Ab heute heißt es „Buen Camino!“

Wir sind da! Die Anreise mit dem Überlandbus von Bilbao nach Pamplona war ein Klacks. Vom Frühsommer in Lissabon haben wir wettermäßig einen Schritt zurück in den Frühling gemacht. Blühende Obstbäume, Frühlingsblumen, Forsythien.

Zur Linken schneebedeckte Berge (bitte nicht für uns zum Wandern, Heiliger Jakob!) Rechts fruchtbare Wiesen und bewaldete Hänge. Die zweistündige Busfahrt war eine wunderbare Gelegenheit, auch diesen uns fast unbekannten Teil Spaniens zu genießen.

Am Vormittag haben wir uns Bilbao noch angesehen. Natürlich stand auch das Guggenheim-Museum auf dem Programm. Wahnsinn, zu welchem Gesamtkunstwert die geballte Kreativität von Landschaft und Architektur fähig ist.

Interessant übrigens, wie unterschiedlich man als Rucksackwanderer im Vergleich zum Pauschaltourist wahrgenommen wird.

Wollte uns die junge Auskunftsdame bei der Tourismus-Information zum Auftakt unserer Stadtbesichtigung in Bilbao doch glatt zuerst auf einen Berggipfel schicken, von dem aus wir einen bestimmt wunderbaren Blick über die ganze Stadt hätten.

Danke für den Tipp, Señora, aber wandern können wir die nächsten fünf Wochen noch genug. 760 Kilometer, um genau zu sein.

Die Berglandschaft zwischen Bilbao und Pamplona erinnert ein wenig ans Allgäu und ist uns also vertraut. Ziegen und Schafe statt Kühe. Kleine Fincas statt Berghütten.

Ein schöneres Geschenk konnte die Natur Lore an ihrem heutigen Geburtstag nicht machen.

Überhaupt Lore! Was für ein Geschenk, diese Tour in Begleitung der Frau meines Herzens machen zu können. Ohne sie wäre „Camino de Santiago de Compostela“ für mich wohl immer ein Fremdwort geblieben.

In Pamplona werden wir uns morgen noch vollends für unsere Wanderung ausrüsten. Zum Beispiel Stöcke kaufen, die wir ja aus Sicherheitsgründen nicht mit in den Flieger nehmen durften.

Überhaupt ist die komplizierte Anreise von Kanada aus ein logistischer Kraftakt. Würden wir auf dem Kontinent leben und nicht am anderen Ende der Welt, wären wir längst auf dem Jakobsweg unterwegs. So muss sich der Camino noch etwas gedulden.

Aber keine Bange, mein Freund. Wir kommen. Kneifen ist jetzt keine Option mehr.

Ab heute heißt es nur noch Buen Camino!

Bilbao

Guggenheim-Museum

Bilbao

Zwischen Bilbao und Pamplona

Unterwegs nach Pamplona

Pamplona

Ein bisschen Luxus vor dem Camino

Montréal – Lissabon – Bilbao. Die Städte werden kleiner, die Distanz zum Ausgangspunkt unserer Pilgerreise schrumpft. Rund 800 Km zu Fuß durch den Nordwesten Spaniens stehen uns bevor. Wenn alles klappt wie bisher: kein Problem.

Die Nachtruhe in Lissabon tat gut. Die Bronchien pfeifen heute schon weniger als gestern. Der Husten hört sich jetzt nur noch nach dem schadenfrohen Lachen des Pudels an, nicht mehr nach dem gefährlichen Grollen des Pitbulls.

Die sommerlichen Temperaturen beflügeln Kopf, Körper und Sinne. Wir sind schon jetzt überglücklich und dankbar, diese Reise gemacht zu haben.

Der zweieinhalbstündige Flug von Lissabon in den Norden Spaniens, nach Bilbao, mit einer Propellermaschine vom Typ ATR72 hatte den Vorteil, dass wir in einer Höhe schwebten, die uns von Anfang bis Ende eine begnadete Sicht auf den spanischen Nordwesten gestattete.

Kein Blick durchs Kabinenfenster, ohne nicht daran zu denken, dass wir schon bald einen dieser Wanderwege da unten begehen, eines dieser Dörfer besuchen, an einem dieser riesigen Windräder vorbeimarschieren werden.

Bitte, lieber Sant Jakob, mach, dass wir nicht etwa auch noch über diese schneebedeckten Berge klettern müssen!

Stundenlang einen Teil dieses Landes aus der Vogelperspektive zu bestaunen, das uns nun schon seit zehn Jahren zum Home-away-from-Home geworden, lässt so etwas wie Demut aufkommen. Ein wahrhaft erhebendes Gefühl.

In dieser sternenklaren Nacht in Bilbao darf das Hotel dann auch mal einen Stern mehr haben als sonst. Bald werden wir uns mit Mehrbettzimmern und schnarchenden Pilgern begnügen müssen. Da genießen wir den Luxus eines feinen Stadthotels umso mehr.

