Der Auf-und-ab-Tag

JAKOBSWEG, Tag 4 – 23 Kilometer von Los Arcos nach Viana

FÜR HANS

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Die Achterbahn des Lebens spiegelte sich am vierten Tag unserer Pilgerwanderung eins zu eins in der Landschaft wider. Es war ein ständiges Auf und Ab. Das einzige, das konstant oben blieb, war unsere Stimmung. Wie könnte man an Tagen wie diesen auch nicht guter Dinge sein?

Daran ändert auch die schmerzhafte Blase unter Lores Fußballen nichts. Mit Nadel, Faden und einem Biss auf die Zähne hat sich die Ärztin in ihr gleich nach der Ankunft in der Pension San Pedro in Viana selbst behandelt.

Viana liegt gut 23 Kilometer von Los Arcos entfernt. Das muss für uns heute als Tagespensum genügen. Im Gegensatz zu den meisten Menschen, denen wir hier begegnen, verfügen wir über den unbezahlbaren Luxus der Zeit.

Sieben Wochen stehen uns insgesamt zur Verfügung. So viel werden wir vermutlich nicht für den Camino brauchen. Aber die Freiheit spielt sich im Kopf ab: Wir könnten, wenn wir wollten.

Nicht nur topografisch ging es heute auf und ab. Auch das Wetter passte sich der Landschaft an. Jacke aus, Jacke an. Reißverschluss rauf, Reißverschluss runter.

Vom kühlen Morgen bis zum heißen Marsch durch die fruchtbaren Täler, in denen vorwiegend Wein angebaut wird – mit Ausnahme von Regen und Schnee war wettermäßig alles dabei. Viel Wind auch, der uns manchmal angetrieben, oft aber auch ausgebremst hat.

Neue Strecke, neue Bekanntschaften. Und auch ein Wiedersehen mit „alten“ Mitwanderern, denen wir schon vor Tagen begegnet waren.

Carmen zum Beispiel, die fröhliche Mexikanerin, haben wir eben auf der 700 Jahre alten Plaza in Vania wieder getroffen. Carmen humpelt uns entgegen. Zu ihrem Schmerz im Knie hat sich eine Knöchelverletzung gesellt. Deshalb aufgeben? Nie und nimmer!

Auch die junge Theologiestudentin aus Südkorea, Tischnachbarin in Los Arcos, ist uns gleich am Ortseingang von Vania in die Arme gelaufen.

Nach Feierabend erkennt man PilgerInnen schon von weitem an Flip-Flops. Der Moment, in dem die Wanderstiefel abgelegt werden können, gehört zu den Wohlfühl-Highlights des Tages.

Sean ist eine Zeitlang neben uns her gewandert. Ein stattlicher Mann aus Dublin, der dringend eine Auszeit brauchte. Sean muss es im Geschäftsleben weit gebracht haben. Im Hafen von Palma de Mallorca liegt sein Segelboot. Auf dem Camino steigt er in Sechs-Euro-pro-Nacht Pilgerherbergen ab. Die Gnade des Mannes, der sich nichts mehr beweisen muss.

Manchmal sind die einfachsten Antworten die besten. Unter einer schattigen Steineiche treffen wir Yvonne, eine nicht mehr junge und auch nicht mehr ganz schlanke Pilgerin aus Alaska. Sie hat den Weg um die halbe Welt ganz alleine angetreten. Was sie hierher bringe, frage ich sie. Ihre Antwort: „Der Camino“.

Der Jakobsweg bringt Menschen nicht nur zusammen. Er reduziert sie auch auf das Wesentliche. Geld, Ruhm, Schönheit? Alles geschenkt.

Worauf es ankommt, sind gesunde Füße und ein klarer Menschenverstand. Alles andere regelt der Camino für dich.

Gute Nacht aus Vania!

4 Gedanken zu „Der Auf-und-ab-Tag

  1. Wieder ein interessanter Tag! Die Bewandtnis des Fadens, nach Aufstechen der Blase, ist mir unbekannt…. Würde mich interessieren :-) Wünsche für morgen einen weiteren schönen „Camino – Tag“

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