Ein Blockhaus mit Geschichte

IMG_8230 (1)Jetzt, da ich selbst Blockhaus-Besitzer bin, kann ich es ja sagen: Das selbstgebastelte Häuschen, das mir ein alter Mann vor 43 Jahren in Winnipeg/Manitoba geschenkt hatte, war so gar nicht mein Geschmack. Heute liebe ich die kleine „Log Cabin“ und sie hat in meinem eigenen Blockhaus einen Ehrenplatz.

Ich fand es damals so spießig und uncool, dass ich einen Teufel tun würde, diese 20 x 15 cm große Holzkonstruktion in Sichtweite von Besuchern aufzustellen. Wie sich die Zeiten doch ändern.

Ich war 24 und kämpfte gerade mit dem ersten kanadischen Winter. Nicht mit irgend einem Winter in Kanada, sondern mit dem Winter in Manitoba. „Winterpeg“, nannten sie Winnipeg, die Hauptstadt der Provinz Manitoba. Nicht ohne Grund.

Die Eiszeit dort dauert länger und ist kälter als im Rest des Landes – sieht man einmal vom Yukon und der Arktis ab. Temperaturen von minus 45 Grad waren im Januar keine Seltenheit. Und wenn im Mai noch Schnee lag, wunderte sich keiner.

Dass ich es trotzdem drei Jahre in Winnipeg ausgehalten habe, ohne dauerhaften Schaden an Leib und Seele zu nehmen, bleibt das Geheimnis von Manitou oder wie immer der oberste Gebieter von Manitoba heißen mag. Ich war jung, suchte das Abenteuer und wollte als Reporter im Ausland arbeiten. So einfach war meine eigene Erklärung für das Überlebenstraining in der kanadischen Prärie. Danach war aber auch gut und ich wanderte nach Deutschland zurück. Jahre später war jedoch schon wieder Kanada angesagt. Diesmal aber Montréal.

Für den „Manitoba Kurier“, ein deutschsprachiges Wochenblatt mit entsprechender Zielgruppe, schrieb ich von 1973 bis 1976 jeden Samstag eine Kolumne. Sie nannte sich „Manitoba Notizen“ und beschäftigte sich mit allem, was auch mich beschäftigte. Und das war zu jener Zeit vor allem die unvorstellbare Kälte.

Irgendwann schlürfte ein älterer Mann in die Redaktion, die sich direkt über der Rotationsdruckerei an der Alexander Avenue befand, einer Gegend, in der viele Indianer und Eskimos in einfachsten Behausungen ihr großstädtisches Zuhause gefunden hatten. (Dass Eskimos erst viel später politisch korrekt „Inuit“ genannt werden sollten, ist eine andere Geschichte).

Der Mann war trotz der bitteren Kälte an diesem Tag guter Dinge. Ich sehe ihn noch heute vor mir, im dicken Parka, den Kopf in eine Seehundfellmütze gepackt. Zu „diesem verfrorenen Herrn Bopp“ wolle er, rief er der Rezeptionistin fröhlich entgegen. „Dieser verfrorene Herr Bopp“ war ich, damals noch ein kanadisches Greenhorn mit überschaubaren journalistischen Erfahrungen. Hatte ich mir in einem Artikel einen Schnitzer geleistet? Jemanden beleidigt oder gar verleumdet? Mir war mulmig zumute, als ich den Mann auf mich zustampfen sah.

Nichts von alledem war der Fall. Ich tat dem Mann, einem eingefleischten Deutschkanadier mit vielen Manitoba-Wintern auf dem Buckel, nach so viel Gemecker einfach leid. Mit dem selbstgebastelten Blockhaus wollte er mir eine Freude bereiten und Mut machen. „Der nächste Winter wird einfacher für Sie“, sagte er fast fürsorglich und verabschiedete sich mit einer Binsenweisheit, die mir die nächsten Winter auch nicht leichter machten: „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“.

Auch an den anderen Satz, den er mir mit auf den Weg gab, muss ich oft denken: „Man zieht sich hier nach dem Prinzip der Zwiebel an. Viele Schichten übereinander geben wärmer als ein dicker Mantel“.

Stimmte alles. Nur die vielen kanadischen Winter, die noch folgen sollten, waren deshalb nicht leichter zu ertragen. Die Erlösung kam erst vor einigen Jahren. Der Winter auf Mallorca ist nur noch ein Klacks.

 

Warten auf Monsieur Martin

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Es gibt Tage, an denen sehne ich mich ganz schrecklich nach der „Servicewüste Deutschland“ zurück. Wetten, dass das, was ich Ihnen gleich erzähle, bei Ihnen undenkbar wäre?

