
Am 24. Juni begehen die Québecer ihren Nationalfeiertag, La Fête Nationale Saint–Jean–Baptiste. Anlass genug, um über das komplizierte Verhältnis nachzudenken, das mich mit jenem Teil Kanadas verbindet, in dem ich schon mein ganzes Erwachsenen-Leben verbringe.
Mit Québec ist es ein bisschen wie mit der Uefa und dem Fußball. Das, was sich auf dem Platz abspielt, ist wunderbar, spannend, sehenswert. Aber die Drahtzieher hinter den Kulissen vergeigen es mit unschöner Regelmäßigkeit.
Neulich, nach dem Spiel gegen Portugal, sitze ich noch mit einer Gruppe BrasilianerInnen zusammen. Sie leben und arbeiten seit kurzem in Montreal. Und sie lieben die Stadt meines Herzens schon jetzt nicht weniger als ich. So frei. So cool. So charmant.
„Ich bin hierher gekommen, weil ich mich unter Bolsonaros Regierung eingeengt fühlte”, erzählte mir ein junger Programmierer aus São Paulo.
Kaum 24 Stunden nach diesem Gespräch dann dies:
Ab sofort darf in allen Québecer Ministerien, Behörden und den dazugehörigen Aufzügen und Telefon-Warteschlangen nur noch Québecer Musik gespielt werden.

Nathalie Roy, die Kultusministerin dieser Provinz, sagt: Sie sei schockiert gewesen, während der Wartezeit in der Telefonschlange amerikanische Musik gehört zu haben.
“J’étais en attente sur la ligne téléphonique du ministère de la Culture et j’ai été renversée d’entendre un Américain me chanter une petite chanson en anglais”.
Geht’s noch engstirniger? Gibt es nach der Sprachenpolizei demnächst auch eine Musikpolizei in Québec?
Ich bin auch nach 40 Jahren noch nicht dahinter gekommen, was Politiker, die sicher schon ein bisschen was von der Welt gesehen haben, antreibt, anderen Menschen nicht nur vorzuschreiben, welche Sprache sie zu sprechen haben, sondern jetzt auch noch die Musikrichtung vorgeben.
Lady Gaga, Billie Eilish oder Eminem als Aufzugsmusik? Shocking!
Warum müssen Ladenbesitzer Strafe bezahlen, wenn sie die Waren in ihrem Schaufenster auf Englisch beschriften anstatt Französisch?
Vielleicht ist es die Angst davor, im sündigen Meer der englischsprachigen Umgebung Nordamerikas zu ertrinken. 400 Millionen anglophone Nordamerikaner gegen ein paar französischsprachige Québecer – muss einem da nicht Angst und bange werden?
Die meisten jungen Québecer, die ich kenne, haben für diese Art der Politik nur ein müdes Lächeln übrig.
Und die Älteren?
Viele von ihnen verstehen keinen Spass, wenn es um ihre Identität geht, „notre nation„, wie sie Québec nennen.
Als Reingeschmeckter tut man gut daran, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu hängen, wenn es um Québecer Herzensangelegenheiten wie die Landessprache geht.
Versuchen wir also, dem Ganzen einen positiven Aspekt abzugewinnen:
Für mich sind es gerade die kleinen Unterschiede zum Rest Kanadas, die Québec zu dem machen, was ich am Leben liebe: Das gute Essen, die tollen Kneipen, Bistros und Restaurants. Menschen aus aller Welt. Gelebte Multikultur.
Es sind nicht die liebenswerten, charmanten und, ja, stolzen Menschen in Québec, die so einen Schmarrn wie Musikvorschriften für gut heißen. Es ist die Politik, die es immer wieder schafft, Dinge gegen die Wand zu fahren, die seit Jahrhunderten gut funktionieren.
Und jetzt? Je ne sais quoi.
Bonne Fête nationale!



