Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com
So ganz politisch korrekt ist der Begriff „Indianersommer“ ja nicht mehr. Dabei ist es so ein schönes Wort. „Altweibersommer“ trifft es zwar auch, klingt aber weitaus weniger charmant – und entspricht möglicherweise ebenfalls nicht mehr der political correctness, die uns das Leben nicht gerade einfacher macht.
Egal. Gemeint sind jedenfalls die warmen, sonnigen Tage und kühlen Nächte nach einer Kälteperiode oder dem ersten Frost. Sie sorgen dafür, dass die Laubbäume in den Mischwäldern eine besonders intensive Farbpalette zeigen, geprägt von Rot-, Orange- und Gelbtönen. Hier in Québec bezeichnet man dieses Farbenspiel auch als „Foliage“.
Im Süden der Provinz, in der wir leben, leuchten die Farben nicht ganz so intensiv wie nördlich von Montréal, zum Beispiel in der Hügel- und Berglandschaft der Laurentiden. Aber wir verbringen mittlerweile nicht mehr viel Zeit in der Blockhütte am Lac Dufresne, dafür umso mehr auf Cassians Farm an der kanadisch-amerikanischen Grenze. Dort sind die meisten Fotos entstanden, die Sie heute sehen.
Ein paar Aufnahmen habe ich in Downtown Montréal gemacht. Das appetitliche Gourmetfoto entstand in einer Dorfkneipe, deren Spezialität Fish & Chips sind. Zur Feier des Tages – wir hatten Freunde aus Deutschland dabei – gab es als Beilage ausnahmsweise mal „Poutine“, eine Art Nationalspeise der Québecer: Pommes mit geschmolzenem Käse und einer braunen Sauce darüber. Muss man nicht unbedingt haben, kann man aber. Dem Vernehmen nach hat es vorzüglich geschmeckt.
Wie fühlt es sich an, wenn man von heute auf morgen zum Popstar wird? Interviews, Groupies, Hotelsuiten, die größer sind als das eigene Apartment daheim? Wenn eine Melodie, die einem an einem verregneten Sonntag in den Kopf gekommen war, während man auf die Freundin wartete, die Charts stürmt und zum Welthit wird?
Genau das ist Peter Freudenthaler mit seiner Band „Fools Garden“ in den 90er-Jahren passiert. Lemon Tree hatte die Buben aus dem Schwarzwald berühmt gemacht. Jetzt schreibt er in seinem Buch „Mein Leben als Zitronenbaum“ darüber: einfühlsam, authentisch, spannend und immer unterhaltsam. Zusammen mit der Autorin Michaela Fröhlich nimmt der Musiker und Songwriter seine Leserinnen und Leser auf eine beeindruckende Zeitreise mit.
„Ich werde oft gefragt“, schreibt der inzwischen 62-jährige Peter Freudenthaler im Vorwort zu seinem Buch, „in welchen Momenten meines Lebens ich am glücklichsten war. Viele vermuten, es müsse die Zeit gewesen sein, als Lemon Tree auf Platz eins der Charts stand. Doch genau das war es nicht, im Gegenteil: Es war eher ein Moment des Schreckens. Ich dachte nur: ‚Um Gottes willen, was passiert hier gerade!?‘ Wir hatten so lange auf diesen Erfolg hingearbeitet, und plötzlich war er da, ganz real: Wir waren Popstars. Und da standen sie vor mir, die Geister, die ich rief. Goethes Worte hallten in meinem Kopf. Der Traum war wahr geworden, doch er hatte mich überrollt – stärker und schneller, als ich es mir je hätte vorstellen können.“
Was die Buchbesprechung eines Popstars der 90er-Jahre in den Bloghausgeschichten zu suchen hat? Peter Freudenthaler und ich sind miteinander in Kontakt, nachdem er in dem Podcast „SWF3 – Das Phänomen“ dem Interviewer Gregor Glöckner erzählt hatte, wie ihn plötzlich Briefe von Hörern aus der ganzen Welt erreichten. Im Buch erzählt der „Lemon Tree“-Sänger jetzt auch meine erste Begegnung mit seinem Welthit:
