Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Wenigstens in der ersten Reihe

Nein, lustig ist es nicht, wenn dann tatsächlich der Behindertenausweis im Briefkasten liegt. Aber Parken in der ersten Reihe hat auch was für sich. Der Weg vom 900-Kilometer-Marsch durch Spanien bis zum Gehen an zwei Stöcken hat nur drei Jahre gedauert. Ausgebremst hat mich eine schmerzhafte Nervenkrankheit mit dem unaussprechlichen Namen Polyneuropathie.

Interessant finde ich die ersten Reaktionen auf den Behindertenausweis. Von “Da müsstest du mal den XY sehen, wie der beieinander ist!” bis zum “Herzlichen Beileid”.

Zur Nabelschau eine kleine Presseschau:

Lustig: “Als behinderten Rentner kann ich dich mir nicht vorstellen – du bist bestimmt einer dieser rüstigen Rentner, die auf dem Parkplatz immer aus dem Auto springen und schnell noch diesen Ausweis an den Rückspiegel hängen”.

Einfühlsam: “Lass Dich davon nicht unterkriegen, mein Lieber! Es fällt schwer, sich einzugestehen bestimmte Einschränkungen und so ein Label zu haben.“

Nostalgisch: “Ein Wunder, dass Du diese tolle Wanderung noch  schaffen konntest. In Deiner Erinnerung wirst Du manchen Kilometer nachwandern, da bin ich sicher.”

Nachdenklich: “Das macht mich traurig und zugleich ängstlich. Bleib stark und aufrecht!”

Knapp: 😢

Perspektivisch: „Ich sehe schon den nächsten Blogpost über all die nichtbehinderten Idioten, die deinen Behindertenparkplatz blockieren.“

Realistisch: “Nimm einfach die Vergünstigungen dadurch in Anspruch und freu dich, dass die notwendigen Wege dadurch etwas kürzer und damit weniger beschwerlich für dich werden.”

Klug: “Was soll ich dazu sagen? Vielleicht: solche Ausweise bekommen auch Leute, die vorher weder Jakobsweg noch Mallorca sehen durften.”

Verkehrstechnisch: “This opens up a whole New World of perfect parking possibilities.”

Erschrocken: “Oh Gott! Das ist nicht schön. Aber wenigstens hast du dein E-Bike. Irgendjemand hat mal gesagt älter werden heißt loslassen. What a drag it is getting old (ist aus einem Stones Song).”

Schmeichelnd: “Ach Mensch! Ich finde, Du meisterst das alles so toll und lässt Dir Deine Aktivität nicht nehmen! So ein Ausweis hat doch auch durchaus seine Vorteile .. in der ersten Reihe sitzen oder parken.”

Praktisch: “Den neuen Status hättest du ja nicht wirklich gebraucht. Aber er hilft!”

Französisch: “Je pense que je comprends ce que tu ressens. Mais tu n’es pas du genre à « pleurer sur du lait renversé ». Tu es le genre de gars qui va de l’avant. Et tu as cette merveilleuse machine qui te permet de gravir le Mont Royal.”

Danke für Eure Zeilen. Genug gejammert. Wer mich kennt, weiss: Das Glas bleibt bei mir stets halbvoll, auch wenn langsam die Bodendecke zu sehen ist.

Mehr zum Thema Polyneuropathie gibt’s >> HIER <<

RADELN GEHT NOCH … aber nur mit dem eBike.

Mittagessen mit Gorbatschow

HOHER BESUCH IN OTTAWA: Die Gorbatschows 1990 zu Gast bei Brian und Mila Mulroney.

Es war Ende Mai 1990, ein milder kanadischer Frühlingstag. Ich war von Montreal nach Ottawa gereist, um für einige ARD-Sender über den Besuch Michail Gorbatschows in der Bundeshauptstadt zu berichten. Der sowjetische Präsident hatte auf dem Weg nach Washington in Kanada eine kurze Zwischenstation eingelegt. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

Nach den obligatorischen Presse-Erklärungen hieß es irgendwann im Flur-Funk, Gorbatschow habe sich ein schlichtes Mittagessen gewünscht. Am Tisch sei noch Platz für eine Handvoll Journalisten. Das verstand ich als Einladung. Schließlich hatte auch ich mich, wie viele andere Reporter, offiziell für den Besuch Gorbatschows in Ottawa akkreditieren lassen.

