
Pilgerpässe mit Jakobsmuschel.
Wenn Mann gerade den Siebzigsten gefeiert hat und Frau auch nicht mehr weit davon entfernt ist, kommt man schon mal ins Grübeln, was man sonst noch so alles mit seinem kleinen Leben anstellen könnte. Unsere Bucketlist bekommt demnächst ein Häkchen mehr: Wir wandern den Jakobsweg quer durch Spanien.
In genau einer Woche geht es los. Es ist ein ehrgeiziges Projekt und natürlich weiss keiner, ob wir es auch tatsächlich schaffen werden. Aber wir haben es uns fest vorgenommen, auch wenn ein Plan B immer im Rucksack schlummert.
760 Kiometer von Pamplona nach Santiago
Von Pamplona bis nach Santiago de Compostella sind es 760 Kilometer. Wenn alles klappt, werden wir um Ostern herum am Ziel sein. Irgendwann quer durch Spanien zu wandern – das hatten wir uns schon vor vielen Jahren vorgenommen – lange noch bevor Hape Kerkeling dann mal weg war.
Aber wie das so ist im Leben: Entschuldigungen, Dinge nicht zu tun, gibt es immer. Jetzt
gibt es keine mehr. Mit dem Flieger geht’s von Montreal nach Lissabon und dann nach Bilbao. Von dort aus weiter mit dem Bus nach Pamplona. Hier kann die Pilgerreise beginnen. Gerne hätten wir mit unserem Fußmarsch schon in Saint-Jean-Pied-de-Port auf der französischen Seite der Pyrenäen angefangen. Aber die Gefahr, dass dort um diese Zeit noch Schnee liegt, ist groß. Die Strapazen einer Eiswanderung wollten wir uns nach einem der kältesten kanadischen Winter seit vielen Jahren dann doch nicht antun.
Hotels, Herbergen oder doch ins Kloster?
Wie viele Kilometer wir uns am Tag zumuten können, wird sich zeigen. Zwischen 18 und 25 werden es sein, manchmal weniger, vielleicht auch mal mehr. Ob wir in Hostels, Klöstern oder Pensionen übernachten, steht ebenso wenig fest wie die Entscheidung, ob wir von Santiago aus noch einen Abstecher ans Ende der Welt machen werden.

760 Km von Pamplona nach Santiago de Compostella
Finisterre liegt zwar nicht mehr am Jakobsweg, gilt aber bei vielen Wanderern als das ultimative Highlight der Strecke. Auch Cassian hat damals nicht in Santiago aufgehört, sondern marschierte einfach noch 100 Kilometer weiter in Richtung Meer, zum Kap Finisterre.
Wir wollen den Mund nicht zu voll nehmen
Überhaupt war unser Sohn stets ein guter Motivator, wenn es um die Vorbereitungen für die Wanderung unseres Lebens ging. „Ihr schafft das!“, sagte er während der letzten Wochen und Monaten immer dann, wenn Zweifel bei uns aufkamen. Und Zweifel gibt es vor so einem Unterfangen jede Menge. Es wäre vermessen, den Mund zu voll zu nehmen, noch ehe der erste Schritt gewandert ist.
Die Vorbereitungen für unsere Wanderung laufen schon seit Monaten. Auch wenn wir uns körperlich fit fühlen, muss jedes Gramm Gepäck gut überlegt sein. Wegen der Gewichtsersparnis verzichten wir sogar auf einen gedruckten Wanderführer. Das Kartenmaterial gibt’s als Handy-App im Internet.
Das Leben passt in einen Sieben-Kilo-Rucksack
Mein Rucksack wird genau sieben Kilo wiegen – mehr nicht. Wochenlang sieben Kilo auf dem Rücken – das wird eine logistische Herausforderung, der ich mich in meinem Leben noch nie stellen musste. Ob in Alaska, Südamerika, Australien oder Nordafrika – was gebraucht wurde, kam in den Koffer. Nicht so bei dieser Wanderung. Hier ist weniger mehr.
Das fängt bei einem extrem leichten Rucksack an und hört bei Spezialsocken auf, die nicht nur federleicht sind, sondern auch rutschfest. Blasen an den Füßen könnten unseren Plan von einer Stunde auf die andere zunichte machen. Bettläuse übrgens auch.

25 Jahre alt und noch immer dabei.
Und natürlich steht und fällt so eine Wanderung mit dem richtigen Schuhwerk. Ich habe mich für meine alten kanadischen Hiking Boots entschieden. Die hatte ich mir vor genau 25 Jahren für eine Bushwalking-Tour in Australien angeschafft. Im Gegensatz zu den Wanderhosen von damals passen die Schuhe noch immer.
Für Vaters wollene Unterhosen ist im Rucksack kein Platz. Es musste Spezialunterwäsche her, die kaum ins Gewicht fällt und vor allem schnell trocknet.
Wir haben uns vorgenommen, den Jakobsweg ohne vorherige Hotelbuchungen zu wandern. Auch auf den von vielen Pilgern gerne in Anspruch genommenen Gepäcktransport von einem Hostel zum anderen wollen wir verzichten. Frei sein heißt, den Tagesablauf selbst zu bestimmen. Den Takt geben die körperliche Tagesform und das Wetter vor. Schaffen wir es, werden wir uns einen Uralt-Traum erfüllt haben. Schaffen wir es nicht, haben wir es wenigstens versucht.
Kein Platz für den Laptop: Gebloggt wird mit dem Handy
Ich werde versuchen, über den Verlauf der Wanderung zu bloggen. Auch hier: Kein Laptop, nicht einmal ein Tablet hat im Gepäck Platz. Texte und Fotos werde ich nach Möglichkeit auf dem Handy hochladen.
Warum tut man sich mit 70 noch so eine Strapaze an? Vielleicht, weil es Zeit wird, noch einmal seine Grenzen auszuloten. Für mich wird es jedenfalls die größte körperliche Herausforderung meines Lebens.
Ein Bayer in Kuba: „Hobn’s wos ausgfress’n?“
Und wie sieht’s mit dem Spirituellen aus? Wer immer dort oben Regie führt, ist uns recht. So gesehen sind wir vielleicht nicht die typischen Pilger, auch wenn es letztendlich doch eine Pilgerwanderung sein wird. Es heißt, der Jakobsweg hinterlasse bei allen seine Spuren.
Ein 80jähriger Bayer, dem ich neulich in Kuba von unseren Plänen erzählt habe, brachte das Thema mit einer wunderbaren Frage auf den Punkt: „Hobn’s wos ausgfress’n?“
Wetter und Live-Webcam in Pamplona gibt’s >> HIER <<