Alles wird gut. Wird alles gut?

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„Ça va bien aller“, steht auf den handgemalten Schildern der geschlossenen Geschäfte in meinem Viertel. Alles wird gut. Ich sehe die Schilder an den Türen der Restaurants und Cafés, der Bars und Boutiquen, der Zoohandlung und des „Dollar Store“ entlang der fast menschenleeren Rue Notre Dame.

Der erste Gang nach der zweiwöchigen Quarantäne, die für uns heute zu Ende ging, führte mich zum Atwater Market.

In der riesigen Markthalle, wo sich gewöhnlich Einheimische und Touristen in Dreierreihen vor den Vitrinen der Metzgereien, den Brotkörben der „Boulangerie“ und den Theken der Feinkost- und Käseläden stapeln, verhallen heute die Schritte der wenigen Besucher.

Wer den „Marché Atwater“ überhaupt betreten will, muss sich strikten Regeln unterziehen. Anstehen vor der Markthalle mit zwei Meter Abstand. Vor dem Betreten der Laden-Etage wacht ein Sicherheitsbediensteter darüber, dass man sich noch einmal gründlich die Hände wäscht. In der gesamten Markthalle dürfen sich dann jeweils nur sechs, höchstens zehn Menschen aufhalten.

Die finden zwar alles, was sie dort auch vor der großen Krise gesucht haben. Nur dass sich jetzt die Kassiererinnen hinter Plexiglas vor dem Virus schützen. Die bevorzugte Art der Bezahlung: Karte oder, noch besser, Apple-Pay per Handy.

Auf diesen Gang zur Markthalle hatte ich mich lange gefreut. Wer zwei Wochen in seiner Stadtwohnung eingesperrt ist, braucht Träume für die Zeit nach der Selbstisolation.

Mancher mag vom Kirchgang träumen oder auch von einem Spaziergang im Park. Ich träumte von den Obst- und Gemüseständen, den Käsetheken und den Fleischvitrinen in der Markthalle bei uns um die Ecke.

Aber so richtig freuen konnte ich mich heute nicht. Fast alle Geschäfte auf dem Weg dorthin waren geschlossen, einige Läden sogar ausgeräumt. Den „dépanneur“ an unserer Ecke, einen jener Tante-Emma-Läden, die eigentlich immer geöffnet haben, wird es wohl künftig nicht mehr geben. Auch die koreanische Dumpling-Verkäuferin und das karibische Nagelstudio, aus dem im Sommer immer die coolste Salsa-Musik der ganzen Straße tönte, werden der Vergangenheit angehören.

Alle sind sie jetzt geschlossen. Die meist jungen Betreiber der Boutiquen haben ihre Läden ausgeräumt, sie selbst vermutlich den Traum vom ersten eigenen Laden, von der eigenen Bar oder dem Café ausgeträumt.

„Viel Glück und viel Liebe“, steht auf einem der Schilder, das wohl noch in letzter Minute getippt und an die Ladentür geklebt wurde. „We will see you again in the summer – hopefully„.

Mein Heimweg führt mich an einem Kindergarten vorbei. Wo vor der Krise noch fröhliches Kinderlachen über den Schulhof tönte, herrscht heute Coronastille.

Nur die handgemalten Regenbogen-Schilder in den Fenstern erinnern daran, dass dieses Gebäude irgendwann einmal von Kindern bevölkert worden sein muss.

„Ça va bien aller“, heißt es auch da. Alles wird gut.

Ça va bien aller“, ruft mir auch Meranie zu, die Verkäuferin in der Metzgerei meines Herzens. Niemand in der gesamten Markthalle schneidet den Torchon-Schinken und die Rosette de Lyon besser als sie. Meranie weiß, dass wir ihren Service zu schätzen wissen und kommt in normalen Zeiten schon mal von hinter der Vitrine hervor, um einen Drücker zu verteilen.

Aber normale Zeiten waren gestern.

Heute bleibt sie hinter der Kasse stehen. Ihre sonst so munteren Augen wirken müde. Sie zeigt mir aus zwei Meter Entfernung ein Handherz und schickt mir einen gehauchten Kuss hinterher. „Für Madame“.

„Ça va bien aller“.

