
Ich freue mich, wenn es Menschen gut geht. Wenn es ihnen nicht so gut geht, macht mich das traurig. Seit einigen Monaten beobachte ich einen Menschen, bei dem ich nicht weiß, ob es ihm gut oder schlecht geht. Ich denke, die gute Frau, von der hier die Rede ist, macht das Beste aus einer schlechten Situation.
Ich kenne diese Frau nicht, und ich kenne auch niemanden, der sie kennt. Aber ich sehe sie fast täglich. Sie sitzt in einem Rollator an der Ecke Rue St. Denis und Rue Rachel und bettelt. Hat sie genug gebettelt, stemmt sie ihren Rollator auf die gegenüberliegende Straßenseite. Im Café „Aux Merveilleux de Fred“ lässt sie sich dann wortlos ein Teilchen servieren. Nicht irgendein Teilchen, sondern ein „Merveilleux“.
„Merveilleux“ sind fluffige Kalorienbomben – eine himmlische Mischung aus Meringue, Marshmallows und Granatsplitter, wie sie mich früher schon aus der Vitrine der Bäckerei Zoll in Ummendorf anlachten. „Merveilleux“ gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen.
Wenn ich mir ganz selten mal so ein Luxusteilchen gönne, dann nehme ich am liebsten eines, das mit Pistazienspänen überzogen ist. Lore meint, beiße man in ein „Merveilleux“, habe man das Gefühl, in eine köstliche Wolke zu beißen.

Viele Bettler, die ich sonst mit ein paar Talern beglücke, leisten sich mit dem erbettelten Geld eine warme Suppe oder setzen es in Schnaps und Drogen um. Die alte Frau, die niemand kennt, leistet sich mit dem erbettelten Geld etwas, das ich mir nur in Ausnahmefällen gönne. Sie kauft sich ein „Merveilleux“ in einer der wohl exklusivsten Pâtisserien der Stadt. Mit Kronleuchter und Konditoren in blütenweißer Kleidung.
Madame Unbekannt kommt täglich in diese Pâtisserie, manchmal auch zweimal, das weiß ich vom Chefkonditor, der alles im Blick hat. Die Backstube geht nahtlos in den Cafébereich über. Man sieht sich also, Café-Gäste und Konditoren.
Ich habe auch erfahren, dass die Frau ohne Namen Tag für Tag das teuerste Teilchen bestellt, das es bei „Aux Merveilleux de Fred“ gibt: eben das „Merveilleux“, von dem das große Stück um die Achtdollarfünfzig kostet.
Mein „Merveilleux“ ist das kleinste im Sortiment, davon esse ich die Hälfte und teile es mit Lore oder einem Freund, mit dem ich manchmal ins Café gehe. Nicht, weil ich mir das große Teilchen nicht leisten möchte, sondern weil ich ein ganzes Stück nicht vertrage. Aber das ist eine andere Geschichte.
Hin und wieder sitzen die unbekannte Frau und ich zur gleichen Zeit im Café. Ich blicke dann auf ihre geschundenen Hände, die aus ihrem voluminösen Körper ragen, und auf das Luxusteilchen, das sie sich gönnt.
Sie interessiert sich mehr für meinen Carbon-Light-Rollator, der im Vergleich zu ihrer schwerfälligen Gehhilfe aus einem anderen Jahrhundert federleicht daherkommt – fast wie ein fluffiges „Merveilleux“.
Als Schwabe denke ich dann schon mal: Würde sie weniger „Merveilleux“ essen, könnte sie sich vielleicht auch einen Carbon-Light-Rollator leisten. Blöd, ich weiß. Aber die Gedanken sind bekanntlich frei.
Ich hoffe, die alte Dame hat noch lange Gelegenheit, sich diese exklusiven Wattewölkchen zu leisten. Und ich wünschte mir, dass sie endlich mal mit mir reden würde. Aber bei meinen bisherigen Kontaktversuchen blieb sie stumm.
Das Mysterium „Merveilleux“.lebt.






























