Es war der dunkelste Sommer meines Lebens. Eine Netzhautablösung im rechten Auge hatte mir – wegen einer früheren Netzhautablösung im linken Auge – das fast komplette Sehvermögen genommen. Der Schatten, der sich über mich gelegt hatte, passte voll ins 2020er-Bild. Draußen Corona, drinnen blind.
Die Dunkelheit in der Dunkelheit brachte mich manchmal fast an meine Grenzen. Mehr als einen Monat lang musste meine Familie mich mit gesenktem Haupt ertragen. Damit die abgerissene Netzhaut wieder anwachsen konnte, musste ich Tag und Nacht mit dem Gesicht nach unten verbringen – auch beim Schlafen.
Aber mit Hilfe von Lore und Cassian haben wir auch diese Phase gemeistert. Von jetzt an kann es nur noch aufwärts gehen.
Und es ist bereits aufwärts gegangen. Genau genommen um sechs Stockwerke. Dort, einen Steinwurf von der schönsten Montrealer Markthalle entfernt, haben wir vor zwei Wochen im Stadtteil Pointe-St.Charles eine neue Wohnung bezogen.
Mit herrlichem Blick auf einen Park, in dem Menschen unaufhörlich joggen, radfahren, skateboarden, picknicken oder einfach den Tag und den Abend genießen. Gleich dahinter liegt der „Canal Lachine“, ein Ausläufer des St.-Lorenz-Stroms. Und dann natürlich die grandiose Sicht auf die Montrealer City. Großstadtleben im Grünen – mehr geht nicht für den Boulevardier.
„Warum zieht ihr denn um?“ Diese Frage wurde uns in letzter Zeit öfter gestellt. Und sie ist berechtigt: Das Fabrikloft in St. Henri war fein, aber auch klein. Zu klein, um darin einen kompletten kanadischen Winter zu überstehen.
Es wird der erste Winter seit mehr als einem Dutzend Jahren sein, den wir wohl ohne Unterbrechung in Kanada verbringen müssen. Nicht nur wegen Corona werden wir bis auf weiteres keinen Flieger besteigen. Die frisch operierte Netzhaut würde den Kabinendruck im Flugzeug kaum aushalten.
Danke, an alle, die während dieser harten Wochen an uns gedacht haben. An all die Freunde und Bekannten, die mir per Sprachnachrichten und oft stundenlangen Telefonaten Mut zusprachen und Durchhaltevermögen wünschten. Und auch an die Kollegen, die mir mit blindengerechten Aufträgen das Gefühl gaben, auch dann noch gebraucht zu werden, wenn der Blick nicht mehr messerscharf ist.
Das Licht am Ende des Tunnels fühlt sich wunderbar an. Auch wenn es im Moment nur ein Lichtlein ist.
Wo soll ich anfangen? An dem Tag, an dem ein sonst hochanständiger Kumpel ein paar Kaltgetränke zu viel intus hatte und mit so viel Energie auf meinem Klavierstuhl tanzte, bis er schmetternd unter ihm zusammenkrachte? Oder mit meinem viel zu früh verstorbenen Freund Bob, der genau diesen Drehstuhl dann wieder liebevoll reparierte?
Vielleicht sollte ich einfach erzählen, dass ich vor ein paar Tagen von genau diesem Hocker fiel, als Lore mir Bart und Haare schnitt. Kaltgetränke waren an diesem Morgen, ich schwöre es, garantiert nicht im Spiel.
Wer repariert mir jetzt so einen Stuhl, der gute hundert Jahre alt ist und viele, viele fröhliche Stunden auf dem drehbaren Buckel hat? Anfragen bei Facebook und bei richtigen Freunden verliefen im Sand. Und weit und breit kein Bob mehr.
Der Stadtflaneur in mir erinnerte sich plötzlich an ein Schild, das ihn schon seit seiner Ankunft in Montreal vor fast 40 Jahren fasziniert. Es ist eine überdimensionale Klaviatur mit schwarzen und weissen Tasten, so wie es sich eben für ein Klavier gehört.
Also hin zu dem Laden an der Rue Rachel, irgendwo zwischen dem Boulevard St. Laurent und der Rue St. Urbain – dort, wo mein Montreal noch am ursprünglichsten ist. Um die Ecke stehen selbst in Corona-Zeiten noch Schlangen von Menschen vor dem Diner „Schwartz’s“, weil es dort das angeblich beste Smoked Meat der Welt gibt.
