Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com
Glücklich ist, wer die Wahl hat: Stadt oder Land – oder, wenn es sein muss, beides an einem Tag. Diese Woche stand ausnahmsweise nur die Stadt auf dem Plan. Arzttermine und andere Verpflichtungen gaben den Ton an. Der Herbst gewährt dem Sommer weiterhin eine Galgenfrist. Warme Tage, kühle Nächte – so lässt es sich aushalten im späten September in Montreal. Die Fotos sind wie immer wahllos zusammengestellt. Vom winkenden Metro-Chauffeur bis zur „Harley mit Schmackes“, wie mein Freund Peter sagen würde – es war mal wieder alles dabei. Die kleinen Bilder lassen sich mit einem Klick vergrößern. Viel Vergnügen!
Einmal im Jahr ist Schnäppchen-Wochenende in Hemmingford. Das 2000-Einwohner-Dorf, 45 Autominuten südlich von Montreal, liegt um die Ecke von Cassians Farm und ist vor allem für seine Apfel-Plantagen bekannt. Den zweitägigen Flohmarkt Ende September gibt es schon seit fast 30 Jahren.
Flohmärkte oder „garage sales“, wie sie hier heißen, sind Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil du plötzlich entdeckst, dass du alles brauchst, was der Mensch nicht braucht. Segen, weil in deinem beschaulichen Dorf endlich mal die Post abgeht.
Dass ausgerechnet an diesem Wochenende ohnehin schon genug Unruhe im Dorf herrschte, ist ein tragischer Zufall. Eine 29jährige Frau wird seit gestern vermisst. Die Polizei hat mit Posters eine Großfahndung eingeleitet. Pferde sind im Einsatz, ebenso Drohnen, Kajaks und Hubschrauber. Es sieht nicht gut aus für die junge Mutter.
Hemmingford in der Tiefe der Quebecer Provinz ist bekannt für sein lateinamerikanisches Flair. Jedes Jahr im Sommer wird es zur vorübergehenden Heimat für Hunderte von Saison-Arbeitern aus Mexiko, Guatemala und Nicaragua, die in den Farmen entlang der amerikanischen Grenze aushelfen.
Entsprechend sieht das kulinarische Angebot am Flohmarkt-Wochenende aus. Von Guacamole über Pambazos bis zu Tortillas und Tamales – hier darf sich der Latino ein bisschen wie daheim fühlen.
Klicken Sie sich durch die Fotogalerie. Viel Spaß beim Shopping – und: Buen Provecho!
Wochenende! Der Sommer hat noch einmal so richtig Gas gegeben in Québec: Schwüle Tage, kühle Nächte. Der Herbst klopft schon ganz leise an. Zeit, das Feuerholz auf der Farm zu stapeln. Doch beim Anblick der Blumenpracht rund ums Haus rückt der Gedanke an den Winter schnell wieder in weite Ferne. Gut so! Und dann dieser „Harvest Moon!“ Ganz ohne Filter. Und endlich wieder Fahrrad fahren. Und sogar noch eine Stadtwanderung durch Montreal. Und ein Picknick. Und, und, und … Einfach auf die kleinen Fotos klicken, um sie zu vergrößern.
Es gibt Menschen, die begleiten dich ein Leben lang, auch wenn du sie nicht täglich, nicht einmal jährlich siehst. Mein Freund Nikolaus Piper, als Wirtschaftsjournalist der ganz große Welterklärer, war so ein Mensch. Jetzt ist „Nik“ im Alter von 72 Jahren gestorben.
Kennengelernt haben wir uns Ende der 70er-Jahre bei der Badischen Zeitung. Er war noch Student der Wirtschaftswissenschaften und am Anfang seiner journalistischen Karriere. Ich war 30 und hatte bereits ein gelebtes Leben hinter mir, inklusive drei Jahre in Kanada.
So unterschiedlich wir als Charaktere waren, so eng waren unsere Leben immer miteinander verflochten.
Als mich in den 80er-Jahren das komplexe Freihandelsabkommen zwischen Kanada und den USA als freier ARD-Korrespondent mehr als einmal an den Rand der Verzweiflung brachte und ich in diesem Gesetzeswirrwarr nur noch Bahnhof verstand, war Nik mein Ansprechpartner. Er konnte komplizierte politische und wirtschaftliche Zusammenhänge auf den Punkt bringen wie kaum ein anderer.