Gute Nacht aus Bilbao! Pamplona, wir kommen.

Lissabon: Erster Stopp auf dem Weg zum Camino

Wer von Kanada aus den Camino de Santiago de Compostela wandern möchte, nimmt am besten den Nachtflug von Montreal nach Lissabon. Dort sind wir heute früh gelandet.

Ein strahlender Frühsommertag hat uns hier erwartet. Perfekt für eine zweistündige Stadtrundfahrt im Doppeldecker.

Wir bleiben hier nur eine Nacht, denn schon morgen geht es weiter in den Norden Spaniens, nach Bilbao. So nähern wir uns Schritt für Schritt dem rund 800 Kilometer langen Pilgerweg von Pamplona nach Santiago.

Lissabon ist riesig, fast drei Millionen Einwohner inklusive der Vororte, viel größer als ich es erwartet hatte. Ich kannte die Stadt nicht, Lore schon. Eine schöne Stadt zwar. Aber bereits nach wenigen Stunden stellen wir fest: Lissabon geht der mediterrane Charme ab, den wir als alte Spanienreisende seit zehn Jahren auf Mallorca lieben und schätzen gelernt haben.

Nach dem Camino wollen wir hier in fünf bis sechs Wochen noch ein paar Tage ausspannen. Bestimmt wird mein Urteil dann ausgewogener ausfallen als zu dieser Minute im Hotel, da mir nach genau 27 Stunden ohne Schlaf die Augen zufallen.

Essen gab’s auch schon. Gesalzener Bacalao an einem Bett von Bratkartoffeln, Eiern und Zwiebeln. Nicht jedermanns Sache. Aber es scheint hier wohl eine Art Nationalgericht zu sein.

Und sonst so? Habe ich einen ungebetenen Gast von Montréal nach Europa eingeschleppt. Eine fiese Erkältung, inklusive Bronchitis, will mir wohl den Spaß am Jakobsweg versalzen. Keine optimalen Startbedingungen also. Aber es sind ja noch ein paar Tage, ehe es los geht.

Übrigens: Wie neulich schon aus Kuba, tippe ich auch diesen Text wieder ins Handy. Gewöhnungsbedürftig und mühsam. Aber es hat geklappt.

Demnächst mehr. Camino, wir kommen!

Auf dem Weg zum Weg: Packen für den Camino de Santiago

IMG_2005In gut 24 Stunden sind wir auf dem Weg zum Weg. Von Montreal geht es nach Lissabon, dann weiter nach Bilbao und schließlich nach Pamplona. Dort beginnt für uns der Camino de Santiago de Compostela – und damit das Abenteuer unseres Lebens.

Ehe wir den ersten Schritt auf den Camino setzen, haben wir also schon mehr als 6000 Kilometer Anreise hinter uns.

Für die rund 800 Kilometer zu Fuß quer durch den Norwesten Spaniens nehmen wir uns zwischen fünf und sechs Wochen Zeit. Wenn’s weniger sind – prima. Ein bisschen mehr darf’s auch sein.

Zeit haben wir jede Menge. Was wir brauchen, ist körperliche Fitness. Und die hängt auch vom Gepäck ab.

Probepacken – das gab’s noch nie vor meinen Reisen. Auf dem Weg zum Camino ist alles anders. Jedes Gramm zu viel wirkt sich auf die Knochen aus. Es soll Leute geben, die aus Gewichtsgründen auf eine zweite Kreditkarte verzichtet haben.

Mein gepackter Rucksack, den mir Cassian noch von seiner Camino-Wanderung vor sechs JahrenIMG_2012 überlassen hat, wiegt genau sieben Kilo. Bei Lore sind’s zwei Kilo weniger. Am meisten wiegt der Wanderschlafsack mit 900 Gramm. Dafür sind schnell trocknende Spezialunterwäsche, ein Regencape, Wandersocken und das Handtuch aus Mikrofaser federleicht.

Neben den 25 Jahre alten Wanderschuhen kommen noch Sketchers in den Rucksack, außerdem Plastiksandalen für die Dusche. Fußpilz braucht keiner auf dem Camino. Bettwanzen übrigens auch nicht. Vorsorglich haben wir deshalb noch ein Spezialspray eingepackt, das uns in den Herbergen hoffentlich vor lästigen Käfern schützt.

Bei der Packliste waren vor allem zwei Dinge zu beachten: Das Gewicht und die Jahreszeit. Im März, April und Mai kann es tagsüber schon sehr warm werden, nachts dagegen noch immer eiskalt. Für beides sind wir kleidungsmäßig gerüstet.

Und was ist mit dem Handy?

„Nützt das Smartphone nur für den Weg oder zum Telefonieren. Alles aus dem Netz beschäftigt unser Hirn noch lange nach der Aufnahme“, schreibt die Freundin, die es mit ihrem spirituellen Input gut mit uns meint. Leider muss ich sie enttäuschen. Mein Blog ist mir heilig. Also werde ich Berichte und Fotos immer mal wieder zwischendurch vom iPhone hochladen.