„Hallo, mein Freund!“, begrüßt mich Luis, der eigentlich Alois heißt und 80 Jahre alt ist. Das mit dem „Freund“ geht in Ordnung, auch wenn ich Luis noch nie zuvor in meinem Leben begegnet war. Wir hatten uns nur kurz am Telefon gesprochen.
Und das mit der deutschen Ansprache hat auch eine Erklärung: Luis kennt sich nicht nur mit Klavieren aus, sondern auch mit Akzenten. Echt jetzt? Habe ich es nach fast einem halben Jahrhundert Kanada immer noch nicht geschafft, völlig akzentfrei Englisch zu reden?
Jedenfalls hat mich Luis dabei ertappt, Deutscher zu sein. Er selbst kommt aus Slowenien und ist in jungen Jahren nach Österreich gegangen, um das Orgelbauer-Handwerk zu erlernen. Irgendwann rief dann das ferne Kanada und dort ist er jetzt seit den 50er-Jahren.
Seine Werkstatt ist eine Mischung aus slowenischer Tanzbühne, Heimatmuseum und der Schreinerwerkstatt des Meister Eder. Nur Pumuckl fehlt. Dafür ist Luis Junior da, der Sohn des Meisters. Klavierbauer ist er – was sonst?
Es riecht nach Leim und Metall, nach Holz und Schmieröl. Korpusse stehen neben Resonanzböden, da ein Stimmstock, dort Tasten, Federn, Zungen, Stößel, Dämpfer und Hämmer. Es gibt Klaviaturen. Pedale mit Füßchen aus Messing und Chrom. Vor allem aber gibt es Klaviere in Luis’ Klavierwerkstatt.
Dort stehen sie, die Steinways, Gunthers und wie sie sonst alle heißen. Aufgereiht und in Watte gepackt, abholbereit für den nächsten Kunden. Das kann ein feines Hotel sein oder eine Hochzeitsgesellschaft, die einen Flügel ganz in Weiß wünscht. Die beiden Luise reparieren nicht nur Klaviere, sie hegen und pflegen sie auch, bewahren sie auf und vermieten sie.
Geben Sie dem Mann am Klavier eine Stunde Zeit, sprudelt sein Leben auf zwei Kontinenten nur so aus ihm heraus. Memorabilien zieren die Wände, verblichene Relikte aus einer Zeit, in der Yamaha noch ein Motorrad war und kein Klavier für diejenigen, die sich keinen Flügel leisten können.
Ein Foto von Pierre Elliot Trudeau hängt irgendwo verstaubt zwischen Plakaten einer slowenischen Blaskapelle, einem ausgestopften Elchkopf und der Lizenz des Klavierbauers.
Pierre Trudeau war langjähriger Premierminister Kanadas und der Vater von Justin Trudeau, dem derzeitigen Regierungschef des Landes. Monsieur Trudeau Senior hatte das Klavier seiner Mutter stimmen lassen – bei einem Stümper, wie sich herausstellte.
„Können Sie mir das Klavier nochmal stimmen, diesmal aber richtig?“, habe Monsieur Trudeau ihn gefragt, „Natürlich, Sir!“, habe er dem hohen Herrn geantwortet. „Vergiss den Sir“, habe der gesagt, „nenn‘ mich einfach Pierre“. Und weil das Klavier jetzt auch den richtigen Ton abgab. schenkte Pierre Trudeau dem Luis eine Urkunde mit Widmung.
Luis hat Dutzende von Geschichten wie diesen in seinem Repertoire. Eine davon, die letzte, die er mir an diesem herrlichen Spätsommernachmittag in Montreal erzählt, ist nicht so lustig.
Luis zieht um. Die Einnahmen aus seinem Geschäft decken die Unkosten nicht mehr. Die Steuern, die er jährlich für seinen Betrieb entrichten muss, haben astronomische Höhen erreicht. Doch die Stadtverwaltung kennt keine Gnade. Also gibt er die Werkstatt, die er seit 1969 betreibt, auf und zieht in den Süden von Montreal.
Weniger Steuern, mehr Geschichten. Zum Beispiel die hier: Das Haus, in dem Luis und Luis künftig wohnen und arbeiten werden, gehörte einem passionierten Fischer und Flieger. Sein letzter Flug führte ihn in den Tod. Auf dem Weg zum Angeln stürzte er mit seiner Maschine ab,
Und ja, den Klavierstuhl hat Luis repariert. Fachgerecht und schnell. Das Ganze für weniger Dollars als eines seiner Klaviere Tasten hat.
