Wir sind in Deutschland gelandet

Wir haben mal wieder Glück im Unglück. Mithilfe von Freunden ist es uns nach fieberhafter Suche im Internet in der vergangenen Nacht gelungen, einen Flug nach Stuttgart zu finden.

Unsere Odyssee, dir vor mehr als sechs Wochen in Málaga begonnen hatte, führte uns also jetzt nach Deutschland.

Mit einem Flugticket in der Tasche, konnten wir unser Hotel nach dem Frühstück verlassen. Die Stimmung auf dem Flughafen war gespenstisch. Sämtliche Cafés, Restaurants und Boutiquen waren geschlossen. Auch die Duty Free-Läden blieben dunkel.

Die Maschine nach Stuttgart war ordentlich voll, die Stimmung an Bord alles andere als urlaubsmässig. Ballermann ist anders.

Nein, das Presseaufgebot bei der Ankunft auf dem Flughafenrollfeld in Stuttgart war nicht wegen uns gekommen. Es galt unserer Maschine, die wohl zu den allerletzten gehörte, die Mallorca noch verlassen durften.

Ab sofort geht nichts mehr. Mit Ausnahme von Rückholaktionen startet und landet für mindestens 15 Tage kein Urlaubsflieger mehr auf Mallorca.

Auch der Fährverkehr von und nach Mallorca wurde eingestellt. Wer jetzt als Tourist noch auf der Insel ist, wird es schwer haben, von dort wegzukommen, wenn sein Rückflug nicht schon gebucht ist. Möglich, dass seine Chancen gleich null sind.

Hätten wir diesen Flug von Palma nach Stuttgart heute nicht angetreten, würden wir zu den Gestrandeten gehören, die jetzt noch auf der Insel sind.

Die Hotels auf der Insel schließen nach und nach. Auch wir sind von der Hoteldirektion ermutigt worden, vorzeitig auszuchecken. Ob wir den im Voraus bezahlten Zimmerpreis für die nächsten sieben Tage je wieder sehen werden, liegt an der Kulanz von booking.com. Wären wir Pauschalreisende, hätten wir wohl kein Problem.

Vorbildlich kümmerte sich übrigens das Hotelpersonal bis zur letzten Minute um jeden Gast, jedes Anliegen. Das nenne ich Service.

In Stuttgart war unsere Odysee leider noch nicht zu Ende. Im Moment sitzen wir im ICE zum Frankfurter Flughafen. Dort müssen wir zwei weitere Nächte in einem Hotel ausharren, ehe wir einen Flug nach Montreal bekommen. Zumindest sieht es im Moment so aus.

Rüdiger Edelmann, ein Radiokollege aus meinen Korrespondentenzeiten, ist Gründer und Moderator des Internetportals deutsches-reiseradio.de. Ihm habe ich heute kurz vor dem Abflug aus Palma noch im Flughafen dieses Interview gegeben.

2. Tag: Immer diese Ungewissheit!

Im Hotel eingesperrt zu sein, ist nicht besonders schön, aber es ist auch nicht das Ende der Welt. Was uns wirklich stresst, ist diese ständige Ungewissheit: Können wir fliegen? Dürfen wir fliegen und wann? Und seit heute: Schließt das Hotel total und sitzen wir dann auf der Straße?

Die jüngste Ankündigung hat uns kalt erwischt:

Sämtliche Hotels auf Mallorca sollen bis Mittwoch schließen. Für Pauschalreisende ist das zwar ärgerlich, aber kein größeres Problem. Ihre Reiseveranstalter sorgen dafür, dass sie zurück nach Deutschland fliegen können.

Wir sind Individualreisende, die völlig ungeplant vom spanischen Festland nach Mallorca gekommen sind – in der Hoffnung, nach dem kalten und regnerischen Camino vor unserer Rückreise noch etwas Sonne zu tanken.

Jetzt sitzen wir in diesem Hotel fest und wissen nicht, wie es weitergeht.

Wir haben Freunde, die bieten uns Wohnmöglichkeiten an, sogar ihre Autos und Essensvorräte. Das sind wunderbare Gesten, die wir zu schätzen wissen.

Aber wir möchten nichts lieber als so schnell wie möglich nach Kanada zurück.

Unsere Nerven sind strapaziert, unser Budget ist es auch. Die vielen Umbuchungen, die zusätzlichen Hotelkosten, weil sämtliche Restaurants geschlossen sind – das alles ist teuer.

Aber solange es nur um Geld geht, wollen wir uns nicht beklagen. Schlimm wäre es, wenn wir um unsere Gesundheit bangen müssten. Bei einem vollen Hotel mit vielen Touristen, ist diese Gefahr nicht auszuschließen.

