Das rosa Haus von St. Henri

„Aim higher! Life is what you make of it“

Hoch über den Dächern von St. Henri spielt sich dieser Tage wieder ein Mysterium ab, das selbst hartgesottene Krimifans ratlos zurücklässt: Wer um Himmels Willen hat ein Holzhäuschen in 43 Metern Höhe rosarot angestrichen, es mit einem Weihnachtskranz und einem Christbaum geschmückt und dabei nicht die Spur einer Spur hinterlassen?

Es gibt da diese stillgelegte Fabrik ganz in der Nähe von uns. Jahrzehntelang hatte die “Canadian Malting Company” die Montrealer Brauereien mit Malz beliefert. Irgendwann machte die Firma am Lachine-Kanal dicht und das riesige Fabrikgebäude rottete vor sich hin. 

Ganz oben thronte eine Holzhütte, die als Lager für Fabrikzubehör, aber auch als Aufenthaltsraum für die Arbeiter der Malzfabrik diente.

Es war im Herbst 2019, als das Häuschen eines Morgens in einem neuen Kleid erstrahlte. Plötzlich zeigte sich die Holzhütte nicht mehr im grimmen Graubraun eines halbverfallenen Industriegebäudes. Jetzt leuchtete das Häuschen im schrillen Rosarot über den Dächern von St. Henri.

Grüne Fensterläden verliehen dem Hoch-Haus etwas Kuscheliges. Aufgesetzte Blumenkästen sorgten für eine urbane Spießigkeit. Sogar an Vorhänge haben die geheimnisvollen Damen und Herren vom Bau gedacht.

Dann kam der Dezember. Und mit dem Dezember kam Weihnachten. Und mit Weihnachten stellen sich nun schon dritten Mal Zigtausende Montrealer die Frage: Wer ist verrückt genug, um in Kirchturmhöhe ein Haus instand zu halten, das niemand bewohnt?

Die Antwort: Wir wissen es nicht.

Auch der Besitzer der stillgelegten Fabrikanlage hat keine Ahnung. Das Gebäude ist komplett eingezäunt, die ersten drei Stockwerke sind regelrecht von der Außenwelt abgeschottet, die letzten zwölf Meter nur über eine lange Leiter zu erreichen.

“Wer immer dahinter steckt”, sagt Fabrikbesitzer Steven Q., “muss verrückt sein!” Es sei schon lebensgefährlich, sich einfach so in dem halb verfallenen Gebäude aufzuhalten, erst recht aber mit Werkzeug und Baumaterialien in 43 Metern Höhe.

Klar, sagt Mr. Q., er könnte die Anlage bei Tag und Nacht von Sicherheitspersonal überwachen lassen. Doch das sei teuer. Und auch die Installation einer Überwachungskamera sei schwierig. Es gibt nämlich seit 30 Jahren keinen Strom mehr im Skelett, das von der “Canadian Malting Company” übriggeblieben ist.

Ein bisschen hat man den Eindruck, dass Mr. Q. auch stolz darauf ist, der alten Fabrik mit dem rosa Häuschen posthum zu einer gewissen Prominenz verholfen zu haben.

“Seid extrem vorsichtig, Jungs!”, warnt er deshalb alle, natürlich auch die Mädels, die sich an die rosarote Hütte wagen. 

“Sieht aber schon irgendwie cool aus, oder?”, sagt er dann noch. Und lächelt dabei das stolze Lächeln des Häusle-Besitzers.

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