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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Zwei Große: Götz und Bernd

Bernd und Bopp beim Bier in Leutkirch im Allgäu. Circa 2010

Für den Bruchteil einer Sekunde bin ich erschrocken. Wie er so sprach, sich bewegte, sich bei Diskussionen nicht wegduckte, auch wenn’s aussichtslos erschien – das war mein Freund Bernd, wie er leibt und lebt.

Doch Bernd lebt nicht mehr. Er ist vor mehr als sieben Jahren viel zu jung verstorben. Der Mann, in dem ich meinen alten Kumpel sah, war der Schauspieler Götz Schubert. Er spielt zurzeit in der wunderbaren ARD-Serie „Haus aus Glas“ das schwierige, höchst komplexe Familienoberhaupt.

Auch Bernd war nicht immer einfach. Aber er war aus einem Holz geschnitzt, wie man es in den Wäldern dieser Welt nur noch selten findet. Kernig, knorrig, hart oder auch weich und zum Schluss so fragil, dass der Baum knickte, sein Körper ihn im Stich ließ.

Bernd war ein Westfale, den es ins Allgäu verschlagen hatte und den das Allgäu nie mehr losließ. Gestorben ist er auf seinem Bauernhof in einem Dorf namens Bettelhofen. Dort, zwischen den sanften Hügeln der Voralpen, hat er jahrezehntelang gelebt.


Ein bisschen Bernd: Götz Schubert.
© Wikipedia

Gelebt, wohl gemerkt. Gearbeitet hat er in anderen Städten. In Baden-Baden, wo er bei SWF3 ein bekannter Rundfunkmoderator war. In Hannover bei Radio FFN. Und in Berlin, wo er jahrelang „der Frühstücksdirektor“ war, als den er sich mit der ihm eigenen Selbstironie bezeichnete. Dabei war er weit mehr als das.

Er war Chef des SAT1-Frühstücksfernsehen, das er aus dem Typus Gruß-August herausholte und ihm seine Handschrift gab, die bis heute nicht verblasst ist. Der Hund, der live und unkontrolliert durchs Fernsehstudio Gassi gehen durfte, wurde Kult. Er war Bernds Idee. Ein Hund, wenn auch ein anderer, läuft auch heute noch durch den TV-Set. Die Moderatorin Marlene Lufen hat es erst neulich erzählt, als sie bei „Inas Nacht“ zu Gast war.

Ich habe Bernd Dassel bei seiner Arbeit beobachtet – in Baden-Baden, in Hannover und auch in Berlin. Ein unanstrengender Chef war er sicher nicht. Aber stets authentisch war er, einschließlich des Krückstocks, mit dem er schon mal auf den Tisch haute. Die Stöcke mögen ihm körperliche Stütze gegeben haben, ausgebremst haben sie ihn nie.

„Unkaputtbar“ sei er, sagte er manchmal über sich. Ein Trugschluss, wie sich am 31. Oktober 2016 auf tragische Weise herausstellen sollte. Es war der Todestag meines Freundes.

Das alles ging mir jetzt wieder durch den Kopf, als ich Götz Schubert im Fernsehen sah. Herrn Schubert bin ich nie begegnet. Es würde mich aber nicht wundern, wenn er, der berühmte Schauspieler, sich darüber freuen würde, in einem Atemzug mit meinem Kumpel Börnie genannt zu werden.

Mehr über Bernd Dassel: Ein Mensch mit Geschichten

Ein Gastbeitrag von Doug Sweet

Dieses Silvester erinnert mich daran, wie viel sich in den letzten Jahren verändert hat. Es gibt zum Beispiel keine Fotos mehr von festlichen Menschenmengen, die den Place Jacques Cartier in Montreal verstopfen; die Organisatoren einer der größten Silvesterfeiern Nordamerikas haben kein Geld mehr. Es gibt immer noch Verkehr und Hupkonzerte in der Altstadt von Montreal, aber es ist definitiv nicht festlich.

Aber ich erinnere mich auch daran, wie ich früher zusammen mit allen anderen Neujahrswünsche an alle gepostet habe, gefüllt mit der Hoffnung auf Liebe, Frieden und Glück.