„Viele Menschen verbinden mit dem Song besondere Geschichten und Erlebnisse. Oder er begegnet ihnen an ungewöhnlichen Orten. Auch dazu erreichen mich immer wieder Nachrichten aus der ganzen Welt. Oftmals sehr berührend, wie die von Herbert Bopp, einem deutschen Journalisten mit Wohnsitz in Kanada, der mir folgende Mail zukommen ließ:„Ich war Mitte der 90er-Jahre mit dem GHAN-Train von Adelaide durchs australische Outback Richtung Alice Springs unterwegs. 24 Stunden durch die Wüste. Ursprünglich hatte ich wegen der langen Strecke ein First-Class-Ticket gebucht, aber dort war die Stimmung eher überschaubar. Also bin ich in den Speisewagen der dritten Klasse gewechselt – der tatsächlich ‚Waltzing Matilda‘ hieß. Was ich dort gesehen habe, werde ich nie vergessen: Ein Aborigine saß auf dem Boden und spielte ‚Lemon Tree‘ auf dem Didgeridoo, neben ihm ein Kerl mit dem Bongo. Um sie herum tanzten, klatschten und sangen Menschen aus aller Welt – Backpacker, Goldgräber, Abenteurer, Geschäftsleute und auch ein kanadischer Journalist mit deutschen Wurzeln.“
Noch einen weiteren lokalen Bezug habe ich in Peters Buch gefunden. Nicht sehr schmeichelhaft, aber amüsant zu lesen, schreibt Peter Freudenthaler über einen Auftritt in der Fachhochschule Biberach:
„Die Stimmung im Publikum pendelte zwischen höflicher Zurückhaltung und demonstrativem Warten auf den nächsten Drink. Nur bei einem Song kam plötzlich Bewegung in die Menge, ausgerechnet bei unserem einzigen Cover: Every Breath You Take von The Police. Kaum erklang das markante Riff, wurde getanzt und mitgesungen. Danach waren wir wieder eher die musikalische Begleitung für Menschen, die sich über das letzte Mathe-Skript unterhielten.Für uns war dieser Abend eine Lektion in Sachen Realitätsabgleich. Aber wir zogen auch diesen Auftritt durch, mit zusammengebissenen Zähnen und dem festen Willen, unseren Weg weiterzugehen. Rückblickend waren gerade diese Konzerte wichtig. Sie stärkten uns und härteten uns ab. Und sie machten uns klar, dass wir das hier nicht machten, um allen zu gefallen, sondern weil wir wussten, dass da etwas war, das wachsen wollte.Und als der Auftritt endlich vorbei war, waren wir alle heilfroh, Biberach den Rücken zu kehren.“
Es sind Anekdoten wie diese, die Peter Freudenthalers Buch so lesens- und liebenswert machen.
Hier ein aktuelles Interview mit der SWR-Landesschau Baden-Württemberg zum Erscheinen von „MEIN LEBEN ALS ZITRONENBAUM“
Wer Dennis Wallace in diesen Tagen bei der Arbeit sucht, muss sich zuerst durch dicke Staubschwaden kämpfen – schwere, gelbbraune Wolken, die den Farmer einlullen..Es ist Erntezeit in der Montérégie, dem landwirtschaftlichen Gebiet an der kanadisch-amerikanischen Grenze. Hier bewirtschaften Dennis und Kathy Wallace ihre Farm. Cassians Gehöft liegt in unmittelbarer Nachbarschaft.
Heute waren die Sojabohnen an der Reihe. „Mäßige Ernte“, grummelt Dennis hinter dem Lenkrad seines Mähdreschers, einer Art Feldfabrik auf Rädern. Mit der linken Hand steuert er das Lenkrad, mit der rechten den Joystick.
Es piept, hupt, pfeift und vibriert. Gerät der Mähdrescher aus der Spur, wird nachjustiert. Schiebt sich ein Erdhügel unter die gigantische Maschine, ertönt ein Warnsignal. So viel Technik ist störanfällig – und Reparaturen kosten nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Davon können Farmer wie Dennis in diesen Tagen nicht genug haben.
Die nicht enden wollende Trockenheit ist schuld daran, dass weniger Sojabohnen geerntet werden als sonst. Was für die einen der Traumsommer ’25 war, ist für Farmer wie Dennis eine Saison mit viel Luft nach oben.
Ein Glück, dass die Wallaces breit aufgestellt sind. Neben Soja bauen sie Mais, Weizen, Roggen und grüne Bohnen an – insgesamt auf 530 Hektar Ackerland. Dazu kommen 165 Hektar Wald – auch für kanadische Verhältnisse beeindruckende Zahlen.
