So schön war’s vor drei Jahren

In Zeiten wie diesen, wenn die Gegenwart düster erscheint und die Zukunft vernebelt, hilft manchmal ein Blick in die Vergangenheit. Heute vor genau drei Jahren waren wir den sechsten Tag auf dem Jakobsweg unterwegs. Es war mit Abstand die schönste Phase meines bis dahin immerhin schon 70jährigen Lebens.

Die Welt hat sich seither verändert und die Leichtigkeit von damals ist uns etwas abhanden gekommen: Corona, der Krieg, die Zipperlein.

Eines aber ist uns geblieben: Lore und ich sind noch immer ein gutes Team. So selbstverständlich ist das nicht. Mehr als einmal haben wir auf unserer Camino-Wanderung gehört: „Der Jakobsweg bringt Paare entweder näher zusammen – oder aber er trennt sie“.

Sechs Wochen 24 Stunden am Tag ganz eng zusammen zu sein, oft unter extremen physischen und psychischen Belastungen, ist nicht immer einfach. Aber wir haben auch das geschafft.

Heute feiern wir unseren 35. Hochzeitstag. Aus besonderem Anlass sei mir gestattet, den Blogpost vom 27. März 2019 noch einmal zu veröffentlichen.

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27. März 2019

JAKOBSWEG, Tag 6 – 23 Kilometer von Navarrete nach Nájera

FÜR ANDREAS

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Heute ist unser Hochzeitstag – und wir schenken uns ein paar Kilometer. Nach 23 muss genug sein. 32 wären besser gewesen. Denn so lange sind wir heute verheiratet. Aber weitere neun KM hätten uns womöglich an unsere Grenzen gebracht. Hochzeitstag, schwerer Tag.

Unser Freund Philipp hat die Symbolik des heutigen Tages wunderbar auf den Punkt gebracht. Unsere Wanderung auf dem Jakobsweg sei „irgendwie ein schönes Sinnbild für den langen Weg, den ihr beiden schon zusammen gegangen seid“.

Mit dem Jakobsweg war es heute ein wenig wie mit einer langen Ehe. Wir marschierten über Höhen und durch Tiefen. Die Luft war manchmal dünn und kühl, dann wieder dick und heiß. Um unser Ziel zu erreichen, mussten wir zwischendurch richtig schwer arbeiten – wie in einer langen Beziehung.

Aber die Sonne meinte es immer gut mit uns und wir sind sehr glücklich, an diesem 27. März heil angekommen zu sein: In dem Ort Nájera, aber auch an der Schwelle zum 33. Jahr unserer Ehe.

Was für ein Glück, an der Seite dieser tollen Frau alt werden zu dürfen! Mit ihr zusammen als Siebzigjähriger den Jakobsweg zu wandern, ist das schönste Geschenk, das wir uns gegenseitig machen konnten.

Der Camino stellte uns heute auf eine harte Probe. Ein eisiger Wind blies uns den Großteil des Tages ins Gesicht. Der Blick auf die schneebedeckten Berge, so wunderschön sie auch sein mögen, ließ die gefühlte Temperatur trotz des strahlenden Sonnenscheins noch weiter in den Keller sinken.

Erst um die Mittagszeit ließ der kalte Biss nach und wir fühlten uns wieder wie im Frühsommer.

Abgestiegen sind wir in einem ehemaligen Kloster aus dem 17. Jahrhundert, mit dicken Mauern, mitten im historischen Teil des 8000-Einwohner-Städtchens Nájera.

Gefühlte Geschichte auf einer Pilgerwanderung, die reich an Geschichten ist.

Begegnungen? Klar doch: John aus Schottland zum Beispiel. Ein kernig aussehender Typ, dessen Tattoos seine kräftigen Arme fast schwarz erscheinen lassen. Er will über Santiago de Compostela hinaus wandern, nach Finisterre. In Schottland lebt er am Meer. „I miss the sea“, sagt er mit der Gelassenheit des Mannes, der sich nichts beweisen muss. Deshalb wolle er bis zum Atlantischen Ozean weiter wandern.

Sylvain aus der französischen Beaujolais-Region nördlich von Lyon wandert ein stückweit neben mir her. Er ist Mitte 20 und hat das strahlende Lachen eines jungen Mannes, der mit sich im Reinen zu sein scheint.