Dieses Jahr konnte ich das nicht. Während wir im Jahr 2023 einige wunderbare Momente in unserem Leben hatten (die Ankunft unseres Enkels Ethan steht ganz oben auf der Liste), fühlte sich fast alles andere düsterer an und ohne große Aussicht auf Besserung im Jahr 2024. Vielleicht war das ein unfairer Vergleich.

Politisch scheint sich alles überall im Katastrophenmodus zu befinden. In Québec hat die Bevölkerung den Fehler erkannt, François Legault 2022 eine zweite, noch größere Mehrheit zu verschaffen, und sich rasch von ihm und seiner willkürlichen Regierung distanziert. Legaults Absturz in den Umfragen verwandelt ihn nur in ein in die Enge getriebenes, verwundetes Tier, was ihn nur dazu verleitet, Dinge zu tun, die er nicht tun sollte, einschließlich der Pflege seines lange gehegten Grolls gegen jeden, der nicht französischsprachig geboren wurde.

In Kanada scheinen wir aufgrund einer unglücklichen Wahl der Regierungschefs auf eine konservative Regierung zuzusteuern, deren einziges erkennbares politisches Ziel darin besteht, uns im Kampf gegen den Klimawandel zurückzudrängen, indem sie die Kohlenstoffsteuer abschafft und durch… nun, wer weiß? Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich unsere Klimakrise auch nur ein bisschen entspannen wird.

In den USA verspricht ein weiteres deprimierendes Duell zwischen zwei ungeeigneten Führungspersönlichkeiten – von denen die eine ihr Haltbarkeitsdatum längst überschritten hat und die andere gar nicht erst auf dieses hohe Regal hätte gesetzt werden dürfen – noch mehr Chaos und Besorgnis, mit Anflügen von Gewalt und einer tieferen Spaltung einer mächtigen Gesellschaft.

Frieden in der Welt? Sowohl in Israel/Gaza als auch in der Ukraine sind die Aussichten so düster und scheinbar hoffnungslos wie immer. Verkleinerung der Kluft zwischen Arm und Reich? Träumen Sie weiter.

Vielleicht wird es unerwartete Durchbrüche in der medizinischen Wissenschaft geben – die Heilung für Krebs, eine plötzliche wirksame Behandlung für Alzheimer oder Diabetes oder ADHS oder….

Ich denke, das Beste, worauf wir zu Beginn des neuen Jahres hoffen können, ist, dass wir angenehm und unerwartet überrascht werden.

Ein Selfie mit dem Christkind

Josef zückt das Handy zum Selfie. Maria formt das Victory-Zeichen. Die Heiligen Drei Könige beliefern das Jesuskindlein mit Amazon-Paketen auf dem Segway. Willkommen in der Montrealer Hipster-Krippe!

Zu sehen ist die schräge Hüttenszene zurzeit im Oratoire St.Joseph, einer riesigen Pilgerstätte im Norden der Stadt. Dort werden jedes Jahr zu Weihnachten 100 Krippen aus aller Welt ausgestellt. Aus Porzellan und Holz, aus Messing und Kork, aus Stoff, Stroh und Pappe.

Und jetzt eben ein Stall mit Photovoltaik-Dach, eine Maria mit einem Becher Starbucks-Kaffee in der Hand und einem Schaf, das glutenfreies Heu frisst. Versteht sich von selbst, dass die Kuh biofreundlich aufgewachsen ist.

Bethlehem digital – warum nicht? Jesus sei ja hoffentlich nicht nur für diesen einen Moment auf die Welt gekommen sondern auch für die nachfolgende Ewigkeit, sagte mir heute Nachmittag ein Junge, der mit seiner Schulklasse vor Ort war. Und zur Ewigkeit gehören eben auch Selfies und Amazon-Pakete.

Ganz unumstritten ist die Hipster-Krippe nicht. Es hagelt Proteste aus vielen Richtungen. Aber die Katholische Kirche, die das Pilgerzentrum unterhält, denkt bislang nicht daran, die Szene aus dem Ausstellungsangebot zu nehmen. Im Gegenteil: Die Hipster-Krippe ist zum Medienspektakel geworden, es wird mit einem Besucherrekord gerechnet.

   Die Kult-Krippe ist zwar die am meisten Beachtete, aber bei weitem nicht die Einzige, die zurzeit im Oratoire St. Joseph ausgestellt wird. Eine kleine Auswahl der anderen Krippen aus aller Welt finden Sie weiter unten.