„Bass ID“ heißt das Kanu, das Doug und Marjo gestern zu Wasser ließen.
„Canoodling“ nennen Kanadier liebevoll eine zärtliche Geste zwischen zwei meist jungen Menschen. Soviel wusste ich bereits. Dass „Canoodling“ aber auf das deutsche „Knuddeln“ zurückgeht, habe ich gestern gelernt. Mein Kumpel Doug hat mir in drei Stunden mehr über Kanus und Canoodling erzählt als ich mir in 40 Jahren Kanada an Bootswissen angeeignet hatte.
Wenn es um fahrbare Untersätze geht, war Doug für mich schon immer der King of Kotlett. Neben seinem Job als hochseriöser Redakteur war er jahrelang Autotester der Montreal Gazette.
Sein jüngstes Baby ist eine alte Dame. Vor fast 90 Jahren wurde das Kanu gebaut, das er gestern zu Wasser ließ.
Die “Bass ID” ist ein feines Flussgefährt aus der erlauchten Serie bekannter kanadischer Kanubauer, die ihren Sitz damals in Peterborough hatten. Vielleicht nicht ohne Zufall, denn genau dort, vor den Toren Torontos, ist Doug aufgewachsen.
Seine “Bass ID”, benannt nach „Bass Island“, eine Cottage-Gegend, in der Doug als Kind viel Zeit verbrachte, hat er jetzt von einem älteren Herrn am Südufer von Montreal erstanden. Dem Senior war die schlanke Schönheit schlicht zu anstrengend geworden. Doug wird gut für sie sorgen.
Jetzt, da auch er das ist, was man so einen Rentner nennt, kann er seinem eigentlichen Hobby frönen: Booten.
Es gibt wenig, das kanadischer ist als eine Kanu-Taufe. Wir waren an diesem herrlichen Sommernachmittag am Lac Dufresne dabei und haben mit Doug und Marjolaine nicht nur die diversen Kaltgetränke geteilt, die zu so einem Stapellauf gehören. Wir durften uns auch an den zahllosen Anekdoten erfreuen, die der frischgebackene Bootseigner später dann beim Grillen in seiner Cottage zum Besten gab.
Zum Beispiel die hier:
„Canoodling“ hatte seine Hoch-Zeit, als es als intimen Zufluchtsort für zwei Verliebte weder das Autokino gab, noch den Rücksitz von Papas Chevy,
Zum Knuddeln stieg man ins Kanu, setzte in Sichtweite der besorgten Eltern noch gekonnt den jedem Kanuten geläufigen J-Stroke ein und kam sich, als das Ufer dann endlich außer Sichtweite war, auf einem der zwei geflochtenen Sitze zum Tête-à-tê näher als es Teenagern seinerzeit erlaubt war. Dass Kanus dieser Art noch heute „girling canoes“ heißen, sagt viel über die Bedeutung der schwimmenden Schiffschaukeln aus.
Dougs “Bass ID” ist ein Klassiker mit Verstrebungen aus Zedernholz, einem Rumpf aus geleimtem Rupfen und (nachträglich verwendetem) Glasfaser. Tatsächlich verfügt sein Knuddel-Kanu noch über zwei dieser verstellbaren Rückenlehnen, die akrobatisch talentierten Menschen das Liebesspiel erlauben. Theoretisch.
Doug, dies nur am Rande, gehört schon aus anatomischen Gründen eher nicht zu diesem erlauchten Kreis, verfügt jedoch über ein beeindruckendes Fachwissen darüber, was möglich wäre, wenn.
So sehr hat sich das Kanu als erotische Begegnungsstätte zweier Menschen in das kanadische Bewusstsein eingeschlichen, dass Pierre Berton, einer der herausragenden Historiker des Landes, einmal den Satz prägte:
“A Canadian is someone who knows how to make love in a canoe.”
Womit wir wieder beim knuddeligen Canoodling wären.
Das Kunstwerk: Bootseigner Doug.Zargen aus Zeder, Sitz mit verstellbarer Rückenlehne.Letzte Inspektion vor dem Stapellauf.Und schließlich die Tauffeier mit Blick auf den See.