Wenigstens in der ersten Reihe

Nein, lustig ist es nicht, wenn dann tatsächlich der Behindertenausweis im Briefkasten liegt. Aber Parken in der ersten Reihe hat auch was für sich. Der Weg vom 900-Kilometer-Marsch durch Spanien bis zum Gehen an zwei Stöcken hat nur drei Jahre gedauert. Ausgebremst hat mich eine schmerzhafte Nervenkrankheit mit dem unaussprechlichen Namen Polyneuropathie.

Interessant finde ich die ersten Reaktionen auf den Behindertenausweis. Von “Da müsstest du mal den XY sehen, wie der beieinander ist!” bis zum “Herzlichen Beileid”.

Zur Nabelschau eine kleine Presseschau:

Lustig: “Als behinderten Rentner kann ich dich mir nicht vorstellen – du bist bestimmt einer dieser rüstigen Rentner, die auf dem Parkplatz immer aus dem Auto springen und schnell noch diesen Ausweis an den Rückspiegel hängen”.

Einfühlsam: “Lass Dich davon nicht unterkriegen, mein Lieber! Es fällt schwer, sich einzugestehen bestimmte Einschränkungen und so ein Label zu haben.“

Nostalgisch: “Ein Wunder, dass Du diese tolle Wanderung noch  schaffen konntest. In Deiner Erinnerung wirst Du manchen Kilometer nachwandern, da bin ich sicher.”

Nachdenklich: “Das macht mich traurig und zugleich ängstlich. Bleib stark und aufrecht!”

Knapp: 😢

Perspektivisch: „Ich sehe schon den nächsten Blogpost über all die nichtbehinderten Idioten, die deinen Behindertenparkplatz blockieren.“

Realistisch: “Nimm einfach die Vergünstigungen dadurch in Anspruch und freu dich, dass die notwendigen Wege dadurch etwas kürzer und damit weniger beschwerlich für dich werden.”

Klug: “Was soll ich dazu sagen? Vielleicht: solche Ausweise bekommen auch Leute, die vorher weder Jakobsweg noch Mallorca sehen durften.”

Verkehrstechnisch: “This opens up a whole New World of perfect parking possibilities.”

Erschrocken: “Oh Gott! Das ist nicht schön. Aber wenigstens hast du dein E-Bike. Irgendjemand hat mal gesagt älter werden heißt loslassen. What a drag it is getting old (ist aus einem Stones Song).”

Schmeichelnd: “Ach Mensch! Ich finde, Du meisterst das alles so toll und lässt Dir Deine Aktivität nicht nehmen! So ein Ausweis hat doch auch durchaus seine Vorteile .. in der ersten Reihe sitzen oder parken.”

Praktisch: “Den neuen Status hättest du ja nicht wirklich gebraucht. Aber er hilft!”

Französisch: “Je pense que je comprends ce que tu ressens. Mais tu n’es pas du genre à « pleurer sur du lait renversé ». Tu es le genre de gars qui va de l’avant. Et tu as cette merveilleuse machine qui te permet de gravir le Mont Royal.”

Danke für Eure Zeilen. Genug gejammert. Wer mich kennt, weiss: Das Glas bleibt bei mir stets halbvoll, auch wenn langsam die Bodendecke zu sehen ist.

Mehr zum Thema Polyneuropathie gibt’s >> HIER <<

RADELN GEHT NOCH … aber nur mit dem eBike.

4 Gedanken zu „Wenigstens in der ersten Reihe

  1. Hallihallo lieber Herberto,
    das ‚Handicap‘ Thema muss man aber auch erst mal sacken lassen ! Bin ganz sicher, dass deine ‘Nabel- Presseschau’ , jeden Leser ,aber auch den Verfasser selber, ganz unterschiedlich und sehr persönlich tangieren wird – oder ? Im spanischen Sprachraum , heißt die neue Parksituation dann wohl auch noch – für :„Menos validos“ ? ( weniger wert ? ) Finde es trotzdem immer wieder bewundernswert, wie die Menschen in der ganzen Welt , Wege finden ,sich mit ihren ‘Shortcomings’ zu arrangieren ! Zur Zeit in Deutschland , sehe ich Electro – Rollatoren ,mit einem 6 cm langen Joystick dirigiert, durch die Gegend sausen ! Modernste Technik ! Die entwickelten Nationen haben doch nun den Auftrag , den Fortschritt mit den Schwellenländern zu teilen ! Stattdessen werden ihnen , mit grundlosen Angriffskriegen , auch noch die Grundnahrungsmittel verweigert !
    Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt❗️LG. 🤗

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  2. Dear Herbert, I understand your challenge of having to accept & come to terms with having to adapt to a reality that you did not choose & had no control over. But your inner strength, positive attitude, & the love you have in your life will continue to buoy you up💕

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  3. Ich habe auch so was „Verrücktes“ – eine Titinopathie. Titin ist eines jener Gene, die dafür verantwortlich sind, Eiweiß in Muskeln umzubauen. Und das ist bei mir defekt – vermutlich ist das angeboren. Aufgetreten ist diese -pathie aber erst vor etwa zwölf Jahren. Vorher war ich auch ausgesprochen sportlich und agil, und nun schiebe ich mich mithilfe eines Rollators durch die Welt. Das Leben hat aber dennoch viele Schönheiten zu bieten, und bei mir ist das Glas auch stets halb voll. Am Behindertenausweis schätze ich am meisten, dass ich mittels einer jährlichen Zuzahlung von ca. 90 Euro viele Verkehrsmittel so gut wie gratis nutzen darf.
    Alles Gute!

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  4. Hallo lieber Herbert, bis zur ersten Reihe habe ich es noch nicht geschafft – bei mir hat es zum Schwerbehinderten-Ausweis mit 100% und G + B. d.h. Gehbehindert und Begleitperson. Damit darf ich aber nicht auf einem Rolli-Platz parken – dafür aber wo es geht zeitlich unbegrenzt und in Bereichen wo man normaler Weise nicht parken darf kann ich parken. Das ist schon eine Erleichterung wenn man zielortnah parken kann und muss auch nicht bei einem Arztbesuch ständig auf die Uhr schauen ob die Parkzeit abgelaufen ist.
    Es gibt einige Parallelen zu dir. Ich war zwar nicht auf dem Jacobsweg aber bei unseren Wanderungen war ich immer der erste auf dem Berg, war immer vornedran. Und nun bin ich hintendran. Habe mich aber nicht damit abgefunden und kämpfe weiter – so gut es eben geht. LG Horst

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