „the dives“, wie mein Kumpel Doug sagt, gehen ihm auf den Wecker. Überhaupt seien viele Fußballer wie Ballerinas, die sich in Szene setzen, wenn gerade eine Kamera auf sie gerichtet ist.

Außerdem, so die vorherrschende Meinung in meinem kanadischen Freundeskreis, seien die meisten Fußballprofis schlicht „Sissies“, die schon bei einer blutigen Nase nach der Krankenbahre rufen, während der Eishockeycrack sich gerade mal kurz seinen offenen Schädelbasisbruch massiert und weiterspielt.

Gestern Abend, als das wohl wichtigste Spiel der Montreal Canadiens seit Jahren über den Bildschirm lief, bin ich eingeschlafen, als es gerade in die Verlängerung ging. Auf dem „Place des Spectacles“,nur ein paar U-Bahn-Stationen von uns, versammelten sich Tausende zum Public Viewing und Fähnchen schwingen. Ich schlief tief und fest.

Ganz ehrlich? Jeder Eckball von Kasatchschan löst bei mir mehr Begeisterung aus als das alles entscheidende Powerplay beim Eishockey.

Mein Freund Doug, der von Fußball ungefähr so viel versteht wie ich von Hallenhalma, dafür aber den Ruf eines veritablen Eishockeykenners hat, ist zurzeit missionarisch bei mir unterwegs. Er will mir eine Sportart nahebringen, die bei mir ungefähr so viel Gefühlsregungen auslöst wie wenn ich Ölfarbe beim Trocknen zuzusehe.

Hockey can be fast, fluid and beautiful“, schreibt er mir eben. Wie bitte? Das „beautiful“ im Zusammenhang mit Eishockey empfinde ich schon fast als Plasphemie und kann es deshalb unmöglich so stehen lassen. Ist nicht Fußball in der ganzen Welt als „the beautiful game“ bekannt?

Mit Sachverstand komme ich bei Doug nicht weiter, deshalb versuche ich es eben poetisch.

Mit Fußball und Eishockey, antworte ich ihm, sei es ungefähr so wie mit einem See und dem Ozean. Der See ist wunderschön, man kann wunderbar sein Auge darauf ruhen lassen und den Blick darauf genießen, auch wenn nicht viel passiert.

Der See ist der Fußball.

Das Meer dagegen ist wild, sage ich, laut und gewaltig,. Außerdem ist es bedrohlich und überwältigend, wenn es stürmt. Den Blick darauf ruhen zu lassen, ist schon wegen des Wellengangs nicht möglich.

Das ist Eishockey.

Doug findet den Vergleich gut und setzt ihn auf seine Facebook-Seite. Sollen sich doch seine Eishockey-Kumpels darüber die Haare raufen.

Für mich ist und bleibt Fußball „The beautiful game“.

Forza Azzurri!

4 Gedanken zu „Der Eishockey-Banause in mir

  1. Na, immerhin haben die Canadiens gewonnen. Auch wenn sie in der Best-of-7-Serie 1:3 hinten liegen. Kann also gut sein, dass das nächste Spiel morgen ihr letztes für diese Saison ist. Aber das möchte in Montreal bestimmt niemand (ok – FAST niemand) hören 😅🤣

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