Im Moment fühlen wir uns körperlich noch gesund. Wie lange die Psyche noch mitmacht, hängt unter anderem davon ab, was mit unseren geplanten Flügen passiert.

Wir sind Wanderer, zumindest aber Spaziergänger. Beides ist hier im Hotelbereich nicht möglich. Deshalb haben wir uns vorgenommen, mehrmals am Tag die fünf Stockwerke zu unserem Zimmer zu Fuß zu gehen und den Aufzug anderen zu überlassen.

Ich verstehe nicht ganz, dass die kanadischen Behörden bisher nichts unternommen haben, um Landsleute wieder nach Kanada zurück zu bringen. Bei der Lufthansa, beziehungsweise der Bundesregierung, scheint man da flexibler zu sein.

Mich in dieser schwierigen Situation auch noch über politische Zustände aufzuregen, ist müßig und kostet Energie, die wir anderweitig brauchen.

Hier im Hotel werden wir bisher noch gut versorgt. Es gibt zu essen und zu trinken. Das Personal ist nach wie vor unglaublich freundlich und zuvorkommend.

Unter den Touristen macht sich bei manchen eine leichte Panik breit, das ist ihren Gesichtern abzulesen. Einige andere tun so, als wäre nichts passiert.

Die Informationspolitik ist leider sehr lückenhaft. Deshalb müssen wir fast alles, was es an Entwicklungen gibt, im Internet recherchieren.

Schlimm und besonders stressig ist die Gerüchteküche, die hier kocht. Wann immer ein Hotel-Bewohner glaubt, eine Neuigkeit verkünden zu müssen, scharen sich die Menschen um ihn.

Wir haben uns vorgenommen, nur noch fundierten Quellen zu glauben. Sonst machen wir uns völlig verrückt.

Sich die Zeit zu vertreiben, ist nicht ganz einfach. Lore liest viel, schreibt Emails und sorgt sich vor Ort um unser Wohl.

Ich hatte ein paar Aufträge von Sendern, Korrespondentenberichte abzuliefern. Das habe ich liebend gerne getan. Nach einigen Jahren als Ruheständler wieder journalistisch zu arbeiten, macht Spaß.

Mehr ist an diesem Tag, passend zur Stimmung übrigens dem ersten Regentag seit unserer Ankunft, nicht zu berichten.

Auch heute wieder herzlichen Dank an all diejenigen, die uns mit aufmunternden Mails, Anrufen und Nachrichten beglücken.

1. Tag: Polizeieinsatz an der Playa

Sieht cool aus, der Herr Blogger vor dem Pool und dem Strand im Hintergrund, oder? Der Schein trügt. Wir sind angespannt und ziemlich nervös, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht.

Trotz der schönen Hotel-Umgebung und des herrlichen Wetters möchten wir eigentlich nur noch heim.

Aber daraus wird vorerst nichts. Nach dem Frühstück wollten wir unseren letzten Strandspaziergang in Freiheit genießen. Dann plötzlich: Polizeisirenen.

„Go back to your hotels immediately, we have an emergency!“, befahl der Uniformierte durch den dröhnenden Motorenlärm seines Zweirads hindurch.

So viel zum Thema Sonntagsspaziergang am Strand.

Aus dem geplanten Gang zur Apotheke wurde nichts. Alle Geschäfte und Restaurants haben geschlossen. Die Playa de Palma wirkt gespenstisch.

Auf dem Weg ins Hotel treffen wir Marion und Achim. Sie waren gerade dabei, ihr Lokal für unbestimmte Zeit zu schließen.

„Braucht ihr was? Habt ihr alles? Wein vielleicht oder auch Apfelsaft?“ Am besten beides, bestimmt die Wirtin und versorgt uns mit einer Tasche voller Getränke.

„Kostet?“

„Quatsch. Das würde gerade noch fehlen, dass wir für eure Notsituation auch noch Geld nehmen würden“.

In Krisenzeiten zeigt sich der wahre Charakter von Menschen.

Aber was war passiert? Sollte der Lockdown Mallorcas nicht erst am Montagfrüh, 8 Uhr, beginnen? So jedenfalls hatte es Ministerpräsident Pedro Sánchez gestern in seiner Rede zur Lage der Nation verkündet.

Ganz offensichtlich sollten vor allem Touristen bereits 24 Stunden vorher auf die Notsituation eingestimmt werden. Deshalb die Polizei-Maßnahmen am Strand. 

Kein Wunder: Spanien beklagt inzwischen die fünfhöchste Zahl an Corona-Infizierten weltweit. Nur in China, Italien, dem Iran und Südkorea gibt es mehr.

Zurück im Hotel warten jede Menge Mails und Messages, die beantwortet werden wollen. „HALTET DURCH!“, lautet der Tenor. So, als gelte es einen Camino zu bewältigen.

