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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Ein Leben ohne Wein und Bier

FREUNDE TEILEN ALLES. Auch den letzten Schluck Bier. (Mit meinem verstorbenen Freund Bernd Dassel)

An mein letztes Bier erinnere ich mich noch so, wie sich die meisten von uns daran erinnern, wo sie bei der Mondlandung waren oder die Einschläge des 11. September mitbekommen haben. Mein letztes Bier habe ich am 8. Dezember 2023 nach einem Mittagessen beim Mexikaner zusammen mit meinem Freund Chris gekippt. Seither habe ich keinen Schluck Alkohol mehr getrunken. Und werde wohl bis zum Lebensende auch keinen mehr trinken.

Ich sei ein guter Patient, sagt mein Freund Marc, ein Mediziner. Denn ich befolge die Anordnung meines Arztes aufs i-Tüpfchen. Die Wahrheit ist: Ich bin auch ein feiger Patient, denn ich weiß, der nächste Schluck Alkohol könnte mich töten.

Eine chronisch entzündete Bauchspeicheldrüse verzeiht nichts, auch nicht ein letztes Glas im Stehen.

Schnaps war zwar nicht mein letztes Wort, aber ich habe gerne getrunken: Bier, Prosecco, Calvados und immer wieder Vino. Am liebsten Rosé, am liebsten in Spanien. Am allerliebsten am Ende einer Camino-Etappe – irgendwo zwischen Pamplona und Santiago de Compostela.

Ein Kühles nach dem Camino: Bei der Ankunft in Santiago de Compostela.

Es war ein Ritual, das wir nie missen wollten. Bei der Ankunft in irgendeinem Dorf, noch ehe wir ein Nachtquartier gefunden hatten, stand erst einmal ein Glas Rosado vor uns.

Ohne Alkohol zu leben, fällt mir nicht leicht. Aber es ist auch kein Martyrium, wie ich befürchtet hatte. Ich war kein Suchttrinker. Deshalb ist es mehr der soziale Aspekt, der mir abgeht.

Alkohol hat, wenn er genussvoll getrunken wird, etwas Verbindendes, Befreiendes, ja Sozialverträgliches an sich. Anders als das Rauchen, das ich mir schon vor mehr als 35 Jahren abgewöhnt habe, konnte ich dem Alkohol fast immer nur Positives abgewinnen. Rauchen war Sucht, Alkohol Lebensfreude.

Ich habe das Glück, von Familie und Freunden umgeben zu sein, von denen sich keiner viel aus Bier, Wein und Schnaps macht. Zwei von ihnen, beides trockene Alkoholiker, leben mir schon seit Jahren vor, dass ein Leben ohne Alkohol nicht nur möglich ist, sondern sogar erstrebenswert, weil es ihrer Meinung nach die Lebensqualität erhöht.

Wirklich? Darüber ließe sch diskutieren.

Meine Freunde, die Ex-Trinker, sind gottseidank nicht missionarisch unterwegs. Das käme bei mir ganz schlecht an. Aber sie geizen nicht mit Tipps.

Für einen meiner Kumpels steht fest: Alkoholfreies Bier erschwert die Abstinenz und könnte sich als eine Art Wiedereinstiegs-Droge in mein Leben schleichen. Also verzichte ich selbst aufs Null-Prozent Bier.

Und guter alkoholfreier Wein? Da sind sich meine beiden Ex-Trinker einig: Der muss erst noch erfunden werden.

Einmal Hölle und zurück

Es keucht und kracht und ächzt und knattert. Und macht der Teufel dann irgendwann mal Pause, beginnt das akustische Trommelfeuer ein paar Schrecksekunden später wieder von Neuem. Wer einmal ein MRT über sich ergehen lassen musste, weiß, wie sich die Hölle anfühlt. Hier kocht Luzifer noch persönlich.

Der Magnetresonanztomograph ist so sperrig wie sein Name. Hier werden Schichtaufnahmen mithilfe von Magnetfeldern und Radiowellen erzeugt. So werden Gehirn, Herz, Brust und Bauchorgane sichtbar gemacht.

Was den Radiologen freut, versetzt den Patienten in Angst und Schrecken. Genau eine Stunde dauerte das Klopfkonzert in der Röhre heute. Um festzustellen, wie krank eine chronisch entzündete Bauchspeicheldrüse wirklich ist, muss sie durch den digitalen Fleischwolf gedreht werden. Erst dann kann der Pankreas-Spezialist später sein Urteil abgeben.

MRT sind in Deutschland gang und gäbe. In keinem Land der Welt werden Menschen häufiger in die Röhre gesteckt.

In Kanada beträgt die Wartezeit für ein MRT vier bis fünf Monate, manchmal auch ein Jahr. Ich hatte Glück: Seit meiner Diagnose sind knapp 13 Wochen vergangen.

In Kanada werden Magnetresonanztomographien in homöopathischen Dosen verschrieben. An der Zahl der MRT-Geräte in den Krankenhäusern kann es kaum liegen. Viele von ihnen setzen Staub an. Es liegt vielmehr am mangelnden Personal, das die Computerröhren fachkundig bedient.

