Als Stadt-Flaneur in der Wildnis

IMG_6835.jpgWer mich kennt, weiss, dass ich der geborene Stadtflaneur bin. Keine Gasse, die mir in Montreal noch Geheimnisse aufgibt, kein Platz, den meine Camino erfahrenen Füße nicht schon betreten hätten. Und gäbe es statistische Erhebungen über die meist frequentierten Parkbänke in Montreal – ich würde auf eine ziemlich gute Besetzerquote kommen. Und dann erst die vielen Straßencafés in der Stadt meines Herzens!

Landleben? Auch schön, aber …

Das Landleben genieße ich immer dann, wenn ich vom Hexenkessel Montreal aus zwei Stunden mit dem Auto, manchmal auch mit dem Bus, in Richtung Norden fahre. Dann lasse ich mich vom wilden Charme unserer Blockhütte am Lac Dufresne einlullen. Und gerne ein bisschen auch von Lore.

Beziehungen sind eine spannende Sache. Während ich bei Lore schon vor vielen Jahren die Liebe zu diversen Straßen, Plätzen und Restaurants in Montreal entfacht habe, ist es der Frau an meiner Seite gelungen, mir das Leben in der Natur schmackhaft zu machen.

Und Natur haben wir hier manchmal mehr als genug. Der nächste Tante-Emma-Laden ist 18 Kilometer entfernt, das nächst gelegene Kino vermutlich 100. Aber wer braucht schon Kino, wenn sich vor deinem Cottage-Fenster täglich neu eine gewaltige Fototapete auftut?

Der Blick über den See, eineinhalb Kilometer lang und genau so breit, verschlägtIMG_6896 Besuchern immer wieder den Atem. Dass es hier übrigens so gut wie keine Besucher gibt, hat mehrere Gründe. Einige davon haben mit mangelnder Privatsphäre zu tun. Außerdem ist das Holzhaus nicht direkt mit dem Auto zu erreichen.

Erst ein beschwerlicher Fußweg durch ein steiles und felsiges Waldstück führt zur Hütte. Es sei denn, man rudert mit dem Boot vom Ufer bis zum kleinen Strand vor unserem Häusle.

„Was macht ihr eigentlich da den ganzen Tag?“, höre ich Freunde fragen, die sich nicht vorstellen können, eine Woche ohne Fremdansprache an der Seite ihrer Partner zu verbringen.

Was wir machen? Schreiben, Musik hören, lesen, schwimmen, rudern, paddeln, Bootle treten, Gitarre spielen, auch hin und wieder mal etwas reparieren. Wir kochen viel und reden über Dinge, die in der Hektik des Großstadtlebens schon mal unter den Tisch fallen.

So wurde schließlich die Idee, gemeinsam den Jakobsweg zu wandern, ziemlich genau vor einem Jahr an jenem Esstisch geboren, auf dem ich jetzt diesen Text schreibe.

IMG_E6817Ach ja, kochen. Die Cheflogistikerin in unserem Haushalt ist Lore. Sie versteht es, genau die richtige Menge der passenden Zutaten in den Rucksack zu packen. Genug, damit beim Kochen nichts fehlt. Aber nicht zu viel, denn alles, was an Abfall anfällt, muss später umständlich entsorgt werden. Denn kurz mal zu LIDL (den’s hier übrigens noch immer nicht gibt) geht ja nicht.

Das Leben in der Wildnis mag logistisch aufwändiger und körperlich anstrengender sein als unser Citylife. Aber es ist auch etwas ganz Besonderes.

Wo sonst wird man zum Frühstück von einem winzigen Kolibri begrüßt, der gierig an der Zuckerwasser-Tränke nuckelt, während zehn Meter hinter ihm ein Loon, ein kanadischer Seetaucher also, die Runden dreht.

So gesehen funktioniert die Kurve: Stadt-Land-Wildnis noch immer bestens. Nur eins mag ich nicht glauben: Dass es schon 26 Jahre her sein soll, dass wir uns dieses Kleinod im Busch zugelegt haben. Wahnsinn.

Time flies“, sagt der Kanadier. Stimmt. Die Zeit vergeht wirklich wie im Flug. Egal ob im Großstadtgewimmel oder in der Wildnis. Mit einem Unterschied: Hier in der Wildnis geht alles so gemächlich vonstatten, dass man meint, der Zeit beim Fliegen zuschauen zu können.

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2 Gedanken zu „Als Stadt-Flaneur in der Wildnis

  1. Als wir das Blockhaus vor 26 Jahren gekauft waren, hatte es bereits gut und gerne 60 Jahre auf dem Buckel. Es war von einem Natufreund namens Mr. Geary unter schwersten Bedingungen gebaut worden. Jeder Nagel, jeder Baumstamm, jede Schraube … alles musste über den See geschippert werden, denn eine Landzufahrt gibt es ja nicht. Mr. Geary war zu alt geworden, um das Haus noch geniessen zu koennen. Seine Kinder hatten kein Interesse daran. Fuer uns war es die beste Entscheidung ever, dieses Schmuckstueck zu erwerben. Und es vergeht kein Tag, an dem wir nicht dem laengst verstorbenen Mr. Geary dafuer danken, dass er uns diesen Kauf ermoeglicht hat.

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