Venezuela

Schweiz

Nepal

Bangladesch

Israel

Zambia

Lesoto

Burkina Faso

Nigeria

Ghana

Unbekannt

Ägypten

Brasilien

Costa Rica

Weissrussland

Malta

Unbekannt

Drei Millionen Pilger besuchen jährlich das Oratoire St. Joseph in Montréal.         Fotos: © Bopp

Falls Ihnen das Foto vom Oratoire St. Joseph bekannt vorkommt: Richtig! Hier spielte sich auch die Story vom gestohlenen Herzen ab, von der hier vor langer Zeit mal die Rede war.

Fast eine Weihnachtsgeschichte: Die Helden von der Notaufnahme

© CANVA

Sie habe, sagt die junge Frau im hellblauen Kittel, ihre beiden Kinder seit einer Woche nicht mehr gesehen. „Um 4:30 Uhr gehe ich aus dem Haus, vor 21 Uhr bin ich selten zurück“. Sie arbeite, wie so viele Krankenschwestern in diesen Tagen, zwei Schichten hintereinander. Wegen des Streiks um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen seien wertvolle Stunden verloren gegangen. Die müssen jetzt nachgeholt werden.

Ein Tag in der Notaufnahme eines Montrealer Krankenhauses lässt dich demütig und voller Respekt zurück. Aber auch wütend.

Warum ich am Mittwoch 15 Stunden im „Emergency Room“ des Jüdischen Krankenhauses in Montreal verbringen musste, tut hier nichts zur Sache. Es war dringend genug, um morgens um vier ans andere Ende der Stadt gefahren zu werden.

Die Notaufnahmen der Montrealer Krankenhäuser sind hoffnungslos überfüllt. Es fehlt an Personal und an Geld. Es fehlt auch an Equipment und Menschen, die diese Geräte bedienen können. Eine miserable Gesundheitspolitik hat sich im Laufe der Jahre zu einer Katastrophe hochgeschaukelt. So schlimm sind die Zustände, dass ein leitender Notfall-Mediziner jetzt vor einem vollständigen Kollaps des Systems warnte.

Dass mein Notfall dazuhin noch mitten in die Weihnachtszeit platzte, ließ sich leider nicht verhindern. Ich wurde zu einem der Patienten, die „unser Gesundheitssystem oft unnötigerweise verstopfen“, wie sich Gesundheitsminister Christian Dubé zu sagen erdreistet.

Ich mitten in der Nacht unnötigerweise in der Notaufnahme? Eher nicht.

Wie viele Patienten vor mir waren, kann ich nicht sagen. 70 vielleicht? Oder auch 100? Ich habe sie nicht gezählt. Ich weiß nur, dass die Ärztin, die mich morgens kurz vor fünf durchcheckte, abends noch immer im Dienst war, als ich gegen 18 Uhr das Krankenhaus verließ. Auch die Krankenschwester, die mir im Morgengrauen Blut abzapfte, fegte in der abendlichen Dunkelheit noch immer durch die Gänge. Und sie lächelte.

Als ich mich, weil ich im Eifer tatsächlich meine Stöcke im Empfangsbereich vergessen hatte, mühsam zum Scan schleppte und mich eine Pflegerin humpeln sah, packte sie ihr Sandwich wieder in die Tasche, schnappte einen Rollstuhl und schob mich über zwei Etagen. Stimmt, sagte sie leise, es sei ihre Mittagspause. „Aber ich kann Sie doch nicht einfach so durch die Gänge humpeln lassen!“

Demut ist ein Wort, das mir an diesem Tag mehr als einmal in den Sinn kam.

Irgendwann tönt ein Alarm aus dem Lautsprechersystem. „Code Lavender. Meet in Room 608“. Code Lavendel? Treffen im Zimmer 606? Eine Internet-Recherche schafft Klarheit. „Code Lavender“ ist das Stichwort, wenn ein Pfleger, eine Krankenschwester oder auch ein Arzt unter der psychischen Last zusammengebrochen ist. Es ist ein Hilferuf an Kolleginnen und Kollegen, sich in dem besagten Raum einzufinden und Beistand zu leisten. Durch aufmunternde Worte, eine Umarmung, ein Schulterklopfen. Oder auch nur durch ein Lächeln.

