
Québec hat gewählt – und das Ergebnis ist bittersüß. Süß, weil die umstrittene Politik der bisherigen Coalition Avenir Québec (CAQ) endlich der Vergangenheit angehört. Bitter, weil mit der Parti Québécois (PQ) eine separatistische Partei gewonnen hat, deren Ziel die Unabhängigkeit Québecs bleibt.
Doch der 49-jährige Paul St-Pierre Plamondon hat nur eine Minderheitsregierung gewonnen: 59 der 127 Sitze. Ohne die Liberalen des 47-jährigen Charles Milliard mit 40 Sitzen, die Konservativen des 57-jährigen Éric Duhaime mit 19 und Québec Solidaire mit neun Sitzen läuft künftig wenig.
Auch das im Falle einer Mehrheitsregierung versprochene Referendum über die Loslösung Québecs vom kanadischen Staatenbund ist damit fürs Erste vom Tisch.
Der Absturz der bisherigen Regierungspartei ist historisch: von 79 Sitzen auf null. Selbst Parteichefin Christine Fréchette verlor ihren Wahlkreis. Wer als Regierungspartei derart abstürzt, muss sich einiges vorwerfen lassen – allen voran die trotz großer Reformversprechen ungelösten Probleme im Gesundheitswesen.
Die Liberalen wollen unter Charles Milliard unter anderem mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen, in Gesundheit und Bildung investieren und Québec wirtschaftlich breiter aufstellen, um die Abhängigkeit von den USA zu verringern.
Und dann sind da die Konservativen: Éric Duhaime gelang mit 19 Sitzen der Durchbruch im Parlament. Von null auf 19 – ein bemerkenswertes Comeback für eine Partei, die bislang keinen einzigen Sitz im Landtag hatte und dort seit fast 100 Jahren nicht mehr vertreten war.
Dass Parteien, die in Québec bisher eher bedeutungslos waren, plötzlich solche Stimmenzuwächse verbuchen können, hat vor allem mit der Suche nach brauchbaren Alternativen zu tun.
Die bisherige Regierungspartei CAQ war für viele Québecer schlicht nicht mehr wählbar. Mit der Parti Québécois gab es wegen ihrer separatistischen Politik Berührungsängste. Québec Solidaire war vielen, vor allem unter den Anglokanadiern, politisch zu weit links. Also blieben die gemäßigten und zugleich fortschrittlichen Liberalen und die Konservativen.
Für gut 80 Prozent der Québecer ist Französisch Muttersprache. Für viele von ihnen steht der Erhalt der französischen Sprache und Kultur deshalb ganz oben auf der Prioritätenliste.
Bei einer PQ-Regierung wird zwar „die Liebe zum Land“ großgeschrieben. Der smarte 49-jährige Paul St-Pierre Plamondon, Absolvent der McGill University und Oxford Law School, dürfte allerdings einen Teufel tun, Québec in eine Richtung zu führen, in der aus berechtigtem Nationalbewusstsein irgendwann nationalistischer Fanatismus wird – wie bei der unsäglichen AfD.


Pressestimmen zur Wahl
- The Associated Press: Die Wahl sei vor allem eine Abrechnung mit der CAQ gewesen und weniger ein eindeutiges Votum für die Unabhängigkeit. Die PQ gewann zwar, aber die Unterstützung für die Souveränität liegt weiterhin nur bei ungefähr 30 %. AP News
- The Guardian: Der PQ-Erfolg wird als Rückkehr des Separatismus auf die politische Bühne beschrieben. Gleichzeitig betont der Guardian, dass Plamondon mit seiner Politik zu Immigration und Identität deutlich konservativer auftritt als frühere PQ-Generationen. The Guardian
- Le Monde: Sieht die Wahl als deutliche politische Verschiebung: PQ zurück an der Macht, CAQ komplett ausgelöscht, Konservative mit einem überraschend starken Durchbruch. Le Monde.fr
- Canadian Press: Betont vor allem den dramatischen politischen Umbruch: PQ von drei Sitzen 2022 auf 59, während die CAQ von der Regierungspartei auf null Sitze abstürzt. Zugleich ist das Parlament stark fragmentiert. CityNews Montreal
- Journal de Québec: Spricht von einem „Coup de tonnerre“ – einem politischen Donnerschlag – und hebt hervor, dass Plamondon nach Jahren in der politischen Wüste die PQ zurück an die Macht geführt hat. Journal de Québec
- The Concordian: Der entscheidende Punkt sei nun die Minderheitsregierung: Mit 59 Sitzen kann Plamondon nicht einfach durchregieren, sondern muss sich bei wichtigen Vorhaben mit den anderen Parteien arrangieren. The Concordian
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