Guten Morgen, böser Winter!

Heute früh in St. Henri: Old Man Winter ist da!

Da ist er wieder: der böse, verhasste, geliebte, ersehnte, verdammte Winter. Der erste heftige Schneefall des Jahres hat viele hier kalt erwischt. Dabei war er schon vor Tagen angekündigt worden. Aber was nicht sein darf, kann nicht sein. Doch, es kann sein, und es ist so: Winterbeginn in Kanada.

Dabei war es vor ein paar Tagen noch mollig warm, die Radler kurvten am Kanal entlang, selbst einige Straßencafés waren noch geöffnet. Damit ist seit heute früh Schluss: Schnee, Eis und noch mehr Schnee.

Die Folge: Stromausfall für Hunderttausende (wir sind bisher nicht dabei!), weil die meisten Bäume noch dicke Blätter tragen. Die Äste knicken unter der Schneelast zusammen und legen sich auf Elektroleitungen, die in vielen Teilen der Stadt noch immer über der Erde verlaufen – das perfekte Rezept für „power outages“.

Poppys erster Schnee!

Mit Winter kennen sich Kanadier eigentlich aus. Und doch waren nicht alle auf den plötzlichen Schneefall vorbereitet. Laut Gesetz müssen hier Winterreifen spätestens am 1. Dezember aufgezogen sein. Viele warten bis auf den letzten Drücker – jetzt rächt es sich, nicht schon früher einen Termin in der Werkstatt gemacht zu haben.

Allan, der Schrauber meines Herzens, war weitsichtig genug, mich rechtzeitig auf den Wintereinbruch vorzubereiten. „Komm vorbei“, rief er mich neulich an, „dann musst du dich nicht mit den anderen in die Schlange stellen, wenn es schon zu spät ist.“ Danke, Allan!

Viele Kanadier lieben ihren Winter. „We are winter people“, sagt Monsieur Bertrand vom Lac Dufresne, wenn man sich bei ihm mal wieder über Eis und Schnee ausheult. Im Winter rücken die Menschen näher zusammen, heißt es. Mag sein, aber noch näher geht nicht. Im Winter geht man Skifahren, Eishockey spielen und Schlittschulaufen. Mag auch sein, aber heute sehe ich mir Wintersport lieber im Fernseher an.

Meine ersten Winter in Kanada waren wild, besonders während meiner Zeit in Winnipeg. Sie waren hart, exotisch und hatten einen hohen Gesprächswert. Heute ist die Exotik verblasst, meine Wintergeschichten braucht keiner mehr.

Mallorca wo bist du, wenn man dich am meisten braucht?

Downtown Montreal am 11. November 2025 (Screenshot CTV)
Nachbarschaftshilfe made in Montreal. (Screenshot LaPresse)

Unser 29. Thanksgiving-Dinner

Traditionen sollten gepflegt werden. Eine von ihnen ist uns besonders wichtig: das jährliche Thanksgiving-Dinner mit unseren Freunden Marjolaine und Doug. Gestern war es wieder soweit – fast einen Monat nach dem kanadischen Erntedankfest.

Die Verspätung hatte gute und weniger gute Gründe. Die guten: Doug und Marjo waren in Peru unterwegs. Die weniger guten: Auf ihrer Reise hatten sie sich einen Infekt zugezogen. Den sollte man bei aller Liebe dann doch nicht mit seinen Freunden teilen.

Das Essen selbst läuft immer nach demselben Muster ab: Vorspeisen, gefüllter Turkey, Kartoffelpüree und Squash, ein kürbisähnliches Gemüse. Dazu Cranberries und peruanischer Spargel. Für die Nachspeise sorgte dieses Mal Cassian: Kürbiskuchen, stilecht aus dem Backofen seiner Farm, frisch auf den Tisch in der großen Stadt.

Das gemeinsame Thanksgiving-Dinner fand jetzt schon zum 29. Mal statt. Diesmal gab es eine Premiere: „Poppy“ war Teil der Festgemeinde. Die Kleine zeigte sich mit ihren gerade mal 5 Monaten von ihrer besten Hundeseite – wohl ahnend, dass vielleicht auch sie künftig zur Thanksgiving-Tradition gehört, wenn sie sich anständig benimmt.