Während meines etwa 15stündigen Aufenthalts in der „Emergency“ des „Jewish Hospital“ wurde „Code Lavender“ zweimal ausgerufen.

Es ist jetzt irgendwann um die Mittagszeit. Ich sitze schon seit fast sieben Stunden in der Notaufnahme, bin am Einnicken. Ich wache auf, als meine Stöcke zu Boden fallen. Eine Krankenschwester ist schneller als ich, hebt sie auf und fragt mich, ob sie mir etwas zu Essen bringen könne. „Nein, danke“, sage ich. Sie lächelt, streicht mir über den Arm. Dann rennt sie zu einer Frau, die angefangen hat, vor Schmerzen zu schreien.

© Bopp

Ein Übersetzer in Hindi wird über die Lautsprecheranlage gesucht. Eine pakistanische Familie, Neuankömmlinge in Kanada, kann sich nicht mit dem behandelnden Arzt unterhalten. Die Hindi-Dolmetscherin ist innerhalb von 15 Minuten da. Sie ist nicht die Einzige, die heute bei Sprachproblemen hilft. Ein spanischer Dolmetscher wird gesucht – und gefunden. Später noch ein portugiesischer.

Ich staune voller Ehrfurcht, wie in diesem Tohuwabohu von schreienden Patienten, weinenden Müttern und überarbeitetem Krankenhaus-Personal doch noch alles funktioniert. Die Zahnräder sind gut geölt, die Menschen willig bis zur Selbstaufgabe.

Tapetenwechsel. Ich finde eine hübsche Ecke mit einem Großbild-Fernseher und einer Handy-Ladestation. Ich mache es mir gemütlich, höre Musik und wundere mich, dass ich der Einzige bin, der sich dieses lauschige Plätzchen ausgesucht hat. Ich rieche den Grund dafür. Ich sitze über Erbrochenem, die braune Masse daneben stinkt fürchterlich.

Ich benachrichtige einen Reinigungsmann, der gerade an mir vorbeirauscht. Er schüttelt hilfesuchend den Kopf. Er könne bei allem guten Willen nicht überall gleichzeitig sein.

Später treffe ich ihn wieder, diesen Mann. Er ist um die 40 und kommt aus El Salvador. Er und seine Frau arbeiten seit 22 Jahren im Jewish Hospital, einem der größten der Stadt. Jeder von ihnen verdient um die 30.000 Dollar im Jahr.

30.000 Dollar. Das ist genau die Summe, die sich im vorigen Sommer die Abgeordneten der Quebecer Landesregierung als Gehaltserhöhung genehmigt haben. Als GehaltsERHÖHUNG.

Am Abend wird eine Pressekonferenz des Gesundheitsministers im Fernsehen ausgestrahlt. Christian Dubé appelliert „an die Menschen da draußen“ nicht wegen jedem Schnupfen, wegen jeder Erkältung die Notaufnahme der Krankenhäuser aufzusuchen. „Sonst bekommen wir dieses Problem nicht in den Griff“.

© CANVA

Echt jetzt? Das soll die Lösung für diese Katastrophe im Gesundheitswesen sein? Es sind nicht die Kranken, die das System an den Rand des Kollaps gebracht haben. Es sind die Politiker, die ihre Prioritäten nicht auf die Reihe bekommen. Die eine Kommission nach der anderen ins Leben rufen, um die Fehler früherer Kommissionen zu kaschieren. Und sich mal kurz die Taschen um 30.000 Dollar voller machen, während das Krankenhauspersonal auf die Straße geht, um für ein paar Kröten mehr zu demonstrieren. Und hinterher dafür Doppelschichten arbeiten muss. .

„Ich möchte meine Kinder wenigstens zu Weihnachten sehen“, hatte mir die junge Frau gesagt, die seit einer Woche doppelte Schichten fährt. „Aber ich bin nicht sehr optimistisch, dass es klappt“.

Man könnte schreiend davonlaufen.

Ich habe lange gezögert, meine Erfahrungen in der Notaufnahme niederzuschreiben. So kurz vor Weihnachten, wo doch Glückseligkeit und Jingle-Bells angesagt sind.

Ich habe es trotzdem getan. Und irgendwo ist jetzt doch noch eine Art Weihnachtsgeschichte daraus geworden.

Passend zum Thema: Québec – Wo ist der Aufschrei?