Ein Selfie mit dem Christkind

Josef zückt das Handy zum Selfie. Maria formt das Victory-Zeichen. Die Heiligen Drei Könige beliefern das Jesuskindlein mit Amazon-Paketen auf dem Segway. Willkommen in der Montrealer Hipster-Krippe!

Zu sehen ist die schräge Hüttenszene zurzeit im Oratoire St.Joseph, einer riesigen Pilgerstätte im Norden der Stadt. Dort werden jedes Jahr zu Weihnachten 100 Krippen aus aller Welt ausgestellt. Aus Porzellan und Holz, aus Messing und Kork, aus Stoff, Stroh und Pappe.

Und jetzt eben ein Stall mit Photovoltaik-Dach, eine Maria mit einem Becher Starbucks-Kaffee in der Hand und einem Schaf, das glutenfreies Heu frisst. Versteht sich von selbst, dass die Kuh biofreundlich aufgewachsen ist.

Bethlehem digital – warum nicht? Jesus sei ja hoffentlich nicht nur für diesen einen Moment auf die Welt gekommen sondern auch für die nachfolgende Ewigkeit, sagte mir heute Nachmittag ein Junge, der mit seiner Schulklasse vor Ort war. Und zur Ewigkeit gehören eben auch Selfies und Amazon-Pakete.

Ganz unumstritten ist die Hipster-Krippe nicht. Es hagelt Proteste aus vielen Richtungen. Aber die Katholische Kirche, die das Pilgerzentrum unterhält, denkt bislang nicht daran, die Szene aus dem Ausstellungsangebot zu nehmen. Im Gegenteil: Die Hipster-Krippe ist zum Medienspektakel geworden, es wird mit einem Besucherrekord gerechnet.

 Die Kult-Krippe ist zwar die am meisten Beachtete, aber bei weitem nicht die Einzige, die zurzeit im Oratoire St. Joseph ausgestellt wird. Eine kleine Auswahl der anderen Krippen aus aller Welt finden Sie weiter unten.

Venezuela

Schweiz

Nepal

Bangladesch

Israel

Zambia

Lesoto

Burkina Faso

Nigeria

Ghana

Unbekannt

Ägypten

Brasilien

Costa Rica

Weissrussland

Malta

Unbekannt

Drei Millionen Pilger besuchen jährlich das Oratoire St. Joseph in Montréal. Die Aufnahme ist heute Nachmittag (12. Dezember 2018) entstanden.                             Fotos: © Bopp

Falls Ihnen das Foto vom Oratoire St. Joseph bekannt vorkommt: Richtig! Hier spielte sich auch die Story vom gestohlenen Herzen ab, von der hier vor langer Zeit mal die Rede war.

 

Als Model einmal um die Welt

Wo die Natur nicht gut zu dir war, hilft die Maske. 

Kurz vor der Landung in Tokio legt sie die Hand auf meinen Arm und flüstert mir ins Ohr: „Japan. Dass ich das noch erleben durfte!“ Über Curaçao meint sie, genau so habe sie sich das Karibische Meer immer vorgestellt. Ich will aber unbedingt noch kurz nach Buenos Aires. New-York wäre auch nicht schlecht. „Why not Hongkong?“, sagt die Frau neben mir.

„Machen wir alles“, sagt der Fotograf und schießt wie aus dem Maschinengewehr Hunderte von Bildern hintereinander. Seine Regieanweisungen sind überschaubar: „Immer schön den Flug genießen, zwischendurch aus dem Fenster schauen, lesen, im Bordmagazin blättern, lachen, plaudern. Sagte ich schon genießen?“ Nur essen ist verboten. „Die Speisen bitte nur mit der Gabel berühren“, lautet die Ansage.

Als Model für einen Tag gehört die Welt dir und deinen Träumen.

Ich sitze im komfortablen Erste-Klasse-Abteil eines Airbus 320, von dem Teile der Kabine in einem riesigen Montrealer Fotostudio stehen. Vor mir ein Tablett mit dem Feinsten, das die Bordküche heute zu bieten hat – alles echt, nichts hier ist fake. Als der Spinatsalat dann im Laufe der Fotosession etwas an Frische verliert, kommt die Foodstylistin mit der Sprühflasche.

Um mich herum wirbeln zwei Dutzend Männer und Frauen: Techniker, Fotografen, Maskenbildnerinnen und Friseure, zwei Ankleidefrauen und eine Food-Stylistin, Beleuchter, Bildabgleicher, Producer und andere Kreative. Auch eine Buchhalterin ist dabei. Sie ist für den Zeitplan verantwortlich – und damit für die Gage.

Ein kleines Problem gibt’s lediglich beim Ankleiden. Die coole Hose, die die Stylistin für mich ausgedacht hatte, platzt bei der Anprobe aus allen Nähten. Da kommt dann die Schneiderin ins Spiel. Sie erweitert kurzerhand den Bund, indem sie dem hinteren Teil der Hose zwei schnelle Schnitte verleiht – dort, wo auch die Kamera garantiert nicht hinsieht.

