Meine Nacht mit Boris Becker

Es war ein kühler Sommerabend in Montreal, irgendwann in den 90er-Jahren. Der Deutschlandfunk hatte bei mir zum Abschluss der “Canadian Open” ein Interview mit Boris Becker bestellt. Es sollte ein Abend der ganz besonderen Art werden.

Vom Tennis hatte ich zugegebenermaßen nicht viel mehr Ahnung als von den meisten Sportarten, über die ich im Laufe der Jahre als Korrespondent zu berichten hatte. Es waren fast immer die Menschen hinter dem Sport, die mich interessierten. Formel Eins? Geschenkt. Aber Michael Schumacher? Großartig als Interviewpartner.

So ging es mir auch bei Boris Becker. Den sportlichen Teil der “Canadian Open” in Montreal hatten die Kollegen vom Sport abgedeckt. Ich kümmerte mich um “das Bunte”, wie das in der Branche hieß.

Boris spielte an jenem Abend um den dritten oder vierten Platz, den Sieg hatte er bereits vergeigt. Der Centre Court war ihm also verwehrt geblieben. Und wie das so ist mit der Loyalität des Publikums: Man sonnt sich gerne im Schatten der Sieger. Boris Becker gehörte an diesem Abend nicht zu ihnen.

Auf einem der Nebenplätze im “Jarry Park” im Montrealer Norden hämmerte Boris also sein letztes Turnierspiel weg. In den Zuschauerrängen, auf der Pressetribüne und auch in den VIP-Logen herrschte gähnende Leere. Es muss um Mitternacht gewesen sein, als sich Boris noch immer gegen seinen Gegner abmühte.

Ich schaute mich um und erkannte Barbara Feltus, seine Frau. Neben ihr Ion Tiriac. Der Mann aus Siebenbürgen hatte Boris damals gemanagt und den Bub aus Leimen zu einem der jüngsten Reichen des Profisports gemacht – und sich gleich mit.

“Darf ich?”, fragte ich die Beiden, die Boris gelangweilt bei dem mitternächtlichen Match zuschauten. “Setz‘ dich”, sagte Barbara Feltus, mit der ich zuvor schon im Pressezentrum kurz geplaudert hatte. Sie bot mir eine Wolldecke an, die neben ihr lag. Es war jetzt schon nach Mitternacht und von Sommertemperatur keine Spur.

Ion Tiriac, den ich mit seinem gezwirbelten Schnauzbart hauptsächlich von Fotos im Rolls Royce kannte, begrüßte mich mit Handschlag, ließ aber trotz der vorgeschrittenen Stunde seine wachen Augen nicht von seinem Schützling ab.

“Herr Tiriac”, sagte ich, “Ich bräuchte noch ein paar O-Töne von Boris – geht das?”

“Unmöglich”, sagte sein Manager. “Boris muss nach dem Match sofort ins Hotel. Morgen früh geht’s weiter nach Cincinatti”.

“Doch, doch”, sagte Barbara Feltus seelenruhig, als hätte sie dem Manager ihres Mannes eben nicht zugehört, “das mit dem Interview kriegen wir schon hin.” 

Ich war fasziniert von der Dynamik, die unter dem Trio Becker/Tiriac/Feltus herrschen musste. Wer hat nun eigentlich das letzte Wort? 

Boris spielte noch immer. “Mann, komm endlich!”, murmelte Barbara vor sich hin, “wir wollen heim!”

Doch Boris Becker kam und kam nicht. Dafür standen plötzlich zwei Teenager mit Becker-Plakaten vor uns. “Autograph, please!”, rief einer in Richtung Tiriac. “Sorry”, grumselte der Manager, “not possible”.

“Give me the poster”, sagte Barbara zu den beiden Jungs. Sie würde ihnen das Autogramm schon besorgen.

Wozu braucht der Mann eigentlich einen Manager, wenn er doch so eine patente Frau hat?, dachte ich.

Endlich! Boris hatte das Spiel um den dritten Platz verloren und schleppte sich die paar Bankreihen durch die fast menschenleeren Ränge hin zu uns in Richtung Pressetribüne.

“Gib den Jungs ein Autogramm”, war das erste, das seine Frau zum Verlierer der Nacht sagte. Boris tat wie geheissen. Zwei Plakate, zwei Autogramme.

„Und jetzt noch ein Interview für den Herrn zu meiner Rechten“, sagte Barbara Feltus und grinste mich dabei an, als wolle sie mir sagen: Das kriegen wir schon gebacken. “Oh Mann!”, höre ich Boris noch sagen, “ich will ins Hotel”.

Was dann passierte, wäre heutzutage schon aus Sicherheitsgründen undenkbar und ich kann es auch gut 25 Jahre später kaum fassen: Barbara sprach sich kurz mit Ion Tiriac ab und schon saßen wir – einschließlich Chauffeur – zu fünft in einer Limousine.

Während der paar Kilometer zwischen Tennis Court und Hotel kam vielleicht nicht das gehaltvollste aller Interviews meines Reporter-Lebens zustande. Aber es reichte aus, um meinen Sender zu beglücken.

Noch in der Nacht sendete ich die O-Töne nach Köln. Und während Boris, Ion und Barbara in Montreal längst ihre Nachtruhe angetreten hatten, lief das Interview mit Boris Becker in Deutschland im Radio.

Vielleicht hätte Boris in den letzten Jahren auch eine Barbara Feltus an seiner Seite gebraucht – eine, die alles für ihn managt und sich ein bisschen mehr um ihn sorgt.

Zu spät, Boris. Ich finde übrigens, du gehörst zwar bestraft, aber nicht wie Mörder und Terroristen in den Knast.

Deinen O-Ton dazu hätte ich jetzt gerne.

Ein Gedanke zu „Meine Nacht mit Boris Becker

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