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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Chiclets: Kleines Fenster zur Welt

Chiclets: Kinder in der tunesischen Wüste filzen unseren Land Rover. © Bopp

Chiclets. Oft habe ich mich gefragt, warum Kinder in ärmeren Ländern häufig nach Kaugummi fragen  – nicht nach irgendeinem Kaugummi, sondern nach Chiclets. „Gimme Chiclets!“, sagt der Junge in der Altstadt von Havana. „Chiclets!“, ruft eine Gruppe Halbwüchsiger an der Fähre, die mich von Buenos  Aires nach Montevideo über den Río  de  la  Plata bringt.

„Dénos Chiclets, señor“, ruft das Mädchen auf der mexikanischen Hochebene, in die ich mich mit meinem Reisekumpel Bernie verirrt hatte. Chiclets, Chiclets, Chiclets.

Dass ich ausgerechnet heute, an diesem verschneiten Spätfrühlingstag in Montreal, an all meine Chiclets‑Erfahrungen denke, hat einen Grund. Beim Digitalisieren einiger Dias ist mir ein Foto unter die Lampe gekommen, das es in sich hat.

Es war Anfang der 70er‑Jahre, als mich mein Chefredakteur in den Norden Afrikas schickte, um in Tunesien über den gerade aufblühenden Fremdenverkehr zu berichten. In Hammamet, dem Geburtsort des nordafrikanischen Massentourismus, hatte ich schnell Anschluss gefunden. Mit einer Gruppe junger Leute mieteten wir einen Land  Rover, um durch die Wüste Richtung libyscher Grenze zu fahren.

Irgendwann legten wir eine Pause ein, um eine Herde Dromedare vor die Linse zu bekommen. Um uns herum nichts als Wüste.  Dachten wir. Und kein Mensch weit und breit.  Dachten wir. Wir dachten falsch.

Die Chiclets-Bande war schon da.

Als wir zu unserem Land  Rover zurückkamen, hatten sich jede Menge Kinder  – fünf, zehn oder fünfzehn, ich weiß es nicht mehr  – ihren Weg ins Innere unseres gemieteten Geländewagens gebahnt. Sie durchwühlten unsere Sachen, machten auch vor dem Handschuhfach nicht halt, ließen Früchte und anderen Reiseproviant links liegen und riefen nur: „Chiclets! Chiclets!“, als sie uns sahen.

Die Kids hatten Glück. Wir hatten Kaugummi dabei. Ob es Chiclets waren, weiß ich nicht mehr. Aber sie zogen selig mit ihrer Beute davon. Die Mutter eines der Kinder kam wenig später zurück und entschuldigte sich für die aufdringlichen Kids. Sie lud uns in ihr Haus ein, gab uns zu essen. Die Tochter des Hauses führte eigens für uns einen Bauchtanz auf. Wir wurden fürstlich entlohnt für unsere Chiclets.

Aber warum gerade Chiclets? Ich habe recherchiert und bekam folgende Antworten:

Chiclets galten zu Beginn des Massentourismus als kleines Fenster in eine größere Welt. Chiclets waren über Jahrzehnte hinweg günstig, einzeln verpackt, leicht zu lagern und gut zu verkaufen.

Manche Kinder verkauften sie, um ein kleines Einkommen für sich oder ihre Familie zu generieren. Sie verkauften also die Chiclets weiter, die sie zuvor erbettelt hatten. Oft waren die Abnehmer Touristen, die um den Handelsvorteil wussten und den Kindern einen Obolus zukommen lassen wollten.

Mikrohandel mit Chiclets.

Tunesien, Anfang der 70er-Jahre: Mit dem Land Rover durch die Wüste. © Bopp (3.v.l.)

Groß. Größer: Leonard Cohen

Als Liedermacher und Poet war Leonard Cohen für mich, trotz seiner eher überschaubaren Körpergröße von 175 Zentimetern, schon immer der Größte. Um den Einfluss zu verstehen, den Cohen noch immer auf Montréal hat, muss man nur die Aussichtsplattform des Mount Royal besuchen, die sich 233 Meter über dem Meeresspiegel, 100 Meter über den Dächern der Stadt erhebt.

Erst vor zwei Tagen wurde mir wieder einmal bewusst, mit welcher Wucht der 2016 verstorbene Künstler die Stadt meines Herzens auch architektonisch geprägt hat. Vom Mount Royal aus ragt Cohens Konterfei an einer 22 Stockwerke hohen Hauswand wie ein kunstvoll gestaltetes Ausrrufezuchen in den Himmel, als wolle er uns sagen: Vergesst mich nicht!