Vor genau sieben Wochen machte unsere Spülmaschine schlapp. Kein großes Ding. Ein paar Dichtungen sind spröde geworden, ein Bolzen im Drehmechanismus muss ersetzt werden. Immerhin ist die Maschine schon bald hundert sechs Jahre alt.

Anruf bei der Firma „mit mehr als 40 Jahren Erfahrung im schnellen Reparaturservice“ – so die Werbung.

Mechaniker kommt in fünf Tagen, schneller geht nicht“. Kein Problem. Fünf Tage im spülmaschinenfreien Leben eines Rentners sind gerade mal „ein Mückenschiss auf dem Maßband der Geschichte“. (Danke, Google, dass du mir diese Weisheit eben ausgespuckt hast!)

Der Mechaniker steckt im Verkehr fest. Verständlich bei mehr als 400 Baustellen, mit denen Montreal zurzeit zugepflastert ist. Statt vormittags kommt er eben am Nachmittag. Wen juckt’s? Mich inzwischen, zumindest ein bisschen.

Der junge, forsche Mechaniker kommt mit zwei Bitten: Er möchte 1.) das WC benützen und 2.) eine Bedienungsanleitung für die Spülmaschine sehen. Bei der Bedienungsanleitung werde ich stutzig. Aber egal. Im Klo führt der Herr Privatgespräche auf dem Handy, kichert viel und vergisst leider hinterher die Wasserspülung abzuziehen. In der Zwischenzeit treibe ich eine Bedienungsanleitung auf.

Eine Stunde und 95 Dollar später funktioniert die Maschine immer noch nicht. „Auf keinen Fall die Sicherung einschalten bis ich wiederkomme“. Kurzschlussgefahr! Doof nur: Die Spülmaschinen-Sicherung ist gekoppelt mit dem Elektroherd. Bis auf weiteres stehen uns also weder der Herd noch die Spülmaschine zur Verfügung.

Aber wir schaffen das – und ziehen vorübergehend ins Blockhaus. Dort gibt es zwar auch keine Spülmaschine, aber wenigstens funktioniert der Herd.

Vier Wochen später: Martin kommt. Ein freundlicher („Bin frisch verliebt!“), nicht mehr ganz junger Frankokanadier, bringt nicht nur gute Laune ins Haus, sondern auch die Ersatzteile. Nur: Die braucht er gar nicht, denn das Problem liegt irgendwo ganz anders. Der Klohocker hatte sich also geirrt. Auch das mit der gekoppelten Sicherung und dem Herd sei kein Problem, sagt Martin und verspricht, gleich nach dem Urlaub an unserem Jahrhundertprojekt weiter zu arbeiten.

Der Sommer neigt sich dem Ende zu und Martin ist aus dem Urlaub zurück. Für morgen hat er sich angekündigt und ich bin schon ganz aufgeregt. Soll ich Kuchen für ihn backen? Schampus kalt stellen? Häppchen besorgen? Ob er vormittags oder nachmittags kommt, kann Monsieur Martin beim besten Willen nicht sagen. Wäre auch zuviel verlangt bei den 400 Baustellen. Egal: Ich bin bereit. Und wenn er erst um Mitternacht kommt, geht die Welt auch nicht unter.

Und jetzt kommen Sie mir bitte nie mehr mit der „Servicewüste Deutschland“.

Die ganze Stadt eine Baustelle

Jeder Punkt eine Baustelle. Bildrechte" Vill de Montréal

Jeder Punkt eine Baustelle. © Ville de Montréal

Plötzlich war unsere Ausfahrt weg. Die Rampe, die den Stadtteil St. Henri mit der Stadtautobahn verbindet, lag in Schutt und Asche. Verschwunden. Von einem Tag auf den anderen. Ärgerlich? Schon. Aber wir sind nicht allein. Ganz Montreal gleicht zurzeit einer riesigen Baustelle.

Nie zuvor in der Geschichte der Stadt wurde so viel gebuddelt wie in diesem Jahr. Fast 200 Kilometer Straßen werden geteert, 80 Kilometer Wasserleitungen erneuert. Dutzende von Brücken, Zufahrtsrampen und Betonpfeiler werden abgerissen und wieder aufgebaut. Allein in diesem Jahr investiert die Stadtverwaltung an gut 400 Baustellen eine halbe Milliarde Dollar.

Die Folge ist ein Verkehrschaos ohnegleichen. Die Nerven der Bus- und Taxifahrer liegen blank. Der Chauffeur des 77ers, der vor unserem Haus hält, hatte mich glatt übersehen. Nach einer Vollbremsung 20 Meter nach der Haltestelle entschuldigte sich der gute Mann: „Die vielen Bau- und Umleitungsschilder machen mich noch wahnsinnig“.

