Montréal einmal von einer ganz anderen Seite. Eigentlich von vielen Seiten. Vom Land aus. Vom Ufer des Lachine-Kanals aus. Von der gigantischen Jacques-Cartier-Brücke aus, die über den Sankt-Lorenz-Strom führt. Kommen Sie mit! 15 Kilometer Fußmarsch an einem heißen Sommertag sind ein kleiner Einsatz für so viel Vergnügen. Alle Fotos © Bopp
Fußballfieber im Blockhaus
Es ruckelt und zuckelt und manchmal bleibt der Ball kurz vor dem Tor stehen. Aber wer Fußball mag und keinen Fernseher weit und breit hat, muss sich eben anderweitig behelfen.
Zum Beispiel mit dem Versuch einer Live-Übertragung per Laptop ins Blockhaus am Lac Dufresne. Sechzehn Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Fünfeinhalbtausend Kilometer von Lille.
Wer einen Teil des Sommers im Wlan-Niemandsland verbringt und keinen Satelliten-Fernseher um sich herum haben möchte, muss improvisieren. Ein Glück, dass wir hier inzwischen Handy-Signale empfangen können.

Eins zu null für das Internet: EM per Handysignal live aus Lille.
Über Bluetooth wird der Laptop mit dem Smartphone verbunden. Per „Tethering“ ein Netzwerk zu schaffen ist kein Hexenwerk. Und schon geht’s los ins Fußballvergnügen.
Und weil der ZDF-Stream wegen „Geoblocking“ in Kanada gar nicht zu sehen sein dürfte, muss ein Programm her, das vorübergehend die Internetadresse verändert. Der IP-Cloner meines Herzens ist vollkommen legal, heißt „Tunnelbear“ und kommt zufällig aus Kanada.
So eine Handy-Übertragung ist nicht ganz störungsfrei und auch nicht ganz billig. Das Internet-Kontingent des Providers musste kurzfristig um ein paar Gigabytes erweitert werden. Doch der Datenfraß hat sich gelohnt: Das Spiel Frankreich gegen die Schweiz war eine passable Begegnung, auch wenn sie torlos endete.
Und jetzt? Kommt als nächstes etwa der sonntägliche Tatort ins Blockhaus? Oder die neueste Netflix-Serie? Kochshows? Late-Night-TV und Frühstücksfernsehen? Bestimmt nicht. Es gibt Dinge, die gehören nicht in die Wildnis. Zum Beispiel „House of Cards“, CNN, Jimmy Fallon, Anne Will oder Bundesliga.
Aber für so eine Fußball-EM gelten eben andere Gesetze.
Die Sorgen des Löffelspielers

© Screenshots CBC – CTV – Montreal Gazette
Es kann viel passieren in fünf Monaten. Während wir es uns am Mittelmeer gutgehen ließen, ging das Leben in Montreal ganz normal weiter. Oder vielleicht doch nicht so ganz normal?
Eben lese ich: Die Stadtverwaltung konnte sich nach kurzer Diskussion dazu durchringen, ein Dutzend Granitsteine auf dem Hausberg von Montreal, dem „Mont Royal“, aufzustellen. Die kunstvoll gestalteten Granitsteine haben die Form von Baumstämmen und sollen Besucher des Parks zum Verweilen einladen. Granitsteine als Baumstämme. Mitten im Wald. Für 3.5 Millionen Dollar. Ist das normal? Auf der CBC-Webseite kommentiert ein Leser: Eigentlich sei das gar keine so schlechte Idee. Man müsste sich die Granitsteine nur in gemahlener Form liefern lassen. Damit könnten dann die Schlaglöcher gefüllt werden.
Kunst hat eben immer zwei Seiten.
Und dann: Mordecai Richler. Er war einer der größten Schriftsteller, die Kanada je hervorgebracht hat. Besonders gerne ließ er sich wohl in einem schattigen Holzpavillon inspirieren, der ebenfalls am „Mont Royal“ steht. Oder stand. Denn das Konstrukt ist windschief und wird seit Jahren nicht mehr genutzt. Jetzt kommt Hilfe von der Stadtverwaltung: Der kleine „Gazebo“ wird restauriert. Für läppische 600.000 Dollar.
Andere Sorgen hat da ein Mann namens Cyrille Esteve. Seit Jahrzehnten sitzt er vor einem Nobelkaufhaus der Rue-Ste.Catherines und macht Löffelmusik. In Quebec hat die Kunst, aus gegeneinander geschlagenen Holzlöffeln Rhythmen hervorzuzaubern, eine lange Tradition. So gesehen könnte man Monsieur Esteve bei großzügiger Auslegung durchaus als eine Figur der Zeitgeschichte bezeichnen.
Doch die Zeit bleibt auch für den Löffelspieler nicht stehen. Es gab Beschwerden wegen Lärmbelästigung. Ab sofort soll der Mann seine Löffelmusikstation alle 60 Minuten um 60 Meter verlegen. Das sei nicht ganz einfach, sagt Cyrille. Schließlich löffle er seine Musik zu den Melodien, die aus einem Radioverstärker kommen. Den und sein Fahrrad, auf dem er das ganze Equipment befördere, müsste er ja dann auch jede Stunde umziehen.
Die Stadt, die – siehe oben – mit Kunst sonst viel am Hut hat, zeigt sich ungnädig und besteht auf die Einhaltung der neuen Bestimmung. Mehr noch: Nur wenn sein Radioverstärker mit einem vom Ordnungsamt ausgegebenen Lizenz-Sticker versehen sei, dürfte er die Hintergrundmusik zu seinem Löffelspiel laufen lassen.
