Mega-Party in „Little Portugal“

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© Screenshot Montreal Gazette

Wenn in einer Stadt mit vier Millionen Einwohnern eine der Hauptstraßen stundenlang für den Autoverkehr gesperrt bleibt, dann muss das schon einen guten Grund haben. Hat es auch: Portugal ist Fußball-Europameister.

Die Straße, der Boulevard St. Laurent, verläuft geradewegs durch „Little Portugal“. Dort wimmelt es nur so von Hähnchenbratereien und portugiesischen Fisch- und Gemüseläden. Dazwischen bieten Sanitärzubehör-Geschäfte gebrannte Fliesen an, oft mit Heiligen-Motiven aus der Heimat, die an vielen der Wohnhäuser die Eingänge zieren.

Und natürlich fehlen auch nicht die Kneipen, vor denen sich schon in Allerherrgottsfrühe meist ältere Männer treffen, um beim Café über Gott und die Welt zu plaudern, vor allem aber über Fußball.

Ich weiß das so genau, weil ich während der Fußball-EM häufig durch „Little Portugal“ spaziert bin, stets in der Gewissheit, Menschen zu treffen, für die Fußball mehr ist als nur ein Sport. Es ist der Kitt, der diese kleine, aber bunte und herzerfrischend lautstarke ethnische Gruppe zusammenhält.

Besonders deutlich wurde dies gestern Abend nach dem gewonnenen Finale. Kaum waren Ronaldos Tränen getrocknet, rannten Tausende von Menschen auf die Straße. Sie kamen aus den Kneipen gestürmt und aus Privathäusern, aus den Grillstationen und den Straßencafés. Viele von ihnen eingewickelt in portugiesische Flaggen, auf Autodächern und in Cabrios.

Diejenigen, die sich eine Ronaldo-Gummimaske übers Gesicht gezogen hatten, taten das nicht, um sich zu verstecken. Im Gegenteil: Sie feierten einen Helden. Auch wenn dieser nur 25 Minuten im Endspiel dabei war, schaffte er es, nicht nur eine Nation im Südwesten Europas stolz gemacht zu haben. Sechstausend Kilometer weiter westlich, in Montreal, legten fünftausend Kanadier portugiesischer Abstammung den Boulevard St. Laurent lahm.

Fünftausend Menschen in Feierlaune sind im Verhältnis zu vier Millionen Einwohnern nicht viel. Dass die Montrealer Polizei für die portugiesischen Fußballfans noch bis in die späte Nacht hinein den Verkehr regelte, spricht nicht nur für die Sportbegeisterung, die in meiner Stadt herrscht, sondern auch für die Toleranz, die hier gegenüber ethnischen Minderheiten aufgebracht wird.

Davon können sich die von Storchs, Petrys und andere dumpfbackigen Kleingeister gefälligst eine Scheibe abschneiden.

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Bildrechte: Bopp

Liebeserklärung an Underdogs

Copyright: vg.no

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Sollte Island heute Frankreich schlagen, würde ich zwar keinen Sommernachtstanz vollführen, mich aber trotzdem tierisch freuen. Nicht, weil ich etwas gegen Franzosen hätte – ganz im Gegenteil! Ich liebe Land und Leute und bin allein schon durch meine Québecer Wahlheimat enger mit ihnen verbunden als mit den meisten Nationen. Warum dann Island? Weil ich ein Herz für Underdogs habe. Wie viele von Ihnen vermutlich auch.

Genaugenommen ist Kanada ja auch so ein Underdog. Wir leben im Schatten eines Riesen. USA: Mächtig. Dominant. Stolz. Geopolitische Championsliga. Kanada? Groß. Höflich. Bescheiden. In der Weltpolitik spielen wir allenfalls in der Kreisliga.

Schlimm? Gar nicht. Im Gegenteil: Ich finde die Konstellation sehr sympathisch. Es gibt Leute, die behaupten, Kanada sei das bessere Amerika.

Ähnlich verhält es sich mit Uruguay. Dort habe ich während einer Südamerika-Reise einige der liebenswertesten Menschen kennen gelernt. Auch in Montevideo lebt man im Schatten eines Riesen. Der heißt Argentinien, ist wunderschön, aber ein Macho wie er im Buche steht.

Von Island kann man das nicht behaupten. Kleines Land, großartige Leute. Einige davon habe ich in den 80er-Jahren getroffen, als die billigste Flugverbindung von Europa nach Kanada über Reykjavík ging. Ein paar Stoppover-Nächte in dieser sympathischen Stadt haben genügt, um mir die Menschen dieses tollen Inselstaates näher zu bringen.

Und heute also Island gegen Frankreich. Für mich sind die Isländer schon Meister, noch ehe sie den ersten Ball berühren. Die Meister der Herzen.

ÜBRIGENS: Wenn Sie auf Facebook sind, können Sie Ihren isländischen Namen hier selber generieren. – Und wenn Sie Island jetzt auch noch akustisch anfeuern wollen, können Sie das hier tun.

Endstand: Frankreich 5 Island 2 

Okay. Dann eben Zweitorson.

Stadt, Land, Fluss: Montréal

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Das „Village“ im Montrealer Osten.

Montréal einmal von einer ganz anderen Seite. Eigentlich von vielen Seiten. Vom Land aus. Vom Ufer des Lachine-Kanals aus. Von der gigantischen Jacques-Cartier-Brücke aus, die über den Sankt-Lorenz-Strom führt. Kommen Sie mit! 15 Kilometer Fußmarsch an einem heißen Sommertag sind ein kleiner Einsatz für so viel Vergnügen.   Alle Fotos © Bopp

Fußballfieber im Blockhaus

cottage_blogEs ruckelt und zuckelt und manchmal bleibt der Ball kurz vor dem Tor stehen. Aber wer Fußball mag und keinen Fernseher weit und breit hat, muss sich eben anderweitig behelfen.