Dass ausgerechnet in diesem Jahr so viel gebuddelt wird, hängt nur bedingt mit dem bevorstehenden 375. Geburtstag der Stadt zusammen. Natürlich will sich Montreal von seiner besten Seite zeigen, wenn Prominenz aus aller Welt zu Besuch kommt.

Der wahre Grund, warum so viel gebaut, aufgerissen und repariert wird, liegt irgendwo anders. Die Wasserleitungen wurden vor hundert Jahren fast gleichzeitig gelegt. Und geben naturgemäß fast zur gleichen Zeit den Geist auf. Hätte man Leitungen und Straßen sukzessive auf Vordermann gebracht und nicht auf den Totalkollaps gewartet, wäre das Chaos möglicherweise ausgeblieben.

Vielleicht aber auch nicht. So ein bisschen Chaos gehörte schon immer zu meiner Stadt. Man denke nur an die Eröffnung der Olympischen Spiele vor genau 40 Jahren. Damals musste Königin Elizabeth über den Schlamm getragen werden, weil die Zufahrtswege zu den Olympia-Anlagen noch nicht fertig waren. Und das Kevlar-Dach des Olympiastadions wurde erst 22 Jahre nach Ende der Spiele installiert.

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Eine von 400: Baustelle Ecke Rue St. Jacques/Rose de Lima. © Bopp

Gebuddelt wird nicht nur in der Erde. Auch der Hochbau boomt. © Bopp

Gebuddelt wird nicht nur in der Erde. Auch der Hochbau boomt. © Bopp

Christa und die Indianer

Zuneigung und gegenseitiger Respekt: Christiane Längin und Kanadas Ureinwohner. Foto: RBC Convention Centre

Es passt viel rein, in so ein Leben. Viele Plätze, viele Ereignisse, viele Schicksale, viele Menschen. Einer dieser Menschen ist Christa Längin. Unsere Wege haben sich zum ersten mal am 8. Dezember 1973 gekreuzt – dem Tag, an dem mein erstes Kanada-Abenteuer begann. Unsere Freundschaft dauert bis heute an.

Es war ein gnadenlos kalter Wintertag, an dem ich damals in Winnipeg/Manitoba gelandet bin, um meinen Reporter-Job bei einer deutschsprachigen Wochenzeitung anzutreten. 40 Grad minus zeigte das Thermometer an, ein Nordwind tobte durch die Straßen der 400.000-Einwohner-Stadt mitten in der Prärie. Hier sollte ich also die nächsten drei Jahre leben und arbeiten.

Empfangen wurde ich von Bernd Längin, meinem inzwischen verstorbenen Freund und Chefredakteur, und seiner Frau Christa. Sie stammten beide aus Karlsruhe und hatten trotz ihrer relativen Jugend – Ende 20 – schon eine Menge erlebt. Darunter auch fünf Jahre in Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dort, in Windhoek, hatte auch ihre Tochter Marion das Licht der Welt erblickt.

Sie waren ein Dream-Team: Bernd, der Journalist, der im Laufe seines viel zu kurzen Lebens auch Dutzende von Fachbüchern über religiöse und ethnische Minderheiten geschrieben hat. Christa, die bienenfleißige junge Frau, die später als erfolgreiche Unternehmerin Karriere machen sollte.

Ihre Firma „Springhill Lumber“ spezialisierte sich auf Bau und Vertrieb von Fertighaus-Teilen für kanadische Ureinwohner. Auf Eisstraßen, deutschen Fernsehzuschauern von der Serie „Ice Roads Truckers“ bekannt, wurden die Teile über zugefrorene Flüsse und Seen mit Spezialtransportern von Winnipeg aus ans Ziel gebracht. Springhill Lumber verkaufte und lieferte die Baumaterialien und bildete in speziellen Kursen „supervisors“ aus, die wiederum den Indianern beim eigentlichen Bau der Häuser Anleitungen gaben.

Heute können die Ureinwohner der meisten Reservate ihre Unterkünfte selbst bauen – ein Erfolg, auf den Christa Längin mit Recht stolz sein kann.

Profitiert haben beide von diesem Unterfangen: Die Indianer im Norden Kanadas. Und Christas Firma „Springhill Lumber“.

Die Firma ist inzwischen verkauft. Mit ihrem neuen Partner Günter reist Christa seither durch die Welt. Dass kanadische Indianer zu dem Wohlstand beigetragen haben, den sie heute genießt, hat sie den Ureinwohnern von Manitoba, Saskatchewan und Ontario nie vergessen. Mit dem Buschflugzeug transportierte sie Windeln, Babynahrung und andere „Luxusgüter“ aus der Zivilisation in die abgelegendsten Indianerreservate des Nordens.

