Endlich: On the road again!

Gut möglich, dass Sie nie wieder Autofahren, nie wieder Radeln, nie wieder Lasten heben können. So las sich die Krankenakte des Augen-Chirurgen noch vor ziemlich genau zwei Jahren. Und jetzt? Bin ich zum erstenmal wieder hinterm Steuer gesessen. Es passieren eben doch noch Zeichen und Wunder.

Es sind dunkle Jahre, die hinter uns liegen. Draußen tobte Corona, drinnen machte die Netzhaut schlapp. Monatelang waren Sprachnachrichten das einzige Kommunikations-Mittel, das mir zur Verfügung stand. An Lesen und Schreiben war nicht zu denken, nicht mit all den Vorerkrankungen im Auge, die irgendwann in Folgeerkrankungen umschlugen. „You had to make it difficult again, didn’t-you?“, höre ich den Netzhaut-Chirurgen am OP-Tisch noch sagen, ehe er – wieder einmal – das Laser-Skalpell ansetzt.

Nach insgesamt sechs chirurgischen Eingriffen und jahrelangem Bangen gab mir der Chefarzt der Augenklinik im Jewish General Hospital am Freitag grünes Licht:

“Von mir aus können Sie wieder”, sagt er nach der hoffentlich letzten Behandlung. “Wie jetzt – Autofahren?”, frage ich ungläubig zurück. “Sure”, beschwichtigt mich der Mann, der meine Augen seit 23 Jahren besser kennt als jeder andere. “Relax, Man. You’ll be fine!”

Eine glasklare Sicht stellt man sich zwar anders vor. Aber wenn der Arzt das so sagt …

Was war passiert? Nach zwei Netzhautablösungen und zwei Katarakt-Operationen hatte sich die daraufhin eingesetzte künstliche Linse wieder eingetrübt. Bei einer Laser-Behandlung wurde jetzt der Sockel, auf den sich ein Schatten gelegt hatte, gereinigt.

Radfahren: Ja.  Autofahren: Ja. Schwere Lasten heben: Später wieder.

Geht in Ordnung, Doc!

„Du solltest eine Warnung rausschicken, damit die Leute wissen, dass Du wieder im Auto unterwegs bist“, scherzte unsere Freundin Christa aus Winnipeg. Mein Kumpel Doug wollte noch weitergehen. „Let me warn people on Facebook!!!!“, textete er und setzte gleich vier Ausrufezeichen hinter seine Drohung.

Nachdenklicher kommentierte mein guter Freund aus Köln diesen für uns berührendsten Moment der letzten Jahre: „Toll, was Ärzte heute können und Menschen aushalten, die an sie glauben.“

Das seien ja „großartige Neuigkeiten“, meldet sich auch Philipp aus Heidelberg. „Ich kann es kaum glauben – das gibt dir ja wieder ein ganzes Stück an Freiheit zurück.“ Und: „In diesem Fall lohnt es sich wirklich, auch mal zurück zu blicken“. Stimmt.

Heute also die Fahrprüfung, 2. Teil. Mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem ich bei einem Mann namens Karl Zimmermann in Ummendorf den Führerschein gemacht hatte, setzte ich mich ähnlich nervös wie damals hinters Steuer. 

Nur saß neben mir kein Mann namens Karl, sondern eine Frau namens Lore. Sie achtete auf jeden Blinker, jede Rückspiegel-Einstellung, jede Geschwindigkeits-Beschränkung und auch darauf, ob ich die Ausfahrt nach Montreal nicht mit der nach Toronto verwechsle.

Mein neues Auto-Leben begann nicht etwa im Zentrum der Millionenstadt, in der ich lebe. Wir fuhren stundenlang über Land, an Farmen vorbei und an schnuckeligen Häusern entlang des St.-Lorenz-Stroms. Die fast autofreien Zonen gaben mir Sicherheit. Jetzt fühlte ich mich gerüstet für den Dschungel von Montreal.

Sie sei stolz auf mich, sagte die Frau an meiner Seite nach zweieinhalb Stunden hinterm Steuer. Nur das mit dem Hupkonzert, als sich ein Drängler vor mich hinschob, hätte ich mir sparen können.

Recht hat sie, meine Privat-Chauffeurin der letzten zwei Jahre. Ich gelobe Besserung und bedanke mich bei ihr für Tausende von Kilometern, die sie mich als stark Sehbehinderten durch halb Kanada kutschiert hat.

Ganz ist die Nervosität vom Nachmittag noch nicht verschwunden, die Augen zucken und der Kopf brummt. Aber es wird. Wie sagte der Chirurg am Freitag noch?

“Relax, Man. You’ll be fine!”

14 Gedanken zu „Endlich: On the road again!

  1. Bravo c’est bien mérité après toutes ces années de misère. Peut-être verras-tu les choses de manière différente maintenant…

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  2. Na super!!! Herzlichen Glückwunsch👍Du hast es hoffentlich in vollen Zügen genossen?!
    Muss Lore also keine Gummibäume pflanzen lassen.

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