Zum Beispiel mit dem Versuch einer Live-Übertragung per Laptop ins Blockhaus am Lac Dufresne. Sechzehn Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Fünfeinhalbtausend Kilometer von Lille.

Wer einen Teil des Sommers im Wlan-Niemandsland verbringt und keinen Satelliten-Fernseher um sich herum haben möchte, muss improvisieren. Ein Glück, dass wir hier inzwischen Handy-Signale empfangen können.

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Eins zu null für das Internet: EM per Handysignal live aus Lille.

Über Bluetooth wird der Laptop mit dem Smartphone verbunden. Per „Tethering“ ein Netzwerk zu schaffen ist kein Hexenwerk. Und schon geht’s los ins Fußballvergnügen.

Und weil der ZDF-Stream wegen „Geoblocking“ in Kanada gar nicht zu sehen sein dürfte, muss ein Programm her, das vorübergehend die Internetadresse verändert. Der IP-Cloner meines Herzens ist vollkommen legal, heißt „Tunnelbear“ und kommt zufällig aus Kanada.

So eine Handy-Übertragung ist nicht ganz störungsfrei und auch nicht ganz billig. Das Internet-Kontingent des Providers musste kurzfristig um ein paar Gigabytes erweitert werden. Doch der Datenfraß hat sich gelohnt: Das Spiel Frankreich gegen die Schweiz war eine passable Begegnung, auch wenn sie torlos endete.

Und jetzt? Kommt als nächstes etwa der sonntägliche Tatort ins Blockhaus? Oder die neueste Netflix-Serie?  Kochshows? Late-Night-TV und Frühstücksfernsehen? Bestimmt nicht. Es gibt Dinge, die gehören nicht in die Wildnis. Zum Beispiel „House of Cards“, CNN, Jimmy Fallon, Anne Will oder Bundesliga.

Aber für so eine Fußball-EM gelten eben andere Gesetze.

Die Sorgen des Löffelspielers

© Screenshots CBC - CTV - Montreal Gazette

© Screenshots CBC – CTV – Montreal Gazette

Es kann viel passieren in fünf Monaten. Während wir es uns am Mittelmeer gutgehen ließen, ging das Leben in Montreal ganz normal weiter. Oder vielleicht doch nicht so ganz normal?

Eben lese ich: Die Stadtverwaltung konnte sich nach kurzer Diskussion dazu durchringen, ein Dutzend Granitsteine auf dem Hausberg von Montreal, dem „Mont Royal“, aufzustellen. Die kunstvoll gestalteten Granitsteine haben die Form von Baumstämmen und sollen Besucher des Parks zum Verweilen einladen. Granitsteine als Baumstämme. Mitten im Wald. Für 3.5 Millionen Dollar. Ist das normal? Auf der CBC-Webseite kommentiert ein Leser: Eigentlich sei das gar keine so schlechte Idee. Man müsste sich die Granitsteine nur in gemahlener Form liefern lassen. Damit könnten dann die Schlaglöcher gefüllt werden.

Kunst hat eben immer zwei Seiten.

Und dann: Mordecai Richler. Er war einer der größten Schriftsteller, die Kanada je hervorgebracht hat. Besonders gerne ließ er sich wohl in einem schattigen Holzpavillon inspirieren, der ebenfalls am „Mont Royal“ steht. Oder stand. Denn das Konstrukt ist windschief und wird seit Jahren nicht mehr genutzt. Jetzt kommt Hilfe von der Stadtverwaltung: Der kleine „Gazebo“ wird restauriert. Für läppische 600.000 Dollar.

Andere Sorgen hat da ein Mann namens Cyrille Esteve. Seit Jahrzehnten sitzt er vor einem Nobelkaufhaus der Rue-Ste.Catherines und macht Löffelmusik. In Quebec hat die Kunst, aus gegeneinander geschlagenen Holzlöffeln Rhythmen hervorzuzaubern, eine lange Tradition. So gesehen könnte man Monsieur Esteve bei großzügiger Auslegung durchaus als eine Figur der Zeitgeschichte bezeichnen.

Doch die Zeit bleibt auch für den Löffelspieler nicht stehen. Es gab Beschwerden wegen Lärmbelästigung. Ab sofort soll der Mann seine Löffelmusikstation alle 60 Minuten um 60 Meter verlegen. Das sei nicht ganz einfach, sagt Cyrille. Schließlich löffle er seine Musik zu den Melodien, die aus einem Radioverstärker kommen. Den und sein Fahrrad, auf dem er das ganze Equipment befördere, müsste er ja dann auch jede Stunde umziehen.

Die Stadt, die – siehe oben – mit Kunst sonst viel am Hut hat, zeigt sich ungnädig und besteht auf die Einhaltung der neuen Bestimmung. Mehr noch: Nur wenn sein Radioverstärker mit einem vom Ordnungsamt ausgegebenen Lizenz-Sticker versehen sei, dürfte er die Hintergrundmusik zu seinem Löffelspiel laufen lassen.

Der gute Cyrille willigte schließlich ein und machte sich auf den Weg ins Rathaus, um seinen Sticker abzuholen. Die seien dummerweise gerade ausgegangen, wurde ihm dort beschieden. Jetzt löffelt er bis auf weiteres ohne Lizenz vor sich hin.

Und da sage noch einer, in fünf Monaten sei in meiner Stadt nichts passiert.