Bei einem dieser Buschflüge war ich mit an Bord. Wir drehten damals einen Film für das Deutsche Fernsehen. Es ist keine Übertreibung: Christa Längin wurde von den Ureinwohnern des Indianerreservats wie ein Rockstar empfangen.

Auch jetzt, im Ruhestand, hat Christa Längin ihre Freunde, die Indianer, nicht vergessen. Dem RBC Convention Centre, dem Winnipeger Kongresszentrum, vermachte sie eine umfangreiche Sammlung indianischer Kunst, die sie zuvor einer Reihe von Ureinwohner-Künstlern abgekauft hatte. Im großzûgig angelegten Foyer sind die Gemälde seit kurzem als Dauerausstellung zu bestaunen. Eine Auswahl davon gibt’s in dieser Bildergalerie

Es gibt Tage, an denen man besonders stolz ist auf seine Freunde. Der Tag, an dem sich Christa Längin bei kanadischen Ureinwohnern mit einer prächtigen Geste bedankte, war so ein Tag. Danke, Christa!

Bildrechte: RBC Convention Centre, mit freundlicher Genehmigung durch Karen Ilchena

Bitte hören Sie mir jetzt gut zu!

Bildrechte: Bopp

WARNUNG: Dieser Blogpost geht in die Privatsphäre und ist der persönlichste, den ich je geschrieben habe. Ich wähle diesen Weg nicht, weil ich Mitleid erwarte, sondern weil ich andere vor meinem Schicksal bewahren möchte.

Es ist im Grunde genommen ganz einfach: Fliegen Sie nie mit einer starken Erkältung oder gar einer Mittelohr-Entzündung! Sonst droht ihnen der Verlust des Hörvermögens. Genau das ist mir passiert.

Was riskiert man nicht alles, wenn nach fünf Monaten Mallorca der Rückflug nach Montreal ansteht! Ich hätte es besser wissen müssen. Die Bronchitis noch wenige Tage vor der Abreise, die Zahnwurzel-Behandlung am Tag vor dem Rückflug. Vor allem aber die extrem schmerzhafte Mittelohrentzündung 48 Stunden, ehe der Flieger ging.

Ich habe Hilfe gesucht – und sie auch gefunden. Not-Termin bei einem tollen kubanischen Zahnarzt. Besuch bei einem HNO-Spezialisten in Palma. Antibiotika, Cortison, Schmerzmittel. Und ab ging’s in den Flieger. Von Palma nach Frankfurt. Vier Stunden später weiter von Frankfurt nach Montreal.

Start und Landung waren nicht angenehm, aber auch nicht besonders schlimm. Den Druck auf den Ohren kennt jeder, der schon mal geflogen ist. Auch die Beeinträchtigung des Hörvermögens nach der Landung in Montreal war nicht ungewöhnlich. Alarmierend war allerdings, dass der Hörverlust auch Tage später nicht besser wurde, sondern schlimmer.

Bis heute warte ich vergeblich auf das erlösende PLOPP.

Unter dem Trommelfell beider Ohren hatte sich Flüssigkeit gebildet – deshalb die Schwerhörigkeit. Weil sich das Sekret auch nach weiteren Behandlungen mit Antibiotika nicht auflöste, folgte viereinhalb Wochen nach der Landung in Montreal ein chirurgischer Eingriff.

Es wurden ein „Paukenröhrchen“ eingesetzt und das Trommelfell mehrfach durchstochen. Damit sollte eine bessere „Belüftung“ der Gehörgänge erreicht werden. Doch der erwartete Erfolg blieb aus. Deshalb sah der HNO-Chirurg davon ab, auch ins andere Ohr ein Paukenröhrchen zu implantieren.

Mehr als eineinhalb Monate nach der Landung in Montreal und fast drei Wochen nach dem chirurgischen Eingriff ist mein Hörvermögen noch immer extrem stark eingeschränkt. Ob die Schwerhörigkeit von Dauer sein wird, ist im Moment unklar.

Sicher ist nur eins: Wäre ich an jenem schicksalhaften 29. Mai 2016 nicht ins Flugzeug gestiegen, könnte ich vermutlich auch heute noch das Gras wachsen hören.

Deshalb: Tun Sie’s nicht! Stornieren Sie ihren Flug! Quartieren Sie sich notfalls für ein paar Tage in einem Hotel ein. Irgendwann ist die Erkältung vorbei und Sie können getrost fliegen. Wenn Sie vorgesorgt haben, springt bei einer Umbuchung möglicherweise sogar die Versicherung ein.

Gute Reise! Ein „Halten Sie die Ohren steif“ verkneife ich mir lieber.