Die Welt ist kleiner geworden

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Die erste U-Bahnfahrt seit Corona: Unspektakulär und ein bisschen einsam.

Erst der Lockdown auf Mallorca, dann Corona im Hotspot Montreal. Und schließlich noch die Augen-OP. Keine Frage: Meine Welt ist kleiner geworden. Oder, wie mein Freund Frank sagt: „Dein Leben bewegt sich im Radius eines Bierdeckels“.

Autofahren ist wegen des eingeschränkten Sehvermögens unmöglich. Radtouren ebenso. Selbst die jährliche Fahrt über die Grenze, nach Maine, ans Meer, fällt dieses Jahr ins Wasser. USA? Nein, Danke!

Bleiben die langen Stadtspaziergänge. Doch selbst die sind in den letzten Tagen seltener geworden. Es fehlen schlicht die attraktiven Ziele.

„Bei Euch ist immer was los“, schreibt der Bruder aus Ummendorf. Und vergisst dabei den fehlenden Aktionismus, der auch unser Leben in den letzten Wochen und Monaten ärmer und eintöniger gemacht hat.

Restaurants, Cafés, Bars und Kneipen haben ihren Charme verloren. Büchereien, in denen ich mich sonst so gerne herumtreibe: wie ausgestorben, denn es fehlen einhunderttausend Studierende, die sonst um diese Zeit das Stadtbild prägen. Kein Formel-Eins-Rennen, kein Welt-Jazzfestival. Selbst „Just for Laughs“ fällt Covid-19 zum Opfer. Nicht lustig.

Restaurant-Besuche? Nie und nimmer. Ehe ich mich von einem Kellner mit Plexiglashelm in zwei Metern Abstand zum nächsten Gast bedienen lasse, bleibe ich lieber daheim. Außerdem: Mein Stamm-Vietnamese ist selbst für einen geübten Stadt-Boulevardier bei 35 Grad im Schatten nur mit Mühe zu erreichen.

Öffentliche Verkehrsmittel habe ich bisher erfolgreich vermieden. Kein Bus, keine U-Bahn, auch Taxi und Uber verkneife ich mir. Corona lauert an jeder Ecke.

Jetzt habe ich mir doch ein Herz gefasst. Die selbst verordnete Quarantäne kann schließlich nicht ewig anhalten. Deshalb: Handschuhe und Gesichtsmaske übergezogen und rüber zur Metro-Station bei uns um die Ecke.

Und wie hat sich die erste U-Bahnfahrt seit Februar angefühlt? Unspektakulär, würde ich sagen. Die wenigen Fahrgäste halten gebührend Abstand zueinander. Gespräche, wie ich sie in der Metro schon mal gerne führe, sind hinter der Maske und über die Corona sichere Distanz hinweg ohnehin so gut wie unmöglich.

Festhalten an der Sicherheitsstange verkneife ich mir. Das ist mir selbst mit Handschuhen zu riskant. Wer zur Hochrisikogruppe gehört und sein bisschen Leben liebt, wägt ab.

Paranoid? Vielleicht. Auf Nummer sicher? Ganz bestimmt.

In der Stadt selbst hat sich seit Corona vieles verändert. Vermummte Männer und Frauen, deren Schönheit sich nur noch erahnen lässt. Menschenschlangen vor den Shops und Restaurants. Den Rekord stellt auch in Zeiten wie diesen der Kult-Diner „Schwartz’s“ auf. Dort, wo das angeblich beste „Smoked Meat“ der Welt serviert wird, warten Dutzende in der Sommerhitze auf einen Sitzplatz in Social-Distancing-Manier.

Anders in der Eisdiele, der ich auf dem Heimweg – diesmal zu Fuß – einen Besuch abstatte. Es ist gegen 15 Uhr. Die freundliche Verkäuferin wirkt gelangweilt. Ich sei heute ihr zweiter Kunde, sagt sie schulterzuckend.