Ich erinnere mich an einen Abend, den wir zusammen in einem Hotelzimmer in Montreal verbrachten. Den ganzen Tag über hatten wir an einer Konferenz zum Thema Freihandel teilgenommen. Nik war fasziniert von den facettenreichen Ausführungen der Rednerinnen und Redner. Ich war gelangweilt, frustriert und ja, auch etwas überfordert. Und schrecklich aufgeregt, denn ich musste in der darauffolgenden Nacht immer wieder live auf Sendung gehen, um deutschen Radiohörern Details über das Freihandelsabkommen zu vermitteln.
Nik coachte mich am Abend vorher, entschlackte meine verschwurbelten Sätze und machte dadurch eine komplizierte Wirtschaftspolitik verständlich. Nach meinen Live-Sendungen gab es immerhin keine Klagen, das zählte für mich als Kompliment.
Der Welterklärer – das war der eine Nik. Die anderen Niks waren: der Hobbykoch, der Bergwanderer, der Weinkenner, der Musikliebhaber, der Bestsellerautor, der Ehemann, der Vater, der Unterhalter, der Weltreisende, der Vordenker, der streitbare Diskutierer. Der Freund.
Unvergessen die Anekdote, wie Nikolaus Piper sich als Wirtschaftsredakteur bei DIE ZEIT bewarb. Dazu muss man wissen, dass Nik zwar in Hamburg zur Welt kam, aber im oberschwäbischen Bad Schussenried aufwuchs, gerade mal um die Ecke von Ummendorf.
Das Bewerbungsgespräch in Hamburg war hochkarätig besetzt: Politik-Chefin und Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, Ex-Bundeskanzler und Herausgeber Helmut Schmidt, Chefredakteur Theo Sommer.
„Sie sind doch Hamburger,“ sagte Helmut Schmidt zu meinem Freund Nik, „warum sprechen Sie dann so komisch?“
Nik, der nie mit seinem schwäbischen Dialekt kokettierte, aber es, wie so viele Schwaben, einfach nicht schaffte, akzentfrei Hochdeutsch zu reden, antwortete auf Schwäbisch: „Weil I it andersch ka“, habe er gesagt. So jedenfalls erzählte es mir Nikolaus später. Und natürlich klappte es mit der Anstellung.
Mit Nik war ich zum ersten Mal in Nova Scotia an der kanadischen Ostküste. Es war mitten im Winter, und wir fuhren mit meinem nicht mehr ganz taufrischen Volvo-Kombi die knapp 1300 Kilometer von Montreal nach Halifax.
Gleich hinter Montreal kamen wir auf spiegelglatter Fahrbahn ins Schleudern. Der Volvo schlenkerte von einer Fahrbahnseite zur anderen, drehte sich schließlich um die eigene Achse. Sekunden kamen einem wie Minuten vor. Nik war es, der mich mit getragener Stimme am Steuer beruhigte. Irgendwann kamen wir wieder in die Spur.
Dass wir wenig später in New Brunswick mit einem Getriebeschaden liegen blieben und tagelang in einem Motelzimmer ausharren mussten, bis das Ersatzteil geliefert wurde, ist wieder eine andere Geschichte. Nur so viel: Es wurde viel geredet, gegessen, getrunken.
In Bonn habe ich Nik besucht, als er noch beim „Vorwärts“ arbeitete, einem stramm-linksliberalen Gewerkschafts-Organ. Abends saßen wir bei einem schwäbischen Vesper in seinem rheinischen Reihenhaus in der damaligen Bundeshauptstadt.
„Irgendwas fehlt hier“, befand Nik. Er holte seine Gitarre aus der Ecke, spielte und sang, bis es nacht wurde in Bonn.
Wein, Essen, Musik und Gesang brachten Niks Augen zum Glänzen. Und immer wieder die Welt erklären, ohne missionarisch zu wirken. Er konnte es einfach besser als andere.
Bei unserem letzten Telefonat war Niks Stimme brüchig und schwach. Er, dem mit seinem Bestseller „Felix und das liebe Geld“ ein preisgekröntes Erklärbuch für Kinder gelang, der öfter im „Presseclub“, dem Nachfolger des „Internatinalen Frühschoppen“, in der ARD zu sehen war, der jahrelang Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in New York gewesen war und dann nach München zurückkehrte, erzählte mir von seinen Umzugsplänen. Er und seine Frau wollten weg von München und näher zum Sohn in die Pfalz ziehen.
Die Freude im neuen Daheim währte nicht lange. Am vorigen Sonntag ist Nik gestorben. Er wurde nur 72 Jahre alt.