An Tagen wie diesem läuft alles wie ein Uhrwerk. Der Maschinenpark ist gepflegt, jede Schraube sitzt, jedes Zahnrad ist gefettet. Die Erntehelfer, darunter Kathy, Dennis’ Frau, und sein Bruder, der nebenbei Schafe hält – arbeiten Hand in Hand, jeder Griff sitzt wie eingeübt.
Der Mähdrescher selbst wirkt wie ein technisches Wunder. Vorn schneiden die rotierenden Messerreihen das Getreide, im Bauch der Maschine werden die Bohnen aus den Schoten gelöst. Durch das lange Überladerohr schießt das Erntegut in den neben der Maschine fahrenden Anhänger. Der Rest der Sojapflanzen landet kleingehäckselt als Dünger auf dem Acker.
Ist der Korntank dann gefüllt, setzt sich der Tross in Bewegung, rollt zu den Silos auf dem Farmgelände. Dort werden die Bohnen computergesteuert bis zur Perfektion getrocknet, ehe die Händler sie in riesigen Lastwagen abholen.
Doch es ist nicht nur die Ernte selbst, die Geschick verlangt. Auch der Weg von Feld zu Feld will geplant sein. Wenn die riesigen Maschinen über die Landstraßen ziehen, gehört die Fahrbahn ihnen allein. Vorbeifahren? Unmöglich. Die Anwohner der Farmen kennen das ungeschriebene Gesetz, das zur Erntezeit gilt: Der Farmer hat Vorfahrt. Immer!
Ein paar Stunden im Cockpit des Mähdreschers – diesem millionenschweren Koloss aus Stahl und Glas – und der Moloch Montreal, kaum eine Dreiviertelstunde nördlich, ist plötzlich ganz weit weg. Er versinkt hinter Staubschleiern, dem Dröhnen der Motoren und der heißen Spätsommersonne.
Was bleibt, sind die Weite, die Felder, das Surren der scharfen Messer, das Flimmern in der Luft und das Gefühl, einmal etwas ganz Besonderes zu sein: Herr der Felder.
Es ist schon sehr lange her – 26 Jahre, um genau zu sein –, da kam ich auf die Idee, meinen journalistischen Bauchladen um ein Medium zu erweitern, das ich bis dahin noch nicht bedient hatte: Filme machen. Gleich in meinem allerersten Film stand eine Frau im Mittelpunkt, die heute im Alter von 91 Jahren gestorben ist: Jane Goodall, die legendäre Schimpansenforscherin.
Das Thema, das ich mir für diesen ARD-Beitrag ausgesucht hatte, war spannend, aber düster zugleich. Es ging um ein Altersheim für HIV-infizierte Schimpansen, die ein kanadisches Ehepaar aus medizinischen Versuchsanstalten in den USA befreit hatte. Dort sollten die Tiere zu Tode getestet werden.
Die kanadischen Aktivisten – ein Tierarzt und seine Frau – hatten das getan, was als „petnapping“ bekannt wurde: eigentlich strafbar, aber nicht nur unter Tierfreunden begeistert gefeiert.
Ich reiste mit einem kleinen Kamerateam an die kanadisch-amerikanische Grenze, unweit von Lacolle – dort, wo Cassian heute seine Farm hat. Was uns erwartete, war ein eigentlich schöner Anblick, aber auch ein tieftrauriger.
Schön, weil die Tiere in blitzsauberen, freundlichen und geräumigen Käfigen untergebracht waren, wo sie viel Liebe erfahren durften. Traurig, weil klar war, dass die fünfzehn Schimpansen nicht mehr lange zu leben hatten. Die beiden Aktivisten hatten sich vorgenommen, den Tieren einen möglichst schönen Lebensabend zu bereiten.
Manche von ihnen waren nicht nur mit HIV infiziert worden, sondern auch mit anderen Krankheiten, die zum sicheren Tod führten. Getestet worden waren die Schimpansen in Labors unter anderem für die Kosmetikindustrie.
Um den Film vom Boulevard-Niveau abzugrenzen, dem so ein Thema leicht zugeordnet werden könnte, hatte ich mir als seriöse Komponente eine Begegnung mit der bekanntesten Schimpansenforscherin der Welt vorgestellt. Kaum zu glauben, dass Dr. Jane Goodall auf meinen Anruf in London hin spontan zusagte, mir für ein Gespräch zur Verfügung zu stehen.
Bis zu dem Interview mussten wir uns allerdings gedulden. Dr. Goodall wollte den Besuch im Schimpansen-Seniorenheim mit einer Lesung in Toronto verbinden, so dass sie nicht eigens nach Kanada reisen musste.