Ich machte mich also auf zu irgendeinem dieser holzgetäfelten Räume im Regierungsviertel, stellte mich der Form halber vor (was vermutlich niemand sonderlich interessierte) und löffelte meine Suppe.

Es gab tatsächlich Suppe, daran erinnere ich mich noch. Es war ein Mittagessen ganz ohne Firlefanz. Suppe, Brötchen und Salat. Warum ausgerechnet ich das unverschämte Glück hatte, mit diesem Jahrhundert-Politiker an einem Tisch sitzen zu dürfen, ist mir bis heute nicht ganz klar. 

Irgendwie war ich halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Begegnung mit Michail Gorbatschow und seiner Frau Raisa sollte für immer einen Logenplatz in meinem persönlichen Geschichtsbuch bekommen.

Nicht dass ich tiefschürfende Gespräche mit den Besuchern aus Moskau geführt hatte. Um ehrlich zu sein, gab es außer einem freundlichen Handschlag bei der Vorstellung und einem kurzen “Hello” so gut wie gar keine Interaktion zwischen den Gorbatschows und mir. Überhaupt wurde sehr wenig geredet. 

Brian Mulroney, der damalige Premierminister Kanadas, gewöhnlich ein Showman vor dem Herrn, war ungewöhnlich wortkarg. Ich hatte den Eindruck, dass auch er von diesem Last-Minute-Lunch überrumpelt worden war. Nur seine wie immer charmante Frau Mila unterhielt sich angeregt mit Raisa Gorbatschow. Worüber? Keine Ahnung. Der Dolmetscher war kaum zu hören.

Gorbatschow, der Wortriese, war kleiner als ich ihn mir vorgestellt hatte. Seine Stimme eher sanft und unaufdringlich. Hier saß kein russischer Bär am Tisch, sondern ein Typ Handelsreisender im grauen Anzug. Unscheinbar, könnte man fast sagen. Nichts von der ihm eigenen Aura war an diesem Tag zu spüren.

Im Nachhinein wundert mich nicht nur die Tatsache, dass ausgerechnet ich mit den Gorbatschows speisen durfte. Auch dass es so gut wie keine Security gab, kann ich noch heute kaum glauben.

Ich bin sicher, es wurde nach diesem fast unwirklich erscheinenden Mittagessen noch Weltpolitik gemacht. Immerhin standen bei der anschließenden Visite in Washington Sicherheits-Gespräche mit George H. W. Bush auf dem Programm.

Doch davon war an diesem Frühlingstag in Ottawa keine Rede. Zumindest nicht während der knappen Stunde, die ich mit Michail Gorbatschow bei Suppe, Brötchen und Salat verbrachte.

Heute wird im Bloghaus gefeiert!

Die BLOGHAUSGESCHICHTEN feiern Jubiläum! Sie lesen heute den 1000. Beitrag. Ziemlich genau elf Jahre nach Erscheinen des ersten Blogposts gibt’s zur Feier des Tages einen Rückblick.

„Braucht die Welt wirklich noch einen Blog?“, hatte ich im August 2011 gefragt. Die Antwort kennen Sie inzwischen: Ja klar, diesen hier.

Frustriert von eigenen Erfahrungen wollte ich im allerersten Blog-Beitrag mit dem Mythos aufräumen, Kanada habe das beste Gesundheitssystem der Welt. Das stimmte damals nicht und stimmt heute noch viel weniger. 

Das kanadische Gesundheitssystem ist krank. Eine Heilung ist nicht in Sicht. Die Notaufnahme-Stationen der Krankenhäuser sind noch immer hoffnungslos überfüllt. Wartezeiten von sieben bis neun Stunden sind nicht die Ausnahme sondern die Regel. Millionen sind ohne Hausarzt. Die Wartezeit auf viele Operationen dauert zwei Jahre und länger.

Aus dem ursprünglichen Lamentieren sind Geschichten entstanden. Schöne, traurige, schreckliche, aufrührende, bunte, wilde, süße, bittere, romantische, abenteuerliche. Und immer standen Menschen im Mittelpunkt. 

Die am häufigsten angeklickten Geschichten waren die Blogposts über unsere Jakobsweg-Wanderung im Frühjahr 2019. Wie zwei um die Siebzigjährige 41 Tage lang mit acht Kilo Gepäck auf dem Buckel fast 900 Kilometer durch Spanien gepilgert sind – das hatte offensichtlich einen Nerv getroffen. 