Die Pforte zur Hölle.

Gutes Personal kostet Geld. Und genau daran mangelt es dem „besten Gesundheitssystem der Welt“, wie der kanadische Mythos von der medizinischen Rundumversorgung in deutschen Medien oft kolportiert wird.

Nur wenige meiner kanadischen Freunde lagen schon einmal „in der Röhre“. Für viele deutschen Kumpel ist der Magnetresonanztomograph so etwas wie ein „home away from home“.

Dabei grenzen Hämmern und Kreischen im geschlossenen Tunnel an vorsätzliche Körperverletzung. Da nützt es auch wenig, dass der Panik-Button den Gefolterten mit der Außenwelt verbindet. Der werde, sagte mir Natascha, die MRT-Technikerin in einer Montrealer Uni-Klinik nach der einstündigen Prozedur, nur äußerst selten betätigt.

Schon klar: Wird das Höllenspektakel unterbrochen, fängt der Spuk von vorne an – und damit unter Umständen das Warten auf den nächsten Termin.

Wie man sich freiwillig in die Röhre schieben lassen kann, ist mir ein Rätsel. Eiin Schneewittchensarg mutet dagegen wie ein Himmelbettchen an,

Junge Frauen in Amerika bezahlen heutzutage viel Geld, um sich von den Haarwurzeln bis zu den Zehennägeln durchscannen zu lassen. Was Kim Kardashian gut findet, kann so schlecht nicht sein, meinen viele der schönheritswahnsinnigen Influencerinnen.

Für mich war es heute das zweite Mal in meinem 75jährigen Leben. Ich hoffe, der Trip zur Hölle bleibt mir künftig erspart.

Die Welt auf meinem Rücksitz

Mutter malt wieder, Vater fährt Taxi. Und der Sohn freut sich, dass die nicht mehr ganz taufrischen Eltern dabei so etwas wie ihr spätes Glück gefunden haben. Dass die Uber-Fahrerei mich so in ihren Bann ziehen würde, hätte ich nicht geglaubt. Aber das Leben als Hobby-Chauffeur passt perfekt in meine momentane Lebenssituation: Sitzen statt gehen. Konzentrieren statt grübeln. Ablenken von den Zipperlein.

Dass ich mit 75 zum ersten Mal im Leben morgens eine Lunchbox einpacken würde, um später meine Mittagspause am sonnigen Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms einzulegen, hätte ich mir noch vor wenigen Wochen nicht träumen lassen. Sowas gibt es nicht für Geld. Sowas muss man sich verdienen. Wie gestern im Vorort Lachine, wo das Foto entstanden ist.

Wenn ich am späten Vormittag das Haus verlasse, um über die nächsten Stunden Fahrgäste aus der ganzen Welt sicher durch das Montrealer Chaos zu bringen, steigt der Adrenalinspiegel schon beim Einsteigen um gefühlte 100 Prozent.

Wer wird mein erster Fahrgast sein? Wohin möchte sie chauffiert werden? Spricht er Englisch mit mir oder Französisch? Oder gar nicht?

Erst neulich habe ich gelernt, dass Passagiere bereits bei der Buchung die Option „Keine Unterhaltung erwünscht“ anklicken können. Bisher hat sich bei mir noch niemand über zu viel Text im Taxi beschwert.

Exzessives Uber-Fahren hat Suchtpotenzial. Blinkt die Taxi-App kurz vor 16 Uhr auf und signalisiert mir noch eine Fahrt zum Flughafen, kann ich schlecht nein sagen. Dabei wollte ich meinen Arbeitstag doch spätestens um drei Uhr nachmittags beenden.

Vier, fünf Stunden in einer Millionenstadt hinterm Steuer sind für einen 75-Jährigen eigentlich auch genug. Aber natürlich lehne ich nicht ab, wenn kurz vor Feierabend noch eine „Monique“, ein „Steve“ oder – wie gestern der Fall – eine „Lore“ von Côte-Saint-Luc nach Outremont gefahren werden möchte. Bei Uber gibt es übrigens nur Vornamen.

Als diese „Lore“ ein Uber bestellte, dachte ich zunächst wirklich an einen Scherz. Will die Frau an meiner Seite etwa meine Fahrtauglichkeit testen? Das würde so gar nicht zu „meiner“ Lore passen.

Nein, die Taxi-Lore war eine mexikanische Nanny, die zur Kita gefahren werden wollte, um die ihr anvertrauten Kinder abzuholen. „Lore“, sagte mir Lore, sei ein in Mexiko nicht unüblicher Frauenname.

Wieder etwas dazugelernt.

Geschichten? Davon gibt es mehr als in einen Blogpost passen würden. Schon jetzt könnten ganze Buchseiten mit ihren gefüllt werden. Nur so viel:

Wer einmal mit einem schluchzenden Teenager auf dem Rücksitz durch die Rush Hour gefahren ist, lernt Demut vor dem Schmerz kennen.

