Heute haben wir Schwein gehabt

5. TAG – 18 Kilometer von El Real de la Jara nach Monesterio

Wir haben Andalusien heute hinter uns gelassen und befinden uns jetzt in der Provinz Extremadura. Dieser südspanische Landstrich ist für seine schwarzen Iberico-Schweine bekannt, die den angeblich besten, aber auch teuersten Schinken abgeben.

Die Tiere ernähren sich hauptsächlich von den Nüssen der Steineichen. Die gibt es hier wie Sand am Meer.

Passend zu unserem ersten Wandertag durch die Schweineprovinz Extremadura ist die Geschichte, die mir ein Pilger aus Berlin gestern in der Bar erzählt hat.

Stefans Geschichte geht so:

Als er vor fünf Tagen in Sevilla los marschierte, kaufte er sich ein mit Iberico-Schinken belegtes Bocadillo. Er ließ es Vakuum verpackt einschweißen und steckte es in den Rucksack.

„Ich hatte mir vorgenommen, das Sandwich beim Anblick des ersten Iberico-Schweins auszupacken und zu verzehren“, erzählt mir Stefan und spürt dabei ohne Zweifel mein unausgesprochenes: „Geht’s noch?“

Doch die Schweine kamen und kamen nicht. Da überfiel Stefan der Hunger. Er setzte sich unter eine Steineiche, um zu vespern. Und jetzt kommt’s:

In dem Moment, da Stefan sein Schinken-Sandwich auspackte, rannte eine Herde Iberico-Schweine auf ihn zu, blieb vor ihm stehen und torkelte laut staubend an ihm vorbei.

Das Bocadillo, sagt Stefan, habe übrigens vorzüglich geschmeckt.

Und weil uns Stefans Schweinestory Appetit gemacht hat, haben wir uns eben beim lokalen Schinkenverkäufer am Stadtrand von Monestero auch gleich mit einem leckeren Iberico-Brötchen eingedeckt.

Auch in anderer Hinsicht hatten wir Schwein.

Die Herberge, in der wir unsere müden Glieder ausstrecken konnten, war zwar saukalt, aber auch saugemütlich. Das lag nicht zuletzt an der Herbergsmutter, die nichts ausließ, es uns Recht zu machen. Einmal bot sie uns sogar an, ihre drahtlosen Kopfhörer abzunehmen. Aber warum denn? Stört doch niemand.

So konnte sie bei der Zubereitung des Frühstücks ohne Unterbrechung weiter fernsehen, um uns anschließend die neueste Statistik in Sachen Coronavirus mitzuteilen.

Dass wir es trotz der Eiseskälte hinter dicken Steinmauern einigermaßen gemütlich hatten, lag am spanischen Heizsystem:

Unter dem Wohnzimmertisch, um den sich die Pilgergemeinde gesetzt hatte, glühte ein offenes Feuer. So blieben die Füße wohlig warm.

Izadora, eine quirlige brasilianische Flugbegleiterin, die mit uns am Tisch saß, schwor, dieses Heizprinzip gleich nach ihrer Rückkehr vom Camino in ihrer Heimat patentieren zu lassen, auch wenn brasilianische Temperaturen eine Unter-dem-Tisch-Heizung jetzt nicht zwingend erforderlich machen. Es war das Prinzip, das Izadora beeindruckte.

Am Morgen wanderten wir fröhlich in den neuen Tag hinein. Der gefiel uns von allen bisher am besten.

Das lag zum einen an der Landschaft, die jetzt eine Spur lieblicher und abwechslungsreicher daher kommt als bisher. Aber auch an der Sonne, die uns den ganzen Tag über begleitete und die Extremadura in ein wunderschönes Licht tauchte.

Doch umsonst gibt’s auf dem Camino nichts. Den sonnigen Tag bezahlten wir vom Morgen an mit einer steifen Brise, die uns aus Richtung Norden ins Gesicht blies.

Dass wir jetzt – wieder einmal – schlapp auf dem Bett eines kleinen Landhotels direkt am Camino liegen, zeigt uns: So leicht stecken wir auch Strecken unter 20 Kilometer nicht mehr weg.

Aber eine Pilgerwanderung ist schließlich kein Spaziergang im Park.

So grüßen wir also die geneigte Blog-Gemeinde mit einem ausgesprochen gut gelaunten und zufriedenen BUEN CAMINO aus dem Dorf Monesterio in der Provinz Extremadura.

3 Gedanken zu „Heute haben wir Schwein gehabt

  1. Na, das hört sich doch heute schon ganz anders an. Ihr macht mir echt Lust auf’s Nachwandern… nur die Zeit fehlt mir noch. Weiter so. Ultreia!

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