Mit ALDI auf den Jakobsweg

IMG_3630Ich schmeiss mich dann mal weg: ALDI bietet jetzt Pauschalreisen für sogenannte Pilger an, die den Jakobsweg wandern möchten. Jeden, der den Camino mit Blasen, Schweiß und Tränen hinter sich gebracht hat, schaudert bei dem Gedanken, dass Pilger im klimatisierten Bus zum Wanderweg gebracht und von dort abends wieder ins hübsche 4-Sterne-Hotel zurückgeholt werden.

turi2, der Medienblog meines Herzens, vermeldete es zuerst:

Jeder muss raus: Aldi vertreibt künftig Reisen zum Jakobsweg. Der Discounter bietet die achttägige Reise nach Spanien zum platten Pilger-Preis von 999 Euro an. Wasser predigen und Wein trinken wird damit für Jedermann finanzierbar“.

Bitte, lieber Gott, lass es nicht wahr sein!

Screen Shot 2019-12-05 at 05.27.52

Was turi2 gewohnt ironisch verkündet, ruft bei mir Erinnerungen an Damen und Herren zurück, die sich im perfekten Outdoorlook und mit kleinem Lunchpaket im stylischen Rucksäckchen mal kurz aus dem Bus wagen, um ein paar Kilometer auf dem Camino zu schlendern, während wir Schwertransporter auf zwei Beinen nicht wissen, wo und wie wir nach einer 28-Km-Etappe die kommende Nacht verbringen werden.

Unter „richtigen“ Jakobs-Wanderern gelten sie als „Luxuspilger“. VIP steht in diesem Fall für „Very Important Pilgrims“.

Nicht falsch verstehen: Jeder soll den Camino so gehen, wie er es kann oder für richtig befindet. Nicht alle Pilger haben wie wir die Zeit, sich sechs Wochen aus dem Alltag auszuklinken, um fast 900 Kilometer ohne die Planungssicherheit gebuchter Hotels zurücklegen zu können.

Aber ALDI? „Mit Gepäcktransport/Begleitfahrt während der Wanderung und Besuch einer Weinkellerei mit Mittagessen“.

 Das tut weh.

DAS ist ja wirklich der Hammer”, schreibt angesichts der ALDI-Meldung unsere Freundin Christa, die als über Siebzigjährige zwar nicht den kompletten Camino, aber immerhin zahlreiche Etappen hinter sich gebracht hat.

Wir hatten einige dieser Truppen unterwegs getroffen. Die laufen nicht zu weit, irgendwo steht dann der Bus und es gibt Kaffee und Kuchen. Und dann geht’s im Bus weiter”, echauffiert sich die Freundin aus Winnipeg.

Wer nachlesen möchte, wie sich Pilgern ganz ohne Luxusgedöns anfühlt, sollte sich meinem Camino-Blog zu Gemüte führen.

Sie finden ihn >> HIER <<

IMG_4918

7 Gedanken zu „Mit ALDI auf den Jakobsweg

  1. Hallo Herbert, ich sehe es ähnlich wie Stefan. Außerdem ist ja Pilgern kein Wettbewerb, in dem nur mit Blut, Schweiß und Tränen gewinnt. Klar wird solch eine Pilgerreise damit zum reinen Konsumprodukt, aber wer weiß, vielleicht bringt es doch den einen oder die andere auf den Geschmack, einfach mehr zu Fuß zu gehen (es muss ja nicht immer ein Jakobsweg sein). Gruß von einer Kanadierin aus dem Schwarzwald, die sich gerade auf den Camino Portugues vorbereitet. SonjaM

    Gefällt 1 Person

  2. Verständlich, dass man sich über das Angebot eines leichten Wegs echauffiert. Aber diese Reisenden nehmen doch den „echten Pilgern“ nichts weg. Und auch unter Letzteren gibt es sicher Abstufungen, den körperlichen (und evt. spirituellen) Einsatz betreffend. Ich sehe das sehr ähnlich wie Stefan.

    Auf der uns bekannten kleinen Mittelmeerinsel gibt es sicher auch Menschen die glauben, die einzig angemessene Art sich der Schwarzen Madonna von Lluc zu nähern, sei eine Nachtwanderung (48 Kilometer).

    Ich fühlte mich anfangs auch an den Scherz mit Reinhold Messner erinnert, dem Kurt Felix vor vielen Jahren einen Zeitungskiosk aufs Matterhorn gestellt hat. (Wahrscheinlich steht dort mittlerweile sogar wirklich eine McDonalds-Filiale.)

    Das Video ist immer noch sehenswert. ;)

    LG
    Prensal

    Gefällt 1 Person

  3. Das ist ungefähr so, als wenn ich mich als Flugsimulator-Captain mit echten Jumbo-Kapitänen über den richtigen Landeanflug von Tegucigalpa streiten würde.

    Gefällt 1 Person

  4. Das Angebot ist (leider) nicht neu. Die Firma, mit der Aldi hier zusammenarbeitet hat das vor einiger Zeit schon einmal beworben – und hat damals sogar in den Vordergrund gestellt, dass man dann sogar die Compostela abgreifen kann…

    Im deutschen Pilgerforum hat das Thema die Diskussion darüber, was denn ein „richtiger“ Pilger sei, wieder angefacht. Ich lasse mir das ja sogar gefallen, wenn dort Menschen teilnehmen, die es anders körperlich aus eigener Kraft nicht mehr schaffen. Auch denjenigen, die als Touristen dieses Angebot annehmen, aber auf dem Weg doch ein klitzekleines bisschen vom eigentlichen Pilgerdasein und das Wesen des Camino für sich entdecken, sei es gegönnt. Aber leider sind das die großen Ausnahmen und übrig bleiben die lauten und teilweise ignoranten Touristen mit Ansprüchen jenseits von Gut und Böse.

    Auf der anderen Seite bringen aber auch diese Menschen dringend benötigte Einnahmen in das strukturschwache Galicien, sodass sich hieraus auch die Infrastruktur für die ernsthaften Pilger finanziert. Aber das ist ein bisschen wie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben…

    Jeder geht *seinen* Camino. Auch wenn ich dabei drei Mal tief in den Bauch atmen muss, hier gehen die Leute den Weg halt auf eine für mich persönlich nicht nachvollziehbare Weise. Dass sie dabei wahrscheinlich nicht mehr lernen, als auf einem Kurztrip nach Malle an den Ballermann… Nunja…

    Gefällt 1 Person

  5. Unglaublich Herbert ! Einem Jakobsweg nicht würdig, aber was wir heuer Ostern auf den letzten 100km erlebt haben passt zu dem. Wirklich schade den Jakobsweg so zu vergewaltigen !
    Grüsse aus Bayern, Carlo

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.