Zum Heiratstag nach Chinatown

27. März 1987: Heirat in Leutkirch im Allgäu

Cassian, fließend dreisprachig, besteht darauf, unseren Hochzeitstag “Heiratstag” zu nennen. Das passe irgendwie besser. Heute also war unser 38. Heiratstag – und wir haben ihn mit einem leckeren Essen in unserem Stammlokal in Chinatown gefeiert.

Wobei: Gefeiert ist ein großes Wort. Mit der U-Bahn ging’s zum Place d’Armes. Danach kleiner Fußmarsch bis zum “Restaurant V.I.P.” Klingt nicht sehr asiatisch, ist es aber. Authentischer chinesisch essen Sie in Montreal kaum irgendwo. Das hat mir während eines Montreal-Besuchs schon vor Jahren der damalige Peking-Korrespondent der ARD bestätigt. Er muss es wissen.

Beständigkeit ist alles: Zum ersten Mal waren wir im V.I.P. vor etwa 35 Jahren. Cassian war damals fast noch ein Baby, das Restaurant hatte gerade erst eröffnet.

Am Dekor hat sich bis heute so gut wie nichts geändert, inklusive Küchenbuddha, der noch immer úber der Kasse thront. Auch die Speisekarte liest sich heute noch wie damals. Die Preise wurden nur unwesentlich angehoben – kein Vergleich zur sonstigen Preisexplosion in den meisten Restaurants, die wir sonst so frequentieren.

Auch die Auswahl der Speisen hat sich in all den Jahren nicht geändert. Noch immer bestellen wir die Won-Ton-Suppe als Vorspeise und nehmen als Hauptspeise das “Bird’s Nest”. Ein nestförmiges Konstrukt aus gebackenem Nudelteig, gefüllt mit Gemüse, Huhn und Shrimps. Wichtig: Schmeckt nicht nur lecker, sondern ist auch ausgesprochen gut verträglich.

Und wie schon zur Eröffnung gibt es als Nachspeise noch immer eine Platte mit saftigen Orangenschnitzen und den unvermeidlichen Glückskeksen mit den berühmten Kalendersprüchen.

Auch unsere Hochzeit vor 38 Jahren war kein grosses Ding. Nur dass sie nicht in Chinatown stattfand, sondern in Leutkirch im Allgäu. Beständigkeit hat bei uns Tradition: Mit den beiden Trauzeugen sind wir bis heute eng befreundet.

Sie waren übrigens unsere einzigen Hochzeits-, pardon: Heiratsgäste.

Trump als Wahlhelfer für Kanada

Sie alle wollen am 28. April gewählt werden: Jagmeet Singh (New Democratic Party), Mark Carney (Liberale), Yves-François Blanchet (Bloc Québécois) und Pierre Poilievre (Konservative). © Screenshot Gazette

Man mag es kaum laut sagen, aber der unsägliche Donald Trump könnte Kanada bei der Wahl der künftigen Regierung positiv beeinflussen. Wie? Indem er das Land vor Pierre Poilievre bewahrt – einem stockkonservativen Populisten, der seit heute gegen den Trudeau-Nachfolger Mark Carney in den Wahlkampf zieht.

Nur neun Tage, nachdem Mark Carney den amtsmüden Justin Trudeau als Premierminister vorzeitig abgelöst hat, ruft er Neuwahlen aus. Der frühere Chef der kanadischen (und zeitweise britischen) Zentralbank will die Gunst der Stunde nutzen. Was noch vor wenigen Wochen kaum jemand für möglich gehalten hätte, ist eingetreten: Der fortschrittliche Carney liegt in Meinungsumfragen knapp vor dem konservativen Hardliner Pierre Poilievre.

Der Grund: Poilievre erinnert viele seiner Anhänger dann wohl doch zu sehr an den Rüpel in Washington. Selbst unter Erzkonservativen, die vor allem im Westen Kanadas leben, scheint die Trump-Begeisterung nachzulassen.

Sollte diese Stimmung bis zur Wahl am 28. April anhalten, hätte Poilievre sein eigenes Grab geschaufelt. Zu lange hatte er dem Verwirrten im Weißen Haus gehuldigt – nicht nur mit scharfer Rhetorik, sondern auch ideologisch.

So will Poilievre die Einwanderungspolitik drastisch verschärfen – ein Vorhaben, das im traditionell einwanderungsfreundlichen Kanada nicht gut ankommt.

Dass er mit einer in Venezuela geborenen Frau verheiratet ist, macht Poilievre zum Heuchler. Kommt Ihnen bekannt vor? Die AfD lässt grüßen: Eine Parteivorsitzende wettert gegen Immigration und Homosexualität, führt aber selbst eine gleichgeschlechtliche Beziehung mit einer aus Sri Lanka stammenden Frau.

Heute wurde nun in Ottawa der Wahlkampf ausgerufen – der kürzeste in der Geschichte Kanadas. In nur 36 Tagen sollen sich 27 Millionen Kanadierinnen und Kanadier entscheiden, wem sie ihre Stimme geben.

Derzeit deutet alles auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Mark Carney und Pierre Poilievre hin. Die Kandidaten der sozialdemokratischen NDP und der separatistischen Parti Québécois dürften beim Wahlausgang kaum eine Rolle spielen. Auch die Grünen werden sich aller Voraussicht nach mit höchstens zwei Sitzen im künftigen Parlament begnügen müssen.