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Die Schuhe? Zwei Nummern zu klein. Aber ein richtiges Model muss auch mal leiden können.

Die dunkelhäutige Dame neben mir heißt Elaine. Sie ist für heute meine Frau – Ehering inklusive. Elaine ist hauptberuflich Fotomodell und fliegt mit mir in vier Stunden um die Welt. Vier Stunden für ein paar Fotos, die in der neuen Werbekampagne der Airline verwendet werden. Auf Plakaten und Reiseprospekten, im Internet und auch im Bordmagazin.

Den Namen der Airline darf ich nicht nennen. Aber Sie, die Sie meinen Blog lesen, sind die Ersten, mit denen ich die Fotos nach Freigabe teilen werde.

Und wie kommt man zwei Monate vor seinem 70. Geburtstag zu so einem Model-Gig? Ganz einfach: Man ist sich selbst. Die Scouts waren bei der Suche nach einem „authentisch aussehenden älteren Mann“ bei meiner Agentin gelandet. Die hatte gerade so einen im Angebot. Auf dem Ablaufplan lese ich später: „Elaine and Herbert, International Couple“.

Modeln macht Spaß, aber es macht auch hungrig. Doch das Leben ist nicht immer fair. Während sich die Kreativen um dich herum mit Sandwiches, Salaten und Getränken vom Catering-Service eindecken, starren Elaine und ich noch immer auf einen Teller, der auch nach Stunden noch frisch wie aus dem Bordmagazin aussehen soll. 

Elaine hat nicht nur Erfahrung als Model. Sie hat auch Sinn für Humor. „Glaub ja nicht, es geht hier um uns.“, sagt sie. „Hier dreht sich alles um den Spinat“.

Ruhe vor dem Shooting: Gleich heben wir ab.


Ein bisschen Winterwonderland

„Dann bricht mir das Herz“, sagte sie und meinte damit: Wenn wir ohnehin zur Cottage fahren, um die Winterjacke zu holen, die wir im Herbst am See vergessen haben, dann können wir auf gar keinen Fall gleich wieder heimfahren, ohne nicht mindestens einmal in der Hütte zu übernachten.

Happy wife, happy life.

Da sind wir also wieder. Sechzehn Kilometer vom nächsten Laden entfernt. Weit und breit kein Mensch hier. Ungewöhnlich, um diese Jahreszeit im Blockhaus zu schlafen, das ja doch eher ein Sommerdomizil ist. Aber wir wurden belohnt. Das Winterwonderland, das uns hier oben, zwei Stunden nördlich von Montreal, erwartet hat, entschädigt uns für den langen Anfahrtsweg. Eine Autozufahrt zum Haus gibt es nicht. Der bis zu 20 Meter tiefe See, über den wir im Sommer mit dem Boot zur Hütte gelangen, stellt uns vor die erste Herausforderung.

Er ist zugefroren. Aber nur gerade mal so viel, dass, eine Überquerung zu Fuß lebensgefährlich wäre. Doch fürs Boot ist das Eis jetzt schon viel zu dick. Dabei hat der Winter noch gar nicht richtig angefangen. Also dann eben den Allrad-Drive auf der Bergstraße parken und zu Fuß durch den Wald einen steilen Abhang hinab wandern.

Das Problem: Die Bergstraße ist zugeschneit, was das Parken unmöglich macht. Also wieder zurück mit dem Wagen bis zur Bootsanlegestelle, die von der Gemeinde – warum auch immer – im Winter geräumt wird. Von dort geht’s dann zu Fuß mit dem Rucksack und der Verpflegung für zwei Tage den ganzen Weg zurück und schließlich durch den verschneiten Wald zur Hütte.

Es ist kalt hier. Der Holzofen schnurrt gemütlich, aber er lässt sich Zeit. Drei, vier Stunden dauert es, bis wohlige Wärme einzieht. Erst jetzt kann die Winterkleidung abgelegt werden.

In der Zwischenzeit wird mehr Brennholz geholt. Und Schnee. Viel Schnee. Der muss jetzt auf dem Ofen geschmolzen werden, denn fließendes Wasser gibt es hier nicht. Und der See ist, siehe oben, gefroren.

Aber dann geht alles Schlag auf Schlag. Ein paar Tassen Glühwein verkürzen die Wartezeit, bis das Spaghetti-Wasser kocht. Auch wenn es inzwischen längst mollig warm ist in der Hütte: Ein Schnäpschen schadet nie. Zwei vielleicht?

Morgen geht es wieder in die Stadt zurück. Schade eigentlich. Aber aus der einen geplanten Übernachtung werden immerhn zwei. So ein bisschen Hüttenzauber im kanadischen Winter hat was.

Oder, wie mein Freund Stefan eben schreibt, der ein paar Schnupperfotos von unserem Winterausflug gesehen hat: „Wow! Kanada-Idylle aus dem digitalen Bilderbuch!“

Kojoten-Spur im Schnee.
Beaschwerlich aber schön: Aufstieg durch den Wald.

