Ein Skandal stinkt zum Himmel

Müllentsorgung in Salluit, Nunavik: © Radio-Canada

Zu Beginn meiner Korrespondenten-Zeit schickte mich DIE ZEIT für eine Reportage in die kanadische Sub-Arktis. Die Cree-Siedlung Waskaganish an der James Bay liegt fast 1200 Kilometer nördlich von Montreal und war zu jener Zeit nur mit dem Buschflieger zu erreichen. Es wurde einer meiner interessantesten Reportereinsätze. (Link zu dem ZEIT-Artikel am Ende dieses Blogposts)

Das erste, das mir damals auffiel: Es stank fürchterlich am Ufer des Rupert River. Warum das so ist, wurde mir erst im Laufe meiner Recherchen klar:

Zum erstenmal in meinem Leben bekam ich hautnah mit, wie schwierig die Müllentsorgung in einer Gegend ist, wo der Abfall wegen des Dauerfrosts nicht vergraben werden kann und eine Müllverbrennung nicht möglich ist, weil es keine entsprechenden Anlagen gibt.

Gehört hatte ich schon von diesem Phänomen. Linda, meine damalige Nachbarin in Montreal, hatte mir erzählt, dass sie gerade an einem Kinderbuch arbeite, in dem lustige Figuren das ernste Problem der Müllbeseitigung in der Arktis bekämpfen. 

Ob das Buch jemals erschienen ist, weiss ich nicht. Was ich aber weiss ist, dass dieses Thema bis heute heiß diskutiert wird. So berichtete die Canadian Broadcasting Corporation gerade über einen Untersuchungsbericht zu diesem Thema. Dabei kommen die Forscher zu dem Fazit:

Noch immer wird der Abfall im Freien verbrannt, oft in unmittelbarer Nähe zu den Behausungen, in denen indigene Völker wie Cree, Inuit and Naskapi leben.

Dass der Gestank vor allem an windigen Tagen unerträglich sei, stelle nur einen Teil des Problems dar, schreiben die Autoren des Untersuchungsberichts. Viel schlimmer sind die toxischen Belastungen, mit denen viele der dortigen Ureinwohner leben müssen. 

Häufig werden Atemprobleme diagnostiziert, vor allem bei Kindern. Auch chronische Nasenschleimhaut-Entzündungen sind an der Tagesordnung. Der Untersuchungsbericht kommt zu dem Schluss: Es muss etwas passieren. Aber was?

Ein dauerhaftes Vergraben des Mülls im ewigen Eis ist wegen des Permafrosts auch heute noch so gut wie unmöglich. Daran hat, zumindest in vielen Teilen der kanadischen Arktis, auch die Erderwärmung nichts geändert.

Müllverbrennungs-Anlagen wären die beste Lösung. Aber da gibt es ein logistisches Problem: Wie können diese Kolosse in Gegenden transportiert und aufgebaut werden, zu denen keine Straßen führen? Wenn überhaupt möglich, dann kämen dafür allenfalls Trucker-Konvois infrage, die den Norden auf “Ice Roads” über zugefrorene Flüsse und Seen versorgen.

Hier wiederum kommt die Erderwärmung ins Spiel. Vor allem in südlichen Regionen der Subarktis können die riesigen Trucks nicht mehr wie früher gefahrlos übers meterdicke Eis fahren.

Den Behörden ist das Problem der unzulänglichen Müllbeseitigung freilich bekannt. Und natürlich soll das Thema nach der jetzigen Veröffentlichung des Untersuchungsberichts angegangen werden.

Vielleicht gibt es ja doch noch eine Lösung für einen Skandal, der eigentlich zum Himmel stinkt.

Hier geht’s du meiner ZEIT-Reportage „Vom Jäger zum Yuppie“ (2. Juni 1989)

[Die Terminologie hat sich seither geändert. Damals war es nicht unüblich, von Indianern, Eskimos, Reservaten etc. zu reden. Heute ist das politisch nicht mehr korrekt.]

Wer sich für indigene Themen interessiert, dem empfehle ich das Buch meines Freundes Gerd Braune: „Indigene Völker in Kanada“

2 Gedanken zu „Ein Skandal stinkt zum Himmel

  1. Gute Frage! Ich denke, es ist vieles eine Frage des Geldes. Von Waskaganish, wo die ZEIT-Reportage spielt, weiss ich: Viele der Güter wurden auf „barges“ ueber Flüsse und Seen in den Norden transportiert. Das sind Fähren-artige Schiffe, die wegen des Klimas nur gewisse Zeitfenster zur Verfügung haben. Von anderen Siedlungen im Norden – etwa in Manitoba und Nord-Ontario – ist mir bekannt, dass beispielsweise Fertighaus-Module ueber „ice roads“ mit Lkw-Konvois transportiert werden. Diese Einmal-Transporte sind logistisch unter schwierigen Umständen zwar möglich. Einen regelmäßigen Abtransport etwa von Müll halte ich jedoch für nicht realistisch.

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  2. Was mich immer wundert, aber wahrscheinlich bin ich zu naiv, das ist, dass es möglich ist, alle diese Gegenstände, die diese Müllberge verursachen, in diese entfernten Gegenden zu bringen. Aber alles was zur Lösung des Problems beitragen würde, das ist zu schwierig, um es an Ort und Stelle zu bringen!
    (Ich nehme auch an, dass es stets möglich ist, Militäreinrichtungen in alle vier Himmelsrichtungen zu verschicken)
    VG
    Christa

    Gefällt 2 Personen

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