Mission accomplished!

Eine ganze Seite UBER-Stories

„Fährst du eigentlich noch Uber?“ Kaum eine Frage höre ich öfter als diese. Die Antwort: Nein, ich fahre keine fremden Menschen mehr durch die Millionenstadt Montreal. Nach gut 1000 Passagieren mit fast ebenso vielen Geschichten war Schluss. Eigentlich sollte daraus ein Buch werden, aber dann kam das richtige Leben dazwischen: ein Krankenhausaufenthalt, in der Folge nachlassende Konzentration. Sicherheitsbedenken. Das war’s dann mit meiner Uber-Karriere. Die Erinnerungen bleiben. Damit auch Sie hin und wieder in meinen Uber-Stories blättern können, habe ich einige von ihnen noch einmal auf einer Seite zusammengefasst. Sie finden Sie oben im Menü, unter dem Bannerfoto.

Und siehe da: Es wurde Licht

Dichtender Schiller mit duftenden Äpfeln – eine Auftragsmalerei von ChatGPT

Zehn Stunden kein Wasser, 24 Stunden kein Strom – aber wir leben noch! Wer genau schuld an der Panne ist, bleibt das Geheimnis der Baggerfahrer und Buddler, die uns vermutlich die Chause eingebrockt haben. Rechtzeitig zum Einbruch der Dunkelheit war der Strom wieder da. Eine Bilanz:

Mein Anruf beim Stromversorger heute Morgen um 4:30 Uhr endete unbefriedigend. Gerade als der freundliche Kundenberater beginnen wollte, mir mit der Langmut, die an den Verfasser des „Hundertjährigen Kalenders“ erinnert, den Sachverhalt zu erklären, machte die Handy-Batterie schlapp.

Die konnte übrigens – dank Lores genialem Geistesblitz aus der Ferne – an einer ganz bestimmten Steckdose, die wohl auch bei Stromausfall im Flur funktioniert, geladen werden.

Und da die Goldgrube erst einmal gefunden war, schloss ich gleich noch die Nespresso-Maschine an und lud die Damen auf unserem Stock – ja, es sind ausschließlichh Damen – morgens um sieben zum Kaffeekränzchen ein.

An der Dunkelheit im kalten Apartment änderte das allerdings nichts. Statt das Martyrium in den eigenen vier Wänden auszusitzen, die zusehends kühler wurden, ging es fast den ganzen Tag in die wohl temperierte Montrealer Underground City. In der Stadt unter der Stadt gibt es hunderte Geschäfte, Restaurants, Kinos, Arztpraxen und sogar Zugang zu Kirchen und Fünf-Sterne-Hotels. Und Steckdosen, um den Akku des Handys wieder auf Vordermann zu bringen!

Ganz so pragmatisch denkt mein kluger Freund Peter nicht. Dr. Peter, den mein kaum weniger kluger Freund Frank einmal als „den letzten noch lebenden Universalgelehrten“ bezeichnete, schickte mir akademische „Halte-durch!“-Grüße – nicht ohne dabei in seine üppig gefüllte Schatzkiste literarischer Weisheiten zu greifen.

Die möchte ich hiermit, ohne ausdrückliche freundliche Genehmigung des Verfassers, weitergeben:

„Wo bleibt das Licht in der Finsternis, das uns die Bibel verspricht? Wohl nicht aus dem Osten, wo es traditionellerweise herkommen sollte. Das gibt eine Idee, wie unsere großen Dichter anno dazumal gearbeitet haben: mit einer Funzel, dicker Jacke, denn geheizt wurde sicher nur im Wohnzimmer. Um nicht völlig abzuschlaffen, ließ sich Schiller immer von einer Schale frisch duftender Äpfel inspirieren. Und der Weimarer Meister trabte auf und ab durch sein Arbeitszimmer und diktierte dabei seinem Sekretär, mit und ohne Kerzenlicht. Und wer spitzte die Federn an? Wie kriegte man die Tintenflecke an den Fingern weg? Gab es schon Notizblöcke & Zettelkästen?“

„Wäre doch mal ein Thema für dich“, frotzelt der Universalgelehrte noch in die Dunkelheit hinein, „schließlich wolltest du doch immer mal promovieren.“

Promovieren sicher nicht – aber aufschreiben will ich, was ist und was war. Das sei hiermit geschehen.