Mein Mitwanderer ist seit dem 12. Februar unterwegs. Ich habe einen ziemlich guten Überblick, wieviel Zeit seither verstrichen ist, denn der 12. Februar war mein Geburtstag. Und den habe ich vor einer gefühlten Ewigkeit in Kuba gefeiert.

Der Gedanke, dass dieser Sunnyboy seit dem 12. Februar nicht eine einzige Nacht mehr ein festes Dach über dem Kopf hatte, lässt mich vor Kälte erschaudern. Sylvain übernachtet im Freien, manchmal im Zelt, oft aber auch nur auf Isomatte und Schlafsack.

Ein bizarrer Anblick: Während ich hinter dicken Klostermauern meinen Text ins iPhone tippe, repariert Lore neben mir einen Schuh. Was man halt so an seinem 32. Hochzeitstag macht.

Gute Nacht, liebe Blog-Familie. Buen Camino aus Nájera!

PS: Es erreichen uns noch immer täglich zahlreiche aufmunternde eMails, WhatsApp-, Instagram- und Facebook-Nachrichten – oft von Menschen, denen wir noch nie im Leben begegnet sind. Wir lesen jede einzelne Zeile und freuen uns tierisch darüber. Bitte habt jedoch Verständnis dafür, dass wir sie bei unserem Tagespensum nicht einzeln beantworten können. DANKE!

Die gesammelten Blogposts zum Camino gibt’s >> HIER <<

„So viel Verzicht muss sein“

“Urlaub im Krieg – darf man das?” Diese Frage hatte ich den LeserInnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN gestern gestellt. Eine wissenschaftliche Untersuchung sieht freilich anders aus. 

Auch der eigentliche Sinn einer solchen Umfrage ist zugegeben fragwürdig. Als Blogger hat es mich einfach interessiert, was Leser und Leserinnen über so ein Thema wie dieses denken.

Das Ergebnis nach etwa 24 Stunden findet Ihr oben. Ich lasse es einfach mal so stehen. Weitere Meinungen dazu gibt’s in den gestrigen Kommentaren.

Während das Thema selbst mehr Klickzahlen generierte als die meisten Blogposts der letzten Monate, fiel die Zahl der Abstimmungen nicht ganz so deutlich aus. Mit etwa 130 Votes ist das Ergebnis alles andere als repräsentativ.

Danke für eure Teilnahme! Vielleicht regt die Umfrage ja den einen oder die andere doch noch zu weiteren Diskussionen an.

Urlaub im Krieg – darf man das?

Es war in letzter Zeit viel von Verzicht die Rede, auch in diesem Blog. Verzicht auf Feiern, Verzicht auf Reisen, Verzicht auf Luxus. Muss die Opferrolle sein in Kriegszeiten? Oder sollte man einfach auf jeglichen Verzicht verzichten?

Diese Frage beschäftigt mich schon seit einiger Zeit – vor allem nach den letzten beiden Blogposts von der stornierten Reise nach Las Vegas und dem High Team im Ritz Carlton.

Offensichtlich machen sich auch andere darüber Gedanken. Hier nur ein paar von vielen Mails und Messages, die mich nach der Veröffentlichung der letzten beiden Texte erreicht haben:

>> „Seit Jahrzehnten gab es Kriege vor der Haustür, seit Jahrzehnten sind Kinder verhungert. Sind asiatische und afrikanische Menschen weniger wert – oder warum hat uns das bislang nicht schon zu allen möglichen Verzichtshandlungen motiviert?“

>> „I have no guilt. We all have our own realities. People suffer everywhere all the time. This is just very large and fast.“ [„Ich fühle mich nicht schuldig. Wir leben alle in unseren eigenen Wirklichkeiten. Menschen leiden die ganze Zeit irgendwo in der Welt. Was wir zurzeit erleben, ist eben sehr groß und sehr schnell.“]

>> „That is so sad! We are sorry you felt you had to take this step. I do hope you blog about it, as a way of showing people just how far-reaching are the effects of this insane conflict.“ [„Wie traurig! Es tut uns leid, dass Ihr das Gefühl hattet, diesen Schritt machen zu müssen. Ich hoffe, du bloggst darüber, damit auch andere Menschen erfahren, wie weitreichend die Folgen dieses verrückten Konflikts sind“.]

