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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Ein schrecklich tolles Spielzeug

Ich liebe Gadgets. Handys, Tablets, Computer, Streckenzähler. Selbst das digitale Stromablesen von Hydro Québec zaubert mir noch ein Lächeln ins Gesicht (das gefriert spätestens dann, wenn die Rechnung ins Haus flattert – per E-Mail natürlich). Auf mein neuestes Spielzeug hätte ich allerdings gerne verzichtet: Als frisch gekürter Diabetiker (Typ 1) schlägt es Alarm, sobald der Blutzucker in die Höhe schnellt.

Dass die Diagnose „Diabetiker“ kommen würde, war eigentlich klar. Wenn Dreiviertel der Bauchspeicheldrüse und die komplette Milz fehlen, gerät der Insulinhaushalt durcheinander. Wenn dann noch eine erbliche Vorbelastung hinzukommt, ist endgültig Schluss.

So weit, so doof.

Die gemessenen Werte kann die Ärztin direkt in ihrem System auslesen. Nach zwei Wochen hat der Sensor ausgesensort, dann muss ein neuer her. Er ist so groß wie eine Zwei-Euro-Münze und kostet etwa 150 Dollar. Und nein, die Krankenkasse kommt nicht dafür auf – es sei denn, man ist Privatpatient oder ein Kandidat für die Insulin-Spritze. Aber so weit sind wir noch nicht.

Der Glukose-Sensor ersetzt die umständliche und auch schmerzhafte Blutzuckermessung aus dem Finger oder Ohrläppchen. Die Funktion des Glukose-Sensors ist erschreckend und faszinierend zugleich. Es erschreckt mich, zu sehen, wie sehr man zum gläsernen Menschen wird, wenn Medizin und Technik ineinander übergreifen. Privatsphäre war gestern. Gleichzeitig fasziniert mich, was genau diese Interaktion zwischen Technik und Medizin ermöglicht.

Esse ich brav Gemüse und andere zuckerarme Nahrung, bleibt der Pfeil im grünen Bereich. Wenn’s dann doch mal ein Stück Weihnachtsstollen sein darf, bewegt er sich in Richtung Orange.

Zuckersüßer Feind: Mango.

Dass die Zuckerkurve ausgerechnet bei meiner Lieblingsfrucht, der Mango, Alarm schlägt und feuerrot in die Höhe schießt, ist bedauerlich, aber nicht überraschend. Mangos, Bananen und Weintrauben gehören schließlich zu den süßesten Obstsorten überhaupt.

Einfacher ist die Ernährung durch die Diabetes-Diagnose nicht geworden – im Gegenteil. Es ist ein ständiger Spagat zwischen Verwöhnprogramm für die Bauchspeicheldrüse und Zuckerentzug wegen Diabetes. Vieles, was die Pankreas mag, ist Gift für Diabetiker. Leider gehört auch die Mango dazu.

Die unbeschwerten Zeiten sind also vorbei. Dafür habe ich jetzt ein neues Gadget.

Spätzle, Marzipan und Sauerkraut

„Können wir euch etwas aus der alten Heimat mitbringen?“ Diesen Satz höre ich häufig, wenn mal wieder Besuch aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz angesagt ist. Und stets lautet meine Antwort: „Nett von euch, aber nein danke!“

Ich habe das Glück, in einer Stadt zu leben, die so europäisch ist, wie es in Nordamerika nur geht. Von europäischen Weinsorten über Leberkäse und Laugenbrezeln bis hin zum Marzipanschwein – hier ist für alles gesorgt, Bechtle-Spätzle inklusive.

Das war nicht immer so. Wie sehr hätte ich mir nach meiner Ankunft in Kanada ein Möbelhaus gewünscht, das dem europäischen Geschmack entgegenkommt. Stattdessen gab es Polster und Plüsch von der „Hudson’s Bay Company“.

Als der erste IKEA-Laden aufmachte, war das wie eine Offenbarung für uns Deutschkanadier. Wer mit einer Designerin lebt, weiß den guten Geschmack zu schätzen.

An europäischen Lebensmitteln hat es mir hier noch nie gefehlt. Sowohl in Winnipeg (Manitoba), wo ich fünf Jahre verbracht habe, als auch in Calgary, wo ich mich monatelang aufhielt – deutsche Bäcker und Metzger gibt es in fast jeder größeren kanadischen Stadt.

Aber nirgends werden wir so verwöhnt wie in Montreal. Die Markthalle, 200 Meter von unserer Wohnung entfernt, bietet Gummibärchen und Hengstenberg-Sauerkraut, deutsche Dosensuppen und Ritter Sport in allen Geschmacksrichtungen.

