Als mich Uwe Seeler interviewte

BESCHEIDEN BIS ZUM SCHLUSS: Fußball-Legende Uwe Seeler. © ARD

Uwe Seleer ist tot – und die Fußballnation ist um eine Legende ärmer geworden. Mit 85 Jahren ist “uns Uwe” jetzt dort gestorben, wo er ein Leben lang gewirkt hatte: in Hamburg. Über eine Begegnung mit einem der größten Fußballer seiner Zeit.

“Ja, Seeeeeler?” Ich erinnere mich noch genau an das lang gezogene “e”, das Uwe Seeler durch den Hörer schickte, als ich ihn irgendwann in den siebziger Jahren in Hamburg anrief. Ich arbeitete damals als Reporter bei einer deutschsprachigen Wochenzeitung in Winnipeg/Manitoba. Der Verlag hatte mich nach Stuttgart geschickt, wo ich ein paar Termine wahrnehmen sollte. 

Dem Chefredakteur der Zeitung, meinem späteren Freund, dem viel zu früh verstorbenen Bernd Längin, erstattete ich regelmäßig Bericht über den Verlauf meiner so genannten Verhandlungen in Deutschland. (In der Rückschau glaube ich übrigens, dass mir der Verlag mit der als „business trip“ deklarierten Deutschland-Reise einfach eine Freude machen wollte.)

Als ich gerade auflegen wollte, kam mein Chef auf die glorreiche Idee, ich solle doch von Stuttgart nach Hamburg weiterfahren. Dort lebe bekanntlich Uwe Seeler. Den könnte ich doch mal interviewen. „Und der aktuelle Anlass wäre?“, fragte ich estaunt. Einen besonderen Anlass gebe es zwar nicht. “Ich weiss nur”, sagte Bernd Längin, “dass Uwe Seeler von unseren Lesern verehrt wird”.

Wie bitte? Ich, ein Jungspund, der gerade mal einen Tennisball von einem Hühnerei unterscheiden konnte, sollte einen der bedeutendsten Fussballspieler seiner Zeit interviewen? 

Mein Chefredakteur diktierte mir Seelers Privatnnummer in den Hörer. Das konnte ja heiter werden.

Vor jedem Interview steht die Terminvereinbarung. Die erledigt in großen Verlagshäusern meistens eine Sekretärin. Da ich aber weder für ein großes Verlagshaus arbeitete, noch über eine Sekretärin verfügte, erledigte ich die Terminabsprache selbst. Von einer Telefonzelle im Stuttgarter Hauptbahnhof aus.

Uwe Seeler, der ein paar Jahre zuvor mit der deutschen Nationalmannschaft Dritter bei der WM in Mexiko geworden war, beantwortete das Telefonat persönlich. Mit einem “e” im “Seeeler”, das in seiner Länge an seine Weitschüsse erinnerte, von denen ich ja seinerzeit noch keine Ahnung hatte.

“Herr Seeler”, fing ich das Gespräch an, “ich bin gerade in Stuttgart, komme aus Kanada und möchte Sie gerne für unsere Zeitung interviewen. Wann kann ich Sie besuchen?”

Uwe Seeler, der seine Kopfbälle mit einer Präzision in den Kasten schickte, die damals in der Welt wohl einmalig war, kapierte nicht ganz. 

“Sie kommen aus Kanada, schwäbeln, und wollen mich in Hamburg zum Interview treffen?”

Das mit dem schwäbelnden Deutschkanadier war schnell geklärt. Das mit dem Interviewtermin in Hamburg nicht.

“Was möchten Sie mich denn fragen”, wollte der Mann wissen, der von 1948 bis 1972 Torjäger beim HSV war.

“Naja”, sagte ich blauäugig, “wie Sie so leben, wie es Ihnen so geht und überhaupt”.

“Ich lebe in Hamburg, mir geht es gut. Und überhaupt finde ich es nett, dass Sie meinetwegen extra die lange Reise von Stuttgart nach Hamburg auf sich nehmen wollen, wo sie doch gerade erst aus Kanada angekommen sind”.

Man ahnt schon: Das Gespräch zwischen dem schwabokanadischen Reporter und der norddeutschen Fußball-Legende verlief ziemlich planlos.