Der gute Cyrille willigte schließlich ein und machte sich auf den Weg ins Rathaus, um seinen Sticker abzuholen. Die seien dummerweise gerade ausgegangen, wurde ihm dort beschieden. Jetzt löffelt er bis auf weiteres ohne Lizenz vor sich hin.
Und da sage noch einer, in fünf Monaten sei in meiner Stadt nichts passiert.
Die Ruhe nach dem Sturm
Die Entschleunigung auf der Insel zeigt definitiv Wirkung: Im Flieger „Ich bin dann mal weg“ geschaut und hinterher Ohmmms in die Luft geblasen. Danach „Einen Scheiß muss ich“ gelesen. Und überhaupt ist der Typ, der mir vorhin den Aufzug zur Tiefgarage weggeschnappt hat, selbst schuld, dass ihn das Glück, oder wer auch immer, heute noch nicht geküsst hat.
Mag sein, dass es an den vom Fliegen noch immer verstopften Gehörgängen liegt. Aber Montreal entpuppt sich ganz unerwartet als eine Oase der Ruhe. Damit ist in einer Vier-Millionen-Stadt nun wirklich nicht zu rechnen. Doch es stimmt: Die Stadt brummt, aber sie ist nicht übermäßig laut. Wie ein großer, fetter Teddybär, der schon beim ersten Blickkontakt schnurrt.
Nach Palma, wo Straßenmusiker vor unserer Wohnung fünf Monate lang den Ton angaben und Müllkutscher morgens um fünf fröhlich ihr Tagwerk begannen, ehe die Bierlieferanten anrollten, um sich lautstark mit den Fischverkäufern zu unterhalten, wirkt die Stadt, in der ich jetzt wieder lebe, wie ein Slow-Cooker im Schongang.
Spanien, habe ich neulich gelesen, sei nach Japan das zweitlauteste Land der Welt. Und eines der Länder, in denen die Menschen – zumindest in den Städten – am wenigsten schlafen. Liegt es am späten Essen, wie manche vermuten? Oder an den vielen Fiestas, die dort bis in die Nacht hinein gefeiert werden?
Ich behaupte: In Spaniens Städten schlafen die Menschen weniger als anderswo, weil ein permanenter Lärmpegel sie einfach nicht schlafen lässt. Oder kann mir einer erklären, warum der Zeitungsverkäufer an der Straßenecke schon morgens um sechs sein Kofferradio aufdrehen muss? (Und es ist wirklich ein Kofferradio). Ich vermute: Weil der vom nächtlichen Lärm genervte Verkäufer sonst vor Müdigkeit einschlafen würde.
Lauter laute Spanier.
Die Stadtbusse rasen durch Palmas Straßen, als hätte Bernie Ecklestone ein neues Geschäftsmodell für sich entdeckt: Formula Autobus. In Montreal, scheint mir, verkehren Busse nicht nur seltener als in Palma. Sie fahren auch gemächlicher. Schon klar: Touristen müssen schnell ans Ziel. Dagegen hat der gemeine Arbeitnehmer ja alle Zeit der Welt.
Die Ruhe nach dem Sturm. Mitten in Montreal. Wer hätte das gedacht!
Alles wie immer: Schön schräg
Schön, wenn man knapp 24 Stunden nach seiner Ankunft sagen kann: Es fühlt sich gut an, wieder in Montreal zu sein. Als wir am 4. Januar wie die Snowbirds in Richtung Palma flohen, hätten uns Eis und Schnee um ein Haar die Reise verhagelt. Fünf Monate später: Sonnige 29 Grad im Schatten. Alles gut. Nur das mit der Straßenreinigung müssen sie in Montreal noch üben.
Ein kurzer Bummel über den Boulevard-St. Laurent – alles wie gehabt. Der jüdische Fischhändler, der auch Blumen verkauft, Süßwaren und Obst. Der slowenische Metzger, bei dem das Wurst-mit-Sauerkraut-Sandwich liebevoll im Schaufenster präpariert wird. Die polnische Bäckerei, die Perogies wunschweise mit Käse-, Sauerkraut- oder Fleischfüllung verkauft.
Europäisches Lebensgefühl mitten in Nordamerika.
Heiß ist es am Tag nach unserer Ankunft, heiß und schwül. Vielleicht zu heiß für die städtischen Reinigungstrupps, die überfüllten Müllkörbe zu leeren. Auch das kannten wir schon. In Palma stapelten sich vielleicht die Straßenmusiker vor unserem Fenster. Die Straßen sahen immer proper aus.
Der Inder bei uns um die Ecke hat zugemacht, ein neuer Delikatessenmarkt neu eröffnet. Die „Satay Brothers“ betreiben, wie jeden Sommer, ihre südostasiatische Street Kitchen wieder. Die Markthalle steht nach wie vor und das winzige Stück Rohmilchkäse ist mit 5.50 Dollar noch immer maßlos überteuert.
Heute früh, während einer kurzen Rast im zauberhaft begrünten Carré St. Louis, ist mir noch etwas anderes aufgefallen: Um mich herum wird nicht mehr Spanisch gesprochen. Fast vergessen: Die Amtssprache hier ist Französisch. Das hatte ich seit fast fünf Monaten nicht mehr gehört. Es klingt sehr vertraut in meinen Ohren.
Mais où est la mer?