„Hab dich im Fernsehen gehört“, schreibt eine mir unbekannte Blog-Leserin. Stimmt: NTV wollte meine Einschätzung zur Lage an der Playa. Endlich wieder mal Korrespondent!

Hier im Hotel ist die Stimmung gut. Menschen versammeln sich in der Lobby, scharen sich um den Swimmingpool oder den Fernseher. Sie sitzen auf ihren Balkonen und harren der Dinge. Und natürlich geht es fast immer um das eine Thema.

Videochats sind über den Pool hinweg hörbar. Telefonate in mehreren Sprachen drehen sich um das Virus. Es passiert ja sonst nichts.

Wie kommen eigentlich Menschen auf die Idee, dass sich wildfremde Menschen für ihre Privatgespräche interessieren können?

Und wenn wir schon dabei sind: Muss ich Deine Spotify-Playlist lieben, nur weil Du sie in den höchsten Handytönen abspielst?

Nein, noch liegen die Nerven nicht blank.

Das Hotelpersonal ist zum Verknuddeln. Zeigt Verständnis für alles, verliert nie die Geduld und will es einem, so der Eindruck, einfach nur Recht machen.

Wir haben ein anderes Zimmer bekommen. Fünfter Stock mit mehr Licht, Meerblick und unverbauter Sicht auf das Tramuntana-Gebirge, das Ganze vom Eckbalkon aus.

In unserem Hotel, so habe ich mir eben vom Rezeptionisten sagen lassen, steigen Piloten und Crews der meisten Airlines ab, die Palma noch immer anfliegen. Wegen der Ansteckungsgefahr durch diese Vielflieger sind Airline-Crews auf einer eigens für sie reservierten Etage untergebracht.

Essen und Getränke werden ihnen aufs Zimmer gebracht. Der Kontakt mit den restlichen Hotelgästen soll damit auf ein Minimum reduziert werden.

Es ist 16 Uhr und mir knurrt der Magen. Das Lunchbüffet wäre nach dem reichhaltigen Frühstücksbüffet zu viel des Guten gewesen. Abendessen wird erst ab 18:30 Uhr serviert. Jetzt ein Bocadillo, das wär’s. Aber man kann nicht alles haben.

„Tu mir einen Gefallen“, sagt Lore, „lass uns nicht um Punkt 18:30 Uhr an der Tür zum Speisesaal mit all den anderen Schlange stehen und auf Einlass warten“.

Okay. Ich kann warten.

Wobei, als die spanische Köchin eben mit einem Tablett voller Nudeln vorbeigezischt kam, war Wasser-im-Mund-Zusammenlauf-Alarm.

Gefangen im Paradies

Neben Familie und Gesundheit gibt es in meinem Leben nur noch ein Gut, das mir lebenswichtig ist: meine Freiheit. Ausgerechnet die soll mir am Montagfrüh genommen werden. Ein Erlass der spanischen Regierung verbietet es uns dann, unser Hotel zu verlassen. Und das für 15 Tage.

Mit dieser Maßnahme wollen die spanischen Behörden die weitere Verbreitung des Coronavirus stoppen. Dagegen sind wir machtlos.

Für uns gibt es vorerst kein Entkommen. Unser Rückflug nach Montréal geht von Málaga aus. Dorthin zu kommen ist im Moment nicht möglich.

Montréal? Wegen Corona hatten wir die Rückreise ohnehin schon um sechs Wochen vorverlegt (und dafür einen Aufpreis von 1200 $ aus der Privatkasse bezahlt).

Sicher ist sicher, dachten wir. Doch jetzt ist gar nichts mehr sicher. Der neuerlich geplante Abflugtag fällt noch voll in die Ausgangssperre.

Also muss möglicherweise erneut umgebucht werden. Vielleicht aber auch nicht. In dem Dekret der spanischen Regierung habe ich den Satz gefunden:

Urlauber und andere Menschen dürfen zu ihrem Hauptwohnsitz zurückkehren.“

Wie genau bis dahin der Hausarrest im Hotel aussehen wird, ist noch ungewiss. Sicher ist nur: Lediglich wer ein paar genau definierte driftige Gründe dafür hat, darf für kurze Zeit den Hotelkomplex verlassen.

Dazu zählen unter anderem Arztbesuche oder die Pflege von Familieangehörigen.

Keiner der Gründe reicht in unserem Fall für den Passierschein aus, der den Polizeibehörden vorzuzeigen ist, wenn man sich außerhalb des Hotelgeländes befindet.

Unser Hotel ist schön. Wir sehen ein bisschen aufs Meer und ein wenig in die Berge. Unter unserem Balkon gibt es einen Swimmingpool und die Hotelbar ist lange geöffnet.