Irgendwann stellte ich fest: Uwe Seeler hatte fast unbemerkt den Spiess herumgedreht und war plötzlich derjenige, den mich interviewte.

Wie man denn so lebe in diesem wunderbaren Land Kanada, das ja doch sehr kalt sein solle. Ob ich denn gleich Anschluss gefunden hätte, als ich nach Manitoba gekommen sei. Ob ich denn so richtig ausgewandert sei, oder doch noch irgendwann wieder in die alte Heimat zurückkehren werde. Ob in Winnipeg auch Fußball gespielt werde oder rnur Eishockey. Und so weiter und so fort.

Irgendwann stellte ich fest, dass unser Telefonat bereits eine astronomische Summe verschlungen hatte. Damals wurde man netterweise noch von einer freundlichen Dame bei der Post darauf hingewiesen, wieviel man schon vertelefoniert hatte. Die dicke Rechnung bezahlte man dann zum Schluss am Schalter

Es wurde ein nettes, aber journalistisch wenig ergiebiges Telefonat zwischen dem Reporter und der Fußball-Ikone. Uwe Seeler fragte mich nach unserem gut halbstündigen Gespräch, ob ich ihn nach wie vor in Hamburg besuchen möchte, “wo Sie doch bestimmt wichtigere Dinge zu tun haben, wenn Sie schon mal in Deutschland sind”.

Viel wichtiger als ein Gespräch mit einer Fußball-Legende war zwar keiner meiner Deutschland-Termine. Aber in der Tat sah ich in einem Besuch in Hamburg jetzt keinen richtigen Sinn mehr. Es war ja alles besprochen, was es so zu besprechen gab zwischen einem Fußball-Banausen und einem Weltklasse-Stürmer.

Er sei “bescheiden geblieben bis zum Schluss”, lese ich eben in einem Nachruf auf Uwe Seeler. Bescheiden war er auch damals. Keine Sekunde lang ließ er bei unserem Telefonat den Eindruck aufkommen, ich gehe ihm mit meiner fußballerischen Ahnungslosigkeit auf die Nerven. Im Gegenteil: Anstatt mich vorzuführen, ließ er mich durch seine Fragen zu meinem damals noch bescheidenen Kanada-Wissen glänzen.

Berichtet habe ich übrigens nie über die telefonische Begegnung mit Uwe Seeler. Bis heute. Wie schade, dass mir ein halbes Jahrhundert später ausgerechnet sein Tod die Steilvorlage zu diesem Text geliefert hat.

Feiner Kerl, „uns Uwe“.

10 Gedanken zu „Als mich Uwe Seeler interviewte

  1. Ein großartiger Beitrag, der Uwe Seeler so zeigt, wie er anscheinend wirklich war, einfühlsam, humorvoll, sympathisch. Und völlig normal geblieben.
    Ich schreibe „anscheinend“, weil mir es leider nie vergönnt war, ihn persönlich zu treffen. Hab´ leider nicht mal mit ihm telefoniert … : )

    Als ich vor ein paar Tagen die Nachricht hörte, habe ich geweint. Uwe Seeler war der Held meiner Jugend. Ich habe in Hamburg auf der Straße das Kicken gelernt und jeder von uns Jungs wollte immer Uwe Seeler sein, ich durfte aber nie, weil ich der Kleinste war.

    Als ich sieben war, 1964, wurde mein Vater nach Bremen versetzt, Werder wurde ein Jahr später Deutscher Meister und ich mutierte zu einem echten Bremer Jung und Werderaner. Trotzdem blieb Uwe Seeler immer der Spieler meines Herzens.

    Eine Szene hab´ ich immer noch vor Augen, na klar, Uwes WM-Tor 1970 gegen England in Mexiko. Es war am Tag meiner Jugendweihe, das gab es im SPD-regierten Bremen schon damals, wenn man wie ich nicht getauft war. Das Spiel war eigentlich schon verloren, als Uwe dieses Ding machte, unnachahmlich wie es seine Art war, mit dem Hinterkopf. Sekunden später lag die ganze Familie heulend auf dem Wohnzimmerteppich …

    Uwe, Danke für alles, Du warst ein richtig Großer !

