Die Angst vor dem ersten Song

Der Blogger als „Busker“ in den 60er-Jahren: Der erste Song ist immer der schwerste.

Vor ein paar Tagen, mitten in Chinatown: Ein junger Mann um die 20 setzt sich neben mich auf eine Bank. Seinen Gitarrenkoffer stellt er vorsichtig auf den Boden, scannt die Menschenmenge in der Fußgängerzone unsicher ab und erhebt sich wortlos wieder zum Weitergehen. „Was ist mit der Gitarre?“, frage ich. Die bleibe im Koffer, sagt er. Er traue sich nicht, hier Straßenmusik zu machen.

Der Mann ist, wie sich herausstellt, Mexikaner. Kein Freund von Traurigkeit, das sieht man ihm an. Aber es fehlt ihm der Mut, den Koffer zu öffnen, seine Gitarre in die Hand zu nehmen und für Menschen zu spielen, die er nicht kennt. Dabei spielt er göttlich, das habe ich den paar Akkorden entnommen, die er mir vorgespielt hat. Nur zur Straßenmusik konnte er sich nicht aufraffen. Nicht an diesem Tag und auch nie zuvor. Vermutlich auch nie in seinem künftigen Leben.

Straßenmusik zu machen ist nicht jedermanns Sache. Mir ist es anfangs auch nicht leicht gefallen. Aber dann gehörte sie zu meinen Reisen wie das Trampen und der Schlafsack auf dem Rücken. Das Foto oben zeigt mich als Straßenmusiker, als „Busker“, wie wir uns damals nannten. Immer wieder zog ich als Anhalter durch Europa, mit einer Gitarre im Koffer und einem Hut auf dem Boden. Einige meiner schönsten Erinnerungen stammen aus dieser Zeit.

On the road als „Busker“ (ca. 1964)

Als Teenager stand ich einmal auf der Place Pigalle in Paris und spielte für eine Menge, die sich wenig für meine Musik interessierte: Bob Dylan, Donovan, Pete Seeger, Simon and Garfunkel.

Die meisten Menschen eilten an mir vorbei, ohne mich zu registrieren. Manche warfen mir missbilligende Blicke zu statt Münzen in den Hut. Irgendwann blieb einer stehen. Kurz darauf noch jemand. Und dann noch einer. Ehe ich mich versah, standen fünfzig, sechzig Menschen um mich herum und klatschten im Takt meiner Lieder.

Und dann: Ein hochgewachsener Afrikaner setzt sich neben mich auf den Gehweg und schlägt seine Holzsandalen im Rhythmus auf das Pflaster. Schon bald gesellt sich eine junge Frau mit einer wunderbaren Stimme zu uns – une vraie Parisienne, wie sich herausstellte. Und schon waren wir ein kleines Straßenorchester. Der Hut vor uns quoll an diesem Abend über vor Münzen und Geldscheinen. Den umwerfenden Erfolg unseres ersten und einzigen gemensamen Gigs feierten wir später mit viel zu viel Wein in einem Bistro.

In Rimini spielte ich am Strand, als ein Carabiniere drohte, mich wegen Ruhestörung aufs Revier mitzunehmen. Doch so weit kam es nicht. Die Einheimischen um mich herum diskutierten so lange mit dem Polizisten, bis er schließlich unverrichteter Dinge in seinem Dunebuggy davonfuhr.

Und dann war da noch Marseille. Ich spielte in einem Viertel namens Le Panier und wunderte mich, warum plötzlich so viele Frauen um mich herum auftauchten, lächelten, klatschten und meinen Liedern zuhörten. Mein Hut war an diesem Tag voller als je zuvor. Ich war im Rotlichtviertel gelandet, ohne es zu wissen. Die Damen der Nacht gehörten zu meinen sperndabelsten Zuhörerinnen.

Das Leben on the road ist nicht immer so romantisch, wie es sich anhört. Auf der Straße zu spielen bedeutet, sich jeden Tag dem Urteil fremder Menschen auszusetzen. Viele der Vorbeigehenden spielen besser Gitarre als du oder kennen bessere Songs. Damit muss man umgehen können.

Straßenmusiker sind nicht immer und überall willkommen. Vor unserer Ferienwohnung in Palma de Mallorca trieb mich vor ein paar Jahren ein Gitarrist mit seinem Minimal-Repertoire fast an den Rand des Wahnsinns. >> Mehr dazu hier <<

Schade, dass der Junge, der sich jetzt in Chinatown neben mich setzte, sich nicht traute, sein Instrument auszupacken. Ich bin sicher, er hätte vielen Menschen mit seiner Musik eine Freude gemacht. Sich selbst am meisten.


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3 Gedanken zu „Die Angst vor dem ersten Song

  1. Ich fühle mit dir! Bella Ciao – und das einen Tag lang. Da kann man glatt zur Widerstandskämpferin werden. Wie du weißt, wurde das eigentlich schöne Lied von den italienischen Partisanen gesungen, die gegen die faschistische Diktatur kämpften. Ich hoffe, diese Dauerschleife hat dir den Spaß an Straßenmusikern nicht ganz verdorben. Hier in Montreal gibt es ein paar richtig gute, in München bestimmt auch.
    Liebe Grüße und danke für deine immer wieder erhellenden und klugen Kommentare.

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  2. Weltweit unterwegs als Straßenmusikerin – das ist vor ewigen Zeiten mal ein Jugendtraum gewesen. Dumm nur, dass ich kein Instrument spielte und auch nicht sonderlich gut singen konnte. ;-) Wie schön und bewegend, dass du dir das ermöglicht hast und nun auf so viele Erinnerungen zurück blicken kannst.
    So ein Straßenmusikus mit Minimal-Repertoire hat mich mal den letzten Nerv gekostet, als ich noch in der Münchner Residenz arbeitete. Er stand gegenüber in einem Durchgang und spielte sage und schreibe sieben Stunden lang ununterbrochen ganz gruselig schlecht „Bella Ciao!“.
    Liebe Grüße!

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