Dunkel, kalt und ohne Wasser

Ein bisschen wie bei Spitzweg: Der arme Poet bloggt im Kerzenlicht.

„Man möchte schreien, man möchte toben“, fluchte ein früherer Zeitungskollege manchmal durch die Redaktionsräume. Einmal, so wird erzählt, soll er eine Schreibmaschine gegen die Wand geschmissen haben.

Das wird mir nicht passieren – nicht zuletzt, weil es in diesem Haus keine Schreibmaschine mehr gibt. Und weil mir, auch wenn ich allen Grund dazu hätte, nicht nach Schreien zumute ist, schreibe ich mir einfach den Frust von der Seele.

Einen vollen Tag, von morgens bis abends, ohne fließendes Wasser zu sein, ist lästig. Aber die Stadt war freundlich genug, die wohl dringenden Reparaturen am Wassersystem vor unserem Gebäude anzukündigen. Also blieb genug Zeit, sich vorzubereiten.

Am Vorabend einen Eimer mit Wasser zum Spülen, einen für die Handhygiene und noch einen für die Katzenwäsche füllen. Dazu ein paar Karaffen Wasser für Kaffee und Frühstückseier. Was braucht der Mensch mehr, um durch den Tag zu kommen?

Leider blieb es nicht beim Wassernotstand. Es fiel auch noch der Strom aus – so, als hätten sich Wasserwerke und Stromversorger abgesprochen. Vermutlich war bei den Arbeiten am Trinkwassersystem ein Kabel in Mitleidenschaft gezogen worden. Genaues weiß man nicht.

Strom ist bekanntlich nicht nur zum Kochen da, für den Kühlschrank, den Fernseher und die Beleuchtung. Weil Kanada zum Glück nicht auf Russen-Gas angewiesen ist, wird hier auch meistens mit Strom geheizt. Die Aussentemperatur beträgt im Moment minus 5 Grad Celsius, morgen soll der erste Schnee fallen. Noch Fragen?

Die Nachricht der Hausverwaltung klingt wenig verheißungsvoll: „Es ist damit zu rechnen, dass der Stromausfall bis zum Morgen anhält.“

Immerhin: Irgendwann tröpfelt es wieder aus dem Hahn, gefolgt von einem erst gelb-grünen, dann braunen und schließlich glasklaren Wasserstrahl. Verdursten werden wir nicht, und die längst fällige Dusche ist auch gerettet. Eigentlich. Denn ohne Strom kühlt der Boiler schnell ab. Dann also keine Dusche.

Fällt mir gerade ein: Im heutigen SPIEGEL wird ein Paartherapeut interviewt. Was er denn seinen Ratsuchenden so empfehle, wenn sich Mann und Frau partout nicht mehr näherkommen wollen, will die Reporterin wissen. „Duschen!“, sagt der Psychologe. Körperhygiene werde in der Paartherapie völlig unterschätzt.

Okay, anderes Thema.

Der Strom ist also weg, Kochen fällt flach, ausgehen kommt nicht infrage, denn der Aufzug vom 4. Stock funktioniert auch nicht, der Fernseher bleibt schwarz und das Internet ist tot. WLAN wird bekanntlich von Elektrizität gespeist – es sei denn, man greift auf sein Datenkontingent im Handy zurück. Genau das mache ich in diesem Moment. Wer braucht schon Wasser und Strom, wenn Kerzen und Handydaten im Überfluss vorhanden sind?

Doof nur: Der Saft im Handy nimmt mit jedem getippten Satz ab. Zwölf Prozent Akkuvolumen für eine ganze Nacht sind beunruhigend. Also dann mal tschüss.

Wir schreien nicht, und getobt wird nur ein bisschen still und leise. Versprochen: Der Laptop landet bestimmt nicht an der Wand. Vorerst.