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  2. „Uns Uwe“ war auch mein Uwe. In jungen Jahren mit 15 oder 16 Jahren nahm mich mein Onkel mit zu einem Spiel ins Volkspark-Stadion nach Hamburg. und meine erste große Liebe war geboren. Ich wohnte damals in Bevensen – heute Bad Bevensen – am Rande der Lüneburger Heide. Einige Jahre später habe ich für fast 4 Jahre in Hamburg gewohnt. In dieser Zeit war der HSV für mich der größte und schönste Verein. Ich habe tolle Spiele gesehen; man kann es mit Worten nicht beschreiben. Gänsehaut-Feeling! Seither gab es für mich – und das bis heute – nur den HSV. Damals noch mit Uwe Seeler, seinem Bruder Dieter, Charly Dörfel, Manfred Kaltz usw.
    In den letzten 10 Jahren gab es viele Tiefschläge des HSV und für mich als Anhänger. Zeitweise war es so, dass ich Spiele, die abends im TV übertragen wurden, gar nicht angeschaut habe. Wenn der HSV verloren hatte, konnte ich fast die ganze Nacht nicht schlafen.
    Als ich 1964 nach Stuttgart umzog, war in Stuttgart der VfB näher als der HSV in Hamburg. Aber ich blieb bei meinem HSV. Und jetzt hoffe ich, dass es in der neuen Saison endlich mit dem Wiederaufstieg klappt. Und Uwe Seeler war als Fußballer und als Mensch ein Vorbild für alle und auch für die Jugend. Von wem kann man das heute noch sagen?? Heute scheint Geld das Wichtigste zu sein, was ich sehr schade finde.
    Damit die Leser alles richtig einordnen können: ich bin jetzt 82 Jahre alt, bin 54 Jahre verheiratet und meine erste „Liebe“ bis heute gehört dem HSV!!!!!

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  3. Uwe Seeler habe ich als Kind auf Amrum getroffen, als er mit seiner „Uwe Seeler Traditionself“ gegen den TSV Amrum (…mit meinen Vater) zum Match angetreten ist. Wir Inselkinder waren furchtbar aufgeregt und „uns Uwe“ war sympathisch unaufgeregt! Eine schöne Kindheitserinnerung und ein toller Fußballer!

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  4. Sehr schöne Erinnerung – wäre mir wohl genauso gegangen, als Fußballnichtkenner, aber Montreal-Liebhaber, der sich mal in Brandon, Manitoba, gefragt hat, was er da eigentlich zu suchen hat. Aber eines muss man Herrn Seeler wohl lehren: ist nicht nur kalt da, in Kanada.
    Danke für den Blog!

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  5. Schöne Geschichte. Ich interessiere mich zwar nicht für Fußball, aber manche Fußballer beeindrucken mich, einfach als Persönlichkeit. Uwe Seeler gehört dazu.

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  6. Danke für diese Zeilen.
    Ja, „uns Uwe“! Den hatte ich sozusagen zusammen mit Dieter kennengelernt. Nein, natürlich nicht persönlich. Aber er war ein großes Idol von Dieter, dem ewig treuen HSV-Fan, egal wie es dem Verein grad geht.
    „Uns Uwe“ war dann auch der Anlass meines einzigen Besuchs im damaligen Neckarstadion, der heutiger MercedesBenz-Arena. Leider hatte der HSV damals verloren und Dieter war sehr geknickt. Das konnte ihn emotional total herunterziehen!
    „Uns Uwe“ fand auch hin und wieder Erwähnung in heißen Fußball-Debatten zwischen unserem fußballspielendem Ältesten, der verständlicherweise VfB-Fan ist, und seinem Vater. Wenn ein Bundesligaspiel VfB gegen HSV oder umgekehrt stattfand, ging bei uns im Wohnzimmer die Post ab.
    Uwe Seeler war wirklich nicht nur ein großer Fußballstar seiner Zeit, sondern ein hochanständiger, normal gebliebener, volksnaher Mensch. Auch für eine Million ist er nicht zu ausländischem Verein gewechselt, getreu dem Motto: Deutsche müssen für Deutschland spielen. Hut ab, das nenne ich Charakter!

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