Meine Meinung: Die Entscheidung, ob mitten im Krieg Reisen in ferne Länder notwendig sind oder nicht, muss jede/r für sich entscheiden. Ich werde einen Teufel tun, hier den gutmenschigen Missionar zu spielen.

Trotzdem interessiert mich eure Meinung. Vielleicht möchtet ihr euch ja mit ein paar Mausklicks an einer kleinen Umfrage beteiligen.

DIE ABSTIMMUNG ERFOLGT VOLLKOMMEN ANONYM!

DIE UMFRAGE ERFOLGT ABSOLUT ANONYM

Den aktuellen Stand des Votings erfahren Sie nach Ihrer Abstimmung.

Weder ich, noch andere User erfahren, woher Ihre Stimme kommt.

Ein bisschen feiern im „Ritz“

In Zeiten wie diesen zu feiern ist, sagen wir mal, schwierig. Wie kann man sich an kulinarischen und auch sinnlichen Köstlichkeiten erfreuen, wenn Millionen Menschen in diesen Tagen unsägliches Leid erdulden müssen? 

Wir haben trotzdem gefeiert. Nicht in Saus und Braus, eher besinnlich. Aber es hat an nichts gefehlt. Vor allem nicht an uns. 

Die Momente, in denen man sich als Familie einbringen kann, werden im Alter selten. Termine, Verpflichtungen, Wohnorte, Zipperlein – alles Dinge, die es zu berücksichtigen gilt.

Und dann natürlich der Krieg.

Die Cousine aus dem Oberschwäbischen bringt es wunderbar auf den Punkt: 

“Auch bei mir”, schreibt sie als Reaktion auf unsere stornierte Reise nach Las Vegas, “versucht das ständige Grübeln überhand zu nehmen. Ich versuche gerade, da wieder raus zu kommen, weil es ja niemandem etwas nützt, wenn wir uns dadurch selber schwächen.”

Deshalb, schreibt die kluge Cousine, liege die Verantwortung, “stark und zuversichtlich zu bleiben, bei uns selbst – egal, ob mit oder ohne Reise.”

Die Reise findet nicht statt, aber es gab einen Geburtstag zu feiern. Nicht wie geplant am Grand Canyon, sondern in einem Grand Hotel an der „Golden Mile“, wie dieser Teil der Rue Sherbrooke genannt wird. Und es war einfach nur schön.

Es gibt da diese mehr als 100 Jahre alte Tradition im Montrealer “Ritz Carlton Hotel”, die sich “High Tea” nennt. Am Wochenende einen Tisch zu bekommen, ist auf Monate hinaus unmöglich. 

Ein Glück, dass der heutige Geburtstag der liebsten Person in meinem Leben auf einen Montag fiel. Zwar waren auch da sämtliche Plätze des “Palmengartens” belegt. Aber nach einigen Telefonaten klappte es dann doch. Wir waren drin. Mutter, Vater, Sohn.

Das Ambiente ist schwer zu beschreiben. Elegant, aber nicht zopfig. Cool, aber nicht kühl. Traditionell ja, aber nicht angestaubt.

Wer die hohe Kunst des “Trompe l’oeil” zu schätzen weiss, ist hier richtig. Deckengemälde über riesigen Spiegeltüren. Fantasievoll hingepinselte Vögel, die über imaginären Deckenöffnungen schweben. Kuschelige Sofas vor dem Kamin. Und natürlich Kronleuchter.

Und ausschließlich weibliche Besucher. Naja, fast ausschließlich.

Die Wahl aus einem Dutzend Teesorten fällt nicht schwer. Mit dem guten, alten “Earl Grey” macht man nichts verkehrt. Auch beim alkoholischen Getränk gibt es an einem Tag wie heute keine wirkliche Alternative. Sie fängt mit “Ch” an und hört mit einer gesalzenen Rechnung auf.

Kleine Häppchen werden auf blitzblank polierten, silbernen “Etagèren” serviert. Mini-Sandwiches belegt mit Roastbeef, Lachs, Pâté und anderen Köstlichkeiten. 