Die Art und Weise, mit dem viele Montrealer ihrem geliebten Sohn nachtrauern, grenzt schon an einen Erinnerungskult, der Cohen selbst möglicherweise eher peinlich gewesen wäre.

2017, ein Jahr nach seinem Tod, wurde das monumentale Werk eingeweiht. Miles MacGregor aus Los Angeles und Gene Pendon sind die kreativen Köpfe hinter dem Wandgemälde. Sie nannten ihr Werk Tower of Song – eines der schönsten Lieder aus Cohens Feder.

An dem Gemälde, das von der Non-Profit-Organisation MU gesponsert und finanziert wurde, waren neben den beiden Künstlern 13 Assistentinnen und Assistenten beteiligt.

In tausenden Arbeitsstunden ist es ihnen gelungen, mit 240 Eimern Farbe den Mann auf 930 Quadratmetern so darzustellen, wie ihn die meisten Montréalais in Erinnerung haben: einfühlsam und charmant. Ein Geliebter, ein Liebender, ein Gentleman.

Die Vorlage für das Bild lieferte ein Foto, das Cohens Tochter Lorca im Jahr 2008 von ihrem berühmten Vater gemacht hatte.

Das Kunstwerk an der Crescent Street im Montréal Bar-Distrikt ist nicht das einzige, das Cohens Heimatstadt ihrem großen Sohn gewidmet hat. Ganz in der Nähe des Boulevards St. Laurent, Cohens bevorzugter Flaniermeile, wurde ein neun Stockwerke hohes Gebäude mit einem weiteren Wandgemälde geschmückt. Dieses Mural stammt von Kevin Ledo. Fotos: Bopp – Mu – Privat

Was ist los mit Deutschland?

Deutschland: Schön. Aber auch ganz schön langsam. © Bopp

Mit dem, was man so “Heimat” nennt, ist es ein bisschen wie mit Beziehungen: Manchmal hilft ein Blick von außen. Gestatten Sie mir also heute von Kanada aus einen kurzen, unmaßgeblichen Blick auf meine Heimat Deutschland.

Dass ich weit mehr als die Hälfte meines Lebens außerhalb meiner Heimat verbracht habe, sollte diesen Blick nicht trüben. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht deutsche Zeitungen lese und die Mediatheken von ARD und ZDF anklicke. Selbstverständlich wird auch der Tatort am Sonntagabend zelebriert.

Oft, vor allem wenn es die Tagesaktualität gebietet, höre ich deutschsprachige Nachrichten. Dank diverser Apps ist das ein Klacks. Danke, Internet!

Ich führe fast täglich Gespräche mit Freunden und früheren Kollegen über die Lage der Nation, in der ich groß geworden bin. Ich besitze noch immer einen deutschen Pass und war seit meiner Auswanderung nach Kanada hochgerechnet 200 Mal in Deutschland.

Fangen wir mit Äußerlichkeiten an. Was mir immer wieder auffällt: Die meisten meiner Landsleute sind sehr gut gekleidet. Modern, markenbewusst – und ein bisschen was kosten darf es auch.

Vor ein paar Tagen habe ich eine Straßenumfrage aus Düsseldorf gesehen (okay, Düsseldorf, schon klar). Aber es war wirklich bemerkenswert, mit welcher modischen Stilsicherheit sich sämtliche Protagonisten vor der Kamera inszeniert haben.

Hier in Kanada legen die Menschen weniger Wert auf modischen Schnickschnack. Vielleicht ist es dem harten Klima geschuldet. In erster Linie ist es wichtig, dass man es warm und kuschelig hat. Da dürfen im Theater schon auch mal Moonboots getragen werden.

Menschen in Deutschland fühlen sich vor der Kamera generell unwohler als Leute, die im kanadischen Fernsehen interviewt werden. Als wenn sie mit dem Mikro in der Hand das Licht der Welt erblick hätten, plappern die meisten Kanadier so unverbaut in die Kamera, dass man vor so viel Telegenität und Textsicherheit in die Knie gehen möchte. Eine natürliche Scheu vor den Medien scheinen viele Kanadier nicht zu kennen.

Kanadier beschweren sich weit weniger als meine deutschen Landsleute. Dabei hätten sie allen Grund dafür. Die Sozialleistungen reichen nicht einmal im Ansatz an die in Deutschland üblichen. Physio nach einer noch so schweren OP? Nie gehört. Wetter? Ist halt so. Politik? Wer nicht wählt, ist selbst schuld. Mieser Service in Bars, Restaurants, Cafés oder Hotels? Selber schuld. “What you pay is what you get”.