„La Vieille Europe“ heißt ein Geschäft am Boulevard St. Laurent, das auch den letzten Geschmackswunsch des verwöhnten Europäers erfüllt. So viele Essigsorten habe ich nicht einmal im großartigen Mercat Olivar in Palma gesehen, einer der schönsten Markthallen, die ich kenne.

Selbst hier auf dem Land, wo Cassians Farm liegt, werden wir mit der „Charcuterie Frick“ verwöhnt – einer Land-Metzgerei, fast wie daheim. Mein Freund Gerd Braune hat neulich für ein paar deutsche Zeitungen eine Reportage über „Das kanadische Gourmet-Paradies mit deutschen Wurzeln“ geschrieben. (Die PDF dazu finden Sie am Ende dieser Seite).

In einem Punkt schwächelt Kanada im Vergleich zum europäischen Markt noch immer: Wenn es um kostengünstige Kleinwagen geht, hängen wir um Lichtjahre hinterher. Vor allem auf dem Stromer-Sektor herrscht hier großer Nachholbedarf.

Zwar gibt es die großen Deutschen – BMW, Mercedes, Audi, VW und Porsche – in fast allen Variationen. Aber so einen schnuckeligen Citroën, Peugeot oder Fiat mit Elektroantrieb sucht man hier vergebens.

Womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären. „Ja, gerne! Kannst du mir irgendwo einen hübschen 2 CV auftreiben? Baujahr spielt keine Rolle, Hauptsache Döschwo.“

Weihnachtsgebäck vom deutschen Laden.
Maultaschen aus Cassians Küche.
Bitte einmal Ente mit Motor.

Der mysteriöse Mister Banksy

Man muss Banksy nicht mögen, aber kennen sollte man ihn schon. Banksy ist ein anonymer britischer Street-Art-Künstler, der weltweit bekannt für seine provokativen, gesellschaftskritischen und oft sarkastischen Kunstwerke ist. Seine Arbeiten tauchen über Nacht an öffentlichen Orten wie Wänden, Straßen oder Brücken auf. Um schnell und präzise zu arbeiten, verwendet Banksy meistens Schablonentechniken.

In Montreal findet derzeit eine Banksy-Ausstellung statt – nicht mit Originalen, denn es handelt sich ja fast immer um Wandbemalungen, sondern mit Reproduktionen, die zwei Stockwerke des “Maison du Festival” füllen.

Die Motive seiner Werke regen zum Nachdenken an: Krieg, Konsumgesellschaft, soziale Ungerechtigkeit oder politische Macht. Ein bekanntes Beispiel ist das Bild eines kleinen Mädchens, das nach einem roten Luftballon in Herzform greift.

Banksy bleibt anonym, was zu seinem Mythos beiträgt. Die Werke, die nicht an Hauswände gebunden sind, werden bei Auktionen für Millionen verkauft – ein ironischer Gegensatz zu seiner Kritik an der Kommerzialisierung.

Bizarr das „Girl with Balloon“: Das Gemälde hatte sich noch während einer Auktion selbst geschreddert – unmittelbar nachdem es für über eine Million Pfund verkauft wurde. Später wurde es in New York für 25 Millionen Dollar weiterverkauft.

Mit den Erlösen seiner Kunstwerke finanziert Banksy, dessen Alter auf etwa 50 Jahre geschätzt wird, spektakuläre humanitäre Aktionen. So erwarb er vor einigen Jahren eine Yacht, die er zu einem Schnellboot umbauen ließ, um Geflüchtete im Mittelmeer zu retten.

Kurz nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine reiste Banksy – natürlich anonym – nach Kiew und in andere Städte. Oft unter Einsatz seines Lebens bemalte er Hauswände mit Anti-Kriegs-Illustrationen. Einige dieser Werke wurden später zur Gestaltung ukrainischer Briefmarken genutzt.

Banksy lediglich als Künstler zu bezeichnen, würde seinem Einfluss nicht gerecht. Er ist ein globales Phänomen, das Kunst und gesellschaftliche Botschaften auf einzigartige Weise verbindet.

Was für ein Glück, seine Arbeit quasi vor der Haustür bestaunen zu dürfen! Für meine Blog-LeserInnen in der Gegend von Montreal: Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich wirklich. Sie ist im Maison du Festival an der 305 Rue Ste-Catherine zu sehen, gleich neben der Konzerthalle.

Mehr dazu gibt’s >> HIER <<

Mein Freund Michi ist tot

Michael Lehner (1948 – 2024)

Du steckst im Rushhour-Verkehr in der Münchener Innenstadt, entdeckst auf einer Kirchturmspitze ein Storchennest und sagst eher beiläufig zum Fahrer: „Jetzt ein richtig gutes Fernglas, das wär’s.“ Der Kerl am Steuer, der dir sein München zeigt, fährt wortlos in eine Parkbucht, steigt aus und kommt fünf Minuten später mit einem richtig guten Fernglas zurück: „Ist deins.“ So war er, mein Freund Michi. Jetzt ist Michael Lehner im Alter von 76 Jahren gestorben.