Tausende aus aller Welt klickten sich damals ein, um unsere Camino-Wanderung wie eine Reality-Show miterleben zu können. Selbst auf dem Camino selbst hatte sich der Live-Blog der „two elderly Germans from Canada“ herumgesprochen. In einem Dorf ohne Namen ist mir ein Australier begegnet, der sogar seine Tagesstrecken unseren Blog-Etappen angepasst hatte.

Noch heute vergeht kein Tag, an dem nicht Dutzende Menschen aus aller Welt unsere Reise in den BLOGHAUSGESCHICHTEN nachlesen oder die Bildergalerien verfolgen.

Am häufigsten werden die BLOGHAUSGESCHICHTEN in Deutschland, Kanada und Spanien angeklickt. Danach kommen Österreich, die Schweiz und Frankreich.

Immer mehr Blogleserinnen und -leser stammen inzwischen nicht mehr aus dem deutschsprachigen Sprachraum. „Followers“ aus Thailand, Australien, Indien, Nigeria, Russland, Brasilien, Kenia, Argentinien, Sri Lanka und fast allen europäischen Ländern sind regelmäßig zu Besuch auf meinem Blog. 

Viele lassen sich die Texte mit Programmen wie Google-Translation übersetzen, darunter auch mein kanadischer Freund Doug. Aber er warnte mich schon früh: “Entweder deine Texte sind grottig geschrieben, oder aber mein Übersetzungsprogramm ist kacke”. Das letzte Urteil hierzu steht übrigens noch aus.

Was als Frust-Ventil begonnen hatte, später zu einem digitalen Tagebuch wurde, durch das Freunde und Familie an meinem kleinen Leben teilnehmen konnten, ist inzwischen zu einer festen Einrichtung in der Blogwelt geworden. In vielen „Blogrolls“ haben die BLOGHAUSGESCHICHTEN einen Stammplatz, das heißt, sie werden von anderen Bloggern weiter empfohlen und verlinkt.

Übrgens: Mein Blog war von Anfang an umsonst – und soll es auch bleiben. Auch Anzeigen werden Sie in den BLOGHAUSGESCHICHTEN nach wie vor nicht finden. Als GOOGLE mich vor Jahren kontaktiert hatte, um Werbung zu platzieren, war ich für einen Moment schwach geworden und hatte dem finanziell durchaus verlockenden Angebot zugestimmt. Doch schon nach wenigen Blogposts machte ich wieder einen Rückzieher. Werbung für Fußpilz-Salben zwischen leckeren Kochrezepten – das wollte ich Ihnen dann doch nicht zumuten.

Dass mir das Schreiben, das Erzählen und das Bebildern meiner Geschichten auch nach elf Jahren und tausend Beiträgen immer noch Spass macht, habe ich auch Ihnen zu verdanken, den Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN. 

Sie spornen mich an, immer wieder in meinem Fundus nach Stories zu buddeln, neue Ideen zu entwickeln, kritische Fragen zu stellen und versuchen, sie zu beantworten. 

Dafür möchte ich Ihnen heute ganz herzlich danken. Und auch dafür, dass Sie mit inzwischen mehr als zweieinhalbtausend Kommentaren mitdiskutiert haben.

Freuen Sie sich also mit mir auf die nächsten BLOGHAUSGESCHICHTEN. Ob es weitere tausend werden? Keine Ahnung. Diese Entscheidung liegt leider nicht bei mir allein.

Das Alter, Alter!

Ich sehe nicht gut und gehe schlecht. Ich höre miserabel und verstehe manches gar nicht, auch wenn ich es richtig gehört habe. Die Muskelmasse nimmt ab mit jedem Handgriff, den ich tun sollte. Mein Organisationstalent beschränkt sich inzwischen auf einen koordinierten Ablauf des Frühstücks.

Schaffe ich den zeitlichen Abstand der Nahrungsaufnahme zwischen Mittag- und Abendessen, habe ich mein Tagespensum an Logistik erreicht. Meistens. Manchmal ist mir morgens um sieben nach Schweinebraten mit Spätzle zumute und kurz vor dem Schlafengehen nach einem gekochten Ei.

Achja, Schlafengehen. Statt einzuschlafen würde ich oft am liebsten schon wieder aufwachen. Irgendwann im vorigen Jahrtausend habe ich zum letztenmal ohne Unterbrechung 8 Stunden durchgeschlafen – wann genau, weiss ich nicht mehr. Dabei leide ich nicht an Alzheimer, nicht einmal an Demenz.