„Corona sucks“, sagt sie. Ich glaube, hinter der Maske entdecke ich ein kurzes Lächeln.

Augen-Drama in mehreren Akten

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Kurz vor der OP: Der Augen-Krimi kann beginnen.

Zwanzig Minuten, sagte mein Freund Peter, höchstens 25. Länger werde meine Katarakt-Operation nicht dauern. Auch andere Weg- und Leidensgefährten hatten schon Wochen vor der OP Entwarnung gegeben. Den „Grauen Star“ zu entfernen, sei ein Klacks. Und alle freuten sie sich darauf, dass der Patient schon bald wieder den Durchblick hat.

Ich muss euch enttäuschen: Den Durchblick hat der Kumpel aus Kanada auch eineinhalb Tage später noch immer nicht. Und statt 20 Minuten dauerte die OP eine glatte Stunde. „Ein Arzt, allenfalls noch eine Assistentin“, würden den Eingriff vornehmen, hatten mich die Freunde noch im Vorfeld beschwichtigt.

Kein Wort davon stimmt: Sechs Mann hoch waren sie an mir zugange, vom vorausgegangenen COVID-Test ganz zu schweigen.

Neben dem Chirurgen und einigen Assistenten war für die Patienten-Beschwichtigung noch ein Anästhesist dabei, der permanent größere Mengen Schmerzmittel und Entzündungshemmer ins wunde Auge kippte. Dass auch noch ein angehender Augenarzt vor Ort war, dem der operierende Chefchirurg den letzten Schliff beizubringen versuchte, sei der Vollständigkeit halber auch erwähnt.

Warum so lange, so kompliziert? VIP? Extrawurst? Risikopatient? Wichtigwichtig? Nichts von alledem.

Das heißt, ein bisschen Risikopatient schon.

Eine komplette Netzhautablösung mit Makula-Beschädigung hatte vor Jahren ein stark lädiertes Auge zurück gelassen. Deshalb also all die zeitraubenden Vorsichtsmaßnahmen. Jetzt noch ein OP-Fehler dazu – und die drei schwarzen Punkte auf gelbem Grund wären mir sicher gewesen.

Doch Dr. K., den manche für den besten Augenchirurg der Stadt halten und der mich schon damals nach meiner Netzhautablösung, inklusive Beschädigung des Sehzentrums, operiert hatte, führte auch diesmal wieder die Regie. Und das war gut so.

Die OP war atemberaubend spannend. Unter den Klängen klassischer Musik klappte der Chirurg mit dem Skalpell ein Stück Hornhaut auseinander und entnahm das, was man gemeinhin „die Pupille“ nennt, genauer: die Linse. Sie war alt, milchig und grau geworden. Klarer Blick war gestern.

Immer wenn die Musik im Augen-Krimi von einem schrillen Alarmton abgelöst wurde, war klar: „Jetzt nicht die allergeringste Bewegung!“ Diese Abmachung hatten Regisseur Dr. K. und Patient B. zuvor getroffen.

Wer zu viele Filme im Leben gesehen hat, kommt schon mal auf schräge Gedanken. In meinem Kopfkino hatte ich mir ein Horrorszenario ausgemalt: Was ist, wenn der Chirurg die neue Linse kurz vor dem Einsetzen fallen lässt und das ganze Team krabbelt auf der Suche nach dem verschwundenen Auge durch den OP-Saal und lässt mich derweil augenlos auf dem Tisch liegen?

Hallo, Stephen King? Nicht lustig, ich weiss.

Et hätt noch immer jot jejange, sagt nicht nur der Kölner, sondern auch der Schwabokanadier. Das erste Auge hätten wir hinter uns. Eine nagelneue Linse ziert jetzt mein rechtes Sehzentrum. Künftig, so die Ansage, dürfe ich wieder mit geschärftem Blick durchs Leben spazieren.

