Die Pilger machen heute Pause

Nach drei Wochen „on the road“ und mehr als 420 Kilometer Wandern am Stück gönnen wir uns heute den ersten Tag Pause. Wir haben uns das wunderschöne León für unseren Ruhetag ausgesucht.

Ein wenig komisch fühlt es sich schon an, morgens im Hostel aufzuwachen und auf den ungepackten Rucksack zu starren, der jetzt seit 21 Nächten treu und brav neben deinem Bett steht – wie ein Soldat in blauer Uniform, der auf seinen Appell wartet.

Aber diesen Ruhetag sind wir unseren mit 70 bzw. 66 Jahren nicht mehr ganz taufrischen Körpern schuldig. Auch die Füße sind nach so vielen Kilometern etwas wund gelaufen.

Alles in allem können wir jedoch nicht klagen. Im Gegenteil: Wir fühlen uns bestens, haben keinerlei Beschwerden, die ein bisschen Ruhe nicht beheben könnten.

Das Beste: Wir halten uns gegenseitig noch immer wunderbar aus. Wir genießen den Input, den der/die Andere zu dieser Reise liefert, täglich aufs Neue und sind dankbar, dass wir die größte körperliche Herausforderung unseres Lebens gemeinsam erleben dürfen.

Vor allem aber ist unser Enthusiasmus auch nach weit mehr als der Hälfte der Strecke von Pamplona nach Santiago de Compostela nach wie vor ungebrochen.

Ich kann mich noch genau an den Moment im vorigen Sommer erinnern, als Lore mich beim Essen im Blockhaus am Lac Dufresne nach jahrelangem Zögern davon überzeugte, dass der Camino für einen Abenteurer wie mich doch das ultimative Erlebnis wäre.

Lore behielt Recht. Dass ich 70 Jahre alt werden musste, diese einzigartige Erfahrung zu machen, wundert mich noch immer. Aber wie man sieht, ist es nie zu spät, sich Träume zu verwirklichen. Auch wenn es in meinem Fall großer Überzeugungsarbeit bedurfte, bis es soweit war.

Was sich schon jetzt sagen lässt: Der Camino ist eine unglaubliche Bereicherung meines ohnehin nicht gerade an Erfahrungen armen Lebens.

Hätte mir noch vor einem Monat jemand erzählt, ich würde wochenlang keine tagesaktuellen Internetportale mehr anklicken, hätte ich ihn ausgelacht.

Aber genau so ist es.

Der Newsjunkie, der ein Leben lang von Nachrichten gelebt hat, ist zum Nachrichten-Verweigerer geworden.

Brexit – war da was? Sonderermittler Mueller – muss ich den kennen? Trump – ist das nicht die Knallerbse im Weißen Haus? All das geht spurlos an mir vorbei und ich vermisse: nichts.

Im Gegenteil: Warum muss ich mir von einem bösartigen Orangengesicht den Tag versauen lassen, wo morgens Störche vor meiner Nase vorbeifliegen, der Kuckuck ruft und mir eine pausbäckige Bäckersfrau ein Stück ofenfrisches Brot schenkt und mir dabei „Buen Camino“ wünscht?

Natürlich wird diese Nachrichten-Abstinenz kein Dauerzustand bleiben. Dafür wohne ich schon viel zu lange im Internet. Aber während der Wochen auf dem Camino gönne ich mir den Luxus, ohne Talkshows, Leitartikel und Internetforen durchs Leben zu kommen.

Und wenn ich mir ab und zu „SWR-Leute“ als Podcast ins Pilgerohr lege, dann suche ich vorher genau aus, mit wem ich die nächste Stunde teilen möchte.

Aber heute gönnen wir uns erst einmal einen hör- und wanderfreien Tag in León. Ab morgen heißt es dann wieder:

Buen Camino!

Achso. A propos Ruhetag:

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4 Gedanken zu „Die Pilger machen heute Pause

  1. Yes…such a privilege to be aware of your immediate surroundings and all that is special in the here and now. Savor that „peaceful, easy, feeling“.😊

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  2. Mensch, das wäre doch was, wenn man diese Brexiteers und das Orangengesicht dazu zwingen könnte, den Camino auch mal zu gehen; vielleicht käme Ihnen ja die Erleuchtung. Obwohl, so richtig vorstellen kann ich mir das bei denen nicht.
    Man wird mächtig neidisch, wenn man die Bilder sieht, aber ich musste ja früher unbedingt Fußball spielen und mir meine Knochen, Gelenke und Bänder kaputt machen.
    Schönen Ruhetag und erholt Euch gut!

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  3. Ein Photograph hätte lange überlegt, wie er Deine heutige Geschichte optimal in ein Bild hätte zusammenfassen können, und wäre kaum zu einem besseren Ergebnis gekommen. Und wer hat‘s produziert? Lore natürlich, der Schwarm Deines Lebens. Wir wünschen Euch einen wunderbaren gemeinsamen Tag heute und in den nächsten 30 Jahren. Vielleicht bist Du dann der erste 100-Jährige, der den Camino geht. 😄

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