Rotes Thai-Curry mit Spätzle

Im Sommer vergeht kaum eine Woche, da wir nicht „beim Asiaten“ auf irgendeiner Straßenterrasse sitzen. Dann wird exotisch gegessen: Thailändisch, Vietnamesisch, Japanisch, Afghanisch, Szechuan, Nepalesisch. Und immer wieder Indisch.

Am kältesten Tag dieses extrem frühen Montrealer Winters will sich bei minus 18 Grad die asiatische Gemütlichkeit nicht so richtig einstellen. Also kocht frau zu Hause.

Und weil die original asiatische Küche in einem der fünftausend Montrealer Restaurants ohnehin nicht zu toppen ist, erfindet man eben etwas ganz Neues. Zum Beispiel: Rotes Thai-Curry mit Spätzle. Genau, mit Spätzle.

Asia meets Schwabenland. Auf Neudeutsch nennt sich das dann Fusion Cuisine.

Ein bisschen kulinarischer Mut gehört schon dazu, Spätzle im Wok zu kredenzen. Hat man erst einmal die Zutaten im Haus, geht alles ganz schnell:

Eine Hühnerbrust wird klein geschnitten, in Hoisin-Sauce mariniert, scharf angebraten und im vorgeheizten Backofen bei niedriger Temperatur warm gehalten.

Rosenkohl, Karotten, eine gelbe Paprika und Lauchzwiebeln werden mundgerecht geschnitten und angebraten. So lange das Gemüse noch al dente ist, kommt eine thailändische Rote-Curry-Gewürzpaste dazu, die es hier in jedem Supermarkt zu kaufen gibt. Vermischt wird das Ganze mit 1/8 Liter Kokos-Milch und ein wenig Hühnerbrühe.

Serviert wird die bunte Gemüse-Curry-Mischung nicht etwa an einem Bett von gedämpftem Reis, wie der Asiate das tun würde. Hausgemachte Spätzle verleihen dem Gericht einen unvergleichlichen Hauch von schwäbischer Exotik.

Khõ hai dja, sagt der Thailänder dazu. Bei uns heisst’s: En Guata!

Live aus dem etwas anderen Café

Man nennt es Arbeit, aber es macht einfach nur Spass. Texte schreiben, Mails beantworten, Fotos sortieren – das alles in einem Café, in dem der Name Programm ist: Second Cup. Von dort, an meiner Montrealer Lieblingsstraße gelegen, kommt dieser Blog. Der Boulevard St. Laurent lässt grüßen. Und Frank O’Dea auch.

Second Cup ist, anders als Starbucks, das ich tunlichst meide, eine rein kanadische Café-Kette. Gegründet von einem Mann namens Frank O’Dea – einem ehemaligen Wohnsitzlosen.

Second Cup-Gründer Frank O’Dea © CBC

Als Dreizehnjähriger war er dem Alkohol verfallen und lebte jahrelang auf der Straße. Als ihm ein Gönner 1000 Dollar schenkte, beschloss er, sein Leben umzukrempeln. Zusammen mit einem Kumpel, der wie er durch schlechte Zeiten gegangen war, eröffnete Frank O’Dea in Toronto eine kleine Kaffeetheke.

Der Laden lief. Schon bald hatte die Kundschaft die beiden Männer in ihr Herz geschlossen. Ein Café nach dem anderen wurde eröffnet. Immer schön kanadisch. Und immer nach demselben Prinzip: Wir nehmen nicht nur, wir geben auch. An Suppenküchen, an Behinderten-Organisationen, auch an Opfer von Landminen-Anschlägen.

Das Erfolgsmodell von Second Cup machte Schule. Heute gibt es in Kanada rund 300 Second Cup-Filialen. Frank O’Dea, inzwischen im Rentenalter, kümmert sich noch immer um die Franchises, hält Motivationsseminare ab. Obwohl längst vermögend, reist er bescheiden in der Holzklasse und besucht die Suppenküchen und Obdachlosen-Unterkünfte der Städte, in denen es Second Cup-Cafés gibt. Also überall.

Für sein karitatives Engagement wurde Frank O’Dea mit dem “Order of Canada” ausgezeichnet, vergleichbar mit dem Bundesverdienstkreuz.

Frank O’Dea hat nicht nur ein Herz für Wohnsitzlose. Er denkt auch an all die Studenten und Freelancer, die ab und zu mal statt von zuhause aus dem Café arbeiten wollen. Jedes Second Cup verfügt über kostenloses High-Speed-Internet. An jedem Tisch gibt es Steckdosen für Rechner und Ladegeräte.

Und bleibt ein Kunde sechs Stunden und mehr bei einer einzigen Tasse Kaffee sitzen, wird ihn keine der unverschämt freundlichen Angestellten zur nächsten Bestellung animieren. Anordnung vom Chef persönlich! Erfolgsgeheimnis? Die Menge macht’s. Und auch der Coffee-to-go-Verkauf.

Falls also dieser Blogpost besonders gutherzig klingt, hat es einen Grund: Er wurde in einem Second Cup geschrieben. Dem Home-away-from-Home nicht nur für Wohnsitzlose.