Noch ist es nicht soweit. Weil ein paar Dutzend Dioptrien das rechte, operierte Auge vom linken, noch unbehandelten, unterscheiden, steht meine Welt im Moment noch ziemlich Kopf. Aber die Aussichten sind gut:

Bis auch das andere Auge operiert sein wird, in genau einem Monat, ist an Autofahren nicht zu denken und auch der Drahtesel bleibt im Stall. Fernsehen wird auch bei noch so scharfen Filmen garantiert nicht vergnügungssteuerpflichtig sein. Und Computerarbeit fürs Erste nur in Ausnahmefällen.

Heute war so ein Ausnahmefall. Ich hoffe, Dr. K. sieht es mir nach.

Die Sache mit dem Sterben

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Phil während seines letzten Hawaii-Urlaubs.

Erst Bob, dann Marga, dann Charly. Etwas später Elke und Scott und Tante Anna. Schließlich noch Steve, Gerheide, Gudrun und Günter. Und jetzt, völlig unerwartet, auch noch Phil. Es hört einfach nicht auf mit den Trauerfällen in unserer nächsten Umgebung.

Und das sind nur die Toten in unserem nahen Freundes- und Familienkreis. Die Bekannten oder gar Freunde von Freunden aufzuführen, würde einen eigenen Blogspace füllen.

Wenn du 30 bist und mitten im Leben stehst, häufen sich die Nachrichten über Hochzeiten, Häuslebauen, Hunde und Katzen, die ja oft zur jungen Familie gehören. Es werden Babies geboren und Karrierepläne geschmiedet. Freunde, was kostet die Welt?

Mit 50 ist die Gefahr groß, dass sich genau diese Freunde wieder getrennt haben, die Hunde gestorben, die Katzen im Wald verschwunden sind und das Häusle im Rosenkrieg versilbert werden musste.

Richtig bitter wird’s zwischen 60 und 70. Da begann in unserem Freundes- und Bekanntenkreis das große Sterben.

Nicht alle haben das gesegnete Alter von Marga (93) oder Tante Anna (99) erreicht.

Scott, den wir vor eineinhalb Jahren zu Grabe getragen haben, wurde nur 64. Und Phil, der am vorigen Sonntag gestorben ist, war gerade mal elf Tage älter als ich: 71.

Wir kannten uns seit 33 Jahren, 25 davon lebten wir Haus an Haus.

Noch vier Tage vor seinen Tod haben wir telefoniert. Im Winterurlaub auf Hawaii hatte er zum erstenmal über Atemnot geklagt. Jetzt ist er an Herzversagen gestorben. Keiner wusste, dass es ihm so schlecht ging. Auch Jennifer, die Liebe seines Lebens, hatte den plötzlichen Tod nicht kommen sehen.

Morgen wird Phil verabschiedet und ich soll die Trauerrede halten. Wegen Corona findet alles im kleinen Kreis statt. Lediglich 20 Personen dürfen sich versammeln. Mit Mundschutz und „social distancing“.

Was sagt man einer Runde von Trauernden, die alle noch unter Schock stehen?

Und überhaupt: Alles nicht so einfach, wenn man die Witwe umarmen und dem Bruder des Verstorbenen gerne die Hand auf die Schulter legen würde, Covid-19 aber zwei Meter Abstand vorschreibt.

Man sagt das so leicht: „Immerhin ist es schnell gegangen und er musste nicht leiden“.

Stimmt. Leiden musste Phil nicht. Aber Trost ist anders.

Als Reporter unter Indianern

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Ureinwohner gegen kanadische Armee  © Canadian Encyclopedia

Erst kreisten Militär-Hubschrauber über unserem Dorf. Dann rollten die Panzer an. Als ich mich als Korrespondent schließlich ins Krisengebiet aufmachte, wurde ich unsanft in den Kommandowagen der Polizei geschoben. Die Beamten hatten mein “Motorola-Knochen“-Handy für eine Waffe gehalten. Und als alles schon vorbei schien, tauchte auch noch die Kripo bei mir zuhause auf. Diesmal ging es um Drogen.

