Der bisher schönste, schwerste Tag

JAKOBSWEG, Tag 27 – 25 Kilometer von Foncebadón nach Molinaseca

FÜR RICHARD

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise Menschen, die uns viel bedeutet haben, aber nicht mehr unter uns weilen.


Die Inuit haben angeblich sieben Wörter für Schnee. Wieviele Wörter gibt es eigentlich für schön? 70? 700? Jedenfalls nicht genug. Denn das, was wir auf unserer heutigen Camino-Etappe gesehen, erlebt und gerochen haben, ist auch in 800 Varianten nicht zu toppen. Es war einfach ein Traum.

Fangen wir bei der Vegetation an. Wenn der Ginster gleich in zwei Farben blüht – weiß und gelb -, und dann noch glaubt, mit wildem Lavendel schmusen zu müssen, weil ihm die Felder von Erika und anderen Bergblumen nicht reichen, um die Sinne zu betören, müsste eigentlich die Sitte einschreiten.

Wenn sich dieses schwülstige Szenario dann noch vor einer unverschämt protzigen Bergkulisse abspielt, wäre eigentlich die Höchststrafe fällig.

Ein Glück, dass der Camino Schönheit nicht in Heller und Pfennig abrechnet, sonst wären wir an diesem milden Frühsommerabend in Molinaseca ruiniert.

Aber ganz so einfach macht es uns der Camino dann doch nicht. Das Eintrittsgeld für das heutige Naturspektakel ist hoch. Es ging gut 1000 Höhenmeter abwärts, um genau zu sein. So viel haben wir heute auf der 25 Kilometer langen Strecke zurückgelegt. Mein Knie sagt Danke!

Lores Drohung: „Wenn du jammerst, setze ich heute Abend einen O-Ton davon in den Blog“, reichte aus, um das Schicksal des schwer geprüften Bergsteigers klaglos zu erdulden.

Als wäre das optische Verwöhnprogramm nicht schon genug gewesen, gab es heute auch noch richtig heftige emotionale Momente.

Das „Eiserne Kreuz“ an der höchsten Stelle des Caminos war einer davon. Hier legen Pilger schon seit Jahrhunderten mitgebrachte Steine ab. Mit der zurückgelassenen Last sollen auch Sorgen, Wünsche und feine Gedanken niedergelegt werden.

Auch wir haben den Pilgerbrauch befolgt. Und traten anschließend sichtlich erleichtert den Abstieg an.

Und gleich noch so ein Moment, der Menschen, die nahe am Wasser gebaut sind, emotional aufrühren kann:

Plötzlich stand B.K. vor uns. B.K. heißt eigentlich Byeong Kwan. Für uns ist er der Held vom Jakobsweg.

Wir trafen B. K. zum erstenmal vor gut zweieinhalb Wochen. Er saß damals an unserem Esstisch und lachte das Lachen des jungen Koreaners, den nichts erschüttern kann.

Erst als das gemeinsame Essen vorbei war, sahen wir, was der Camino mit diesem lustigen Kerl angerichtet hatte.

B. K. konnte sich nur mit allergrößter Mühe bewegen. Seine Knie, die Knöchel, die Füße – sie sahen furchterregend aus. Geschwollen und wund. Dieser fröhliche junge Mann – 31 ist er, wie wir später erfuhren – hatte die volle Wucht der Verletzungen abbekommen, die der Camino auf Lager hat.

Für uns war klar: Solche Verletzungen bedeuten das Ende des Camino.

Als wir B. K. jedoch ein paar Tage später immer noch in diesem jämmerlichen Zustand sahen, wieder quietschfidel und voller Energie, war klar: Wir haben es hier mit Superman zu tun.

Und heute? Humpelt uns dieser liebenswerte Kerl während einer Wasserpause auf uns zu, lässt sich von uns in die Arme nehmen und führt uns vor, wieviel besser sein Zustand seit unserer letzten Begegnung geworden sei.

Und es stimmt: Er humpelte jetzt nur noch ein bisschen, trug neue Schuhe und nur noch einen kleinen Rucksack. Ein spanischer Arzt habe ihn in einer Herberge behandelt, erzählt er uns. Der Mediziner habe auch veranlasst, dass sein Gepäck jetzt mit dem Bus von Hostel zu Hostel geschickt werde.

B. K. trägt’s mit Fassung: „Jetzt bin ich halt kein Pilger mehr, sondern nur noch ein ganz normaler Tourist“.

Wer wird an Tagen wie diesen schon jammern? Einen besseren Motivator als Byeong Kwan muss ich erst noch finden.

Aus einem schnuckeligen Hostel, das direkt an einem idyllischen Fluss liegt, der durchs Dorf fließt, schicken wir müde, aber glückliche Grüße in die weite Welt hinaus.

Und sagen Buen Camino aus Molinaseca!

Byeong Kwan – der Held vom Jakobsweg.

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2 Gedanken zu „Der bisher schönste, schwerste Tag

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