So, und jetzt geht’s ans Eingemachte: Warum dauert in Deutschland eigentlich alles so schrecklich lange?

Die Verhandlungen, die hoffentlich bald zur Regierungsbildung führen, ziehen sich jetzt schon seit mehr als sechs Monaten hin. Kein Wunder: Wenn vor wichtigen Beschlüssen erst einmal eine Kommission darüber entscheidet, welche Schriftart für die Verträge gewählt wird und in welchem Zeilenabstand die Dokumente gedruckt werden.

Monströse Koalitionsverträge, unterschiedliche Parteikulturen, Parteitage und Mitgliederbefragungen, ständiges Taktieren, zusammen mit Eitelkeiten, die bedient werden wollen – all das ergibt ein episches Theater in zahlreichen Akten.

Bis auf die Koalitionsverträge verläuft eine Regierungsbildung auch in Kanada nicht viel anders. Koalitionen nach deutschem Vorbild gibt es hier nicht. Die Parteien schätzen ihre Unabhängigkeit und meiden formelle Bündnisse. Dafür sind Minderheitsregierungen eher die Regel als die Ausnahme. Auch nicht weniger kompliziert, einen Konsens zu finden, schätze ich.

Egal aus welchem Grund: Politisch-parlamentarisch geht hier alles wesentlich schneller als in Deutschland. Schließlich will ein Land regiert und nicht seziert werden. Erst recht in Zeiten wie diesen.

Mal sehen: In Kanada wird am 28. April ein neues Parlament gewählt. Innerhalb von zehn bis zwölf Tagen nach der Wahl dürfte die Regierung stehen – inklusive eines komplett neuen Kabinetts. Bei einer Minderheitsregierung kann es ein wenig mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Nur einmal, nach den Neuwahlen von 2015, hat es bis zur Kabinettsbildung für kanadische Verhältnisse richtig lange gedauert: Genau 16 Tage.

Zum Heiratstag nach Chinatown

27. März 1987: Heirat in Leutkirch im Allgäu

Cassian, fließend dreisprachig, besteht darauf, unseren Hochzeitstag “Heiratstag” zu nennen. Das passe irgendwie besser. Heute also war unser 38. Heiratstag – und wir haben ihn mit einem leckeren Essen in unserem Stammlokal in Chinatown gefeiert.

Wobei: Gefeiert ist ein großes Wort. Mit der U-Bahn ging’s zum Place d’Armes. Danach kleiner Fußmarsch bis zum “Restaurant V.I.P.” Klingt nicht sehr asiatisch, ist es aber. Authentischer chinesisch essen Sie in Montreal kaum irgendwo. Das hat mir während eines Montreal-Besuchs schon vor Jahren der damalige Peking-Korrespondent der ARD bestätigt. Er muss es wissen.

Beständigkeit ist alles: Zum ersten Mal waren wir im V.I.P. vor etwa 35 Jahren. Cassian war damals fast noch ein Baby, das Restaurant hatte gerade erst eröffnet.

Am Dekor hat sich bis heute so gut wie nichts geändert, inklusive Küchenbuddha, der noch immer úber der Kasse thront. Auch die Speisekarte liest sich heute noch wie damals. Die Preise wurden nur unwesentlich angehoben – kein Vergleich zur sonstigen Preisexplosion in den meisten Restaurants, die wir sonst so frequentieren.

Auch die Auswahl der Speisen hat sich in all den Jahren nicht geändert. Noch immer bestellen wir die Won-Ton-Suppe als Vorspeise und nehmen als Hauptspeise das “Bird’s Nest”. Ein nestförmiges Konstrukt aus gebackenem Nudelteig, gefüllt mit Gemüse, Huhn und Shrimps. Wichtig: Schmeckt nicht nur lecker, sondern ist auch ausgesprochen gut verträglich.

Und wie schon zur Eröffnung gibt es als Nachspeise noch immer eine Platte mit saftigen Orangenschnitzen und den unvermeidlichen Glückskeksen mit den berühmten Kalendersprüchen.

Auch unsere Hochzeit vor 38 Jahren war kein grosses Ding. Nur dass sie nicht in Chinatown stattfand, sondern in Leutkirch im Allgäu. Beständigkeit hat bei uns Tradition: Mit den beiden Trauzeugen sind wir bis heute eng befreundet.

Sie waren übrigens unsere einzigen Hochzeits-, pardon: Heiratsgäste.