Verwirrt? Der Reihe nach:

Es war vor genau 30 Jahren, als am 11. Juli 1990 kanadische Geschichte geschrieben wurde. Zwischen Mohawk-Indianern, der kanadischen Bundespolizei und dem Militär brodelte ein Konflikt, der 78 Tage und Nächte dauern sollte.

Die etwa 1400 „Indianer“ – so wurden Ureinwohner damals noch politisch-korrekt bezeichnet – leben in dem Mohawk-Reservat „Kanesatake“, am Ufer des “Lake Of Two Mountains”. Also genau gegenüber dem Dorf Hudson, in dem wir 25 Jahre lang unser Zuhause hatten.

Bei dem Disput, der mehr als zwei Monate lang die Nation in Atem hielt, ging es um Landansprüche. Die Gemeinde Oka, seit Generationen Nachbarn der Indianer, plante in den Augen der Ureinwohner etwas Ungeheuerliches: Der städtische Golfplatz sollte erweitert werden. Dafür müsste ein Gebiet abgeholzt werden, das Grabstätten der Mohawk beherbergt.

Mit Diplomatie war den Indianern nicht beizukommen. Sie blieben hart und weigerten sich, auch nur einen Quadratzentimeter Land für eine Freizeitanlage abzugeben, von dem nur einer profitieren würde: Der “Weisse Mann”.

Als die Auseinandersetzungen zwischen den Ureinwohnern und den Bürgern von Oka zu eskalieren drohten, wurden neben der Quebecer Polizei zusätzlich noch die “Mounties” gerufen, also die kanadische Bundespolizei. Als auch deren Präsenz nicht zur Deeskalation beitrug, rückte das Militär ein.

Als schließlich noch ein Polizeibeamter bei einem Schusswechsel mit Indianern ums Leben kam, drohte Krieg.

Um an den Schauplatz dieser militärischen Auseinandersetzung zu kommen, musste ich lediglich zehn Minuten mit der Fähre von unserem Dorf ans gegenüberliegende Ufer zurücklegen.

In Kanesatake angekommen, tat ich das, was Reporter so tun, wenn sie ihrem Job nachgehen: Ich fing an zu recherchieren. Ich redete mit Indianern und Armee-Soldaten, mit Bürgern aus Oka und auch dem Betreiber einer Radiostation, die ausschließlich in der Sprache der Mohawk sendet.

Als mich meine Recherchen aus einem Waldgebiet wieder zu Fuß in Richtung Reservat führten, wurde ich von vier bewaffneten Polizisten gestoppt, gefilzt und vorübergehend festgenommen.

Sie konfiszierten Handy und Kamera. Mein Internationaler Presseausweis beeindruckte sie wenig.

Wen kontaktiert man, in einem Fall wie diesen? Im Büro der Kanadischen Journalistenvereinigung ging keiner ans Telefon. Auch bei mir zuhause erreichte ich niemanden, dem ich sagen konnte: Es könnte eine lange Nacht werden.

Blieb der Anruf beim besten Freund in Deutschland, selbst Journalist und mit Krisen-Prozedere vertraut. Er schaffte es zumindest, meine Familie darüber zu informieren, was passiert war. Es war die Kommunikation der langen Wege: Von Köln nach Hudson sind es gut 6000 Kilometer. Von Oka nach Hudson gerademal 10 Minuten mit der Fähre.

Nach gut zwei Stunden entließen mich die Beamten. Für Erklärungen war dies der falsche Ort, der falsche Zeitpunkt. Was zählte: Ich war wieder auf freiem Fuß.

Es wurde noch ein langer Tag und eine noch längere Nacht. Mehr als ein Dutzend Sender der ARD waren an Reportagen interessiert. Bei den meisten von ihnen war ich auch während der kommenden zweieinhalb Monate Tag für Tag, Nacht für Nacht, immer wieder auf Sendung.