Michael als eine Type zu bezeichnen, wäre untertrieben. Er war DIE Type schlechthin. Ein Bayer durch und durch, aber stets mit der nötigen Distanz zum Schicki-Micki-München, für das er nur Verachtung übrig hatte.

Sein München, das war der Viktualienmarkt, den man besuchte, nicht weil man dort gesehen werden wollte, sondern weil es dort noch eine Leberkäs-Semmel gab, die so schmeckte, wie sie schmecken muss: herzhaft wie die Luft, die von den Bergen her weht, zünftig wie ein Lodenmantel, Kalorien hin oder her. Michaels München, das waren die Biergärten im Sommer und die Brauhäuser im Winter. Hauptsache, es gab was zu trinken – und zu essen sowieso.

Kennengelernt haben wir uns in den späten 60er-Jahren bei der Waiblinger Kreiszeitung. Schon als junger Journalist war Michael aus jenem Edelholz geschnitzt, aus dem gute Schreiber entstehen. Er konnte mit gespitzter Feder einen noch so banalen Satz zum Klingen bringen, indem er ihn, statt mit einem simplen Adjektiv zu versehen, mit einer einzigen Wortperle zu einem sprachlichen Gesamtkunstwerk formte.

Wer mit Michael diskutieren wollte, brauchte Zeit. Michael nahm sich die Zeit, immer, immer wieder und überall. Als ich ihn einmal auf dem Redaktions-WC dabei ertappte, wie er während einer seiner zahlreichen Diäten heimlich eine Dosenleberwurst mit dem Suppenlöffel verzehrte, erklärte er mir sichtlich angewidert die Nachteile einer reduzierten Kalorienaufnahme und wie viel wichtiger es doch sei, dass auch Kopf und Seele glücklich seien und nicht nur der Körper.

Ich kenne keinen Menschen, der bei so vielen Abspeck-Versuchen so wenig Gewicht verloren hat wie Michael. Michi und sein fülliger Körper, der immer nach gutem Essen und Trinken verlangte – das war ein Kapitel für sich.

Eigentlich hasste er Flugreisen und überhaupt vieles, was sich außerhalb des Dunstkreises seiner bayerischen Heimat abspielte. Und doch schaffte er es immer wieder, uns in Kanada zu besuchen – anfangs noch in Manitoba, später auch in Montreal. Zu meinem Fünfzigsten hielt er eine Rede, die den Saal zum Vibrieren brachte. Michael Lehners Wortgewalt war legendär, sein brachialer Bass sowieso. Ein raumfüllendes Mannsbild.

Ein brillanter Journalist war er, das auf jeden Fall. Jahrzehntelang war er Münchener Korrespondent der „Schwäbischen Zeitung“. Aber er war auch ein gewiefter Geschäftemacher, Einkäufer, Erfinder, Verkäufer und Marketing-Mensch.

Unvergessen, wie die Garage in Trudering zum Leidwesen seiner Familie aus allen Nähten platzte, weil der Hausherr irgendwo wieder einen Container Zahnbürsten, Kondome oder Krückenklammern preisgünstig erstanden hatte.

Ach ja, die Krückenklammern. Das waren kleine Haken aus Draht, die sich leicht an jeder Krücke befestigen ließen. Wohl zu oft hatte Michael beobachtet, wie mühsam es für Menschen sein muss, wenn an den Tisch oder an die Wand gelehnte Krücken zu Boden fallen. Die Krückenklammer war die Lösung, und den Slogan gab’s aus Michaels Textküche gratis dazu: „Nie mehr nach den Krücken bücken!“

Das Alter meinte es nicht gut mit meinem Freund. Er hatte einen Nierentumor und kaputte Herzklappen obendrein. Die letzten Mails schrieben wir uns aus dem Krankenhaus – er in Bayern, ich in Montreal.

Ich: „Wir denken ganz fest an dich, lieber Michi. Wir müssen uns noch ganz lange erhalten bleiben.“

Er: „Das sehe ich auch so, mein Freund. 100 werden ist halt auch nicht vergnügungssteuerpflichtig, schon gar nicht in diesen Zeiten. Lass uns einfach gelassen sein und zufrieden, wenn ab und zu was Schönes für uns kommt. Euer Michi.“

Das war’s. Viel Schönes kam danach wohl nicht mehr. Aber bei Michi weiß man es nie. Vielleicht konnte er ja seinem eigenen Sterben noch etwas Schönes abgewinnen.

Ich vermiss’ dich, Michi. Wie die Sau! Und nicht nur beim Nach-den-Krücken-Bücken.