Eine Etage höher warten dann backfrische “Scones”, die mit „Clotted Cream“, einer Art eingedickten Schlagsahne, und diversen Marmeladen bestrichen werden. Sie als “köstlich” zu bezeichnen, wäre untertrieben. 

Sie sei Engländerin, schwärmt eine Besucherin in einer Restaurant-Bewertung im Netz, und kenne die besten Tea Rooms in London. Aber was sie hier, ausgerechnet im frankophonen Montréal, erlebt habe, könne sich mit jedem „High Tea“ auf den Britischen Inseln messen lassen.

Von der obersten Etage des Tragekörbchens schauen dich treuherzig Konfekt und andere Schätzchen aus der hauseigenen Patisserie an. Sie wollen nur eins: vernascht werden.

Das wunderbar geschulte Servicepersonal parliert fast ausschließlich Französisch. So viel Stil muss sein.

Abgehoben? Vielleicht. Aber wenn man, wie wir, schon nicht mit dem Flieger abhebt, um nach mehr als zwei Jahren den geplanten Urlaub anzutreten, darf man auch mal im „La Cour des Palmiers“ in anderen Sphären schweben. Und sei es nur für zweieinhalb Stunden.

HAPPY BIRTHDAY, meine große Liebe! Du hast dir das bisschen Luxus verdient. ❤️

Dann eben nicht Las Vegas

Es hätte die erste Flugreise nach mehr als zwei Jahren werden sollen: Las Vegas im Frühling unter Palmen, mit Ausflügen an den Grand Canyon und durch die Wüste – hach! Das hörte sich alles so schön an. Übermorgen hätte es losgehen sollen. Eben haben wir die komplette Reise abgeblasen. Es fühlte sich einfach nicht mehr richtig an. In Zeiten wie diesen geht man nicht auf Glittertour.

Las Vegas, das weiss ich aus früheren Besuchen, ist eine Stadt, die sich vor nichts versteckt, sich für nichts zu schade ist. Auch nicht für den abgedrehtesten Kitsch, den sich die Welt antun kann. Ein ganzes Hotel als Venedig im Mini-Format? Eiffelturm in der Wüste? Gib’s mir, Vegas!

Gerade deshalb ist der Gedanke daran, sich in so einer zeigefreudigen Stadt hinter Masken verstecken zu müssen, geradezu abstrus. Und egal wie Amerika über Covid denkt, ohne Maske läuft bei uns, zumindest in geschlossenen Räumen, nach wie vor gar nichts.

Und dann ist da der Krieg in der Ukraine. Den Trip nach Las Vegas hatten wir schon gebucht, als wir noch nichts von Putins blutigen Schlachtplänen wussten. Der ständige Gedanke an Menschen, die ohne Nahrung, Wasser und Strom in Bunkern ausharren müssen, hätte den Aufenthalt in einem Luxushotel mit Gala-Dinner geradezu absurd erscheinen lassen.

Die Entscheidung, uns von Las Vegas zu verabschieden, noch ehe wir auch nur einen Fuß auf den berühmten Strip gesetzt haben, ist uns nicht leicht gefallen. Aber sie fühlt sich in Zeiten wie diesen richtig an.

So eine Reise zu stornieren, ist nicht ganz einfach und dazuhin teuer: Flüge ohne Storno-Option, Hotel noch ungeklärt, bereits abgeschlossene Reise-Krankenversicherung, teure, aber vorgeschriebene Covid-Tests vor dem Hin- und Rückflug – einiges muss noch abgeklärt werden. Aber unsere Entscheidung steht fest: Wir bleiben daheim.

Eines der geplanten Highlights unserer Reise werde ich jedoch bitter vermissen: Ein Wiedersehen mit einer Schulfreundin aus Ummendorf. Sie lebt seit einigen Jahren in Las Vegas. Es wäre die erste Begegnung seit mehr als einem halben Jahrhundert gewesen.

Bekanntlich kann man in Las Vegas nicht nur viel verlieren, sondern auch viel gewinnen. Zum Beispiel Zeit. Diese Zeit gönnen wir uns. Deshalb ist aufgeschoben nicht aufgehoben. 

So leicht läuft uns Las Vegas nicht davon. Und die Schulfreundin aus Ummendorf gleich gar nicht.