Was zunächst nach business-as-usual aussah, entwickelt sich zu einem spannenden Wahlkampf. Zentrales Thema: der Umgang mit Donald Trump.

Poilievre macht keinen Hehl daraus, nach seiner Wahl dem amerikanischen Präsidenten-Darsteller die Reverenz erweisen zu wollen.

Für Mark Carney hingegen steht fest: Solange Trump nicht aufhört, von Kanada als 51. US-Bundesstaat zu fantasieren, wird er sich nicht mit ihm an einen Tisch setzen.

Wir spielen uns die Welt schön

Einfach ist es nicht, in Zeiten wie diesen den Kopf über Wasser zu halten. Es klemmt an allen Ecken und Enden: Kiew, Berlin, Washington, Ottawa. Und jetzt? Schöntrinken geht nicht mehr. Clubben mit Klumpfuß ist auch so eine Sache. Also spielen wir uns die Welt ein bisschen schön – mit einer kleinen Eigenkomposition, die ich eben auf YouTube hochgeladen habe. Einfach draufklicken, Ton an und los geht’s mit dem #Seniorenspaß! Gerne auch teilen.

Erinnerungen an Justin Trudeau

© Bopp

Das erste Mal, dass ich Justin Trudeau erlebt habe, war am 3. Oktober 2000. Es war das Begräbnis seines Vaters Pierre Trudeau in der Montrealer Notre-Dame-Basilika. Justin, damals 28 Jahre alt, hielt die Trauerrede. Es war ein bewegender Moment. Justin krallte sich mit aller Kraft in die kanadische Flagge, mit welcher der Holzsarg drapiert war.

Die Rede, die er unter Tränen hielt, klang theatralisch, vielleicht war sie es auch. Schließlich unterrichtete der spätere kanadische Premierminister damals Drama in einer Privatschule in Vancouver.

Auch bei seiner letzten Rede am vergangenen Sonntag, als Justin Trudeaus Nachfolger Mark Carney gekürt wurde, ging es wieder theatralisch zu. Das blütenweiße Taschentuch hatte der scheidende Premier vorsichtshalber gleich mitgebracht.

An den Gedanken, Justin Trudeau nicht mehr als Premierminister des Landes zu haben, das mir Heimat geworden ist, muss ich mich erst noch gewöhnen.

Aber zurück zum Oktober 2000, als Justins Vater Pierre-Elliott Trudeau zur letzten Ruhe getragen wurde. Die Sargträger waren Jimmy Carter, Fidel Castro, Leonard Cohen und der frühere Premierminister Jean Chrétien. Pierre Trudeau war ein Mann von Welt – und die Welt liebte diesen charismatischen Montrealer:

Trudeaus Charme-Offensiven waren legendär. Als ich 1980 mit ihm zufällig iin Winnipeg/Manitoba im selben Aufzug war, um zu einer Pressekonferenz in den obersten Stock des „Hotel Fort Garry“ zu fahren, stand bereits eine junge lateinamerikanische Frau im Lift, die als Reinigungskraft für das Hotel arbeitete.

Pierre Trudeau verwickelte sie vor meinen verdutzten Augen blitzschnell in ein Gespräch und überreichte ihr beim Hinausgehen die frische Rose, die er, wie immer, am Revers trug.

Minuten später, bei der Pressekonferenz, erlebte ich ihn wieder als kanadischen Regierungsschef – so wie man ihn aus dem Fernsehen kannte. Eloquent, wissend, scharfzüngig, aber immer noch so charmant wie Minuten zuvor im Aufzug.

Justin Trudeau habe ich nie mit einer Rose im Revers erlebt – auch nicht, als er vor knapp zehn Jahren Premierminister wurde. Aber bei jedem seiner Auftritte wurde ich an seinen Vater erinnert. Auch Justin konnte mit einem Satz, einem Blick, einen Saal verzaubern.

Ob bei einer Wahlveranstaltung in einer alten Fabrik im Montrealer Osten oder einer Pressekonferenz – er war seines Vaters Sohn, kein Zweifel.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Justin Trudeau während seiner kompletten Amtszeit auch nur ein einziges Mal eine Gay Pride Parade in Montreal verpasst hätte. Ihn dort vor die Kamera zu bekommen, war eine Herausforderung. Es gab immer jemanden, der sich gerade vor dir aufbaute, um näher an ihm zu sein als du selbst. Meistens waren es Frauen. Dabei gehörte er doch uns allen – zumindest für diesen Moment.

Wie treffend da am Sonntag die Rede seiner sechzehnjährigen Tochter Ella-Grace klang: „Meine Brüder und ich haben meinen Dad viele Jahre mit euch geteilt. Jetzt holen wir ihn zurück.“

Ich werde Justin Trudeau vermissen.

Hier ist das Video vom Begräbnis seines Vaters im Jahr 2000:

© Bopp
© Bopp
Immer für Überaschungen gut: Fitnessübungen für die Kameras. (Screenshot X)

Andere nehmen ihren Hut, bei Justin Trudeau ist es sein Sessel im Parlament, den er nach seiner Amtszeit nach Hause nimmt. 2500 Dollar hat er übrigens an die Staatskasse dafür bezahlt. Foto: Screenshot JdM