DEN HARVEST MOON, den ich gestern an der Farm aufgenommen habe, widme ich Dir, lieber Nik. Ohne Filter, so wie auch Du durchs Leben gegangen bist. R.I.P.
Wer als Mensch mit eingeschränkter Mobilität – auf Deutsch: Gehbehinderung – in einer Millionenstadt wie Montreal lebt, macht so seine Erfahrungen. Um es vorwegzunehmen: Die meisten davon sind positiv.
In der U-Bahn steht immer jemand auf und bietet dir seinen Sitzplatz an. Im Café begleitet dich die Kellnerin bis vor die Tür, um sie zu öffnen. Wenn du dann noch mit einem schicken Rollator daherkommst, lernst du sogar neue Leute kennen.
Zum Beispiel ein älteres chinesisches Paar. Es war die Frau, die mich auf der Rue-St-Denis angesprochen hat. Ob sie wohl ein Foto von meinem Rollator machen dürfe, der wäre doch perfekt für ihren Mann. Der Mann war sichtlich weniger begeistert von der Idee und stützte sich ermattet auf seine Wanderstöcke.
Die Frau beherrschte das Multitasking perfekt: Sie fotografierte, googelte nebenher nach dem Modell auf dem Handy und machte gleich einen Preisvergleich auf verschiedenen Portalen. „Good price“, befand sie schließlich. Und dann: „Not made in China. Very good!“ Sagt eine Chinesin.
Dieser Rollator – es hat lange gedauert, bis ich mich zum Kauf durchringen konnte. Dabei war es vor allem die psychologische Schranke, die mich abgehalten hat. Mit Stöcken bist du in der Wahrnehmung der meisten Menschen noch immer sowas wie der fröhliche Wandersmann. Mit Rollator bist du gehbehindert.
ES IST ANGERICHTET: Der Rollator-Sitz als Esstisch.
Meine Lebensqualität hat sich mit dem Rollator um ein vielfaches verbessert, ich kann wieder längere Strecken zu Fuß zurücklegen. Heute waren es 6.5 Km. So viel bin ich seit Oktober 2022 nicht mehr gelaufen. Mache ich zwischendurch mal schlapp, bietet die integrierte Sitzfläche genug Platz zum Ausruhen, notfalls auch zum Essen.
Außerdem habe ich festgestellt, dass ich wieder mehr fotografiere als früher. Der Griff zum Handy fällt leichter als wenn du umständlich zwei Stöcke richtig positionieren musst, um die Kamera zu zücken.
In der U-Bahn lässt sich mein Acre Carbon Ultralight im Notfall zusammenschieben. Während ich auf dem Behindertensitz Platz nehme, stütze ich mich auf dem Rollator ab – mit angezogenen Handbremsen, versteht sich. Ein einziges Mal habe ich das vergessen – und schon machte sich das Ding selbstständig. Gleich mehrere Passagiere machten sich daran, den ultraleichten „Acre Carbon“ einzufangen.
Nicht alle Metro-Stationen in Montreal sind barrierefrei. Besonders schwierig zu navigieren ist zum Beispiel die Haltestelle „Charlevoix“, ganz in unserer Nähe. Die letzten 20 Stufen bis zur Plattform müssen umständlich ohne Hilfe des Rollators zurückgelegt werden.
Achtung, Schlaglöcher!
Aber auch das erweist sich bisher als problemlos. Es ist immer jemand da, der dir dein Gerät trägt, während du dich am Geländer entlang in Richtung Gleis hangelst. Interessant: Meistens sind es sehr junge Menschen, die ihre Hilfe anbieten: Schüler und StudentInnen. Frauen öfter als Männer, auffallend viele Menschen mit Migrationshintergrund.
Aber nicht immer klappt alles reibungslos. Viele Straßen in Montreal sind in einem hoffnungslos kaputten Zustand, leider auch die Gehwege. Da bleiben die relativ kleinen Räder schon mal in einem Schlagloch stecken, das dich leicht zu Fall bringen kann.
Vielleicht hätte ich doch die Cross-Country-Version meines Rollators kaufen sollen. Der Vorteil: Damit bin ich auch auf unebenem Gelände auf der sicheren Seite. Der riesige Nachteil: Der „Carbon Overland“, der als „der robusteste Gelände-Rollator der Welt“ angepriesen wird, ist mit 6.7 Kilo fast zwei Kilo schwerer als meine Version.
INKLUSION in einem Montrealer Café: Toilette für alle.