Bei den meisten, die mit uns in diese missliche Lage geraten sind, handelt es sich um Deutsche, Österreicher und Schweizer. Engländer habe ich auch schon gehört und gesehen.

Es könnte also schlimmer sein. Aber es ist eben ein Hotel und nicht unsere eigene Bleibe.

In Notsituationen trennt sich die Spreu vom Weizen. Sie holen das Beste aus Menschen heraus und das Schlechteste.

Das Schlechteste ist schnell erzählt. Das sind die Hamsterer, die bei Lidl oder Mercadona tonnenweise Klopapier und Trinkwasser bunkern, so dass andere in die Röhre schauen.

Das Beste? Das sind unsere Freunde, die uns ihr Auto, ihre Finca, ihren Essensvorrat und jede sonst noch erdenkliche Hilfe in dieser Notsituation anbieten.

Wir haben es uns lange überlegt, ob wir diese herzerwärmenden Angebote annehmen sollen. Aber wir haben uns, zumindest für den Moment, dagegen entschieden.

Die Versorgungslage scheint uns im Hotel gesichert. Dazu gehören auch etwaige Arzt- oder Krankenhausbesuche, sollte der Extremfall eintreten.

Den Freunden, die mit ihrer Großzügigkeit unsere Herzen berührt haben, danke ich an diesem etwas betrüblichen Samstagabend ganz besonders.

Den Gedanken daran, dass wir uns nach unserer Ankunft in Montréal erst einmal für zwei Wochen in „Selbstquarantäne“ begeben müssen, weil wir aus einem als Hochrisiko eingestuften Gebiet kommen, verdrängen wir für den Moment einfach mal. Auch darüber haben nicht wir zu entscheiden sondern andere.

Mallorca: Die Touristen bleiben weg

Es könnte so schön sein: Mallorca ohne die gewohnte Masse von Touristen, die Plätze, Gassen, Cafés und Läden verstopfen. Aber Freude mag angesichts der Corona-Krise nicht aufkommen. Der Anblick von halbleeren Plazas in Palma hat etwas Unheimliches an sich.

Die Schritte verhallen beim Gang über die Plaza Major.

Die Plaza España, gewöhnlich ein Ort von ausgelassener Fröhlichkeit, versprühte heute Nachmittag den Charme eines spärlich gefüllten Fußballstadions.

Die Carrer San Miguel ist an gewöhnlichen Werktagen wegen Überfüllung nur schwer zu navigieren. Heute: Platz zum Liegen.

Und selbst in meiner geliebten Bar Bosch gab es mindestens so viele leere Stühle wie besetzte.

Die Angst vor dem Coronavirus hat es geschafft, dass Touristen in diesen Tagen Mallorca in Massen meiden. Sei es wegen stornierter Flüge, aber auch aus eigener Initiative, um kein Risiko einzugehen.

Und das ist erst der Anfang.

Mehrere Hotels an der vor allem bei deutschen Touristen beliebten Playa de Palma haben angekündigt, bei einer Auslastung von weniger als 30 Prozent zu schließen. Neue Reservierungen gebe es kaum, heißt es. Dagegen jede Menge Stornierungen.

Das Hotel, das uns seit einigen Tagen in Can Pastilla, ganz in Strandnähe, als Unterkunft dient, scheint keine Probleme wegen mangelnder Auslastung zu haben.

Der Frühstückssaal ist gut gefüllt. Unter den Gästen sind jetzt immer mehr Radfahrer zu finden – allerdings weit weniger als sonst zu dieser Jahreszeit.

Und natürlich machen Konspirationen und Gerüchte die Runde:

„Häfen und Flughafen werden dicht gemacht“, will die Schuhverkäuferin gehört haben. In den Nachrichten und im Internet konnte ich nichts finden, das dieses Gerücht bestätigt.

Wahr ist allerdings, dass inzwischen auch Mallorca das erste Corona-Todesopfer zu beklagen hat. Eine Frau in ihren Fünfzigern mit Vorerkrankungen.

Und wir so? Sind gesund, wenngleich angesichts der unsicheren Lage etwas geknickt und verunsichert, ob wir ungehindert unsere Rückreise nach Kanada antreten können.

Der Präsidentendarsteller Donald Trump macht bekanntlich Europäern die Einreise in die USA schwer bis unmöglich.

Kanada hat bislang keine diesbezüglichen Restriktionen verkündet. Premierminister Trudeau will „den gesunden Menschenverstand“ walten lassen „anstatt Hysterie zu verbreiten“.

Dabei hätte er guten Grund zur Panik: Während seine Frau Sophie auf einen möglichen Virusbefall getestet wird, begibt sich der kanadische Premierminister freiwillig in Quarantäne.

Cool, Justin. Wie immer.