Ein Leben in vier Fotokisten

„Kannst du mir sagen“, ruft die Frau an meiner Seite aus ihrem Zimmer, das seit Tagen zur Fotokammer verkommen ist, „warum wir gleich neun Fotos von Cassian beim Ostereier malen aufheben mussten?“ Ja, ich kann es ihr erklären: „Weil wir neun Fotos gemacht haben, deshalb!“ So, und jetzt? Stehen wir da mit Tausenden von Fotos, mit denen wir unser kleines Leben bis hierher dokumentiert haben.

Fotos vom Strand, Fotos vom Wandern. Babyfotos und Bilder von der Rockband, die gnädig genug war, mich aufzunehmen. Und jede Menge Partyfotos!

„Kein Wunder“, stöhnt die Frau hinter dem Fotoberg hervor, „waren unsere Konten so oft blank“. Stimmt: Partys waren bei uns eigentlich dauernd angesagt: Geburtstagsparty, Kanada-Jubiläum, Halloween-Party, Zauberfest, Jamming-Party, Kostüm-Party, Oktoberfest, Wiedersehens-Party mit Freunden, die schon lange nicht mehr hier waren. Wir liebten Partys. Und viele Menschen, die bei uns ein- und ausgingen, liebten sie auch.

Vier Kisten. Ein Leben.

Und dann die unzähligen Besucherfotos: Freunde, Familie, Verwandte, Kollegen. Kollegen von Kollegen und Freunde der Kollegen von Kollegen, auch Freunde von Verwandten, die wir vorher und hinterher nie mehr gesehen haben – bei uns ging 25 Jahre lang alles ein und aus, was in Kanada ein Bett mit Familienanschluss suchte.

Als wir dann in einem Jahr zwischen April und Oktober nur eine einzige Woche keinen Besuch hatten, fiel der Entschluss: Das „Hotel Bopp“ bleibt bis auf weiteres geschlossen.

Mangelnde Gastfreundschaft kann man uns eigentlich nicht vorwerfen. Dachte ich immer. Doch auch in diesem Punkt kann man sich täuschen …

„Schau mal, wie jung wir da aussehen?“, schallt es irgendwann aus der Fotokammer. „Wir sahen nicht jung aus, mein Schatz. Wir waren jung!“

Fotos aussortieren ist nicht nur körperliche Arbeit, sondern auch emotionale. Mutter noch kurz vor ihrem tödlichen Verkehrsunfall. Vater wenige Wochen, ehe auch er verstarb. Kinder vor und nach der Schule. Kinder von Menschen, die wir kaum kannten, deren Kinder sich aber wohl fühlten bei uns.

Das erste eigene Haus, der erste blühende Garten, der erste Pool, die erste Sauna, die Cottage, das erste schöne Auto. Bella, unser Hundemensch, Mimi und Minimax, unsere Streunerkatzen. Und dazwischen immer wieder Partytime. Und natürlich Besucher.

Etwas ist uns beim Aussortieren der Bilder aufgefallen: Es gibt so gut wie keine Kindefotos von uns.

Schon klar: Kurz nach Kriegsende hatten unsere Eltern andere Sorgen als zum Fotografen ins Studio zu rennen, der zu jener Zeit sicher gut davon leben konnte, Soldatenfotos zu retuschieren. Und außerdem: Wer hatte denn damals schon eine Kamera? Filmrollen waren dazuhin teuer wie Gold.

Doch dann, als Kameras und Filme erschwinglich wurden, kam plötzlich die Papierfotoflut. Und natürlich Dias. Selbst Super-Acht-Filmchen sind aufgetaucht.

„Wie?“, fragt die Frau jetzt beim Sortieren, „du konntest dir als Neunzehnjähriger schon eine Filmkamera leisten?“ „Nicht wirklich“, antworte ich ihr. „Die Kamera war ein Tauschgeschäft. Filmkamera für ein Banjo“. (Dass ein Erwachsenenleben später mir der damalige Tauschpartner das Banjo wieder zurückgegeben hat, ist eine Geschichte für sich).

Vier Tage lang dauerte das Aussortieren der Bilder. Und noch immer sind vier Obstkisten große Plastikcontainer übrig. Mit Alben, CD-ROMs, ungültigen Pässen inklusive alten Passbildern. Und natürlich noch immer Fotos, Fotos, Fotos.

Nächster Schritt: Digitalfotos sortieren. Zur Stunde staplen sich 52.872 davon auf diversen Festplatten. Von der Cloud ganz zu schweigen.

5 Gedanken zu „Ein Leben in vier Fotokisten

  1. Oh, wenn Ihr bei Euch fertig seid, könnt Ihr gern bei mir weitermachen incl. Bettenangebot. 😉 Wer in 70 Jahren keine Schätze angesammelt hat, hat nicht bewußt gelebt. Viel Spaß beim digitalen Ausmisten! Dank Sicherheitsaufnahmen ging bei mir das erste Ausmisten zügig, aber jetzt …..

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  2. Sowas ist doch ein super „Corona Projekt“ 😉 Habt ihr noch einen Projektor für sie Super 8 Filme? Die letzten Filme, die ich auf dem Dachboden bei meinen Eltern gefunden habe, sind leider wegen falscher Lagerung quasi zu Staub zerfallen 😔
    Die Super 8 Kamera ist dann bei eBay gelandet.

    Viel Spaß weiterhin. Ist zwar viel Arbeit, aber das lohnt suche ja!

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  3. In preparation for moving to a smaller home last August, we sorted boxes and boxes of photos rigorously paring down the number. Then we bought a better than average scanner to scan them to a digital format. Then I cataloged them in a computer program.
    But I don’t think we would have even begun if we had as many as you. 😲

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