Wir sind also bereit. Die virtuelle Anteilnahme an unserem Projekt ist groß. Freunde, Bekannte, Kolleginnen und Kollegen schreiben, rufen an, melden sich per Whatsapp. Ich kann mich nicht daran erinnern, vor irgendeiner Reise in eine noch so exotische Ecke der Welt je so viel Interesse von außen verspürt zu haben. Lores Erklärung macht Sinn. Es muss mit unserem Alter zu tun haben. Und daher etwas mit dem Ausloten von Grenzen.

Tipps und gute Wünsche sind in den letzten Tagen und WochenScreen Shot 2019-02-28 at 11.01.56 massenhaft bei uns eingetroffen – unter anderem von der oben erwähnten Freundin, der zu jeder Lebenssituation feine Gedanken einfallen.

So zum Beispiel auch dieser: „Sucht auf dem Weg nicht nach irgendetwas Wunderbarem. Erwartet es nicht wie einen Regenbogen. Je mehr Ihr sucht, desto weniger werdet Ihr finden“.

Wir suchen also nichts und lassen uns überraschen. Und wünschen uns von jetzt an „Buen Camino!“

Hirschtalgsalbe gegen Blasen

Camino-de-SantiagoSo viel Resonanz wie auf meine Ankündigung, demnächst den Jakobsweg zu wandern, gab es noch nie seit dem Bestehen dieses Blogs. Und das sind jetzt immerhin fast acht Jahre.

Dabei sind die Kommentare zum Blogpost nur ein kleiner Teil der Reaktionen. Es gab Anrufe, Facebook- und Instagram-Nachrichten, eMails und jede Menge Whatsapp-Messages. Einhelliger Tenor: „Ihr schafft das!“

Aufmunternde Worte kamen von ehemaligen Kollegen, Freunden und Bekannten. Aber auch von Menschen, denen ich noch nie im Leben begegnet bin.

Eine Blogleserin aus Thailand, die den Camino de Santiago de Compostella schon mehrfach gewandert ist, schreibt von „etwas Wunderbarem“, das wir uns da vorgenommen haben und hängt viele nützliche Tipps an („Füße wegen der Blasen Immer schön mit Hirschtalgsalbe eincremen“.)

Ein mir persönlich nicht bekannter Youtuber, ebenfalls zurzeit in Thailand unterwegs, gibt Trainingtipps: „Ich empfehle dir mindestens 2x vorher bei dir in der Region wandern zu gehen, damit du einen ordentlichen Muskelkater bekommst und dieser dann auf dem Jakobsweg ausbleibt“. Schon erledigt.

Eine Biberacher Jugendfreundin aus Sri Lanka schickt gute Wünsche und ein ehemaliger Chef, der zum guten Freund wurde, warnt zur Vorsorge: „Übernehmt Euch nicht, sondern genießt die Möglichkeit“.

Aufmunternde Worte landeten auch in meiner Mailbox von einer Ummendorferin, die jetzt in Las Vegas lebt.

Aber auch Fragen sind eingegangen. Zum Beispiel: „Wie lädst Du das Handy auf? Solar?“ Antwort: Mit einem Spezial-Ladegerät, das über zwei USB-Anschlüsse verfügt. Somit können wir beide Geräte gleichzeitig laden, denn Steckdosen sind in den Herbergen offensichtlich Mangelware. Ein Solar-Charger, wie ich ihn manchmal bei Tageswanderungen benütze, wäre für so eine Strecke schlicht zu schwer.

Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist, wie viele der Menschen, die uns in den letzten Tagen kontaktiert haben, den Camino selbst schon gegangen sind, den Pilgerweg planen oder Leute kennen, die den Jakobsweg schon hinter sich gebracht haben.

Selbst hier in Québec, 5000 Kilometer westlich von Spanien, gibt es unter unseren Freunden und Bekannten nur wenige, die mit dem Begriff „Camino de Santiago de Compostela“ nichts anfangen können. Die Mutter des Nachbarn zur Rechten ist ihn schon gewandert und auch die Nachbarin zur Linken stellt mir ihre Freundin vor, deren Schwester ihn schon absolviert hat. Auch wenn es oft nur einzelne Etappen sind, die  Freunde und Bekannte zurückgelegt haben, gilt ihnen mein Respekt.

Ganz in der Nähe von uns, mitten in Montreal, gibt es sogar einen Laden, der ausschließlich Jakobsweg-Pilger ausrüstet. Von den richtigen Socken bis zur geeigneten Unterwäsche – im „Centre La Tienda, d’ici à Compostelle“ findet man fast alles.

Allen, die uns so aufmunternd unterstützen, möchte ich an dieser Stelle danken. Eure Gedanken tun gut!