Eines Abends, wir saßen beim Abendbrot, klopfte es an der Tür. Zwei Beamte in Zivil wollten mich sprechen – “unter sechs Augen, bitte!” Die Polizisten legten mir ein Schwarzweiß-Foto vor. Es zeigte mich im Gespräch mit einen Mann. Aufgenommen auf der Fähre über den Lake Of Two Mountains, von Hudson ins Indianergebiet.

In welcher Beziehung ich zu dem Mann auf dem Bild stehe, wollten die Kripo-Beamten wissen. “In gar keiner”, sagte ich wahrheitsgetreu. Ich war lediglich mit dem mir bis dahin völlig unbekannten Mann bei der Fahrt über den See ins Gespräch gekommen.

“Worum geht’s?”, wurde ich neugierig. Bei dem Mann handle es sich um einen Drogenschmuggler großen Stils, klärten mich die Beamten auf.

Weitere Konsequenzen hatte die Begegnung mit dem Kriminellen für mich nicht. Gut so, denn zu jener Zeit hatte ich mit der Berichterstattung über die “Oka-Krise” genug an der Backe.

Dreißig Jahre später brodelt es zwischen den Bewohnern von Oka und Kanesatake zwar immer mal wieder. Zu kriegerischen Auseinandersetzungen ist es seither nie mehr gekommen.

Die Bundesregierung kaufte auf Drängen der Mohawk-Indianer das seinerzeit umstrittene Stück Land auf. Es ging als “The Pines” in die kanadische Geschichte ein.

Zu der geplanten Erweiterung des Golfplatzes ist es nie gekommen. Im Gegenteil: Die kanadische Regierung kaufte einige Waldstücke auf, um den Indianern von Kanesatake für Generationen hinaus Grabstätten zu ermöglichen.

Video: DIE OKA-KRISE IN 5 MINUTEN

So fing damals alles an in Kanada

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Eine der letzten Begegnungen mit meinem Kanada-Mentor, Chef und Freund Bernd Laengin (l). und seiner Frau Christa an deren Cottage am Lake Winnipeg. (Sonnenbrille: Leihgabe).

Heute ist „Canada Day“, der kanadische Nationalfeiertag. Ein willkommener Anlass, auf meine Ankunft in diesem wunderbaren Land zurück zu blicken. Weil es in Kanada so schön ist, bin ich übrgens gleich zweimal ausgewandert. Die ersten drei Jahre, von 1973 bis 1976, habe ich in Winnipeg/Manitoba verbracht. Danach ging es wieder für vier Jahre nach Deutschland zurück. Im Spätsommer 1980 packte mich das Kanada-Fieber erneut. Seither lebe ich – mit kurzen Intermezzi in Winnipeg/Manitoba und Calgary/Alberta – in Montreal.

Hier ein Rückblick auf das Jahr 1973, als alles anfing:

Ich war 24 Jahre alt und arbeitete damals als Redakteur bei einer Lokalzeitung in Waiblingen bei Stuttgart. Es war eine wunderbare, spannende und vor allem lehrreiche Zeit. Doch im Winter 1973 herrschte bei mir Aufbruchstimmung. Eine neue Herausforderung im Job und ein Abenteuer lockten – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Die Auswanderung nach Kanada.

Der Flug nach Kanada war zwar nicht mein erster, aber mein weitester. Der Geruch von Fußschweiß, abgestandenem Kaffee und Plastikbechern vermischt sich mit dem Gestank von Kerosin und Tabakrauch. Jinglebells bimmeln aus dem Bordlautsprecher. Vom Kragen der Stewardessen-Uniform lächelt verschmitzt ein Plastik-Santa. Die Flugzeugwände sind mit Weihnachtskränzchen “Made in Taiwan” geschmückt.

In zwei Wochen ist Heiligabend und auch neun Stunden nach dem Abflug in Frankfurt kann ich mich nur schwer an das Innendekor gewöhnen, mit dem ein Flugzeugtapeten-Designer ungestraft Passagiere belästigen darf. Guter Geschmack war gestern. Willkommen bei Air Canada! Willkommen in der neuen Welt!