Es ist das Alter, Alter!

Ruft einer vor 11 Uhr morgens an, bekomme ich die Krätze. Kann man als Rentner nicht einfach in den Tag hineinleben wie ein Faultier, dessen Lebensinhalt darin besteht, nur noch abzuhängen? 

Nein, kann man nicht. Sonst könnte irgendjemand auf die Idee kommen, man sei alt. Richtig alt.

Neulich habe ich gelesen, Alters-Rassismus komme häufiger vor als Hautfarben-Rassismus. “Unverschämtheit!”, rast es mir durch den Kopf, wenn in der U-Bahn mal wieder ein Teenager aufsteht und mir seinen Platz anbietet. “Bleib sitzen, du Alters-Rassist!”, denke ich dann und schäme mich insgeheim für so viel Undankbarkeit.

“Wo kommst Du denn her?”, höre ich jetzt immer häufiger, seitdem ich im Fahrradhelm auftauche. Im Café, in der Eisdiele oder auch bei jüngeren Freunden.

“Vom Radfahren“, stammle ich dann. “Oder ist das uns Alten etwa auch nicht mehr erlaubt?”

Erlaubt schon, höre ich mein Gegenüber dann denken. Aber wären Schachspielen, Bingo oder Hallenhalma in seinem Alter nicht sicherer?

Sicherer schon, hört mein Gegenüber mich dann denken. Aber weisst du eigentlich, wie wunderbar es ist, sich morgens auf den Fahrradsattel zu schwingen und durch die Montrealer Prärie zu reiten?

Sich unter all den Alten da draußen jung fühlen, das ist es! Und sei es auf dem E-Bike mit 750-Watt-Motor.

Doch wer aufsteigt, erlebt irgendwann auch den Abstieg. Buchstäblich. Nichts ist so öffentlich wie der Abstieg vom Fahrrad an einer Großstadt-Ampel. Und der Wiederaufstieg.

“Was, du bist fast 74?”, charmierte neulich der Fahrradhändler, der mir eine Trinkflasche verkaufte. “Das sieht dir nun wirklich keiner an.”

“Warte, bis ich wieder im Sattel bin”, kokettiere ich. Er wartet. Und wartet … und wartet. Und antwortet schließlich mit einem Wort, das man in meinem Alter auf seine Frage nun wirklich nicht hören möchte:

“Stimmt”, sagt er nur. Und weg bin ich.

Als E-Biker in der Millionenstadt

MIT MEINEM MIT-REITER MARC auf der 170 Meter hohen „Pont Chaimplain“.

Fahrräder haben in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. An mein erstes eigenes Rad erinnere ich mich noch sehr genau. Es hatte eine Dreigang-Schaltung und ziemlich klobige Schutzbleche. Es war pechschwarz und die Klingel am Lenkrad klemmte immer dann, wenn ich sie gebraucht hätte.

Auch an meine allererste Radtour erinnere ich mich noch sehr gut. Ich war zehn, vielleicht elf, als ich genau diesen schwarzen “Göppel” aus der Werkstatt meines Vaters holte und mich in Richtung Bundesstraße aufmachte.

Mehrere Stunden später war ich vom baden-württembergischen Ummendorf im bayerischen Buchloe bei Memmingen gelandet – und ziemlich verloren. Nach fast 40 Kilometern war mir die Puste ausgegangen.

In Buchloe suchte ich eine Wirtschaft auf, um von dort aus meinen Vater anzurufen. Er solle mich doch bitte abholen. Der machte das – nicht ohne den Wirt zu bitten, mir bis zu seinem Eintreffen eine Bluna und ein paar Wiener zu servieren. „Der Bub ist doch bestimmt ganz ausgehungert“.

Später gab es dann kein Zurück mehr. Alfons, ein um Jahre älterer Bub aus dem Dorf, nahm mich als Teenager zu einer Radtour durchs bayerische Allgäu bis zum Ammersee mit – nur er und ich. Alfons hatte sein Saxophon auf den Gepäckträger geschnallt, ich meine Gitarre. Abends spielten wir vor dem Zelt ein paar Lieder, die wir für Jazz hielten, kochten uns eine Dosensuppe und das Leben war unser Freund.

An einen Morgen erinnere ich mich noch besonders gut. Es war spät geworden am Abend vorher und es herrschte dichter Nebel. Wir brauchten dringend ein Quartier für die Nacht. 