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12 Gedanken zu „Alles wird gut. Wird alles gut?

  1. Hallo aus Dänemark, freut mich das ihr wieder “ frei “ seit.Leider ist diese Freiheit sehr begrenzt.Hoffentlich ist dieser Spuk bald vorbei. Es wird wohl lange dauern bis wir wieder in einen normalen Rythmus kommen.Ich muss oft an unsere Freunde auf Mallorca denken und bin ganz traurig das die armen nicht mal an den Strand dürfen um mal frische Luft zu tanken.Hier in DK ist es auch traurig da unsere Grenze zu Deutschland geschlossen ist.Ansonsten dürfen wir uns aber innerhalb Dänemarks frei bewegen. Ich wünsche euch ein entspanntes Wochenende. Liebe Grüsse Harm

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  2. Er hat’s schon am 22. Januar 2020 gewusst:
    „Wir haben das völlig unter Kontrolle. Alles wird gut.“
    Donald Trump, Präsident der USA

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  3. Als wir noch einkaufen gegangen sind, haben wir die Griffe der Einkaufswagen immer selber desinfiziert. Mittlerweile nutzen wir aber den Lieferservice, und sind auch da sehr vorsichtig. Aber – soweit ich lese – ist eine Uebertragung von kontaminierten Oberflaechen aus eher selten

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  4. Mittlerweile geht man von einer „Tröpfcheninfektion“ als Hauptpforte für das Virus aus. Daher treten kontaminierte Oberflächen (+ anschließendes Augenreiben) eher in den Hintergrund und Abstand dafür in den Vordergrund. Da gegen fremde Aerosole keine einfachen (womöglich selbstgebastelten) Mundschutzkonstruktionen helfen, hilft auch deshalb eher Abstand.

    In meinen Geschäften in Bonn brauche ich überwiegend keine Einkaufswagen-Abstandhalter, hätte aber auch nichts dagegen.

    Viel schlimmer ist die allgemeine Stimmung in den Straßen. Es ist sehr ähnlich dem, was Herby beschreibt.

    „Et bliev nix wie et wor.“

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  5. Es genügt, daß alle ihren Einkaufswagen (In Bonn überall Pflicht! Ohne Wagen kein Brötchen/Einkauf) anfassen, der genügend Abstand bietet. Und dann kommen viele raus und essen, ohne sich die Hände zu waschen, von der gerade gekauften Ware. Diese Wagen und der ÖPNV sind die besten Garanten für die Verbreitung, bevor die Schulen wieder starten.

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  6. Gratulation zur „Freiheit“! Nach Corona in ein oder zwei Jahren werden wir alle Freiheit neu definieren.
    Immerhin dürft Ihr doch schon mal wieder laufen, Euren Sohn in die Arme schließen und zu dem von Euch gewählten Zeitpunkt selbst gekaufte Menüs verspeisen. Vielleicht läßt sich Montreal, das ruhige Montreal, auch neu entdecken.
    Hier haben sich bei gleicher Optik und plötzlicher umfassender Zwangsruhe viele Initiativen gegründet – als Nachbarschaftshilfen, Versorgungsstationen für Obdachlose oder Musikern/Künstlern auf Hinterhöfen zur Freude der Bewohner, die dann auf ihren Balkonen oder in offenen Fenstern mitsingen oder sich einfach daran erfreuen.
    Ein Vorteil der Situation kann sein, daß wir uns auf das besinnen, was wir zur Freude anderer tun können, also leben statt erleben. So kann der Corona-Virus zu einem Teil des Jacobsweges werden. Deshalb kann der Virus auch nicht mit einer 14-tägigen Quarantäne beendet sein..

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  7. Nun ist der „Stubenarrest“ für euch erstmal zu Ende. Aufatmen, dann ein erster Ausgang. Eine wunderbar atmosphärische Schilderung deines Spazierviertels, mit viel Mitgefühl für die Geschädigten und einem Quantum Nostalgie.
    Es wird schon werden…

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  8. Hi,
    in Deutschland isses so ähnlich, blöder Corona…
    Haltet durch, es werden auch bessere Zeiten kommen.
    Alles Liebe & Gute,
    Britta

    P.S.: Ich liebe deinen Blog :-)

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