Für uns war das kein Problem. Schließlich gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal einen Abnehmer für meinen ersten Film – ich hatte ihn auf eigenes Risiko vorfinanziert und produziert.
Das alles musste Jane Goodall ja nicht wissen. Wir hatten innerhalb des Aufnahmeteams vereinbart, den Ball flach zu halten. Die offizielle Version lautete: „This is going to be a film for German television“. Und genau so war es schließlich.
Mit einem Minivan holten wir Jane Goodall in ihrem Hotel in Montreal ab. Die Fahrt zu der Farm der beiden Aktivisten dauerte etwa eine Stunde – genug Zeit also, um mit der Forscherin aus London warm zu werden. Ihre bescheidene Herzlichkeit beeindruckte mich sofort. Und: Sie konnte zupacken!
Auf der Farm der beiden Tierschützer angekommen, zögerte Madame Goodall nicht lange, die Regie meines Filmes mehr oder weniger selbst in die Hand zu nehmen. Es war ihre Idee, in einen der Käfige zu steigen, um mir von dort aus ein Interview zu geben. Weil die Affen alle an Krankheiten litten, die leicht durch Körperflüssigkeiten übertragen werden konnten, blieb ich draußen und hielt Jane Goodall das Mikrofon durch das Gitter hindurch vor ihr Gesicht.
Es waren denkwürdige, bange Minuten für uns als Team, bis die Szene abgedreht war. Aber Madame Goodall behielt bis zur letzten Frage eine Ruhe, die mich tief beeindruckt hat.
Dass ich den Film nach der Fertigstellung tatsächlich an die ARD verkaufen konnte, hatte – davon bin ich überzeugt – mit Sicherheit auch damit zu tun, dass die Protagonistin meiner ersten Doku eine weltberühmte Schimpansenforscherin war.
So gesehen war Jane Goodall die wichtigste Initiatorin meiner überschaubaren Karriere als Filmemacher. Einige weitere Filme sollten folgen – sie liefen alle im deutschen Fernsehen –, doch mein Herz gehörte dem Radio. Für den Rundfunk habe ich bis zum Schluss meiner aktiven Reporter-Laufbahn noch viele tausend Beiträge gemacht.
Eine Kopie des Films mit Jane Goodall hatte ich auf VHS gespeichert. Bei einem meiner zahlreichen Umzüge muss die Kassette verschwunden sein. YouTube und andere Video-Plattformen gab es zu dieser Zeit noch nicht, also ist er auch online nicht zu finden.
Beim Stöbern in meinem bescheidenen Archiv bin ich auf ein Arbeitsmanuskript gestoßen, das ein paar Drehbuch-Passagen aus dem späteren Film enthält.
Hier ist es als PDF in einer unfertigen Rohfassung:
Ein Sommerherbst in Montreal. Tagsüber heiß, nachts angenehm kühl. Das Laub verfärbt sich langsam – wie hier am Alten Hafen, wo der Sankt-Lorenz-Strom zur Spielwiese wird.
Nach und nach finden auch die weißen Riesen wieder ihren Weg nach Montreal: Kreuzfahrtschiffe mit bis zu zweieinhalbtausend Passagieren, die sich von Montreal aus auf den Weg zur Küste Neuenglands machen oder den St.-Lorenz-Strom hinunter nach Québec City, Tadoussac und bis nach Halifax.
Wer an Land bleibt, wird belohnt: mit einer Open-Air-Veranstaltung am Lachine-Kanal, wo Lieder und Gedichte zum Besten gegeben wurden. Bei einem Besuch im Gartenrestaurant des früheren „Hotel Nelson“ am Place Jacques-Cartier. Mit einer Kajak-Parade in Griffintown, einer chinesischen Oper auf einem ruhigen Plätzchen zwischen den Restaurants von Chinatown, einer Verschnaufpause am „Philips Square“ im Stadtzentrum. Oder bei Kaffee und Brioche im gepflegten Café „Aux Merveilleux de Fred“ an der Rue St. Denis. Oder einem Spaziergang entlang der Nationalen Theaterschule am Boulevard St. Laurent.
Oder mit panierten Schnitzeln und schwäbischem Kartoffelsalat à la Lore.
Stellenanzeige an einem Laternenpfosten in Chinatown. „Leichte Arbeit auch für ungelernte Kraft“