Wir entschlossen uns, wild auf einer Wiese zu campieren. Wie sich herausstellte, hatten wir in jener nebligen Nacht unser Zelt nicht auf irgendeiner Wiese aufgebaut, sondern in einem jener bayerischen Schlossgärten, die man als Tourist so aufsucht. 

Irgendwo in der Nähe von Neuschwanstein weckte uns ein Gutsverwalter – todsicher der Nachfahre irgendeines bayerischen Königs – und bat uns, doch bitte weiterzuziehen, denn die Touristen würden gleich kommen. Das hatten wir ohnehin vorgehabt, also konnten wir uns die Diskussion mit der königlichen Hoheit ersparen.

Auch in Kanada gehörte ein Fahrrad schon immer zu meiner Begleitung. Und jetzt, da mich meine Füße nicht mehr richtig tragen, habe ich das eBike für mich entdeckt. 

Der Spaß an meinem neuen Drahtesel ist riesig! Schon nach wenigen Tagen zeigt mein Tacho – digital, versteht sich – schon fast 200 Kilometer an. Montreal ist mit seinem fast 1000 Kilometer ausgebauten Netz an Radwegen eine perfekte Spielwiese.

In Nordamerika gilt Montreal als fahrradfreundlichste Stadt überhaupt. Jeder Tag ist wie eine Wundertüte für mich. Meine Touren führen mich in Ecken, die ich vom Auto aus kaum beachtet und von der Metro aus nie gesehen hatte. Ich lerne Menschen kennen, die Radfahren genau so lieben wie ich. Und Autofahrer, die uns am liebsten in die Wüste schicken würden. Das richtige Leben eben.

Absoluter Höhepunkt meiner noch kurzen eBike-Laufbahn war neulich die Überquerung der erst vor kurzem fertiggestellten, dreieinhalb Kilometer langen Champlain-Brücke. Neben diversen Fahrspuren für (die noch nicht ganz fertiggestellte) S-Bahn, Pkws, Busse, und vor allem Lkws, gibt es eine großzügige Doppelspur für Fahrräder, einschließlich Haltebuchten für Fotostopps. 

FOOD-STOP bei Alex vom Kultlokal „Sathay Brothers“ auf der Rue Notre-Dame im Stadtteil St. Henri.

Die Aussicht von der Brücke – dreimal so hoch wie der Ummendorfer Kirchturm – ist sensationell. Vor ein paar Tagen ist dort das Bannerfoto oben entstanden.

Meistens bin ich der Lonesome Rider, der mit seinem Drahtesel allein durch die Montrealer Prärie reitet.

Ein paarmal war ich mit meinem Freund Marc unterwegs, einem erfahrenen Radler, der sich trotz seines fortgeschrittenen Alters noch immer am liebsten auf seinem Rennrad fortbewegt. Die Kombi Rennrad/eBike funktioniert erstaunlich gut. Marc gibt ein bisschen mehr Gas als sonst. Hin und wieder bremse ich ab, um meinen Freund im Schlepptau nicht zu verlieren.

Schlapp gemacht habe ich bisher noch nicht. Der Weg zum Wirtshaus-Telefon wie damals in Buchloe blieb mir also erspart. Ehrlich gesagt wüsste ich auch gar nicht, wen ich anrufen sollte, um mich abzuholen. In unser Auto würde mein Rädle sicher nicht passen. 

Bliebe nur noch der Abschleppdienst. Ob der kanadische ADAC wohl sowas macht? Müsste man glatt mal ausprobieren.

Hello CAA?

BRÜCKEN-FAHRT: Jede Menge Platz für Radfahrer auf der „Pont Champlain“.
BLICK VON der Champlain-Brücke auf den St. Lawrence Seaway.
AUF DER JACQUES-CARTIER-BRÜCKE mit Blick über den St. Lorenz-Strom.
AUF DEM MONT ROYAL – und ganz weit hinten rechts das Olympiastadion.
TRINK-PAUSE im Alten Hafen (mit Kreuzfahrtschiff im Hintergrund).
FAHRRAD-CITY Montreal: 1000 Kilometer Radwege.
BIXI-LEIHRÄDER an jeder Ecke.
BIKE-PARKPLATZ vor einer Montrealer Uni.
BLICK VOM MONT ROYAL auf die Innenstadt. (Alle Fotos © Bopp)