Märchenwald – und kein bisschen Regen

JAKOBSWEG, Tag 37 – 16 Kilometer von Palas de Rei nach Melide

FÜR RESE

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Manchmal dauern Wunder ein bisschen länger. Zum ersten Mal seit vier Tagen sind wir trockenen Fußes in unserer Herberge angekommen. Und haben dazuhin einen zauberhaften Wandertag durch Märchenwälder hinter uns.

Man wird echt bescheiden, wenn man seit mehr als fünf Wochen durch Spanien pilgert. In der Dorfkneipe von Melide, wo wir heute die Nacht verbringen, tat Lore mir eben fast ein bisschen leid.

Zwei schicke Engländerinnen, die den Camino mit Gepäck-Transfer und vorgebuchten Hotels absolvieren, saßen geschminkt, gepudert und sogar frisch massiert neben uns, während Lore Lippenstift, wenn überhaupt, seit Wochen allenfalls in homöopathischen Dosen aufträgt.

Jedes Gramm Gewicht zehrt an den Kräften. Außerdem fehlt morgens die Zeit zur großen Maske. Und überhaupt, sagt die Frau an meiner Seite, passe Schminken nicht wirklich zum Geist des Camino.

Ich lass‘ das jetzt einfach mal so stehen.

Am kommenden Dienstag werden wir voraussichtlich in Santiago de Compostela eintreffen. Eine Woche später landen wir in Montréal. Dann ist die kosmetische Fastenzeit vorbei.

Wie wir die Zeit zwischen Ende der Pilgerwanderung und Rückflug nach Kanada verbringen werden, wird sich zeigen. Ein bisschen Entspannung mit Verwöhnprogramm in einem hübschen Hotel irgendwo in Portugal wäre nicht schlecht.

Aber noch sind wir mit unseren Schneckenhäusern auf dem Rücken unterwegs und nicht wir, sondern der Camino bestimmt unseren Tagesablauf.

Der beginnt von jetzt an ein wenig später als bisher, so gegen zehn. Dann sind die Massen an Pilgern schon unterwegs und wir fühlen uns ein bisschen wie zu Beginn unserer Wanderung, als wir den Camino oft viele Stunden für uns allein hatten.

Fasziniert verfolgen wir seit einigen Tagen die veränderte Dynamik des Camino. An fast jeder Bar entlang des Jakobswegs stehen jetzt Taxis für Pilger bereit, die nicht mehr können, nicht mehr wollen oder einfach keinen Bock mehr auf das Leben on the road haben.

Ich muss sagen, dass wir während des nasskalten Wetters der letzten Tage mehr als einmal mit der Option geliebäugelt haben, in ein kuscheliges Taxi zu steigen anstatt uns eine weitere Schlammschlacht mit dem Camino zu liefern. Aber die Pilgerehre hat gesiegt und wir sind treu und brav unsere Kilometer abgelaufen.

Neben den Taxifahrern, deren Visitenkarten sich in jeder Bar, jeder Herberge und an jeder Ladenkasse stapeln, finden sich auch Hilfsmittel anderer Art für Pilger in Not.

Zum Beispiel Apotheken-Automaten mit Erste-Hilfe-Utensilien für verletzte Pilger. Das Sortiment, das in den Metallkästen mit Bezahlmechanismus angeboten wird, ist beeindruckend:

Von Wundsalben über Blasenpflaster bis hin zu Nagelscheren, Kniemanschetten und Kompressen für größere Verletzungen ist auf Knopfdruck alles zu haben.

Der Bedarf ist groß. Wir haben in den letzten Wochen Verletzungen bei Mitpilgern gesehen, für die der Automat nicht reicht.

Ein nicht mehr ganz junges Paar aus den USA verbrachte unabhängig voneinander sechs Tage im Krankenhaus. Sie wegen einer Knieverletzung, die sich entzündet hatte. Er wegen einer kaputten Schulter, die auf das Konto des zu schweren Rucksacks ging.

Wir sind bisher von schwerwiegenden Verletzungen dieser Art verschont geblieben. Die Füße sind das Kapital des Pilgers. Deshalb werden sie jeden Morgen sehr zeitaufwändig mit Vaseline eingesalbt und in zwei paar Spezialsocken gepackt.

Größter Risikofaktor vor Antritt der Pilgerwanderung waren bei mir zwei lädierte Knie. Erstaunlicherweise musste ich nur einmal auf Bandagen zurück greifen, als der Abstieg vom Gipfel unerträglich schmerzhaft wurde.

Als äußerst hilfreich erwiesen hat sich beim Wandern die Zickzack-Lauftechnik während des Abstiegs. Dadurch werden die Knie enorm entlastet.

Mit diesen Tipps aus dem Nähkästchen des Pilgers schicken wir hoffentlich schmerzfreie Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Melide!

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4 Gedanken zu „Märchenwald – und kein bisschen Regen

  1. Ich verfolge von Anfang die beeindruckenden Tages-Etappen (auch täglich von Old Jaffa aus > Masel tov (מזל טוב) Viel Glück!) und genieße die eindrucksvollen Aufnahmen. Die Schilderungen sind lebendig. Es war und ist mir ein Vergnügen hier mit dabei zu sein.Sehr oft ist mir dazu „Passen die Schuhe, vergisst man die Füße“ (Selim Özdogan) eingefallen. Danke – „toda“ (תודה) – Thanks –

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  2. Ich bin eigentlich auch der Meinung, dass man auf dem Camino keine Schminke braucht! Aber die Ansichten dazu sind verschieden, so hatte unsere Mitwandererin vom letzten Jahr immer totales Augenmake-up. Ich kann das hier verpetzen, denn sie wird diesen Eintrag nie lesen! Allerdings gehören wir zu den „Gepäck-transportier-Pilgern“ und wir sind nur eine Woche auf der Via Podiensis gewandert. In ein paar Wochen kommt der nächste Abschnitt dran. und ich habe mal so grob nachgerechnet, dass wir auf diese Art und Weise so an die achtzig sein werden, wenn wir in Santiago ankommen werden!😉

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