Die koreanische Camino-Connection

JAKOBSWEG, Tag 36 – 32 Kilometer von Portomarin nach Palas de Rei.

FÜR FRANZ

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Weil’s irgendwann langweilig wird, haken wir das Wetter ganz schnell ab. Wir sind auch heute wieder bis auf die Knochen nass geworden. 32 geschmeidige Auf-und-Ab-Kilometer sind trotzdem zusammen gekommen. Zweites Dauerthema: Volksmarsch gen Santiago. Auch das illustrieren Bilder besser als Worte – siehe unten.

Deshalb heute mal ein erbaulicheres Thema: Wer läuft eigentlich so den Camino?

Zu einer seriösen Recherche fehlen mir Energie, Zeit und zuverlässige Quellen. Deshalb erlaube ich mir im folgenden den einen oder anderen Schuss aus der Hüfte.

Kaum ein Herkunftsland, das uns während der vergangenen fünf Wochen nicht untergekommen wäre. Ob Brasilien oder Israel, Sibirien, Italien, Polen, Australien, Wales, Irland, Schottland, Norwegen oder Portugal – der Camino ist die UN-Vollversammlung auf Beinen.

Es gibt jedoch wenig Menschen, die mich mehr berührt haben als PilgerInnen aus Korea.

Wir leben in der Vier-Millionenstadt Montréal, die als Schmelztiegel der Nationen gilt. In unserem Freundeskreis gibt es Inder, Vietnamesen, Chinesen, Thailänder und Kambodschaner.

Koreaner kannte ich bisher nur vom Restaurant. Was für ein Versäumnis!

Seitdem wir auf dem Jakobsweg unterwegs sind, hatten wir das Vergnügen, ganz viele von ihnen kennen zu lernen. Alle, durch die Bank, sind eine Bereicherung für unser schon immer multikulturell ausgerichtetes Leben.

Ji hyun, die wir aus aussprachetechnischen Gründen „Mitsou“ nennen dürfen, war die erste von vielen. Eine Comic-Zeichnerin mit einem Lächeln, das einen Inuit zum Schmelzen bringt. Und einem Humor, der nach einer 30-Kilometer-Strapaze gute Laune macht.

Byeong Kwan, der sich „BK“ nennt und mit seinem Durchhaltevermögen nach üblen Verletzungen von uns zum „Camino-Helden“ gekürt wurde. Der die Namen von Bundesliga-Spielern so selbstverständlich herunter betet, als handle es sich um koreanische Speisen. Und der über Jeden und Jede – ohne Ausnahme – nur Gutes zu sagen hat. Das trifft ganz besonders auf seine nordkoreanischen Landsleute zu.

Während des ersten Drittels unserer Reise waren Koreaner gefühlt die zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe auf dem Camino.

Tatsächlich besagt die Statistik, dass Koreaner im Verhältnis zur Bevölkerungszahl des Landes ausgesprochen häufig auf dem Camino unterwegs sind.

Aber warum?

„BK“ hat uns dieses Phänomen so erklärt:

Wer in Südkorea nicht Buddhist ist und stattdessen einer christlichen Religions-Gemeinschaft angehört, ist in der Regel tief gläubig. Pilgern auf dem Camino gilt als ultimativer Beweis der Religionstreue.

„Mitsou“, selbst Buddhistin, hat eine weitere Erklärung dafür: Im koreanischen Fernsehen läuft zurzeit eine Reality-Show über den Camino.

Die Einschaltquoten seien enorm. Außerdem sei Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ auch in Korea ein Bestseller. Auch die Verfilmung sei ein Riesenerfolg gewesen.

Und wir so?

Sind wegen des Wetters heute etwas mürbe und ausgelaugt. Wir schleppen ohnehin nur das Allernötigste in unserem Schneckenhaus mit.

Wenn die paar Klamotten dann auch noch seit jetzt vier Tagen ständig nass sind, ist das zwar nicht schön. Aber es gehört eben auch zum Camino. Wie die traumhaft schöne Landschaft, durch die wir heute wieder gewandert sind.

Und die koreanischen Pilger, die unser Leben bereichert haben.

In diesem Sinne schicken wir an diesem feuchten Freitagabend buddhistische, christliche, gläubige und andere Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Palas de Rei.

BK sagt hallo!

„Mitsou“ sagt Prost!

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3 Gedanken zu „Die koreanische Camino-Connection

  1. Ich kenne das Gefühl, nicht mehr richtig trocknen zu können, nur zu gut. Da beweist sich der/ die Motivationsgigant(in). Wünsche euch einen trockenen Camino-Endspurt.
    Herzliche Grüße Thomas

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  2. Immer wieder faszinierend, wie Ihr aus allem das Beste machen könnt! Euer Trost mag sein, daß Ihr in Montreal derzeit dank Hochwassers auch nasse Füße bekommen könntet, glaubt frau den Weltnachrichten.
    Danke schön für die eindrücklichen Bilder und das Teilhaben Lassen!
    Buen Camino!

    Gefällt 1 Person

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