Der Kapitän meint es gut mit uns. Er dreht jetzt den Jinglebells-Knopf auf leise, dimmt die Innenbeleuchtung und verspricht, ehe er zur Landung ansetzt, den Passagieren eine klare Nachtsicht auf Winnipeg.

Es ist der 8. Dezember 1973.

Winnipeg: Hauptstadt der westkanadischen Prärieprovinz Manitoba, 600.000 Einwohner, die meisten davon ukrainischer und deutscher Abstammung. Neben Wladiwostok in Sibirien eine der kältesten Großstädte der Welt. Hierher hat es mich also verschlagen. Ummendorf war gestern. Ab heute ist Kanada angesagt. Und morgen? Who knows.

Wie ein beleuchtetes Schachbrett sieht die Stadt von hier oben aus. Bunte, blinkende Lämpchen, flinke Autos, Schneegestöber im Scheinwerferkegel der DC 8. Imposante Brücken führen über einen zugefrorenen Fluss, der Assiniboine River heißt. Je mehr wir uns dem Rollfeld des Flughafens von Winnipeg nähern, desto weniger erinnert das Ganze an eine richtige Stadt. Bunt zusammengewürfelte Häuser, ja. Aber eine Stadt?

Vor dem Airport tobt ein Schneesturm. Der Wind treibt die Flocken in einem atemberaubenden Tempo vor sich her. Das Flughafen-Thermometer zeigt eine Außentemperatur von minus 40 Grad an. Ob Celsius oder Fahrenheit spielt in diesem Moment keine Rolle. 40 Grad F. sind 40 Grad C. Eiszeit ist Eiszeit. Wie können Menschen bei diesen Temperaturen überleben?, frage ich mich genau in dem Augenblick, in dem Gigs mich an der Felljacke zieht und losbrüllt: “Lange halte ich das hier nicht aus, das kann ich dir jetzt schon sagen.” Sie brüllt, denn der Fluglärm sitzt uns noch in den Ohren.

Sind es menschliche Lebewesen, die an uns vorbeiziehen? Oder vermummte Statuen, die sich auf Kufen bewegen? Und überhaupt: Wo sind die hübschen Frauen, die ich auf dem Poster der kanadischen Botschaft gesehen hatte, als ich mein Visum abholte? Bei minus 40 Grad verlieren Menschen ihre Konturen. Die Inuit, so hatte ich in einem Kanada-Reiseführer gelesen, schmieren ihren Babys Walfischtran ins Gesicht. Dadurch wird die Haut vor Erfrierungen geschützt.

40 Grad Celsius. So etwas kannte ich bis dahin allenfalls aus dem Fernsehen. “So weit die Füße tragen” flimmerte in den 60er Jahren über deutsche Schwarzweiß-Bildschirme. Im Fernsehen kämpfte sich Sonntag nachmittags zur besten und fast einzigen Sendezeit ein deutscher Soldat durch Sibirien – soweit die Füße tragen. Irgendwann verliert der Russlandheimkehrer in der Eiseskälte den Verstand.

Unser Empfangskomitee am Winnipeg-Airport hat einen blonden Vollbart, blondes, lockiges Haar, wache, blaue Augen und einen Dialekt, der nach Schwarzwälder Schinken und Spätzle klingt. “Herzlisch willkomma in Winterpeg!” ruft er uns fröhlich zu. Und dann, als hätten wir den ersten Witz nicht verstanden: „Winterpeg, oh verreck.“ Karlsruhe wie es singt und lacht.

Bernd, Chefredakteur der deutschsprachigen Wochenzeitung “Kanada Kurier”, ist der Mann, dem ich meinen ersten Reporterjob im Ausland zu verdanken habe. Als Lokalredakteur hatte ich mich auf eine Anzeige im “journalist” beworben. Die Zeit war reif für einen Tapetenwechsel.

