Montreal im Terrassen-Fieber

Auf los geht’s los: Terrasse auf dem Boulevard St. Laurent

Wenn Montrealer von „Terrasse“ sprechen, dann meinen sie nicht die architektonischen Formationen, die sich in besseren Wohngegenden an die Rasenanlagen anschmiegen. Es sind die oft, aber nicht immer, überdachten Plattformen vor Speiserestaurants aller Preiskategorien.

Zurzeit ist Montreal im Terrassen-Fieber: Trottoirs werden enger gemacht, damit Platz für eine Außengastronomie geschaffen wird. Mini-Restaurants, deren Besitzer noch vor einem Jahr nicht im Traum daran gedacht hätten, Kunden im Freien zu bewirten, lassen ein Straßencafé anlegen, das manchmal mehr Fläche einnimmt als das Restaurant selbst.

In Montreal sind Restaurants fast durchgehend seit einem Jahr geschlossen – und werden es auch weiterhin sein. Aber draußen vor der Tür darf ab Freitag mit Abstand gegessen und getrunken werden. Und endlich fällt auch die Sperrstunde weg, die den Freiluft hungrigen Montrealer jetzt seit gut vier Monaten in die nicht immer gute Stube verbannt hat.

Ab Freitag gibt’s kein Zurück mehr: Die Ausgangssperre fällt, die Terrassen öffnen. Montreal ist auf dem besten Weg, wieder zu der Stadt zu werden, die mich vor 40 Jahren sofort in ihren Bann gezogen hat.

Fünftausend Restaurants und Musikkneipen, Cafés und Bars – dafür liebe ich diese Stadt. Der Charme dieser frankokanadischen Metropole hat sich längst auf dem Kontinent herumgesprochen. Ich kenne keine nordamerikanische Stadt, in der die Außengastronomie so kultig gepflegt wird wie in Montreal. Nicht New-York, nicht Boston, nicht einmal San Francisco. Und gleich gar nicht Toronto, Calgary oder Vancouver.

Let’s meet for a cinq-à-sept„, sagt der Montrealer gerne im ortsüblichen Franglais, jener unnachahmlichen Mischung aus Französisch und Englisch, die sich hier eingebürgert hat, als wäre das englische Duden-Äquivalent Merrriam Webster persönlich Pate gestanden. Und natürlich findet das fünf-bis-sieben-Treffen fast immer auf den Gastro-Terrassen der Stadt statt.

Eine Stadtverwaltung zeigt Herz: Weil die Gebühren für städtischen Ausschank-Lizenzen coronabedingt auf ein Minimum reduziert wurden, können sich erstmals auch Klein-Gastronomen Terrassen leisten, die oft größer sind als das Loch in der Wand, von dem aus sie gewöhnlich Pommes und Hotdogs anbieten.

Ein Spaziergang durch die Innenstadt genügt, und der Flaneur weiss: Große Ereignisse bahnen sich an. Es wird gehämmert und gebohrt, geschliffen und gestrichen. Es werden Blumenkübel aufgestellt und hektoliterweise Desinfektionsmittel abgefüllt. Keiner möchte, dass Montreal wieder zum „Bad Boy“ unter den Covid-Metropolen Nordamerikas wird, wie es zu Beginn der Pandemie der Fall war.

Heute steht die Stadt erstaunlich gut da. Wenn es in einer Provinz mit acht Millionen Einwohnern in den letzten 24 Stunden weniger als 400 Neuinfektionen gibt, dann ist das schon ganz schön vielversprechend.

Und was sagt das dem Grübler, dem Kritiker, dem Zweifler, dem notorischen Lügner und Leugner? Restriktive Maßnahmen greifen eben doch! Nächtliche Ausgangssperren, Impfrekorde, Aufklärung im Schnellfeuer-Rhytmus – das alles zeigt Wirkung.

Der Freitag wird ein Freudentag für uns. Wenn jetzt nur noch sämtliche Impf-Verweigerer bekehrt werden könnten!

Missionieren ist uncool, aber wenn’s hilft?

Vorhin auf einer Parkbank in der Montrealer Innenstadt: Zwei junge Frauen um die 20 debattieren so leidenschaftlich, dass ich auch mit viel Taktgefühl nicht weghören kann. Die Schwarzhaarige zur Blonden: „Ich lasse mich nicht impfen – und Du?“ Die Blonde: „Auf keinen Fall. Ich setz doch nicht mein Leben aufs Spiel!“

Bei diesem Satz konnte sich der Oberlehrer in mir nicht mehr zurückhalten. „Geht’s noch?“, mische ich mich ein. „Wer sein Leben aufs Spiel setzt, ist der oder diejenige, die sich nicht impfen lässt!“

Die Blonde: „Ich nehme jede Menge Vitamine, die stärken mein Immunsystem und verhindern, dass ich an Corona erkranke“.

„Sagt wer?“

„Facebook. Und Instagram und TikTok und überhaupt“.

„Aha“.

Die Schwarzhaarige ist sich nach einem zehnminütigen Diskurs in die Welt der Nahrungs-Supplemente dann doch nicht mehr so ganz sicher. Als ich den Beiden von „Long Covid“ erzähle und von Freunden, die schwer an Corona erkrankt sind, und davon, dass die Langzeitfolgen oft erst viel später eintreten, dafür aber umso heftiger, knicken beide zerknirscht ein.

„Okay, dann lass’ ich mich halt in Gottes Namen impfen“, sagt die Schwarzhaarige.

„Ich dann auch“, meint die Blonde etwas kleinlaut, fummelt an ihrem Handy nach der Impfterminseite und wünscht mir mit dem entwaffnenden Lächeln der Jugend noch einen schönen Tag.

Danke! Vielleicht hätte ich doch Missionar werden sollen.

Ab Freitag wird auch hier serviert.
Downtown Montreal: Hier wird noch gehämmert und gebohrt.
Foodtruck am Lachine-Canal

4 Gedanken zu „Montreal im Terrassen-Fieber

  1. Good for you on your „missionary work.“ I wish it always went that way, but so many people have been led astray and it is easier to fool someone than to persuade them they have been fooled.
    We had a wonderful stay in Montreal in 2014; I don’t remember the hotel, but I do remember the outside dining.

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  2. You’re right, Jennifer. Montreal is a special place. And Point-St-Charles/St. Henri/Le Sud-Ouest is just the perfect location for someone who likes to explore new corners every day. Hope you are doing well Talk to you soon :-)

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  3. Great missionary work, Herbert, converting the „doubting Thomas-es“ 😃
    Nice story, as usual, with great pictures to give it „life“! Wonderful Montreal!!!..the „joie de vivre“ may have been „quarantined“ for a while, by necessity, but now it is alive & well! 😃 I have always loved my city as well…there’s no place like it!!!❤❤

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