Ein bisschen feiern im „Ritz“

In Zeiten wie diesen zu feiern ist, sagen wir mal, schwierig. Wie kann man sich an kulinarischen und auch sinnlichen Köstlichkeiten erfreuen, wenn Millionen Menschen in diesen Tagen unsägliches Leid erdulden müssen? 

Wir haben trotzdem gefeiert. Nicht in Saus und Braus, eher besinnlich. Aber es hat an nichts gefehlt. Vor allem nicht an uns. 

Die Momente, in denen man sich als Familie einbringen kann, werden im Alter selten. Termine, Verpflichtungen, Wohnorte, Zipperlein – alles Dinge, die es zu berücksichtigen gilt.

Und dann natürlich der Krieg.

Die Cousine aus dem Oberschwäbischen bringt es wunderbar auf den Punkt: 

“Auch bei mir”, schreibt sie als Reaktion auf unsere stornierte Reise nach Las Vegas, “versucht das ständige Grübeln überhand zu nehmen. Ich versuche gerade, da wieder raus zu kommen, weil es ja niemandem etwas nützt, wenn wir uns dadurch selber schwächen.”

Deshalb, schreibt die kluge Cousine, liege die Verantwortung, “stark und zuversichtlich zu bleiben, bei uns selbst – egal, ob mit oder ohne Reise.”

Die Reise findet nicht statt, aber es gab einen Geburtstag zu feiern. Nicht wie geplant am Grand Canyon, sondern in einem Grand Hotel an der „Golden Mile“, wie dieser Teil der Rue Sherbrooke genannt wird. Und es war einfach nur schön.

Es gibt da diese mehr als 100 Jahre alte Tradition im Montrealer “Ritz Carlton Hotel”, die sich “High Tea” nennt. Am Wochenende einen Tisch zu bekommen, ist auf Monate hinaus unmöglich. 

Ein Glück, dass der heutige Geburtstag der liebsten Person in meinem Leben auf einen Montag fiel. Zwar waren auch da sämtliche Plätze des “Palmengartens” belegt. Aber nach einigen Telefonaten klappte es dann doch. Wir waren drin. Mutter, Vater, Sohn.

Das Ambiente ist schwer zu beschreiben. Elegant, aber nicht zopfig. Cool, aber nicht kühl. Traditionell ja, aber nicht angestaubt.

Wer die hohe Kunst des “Trompe l’oeil” zu schätzen weiss, ist hier richtig. Deckengemälde über riesigen Spiegeltüren. Fantasievoll hingepinselte Vögel, die über imaginären Deckenöffnungen schweben. Kuschelige Sofas vor dem Kamin. Und natürlich Kronleuchter.

Und ausschließlich weibliche Besucher. Naja, fast ausschließlich.

Die Wahl aus einem Dutzend Teesorten fällt nicht schwer. Mit dem guten, alten “Earl Grey” macht man nichts verkehrt. Auch beim alkoholischen Getränk gibt es an einem Tag wie heute keine wirkliche Alternative. Sie fängt mit “Ch” an und hört mit einer gesalzenen Rechnung auf.

Kleine Häppchen werden auf blitzblank polierten, silbernen “Etagèren” serviert. Mini-Sandwiches belegt mit Roastbeef, Lachs, Pâté und anderen Köstlichkeiten. 

Eine Etage höher warten dann backfrische “Scones”, die mit „Clotted Cream“, einer Art eingedickten Schlagsahne, und diversen Marmeladen bestrichen werden. Sie als “köstlich” zu bezeichnen, wäre untertrieben. 

Sie sei Engländerin, schwärmt eine Besucherin in einer Restaurant-Bewertung im Netz, und kenne die besten Tea Rooms in London. Aber was sie hier, ausgerechnet im frankophonen Montréal, erlebt habe, könne sich mit jedem „High Tea“ auf den Britischen Inseln messen lassen.

Von der obersten Etage des Tragekörbchens schauen dich treuherzig Konfekt und andere Schätzchen aus der hauseigenen Patisserie an. Sie wollen nur eins: vernascht werden.

Das wunderbar geschulte Servicepersonal parliert fast ausschließlich Französisch. So viel Stil muss sein.

Abgehoben? Vielleicht. Aber wenn man, wie wir, schon nicht mit dem Flieger abhebt, um nach mehr als zwei Jahren den geplanten Urlaub anzutreten, darf man auch mal im „La Cour des Palmiers“ in anderen Sphären schweben. Und sei es nur für zweieinhalb Stunden.

HAPPY BIRTHDAY, meine große Liebe! Du hast dir das bisschen Luxus verdient. ❤️

8 Gedanken zu „Ein bisschen feiern im „Ritz“

  1. Ich bekam sofort Appetit! Glücklicherweise hat Amazon gerade die Clotted cream reduziert, in etwa einer Woche gibt es dann einen echten Devon cream tea! LG Gisela

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  2. Wunderbar! Sollte mich doch noch der berühmte Lottogewinn erreichen, steht ein Termin also jetzt schon fest – aber nur mit Euch. Denn was nützt das schönste Ambiente ohne die passenden Menschen? Herzlichen Glückwunsch zum Anlaß und zur Durchführung eines solch schönen Tages!

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