Fünf Jahre Kleintierzüchter- und Angelverein, hin und wieder ein Prozess vor dem Amtsgericht und als Highlights feuchtfröhliche Besuche in der französischen und englischen Partnerstadt im Bus der Freiwilligen Feuerwehr – schön war’s. Aber irgendwann auch genug.

“Mach das!”, hatte mir mein damaliger Chefredakteur Richard Retter geraten. Der hatte schon immer eine Nase für gute Geschichten. Und eine gute Geschichte wurde Kanada für mich allemal. Mehr als hundert Bewerber hatten sich auf das Inserat im “journalist” gemeldet. Dass sich mein künftiger Chefredakteur ausgerechnet für mich entschied, hatte mehrere Gründe.

Zum einen, so erzählte mir Bernd später, habe ihm die “landsmannschaftliche Verbundenheit” mit mir gefallen (wobei Badener und Schwaben ob ihrer Geschichte bis heute noch alles andere als ein “dream team” sind). Zum anderen war mein künftiger Arbeitgeber wohl von meiner Kanada-Tauglichkeit überzeugt, nachdem ich ihn wochenlang mit Briefen bombardiert hatte, die statt eines Briefkopfs ein Ahornblatt als Logo trugen, daneben ein äußerst schmeichelhaftes Foto von mir in Felljacke, darunter mit Schreibmaschine getippt: “Ihr Mann für Manitoba”. Wer konnte bei so viel textlicher Originalität widerstehen?

Dass dann Monate später beim persönlichen Kennenlernen in unserer WG bei Stuttgart ein großer Topf Käsespätzle mit Röstzwiebeln auf dem Tisch stand, muss meinen künftigen kanadischen Boss vollends beeindruckt haben. “Und kochen kann der auch noch!”, hatte er mir nach dem ersten Bissen geschmeichelt. Dass die Spätzle nicht ich, sondern in Wahrheit mein WG-Mitbewohner, ein später namhafter ZDF-Reporter, gekocht hatte, gehört zu den kleinen Lügen, die erlaubt sein müssen, wenn es um etwas so Großes wie Kanada geht.

Drei Monate nach dem Spätzlestreff dann also die lang ersehnte Ankunft in Winnipeg/Manitoba.

“Wo habbeder des Gebäck?”, will Bernd wissen. “Verdammt”, zischt mir Gigs ins Ohr. “Wir hätten ihm ein Päckchen mit Weihnachtsplätzchen mitbringen sollen.” Das gehöre sich so, wenn man Deutsche im Ausland besuche, tat sie altklug. Quatsch. Als Süddeutscher, der im schwäbisch-badischen Grenzgebiet aufgewachsen ist, war mir klar: Mit „Gebäck“ meint unser Ein-Mann-Empfangskomitee das Gepäck. Viel ist es nicht, was wir mitgebracht haben. Je ein verwaschener Seesack und eine naturgegerbte Lammfelljacke sowie zwei Gitarren.

Gigs und ich waren zu dieser Zeit sechseinhalb Jahre zusammen. Dass es nicht viel mehr werden sollten, lag nur indirekt an der kleinen Affäre mit dem braun gebrannten Barpianisten im irischen Schlosshotel, wo sie sich sprachtechnisch auf den Kanada-Aufenthalt vorbereitet hatte.

Dichtes Schneetreiben, 40 Grad minus – so hatte ich mir den Winter in Kanada schon immer vorgestellt. Schick sahen sie an uns aus, die Lammfelljacken. Nur leider gaben sie nicht warm genug. Der quirlige, freundliche Mann mit badischem Singsang führt uns zu seinem Wagen: ein knallroter Ford Mustang. Rundum uns herum das, was man als Straßenkreuzer aus dem Kino kannte. Monsterschlitten mit viel Chrom, aber wenig Charme.

