Schlüsselerlebnisse

Es gibt Tage, da denkst du, Herr Alzheimer klopft bei dir an. Das ist einerseits erschreckend, andererseits aber auch ziemlich lehrreich. So werde ich vermutlich nie wieder den Toilettenschlüssel eines Cafés in die Hosentasche stecken und dafür meinen Schlüsselbund zur Rückgabe auf den Tresen legen. So geschehen heute Nachmittag.

Zufall oder nicht? Kurz vor dem Schlüsselerlebnis im Café Olympico kommt die Nachricht der Hausverwaltung aufs Handy, dass die angeforderte Kopie des Wohnungsschlüssels jetzt fertig und abholbereit sei.

Knapp eine halbe Stunde später, nach einem Latte mit Marmorkuchen im Café Olympico mit anschließender Pipipause, dann der Griff in die Hosentasche: Der Schlüssel gehört nicht mir, es ist der Kloschüssel vom „Olympico“. Wo ist meiner?

Im „Olympico“ natürlich. Auf dem Tresen neben der Kasse. Dorthin hatte ich ihn gelegt, in der Annahme, es handle sich um den Café-Schlüssel.

Wir kehren von unserem Spaziergang in Richtung Litte Italy um, machen uns zu Fuß wieder in Richtung „Olympico“ und bitten um Abbitte und um meinen Schlüsselbund.

„War dir das jetzt eigentlich peinlich?“, fragt die Frau an meiner Seite besorgt. „Nein“, sage ich, „peinlich nicht. Aber es macht mir Angst“.

Muss es nicht, sagt Markus Hofmann, Gedächtnistrainer aus München. Ich habe ihn im Internet gefunden, denn das Schlüsselerlebnis ging mir tatsächlich für einige Zeit nicht mehr aus dem Kopf.

Wenn die Merkfähigkeit im Alter nachlasse, sagt Herr Hofmann, sei das noch lange kein Grund zur Sorge. In den wenigsten Fällen sei es Herr Alzheimer, der anklopfe. Vielmehr gehöre eine Portion Vergesslichkeit durchaus zum Normalfall, wenn man auf die 80 zugehe. (Habe ich das wirklich geschrieben? Ich gehe auf die 80 zu? Unfassbar!)

Egal. Die Merkfähigkeit könne man sich auch im Alter wieder antrainieren, sagt Herr Hofmann in einem „Focus“-Interview und schlägt vor, eine Art mentalen Briefkasten einzurichten, in dem wir wichtige Informationen ablegen.

So helfe es beispielsweise im Alltag, sich von Gegenständen wie Schlüssel, Handy oder Geldbeutel aktiv zu verabschieden, bevor man sie ablegt. Zum Beispiel so: „Liebes Handy, ich stecke dich jetzt in die Außentasche meines Rollkoffers.“ So speichere man bewusst die Information beziehungsweise den Ort des Gegenstandes ab.

Danke, Herr Hofmann, für diese Tipps. Es ist nur so, dass ich vor nicht allzu langer Zeit schon einmal so ein Schlüsselerlebnis hatte. Damals ist es in einem Sandwichladen an der Rue St. Denis passiert. Ich hatte den fremden Kloschlüssel einfach in die Hosentasche gesteckt und das Versehen erst zuhause bemerkt.

Das war mir damals wirklich peinlich. So peinlich, dass ich den Schlüssel in einen frankierten Umschlag steckte und mit der Post an den Sandwichladen schickte. Ohne Kommentar und ohne Absender.

Nicht die feine Art, ich weiß. Aber immer noch besser, als ständig Herrn Alzheimer als Entschuldigungsgrund zu bemühen.

Und jetzt alle:

Lieber Schlüsselbund, ich werde dich nie wieder achtlos in einem Lokal zurücklassen, sondern immer in die rechte Hosentasche stecken. Danke!

9 Gedanken zu „Schlüsselerlebnisse

  1. Oh ja, kennen wir. Vom Einkauf zurück, weggepackt, Haustürschlüssel kühl gelagert, Suchaktion – meiner 36-jährigen Tochter. Mich tröstet das.

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  2. Es ist so wohltuend, das zu lesen. Festzustellen, dass mein Jahrgänger mit denselben Problemen zu kämpfen hat. Mein Schlüsselerlebnis: Kürzlich beim Fußballspiel das leere Glas mit zum Kühlschrank genommen und ein Glas Weißwein nachgeschenkt. Danach fand ich die Fernbedienung nicht mehr. Die war nämlich im Kühlschrank.

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  3. Was mir immer wieder passiert: wenn ich – z.B. in den Tank/Raststellen hier – diese kleinen Plastik-Milchbehaelterchen fuer meinen Kaffee habe, dann schuette ich die Milch in den Abfallbehaelter und lasse dies Plastikbehaelterchen in den Kaffee fallen. Und das manchmal nicht nur einmal. Das gibt mir dann zu denken. ;)

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  4. Ach Herbert,
    wenn du wuesstest, wie oft wir schon umgekehrt sind um nachzuschauen, ob das Buegeleisen ausgeschaltet ist!
    Jedes Mal, wenn ich jetzt buegle und dann den Stecker aus der Steckdose ziehe, dann mache ich das ganz bewusst! Und bevor wir ins Cottage fahren, da sage ich dem Jean-Paul, dass ich den Stecker aus der Steckdose gezogen habe!!
    Aber zum Trost – meine Tochter hat mich, wenn ich auf die Enkel aufpasse, auch schon oefters mal angerufen um zu ueberpruefen, ob nicht der Lockenstab noch in der Steckdose steckt!
    Viele Gruesse und ich wuensche dir eine gute Konversation mit deinem Schluesselbund! :-)
    Christa

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  5. Keine Sorge! Alzheimer ist es erst, wenn Du Dich am
    nächsten Tag entweder gar nicht an die Geschichte erinnerst oder schon kurz danach nicht mehr weißt, welche Adresse das Café hast. Alles andere ist beginnende Demenz, die durch Handy-Daddeln, ausschließlich U-Musik hören oder fehlende Außenkontakte verstärkt wird. Also keine Sorge, ich fühle mit Dir und behaupte: in unserem Alter steht uns das zu. Da ich ewig mein Portemonnaie suche, hole ich mir demnächst den Apple-Pin, der auf Anfrage piept. Handy und Tablet suchen sich dank Such-App gegenseitig.

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