Der Sportflitzer passt in diese groteske Winterlandschaft wie ein Schneepflug an den Strand von Malibu. “Friendly Manitoba”, steht auf dem Nummernschild. Das Land gefällt mir, dachte ich. Hatte ich jemals auf einem deutschen Kfz-Kennzeichen “Freundliches Baden-Württemberg” gelesen? Oder „Glückliches Hessen?“

Aus dem Autoradio tönt Heino, die Metzgerei Rosenkranz bietet “Weihnachtsgänse wie daheim in Deutschland” an, der Bäcker Lange wirbt für Marzipanstollen. “Das ist unser deutscher Radiosender”, sagt der Zeitungsredakteur Bernd fast ehrfurchtsvoll. “Ist aber keine Konkurrenz für uns.” Hoffentlich nicht. Wäre der Kanada Kurier so schlecht wie die deutschsprachige Radiosendung, müsste die Medienkommission einschreiten.

Schwer zu glauben, dass dieser Mann von Welt massenweise Kassetten und Schallplatten mit Volksmusik im Regal stehen hat und Heino, Heintje und Toni Marschall nachsingt, als wären ihm die Texte und Melodien in die Wiege gelegt worden.

Aber ein toller Schreiber war er, dieser Bernd Längin. Und ein Kerl zum Verknuddeln.

Den Journalismus hat er in seiner Heimat Karlsruhe gelernt. Schriftsetzer war er zuerst gewesen, musste Todesanzeigen, Kinoplakate und Visitenkarten druckreif machen. Aber das Schreiben lag ihm mehr als das Setzen. Setzen konnte man im Sitzen. Fürs Schreiben musste man raus in die Welt. Und genau da wollte er hin.

Bernd war gerade mal Anfang 20. als er mit einem VW-Bus nach Indien reiste. Finanziert hatte er den Trip, indem er Testberichte für Fachzeitschriften schrieb. „Dabei hatte ich keine Ahnung, wie ein Kolben funktioniert oder warum manche Autos vier, manche sechs und wieder andere acht Zylinder brauchen“, erzählte er viel später einmal. Aber er wusste, wie man sich gegen Sensen schwingende Albaner verteidigte. Oder einem Rudel Wölfe in Kirgistan auswich. Oder Bettler in Bombay als Wachmänner anheuerte, während man sich einen erholsamen Schlaf gönnte.

Bernd wusste vor allem eins: Wie man als freier Journalist überlebt und dabei massenweise Spaß hat. Während viele seiner früheren Kollegen in ihren Redaktionsstuben Moos ansetzten, klopfte sich Bernd nach seinen Abenteuerreisen den Staub von den Schuhen.

“Musik mit Schwungk für Alt und Jungk”, höre ich den Moderator noch ins Mikrofon säuseln, dann fallen mir die Augen zu. Ich spüre noch, wie der Mann mit dem roten Mustang Gas gibt. Wir rauschen geradewegs in die kälteste Winternacht hinein, die wir bis dahin je erlebt hatten. Wir waren in Kanada. Die Eiszeit hatte gerade erst begonnen.


Dieser Text stammt aus meinem autobiografischen Roman „DAS GIBT SICH BIS 1970“ . Das Büchlein gibt’s übrigens noch immer als Download bei Amazon.


Vieles hat sich seit meiner Ankunft in Winnipeg verändert. „Gigs“, die mich damals nach Winnipeg begleitet hatte, lebte später in Mexiko und heute in München. Dafür hat später Lore, die Liebe meines Lebens, das „Abenteuer Kanada“ mit mir fortgesetzt. Bernd Laengin, der damalige Chefredakteur des KANADA KURIER, der mich als Reporter eingestellt hatte und später zu meinem besten Freund und Mentor wurde,  ist am 28. Juni 2008 verstorben. Er wurde nur 67 Jahre alt. Als Vermächtnis hinterließ er fast zwei Dutzend Sachbücher über ethnische und religöse Minderheiten, die er nach akribischer Recherche in aller Welt geschrieben hatte. Seine Frau Christa lebt noch immer in Winnipeg. Mit ihr – und ihrem zweiten Mann – verbindet mich bis heute eine tiefe Freundschaft.

HAPPY CANADA DAY ❤️