Wer einmal mit einem professionellen DJ um die Wette geplappert hat, weiss, wozu menschliche Münder fähig sind.

Wer einmal als Deutscher von einem Fahrgast aus Israel zu einem politischen Statement herausgefordert wird, während vor der Windschutzscheibe eine pro-palästinensische Gaza-Demo tobt, wünscht sich nur noch das schnelle Ende seiner Schicht herbei.

Und wer einmal einem Escort-Girl bei Preis-Verhandlungen zugehört hat, weiß, wo die Musik spielt.

Geschichten aus dem richtigen Leben – allein schon dafür hat sich die Taxifahrer-Prüfung gelohnt.

Neugierig? Freuen Sie sich über die „Uber Chroniken“. Demnächst in diesem Blog. Oder, wer weiß, vielleicht bei irgendeinem Buchverlag.

Mutter malt …
Vater fährt Taxi …
… und zur Mittagspause geht’s an den großen Fluss.

Uberglücklich am ersten Tag

Rosalie und Marco: Ein tolles Paar zur Uber-Premiere.

So schön hatte ich mir den ersten Tag als Uber-Chauffeur nicht vorgestellt: Acht Trips mit Tips und als Sahnehäubchen noch Fünf-Sterne-Bewertungen – mehr kann ein Neueinsteiger auf Montreals Straßen nicht erwarten.

Doch nicht Sternchen, Trinkgeld und etwas mehr als eine Handvoll Dollar sind das Entscheidende. Es sind die Menschen mit ihren Geschichten, die ich heute zwischen Laval, Little Italy und île des Sœurs getroffen und gehört habe.

Was eigentlich eine kleine Schnuppertour werden sollte, endete in einem sechsstündigen Arbeitstag hinterm Steuer. Wobei: Arbeit ist ein großes Wort für so eine Spaßveranstaltung.

Schon der Auftakt war verheißungsvoll. Rosalie und Marco, ein superfreundliches Studentenpaar aus Montreal, wollten vom Baumarkt „Home Depot“ im Stadtteil St. Henri zum Shopping-Centre „Plaza Alexis Nihon“ in der Innenstadt chauffiert werden.

Erst bei der Ankunft am Ziel outete ich mich als absolutes Greenhorn. „So cool“, sagte Rosalie zu meiner allerersten Uber-Fahrt. Das müsse sie unbedingt ihrem Papa erzählen. Der hocke seit seiner Pensionierung nur noch den ganzen Tag vor dem Fernseher. Sie finde es toll, wie sinnvoll ich meine Zeit verbringe. „Und dann noch mit so einem schönen Auto“.

Das mit dem schönen Auto ist übrigens so eine Sache. Bei einem 75-Jährigen, der mit einem kleinen, aber feinen Mercedes Uber-Taxi fährt, fühlt sich so ein Trinkgeld dann vielleicht doch nicht so richtig an. Marco und Rosalie ließen es sich trotzdem nicht nehmen, ein paar Taler bargeldlos aufs Konto zu appen.

Eigentlich hätte mir diese Fahrt als Einstand genügt. Aber die Uber-App lief jetzt, da es zu regnen angefangen hatte, auf Hochtouren. Acht Fahrten wurden insgesamt daraus, fast genau so viel musste ich ablehnen, weil ich entweder bereits Passagiere im Wagen hatte oder mir ein Nickerchen auf einem charmanten Parkplatz in irgendeinem Industriegebiet wichtiger schien.

Nächster Stopp: Das Sheraton Hotel, mitten im Bankenviertel. Ein freundlicher Geschäftsmann aus Indien wollte in Begleitung einer jungen Brasilianerin – beide wohnaft in Dubai – in die Vorstadt gefahren werden. Dort wartete ein Mietwagen auf das Paar. Mit dem sollte es am nächsten Tag in die Berge gehen.

„Sergei“ war der dritte im Bunde. Sergei schwieg von Anfang bis zum Schluss. Der große Schweiger hatte vor einem russischen Restaurant auf den Fahrdienst gewartet. Sein Ziel: Ein schnuckeliges Hotel am Alten Hafen.

Weiter ging’s mit:

  • Drei jungen Türken, die sich noch nicht einig sind, ob sie mit Montreal die richtige Wahl für ihr Studium gewählt haben.
  • Einer jungen Kroatin, die eigentlich zum Studieren hierhergekommen war, nur um sich schnurstracks in einen Frankokanadier zu verlieben und jetzt in einer Plastikfabrik arbeitet.
  • Einem weiteren Türken, Anwalt in einer Montrealer Kanzlei. Der hatte Mama und Schwester aus Istanbul zu Besuch und wollte ihnen ein bisschen die Stadt meines Herzens zeigen.

Als der Regen immer schlimmer wurde und ich mich in der Abenddämmerung schon auf den Heimweg gemacht hatte, beepte die Uber-App schon wieder. Diesmal war es eine Frau aus Brüssel, die von einem feinen Hotel in ein noch feineres Spa auf île des Sœurs chauffiert werden, wollte.

Die Wohninsel im Sankt-Lorenz-Strom gilt verkehrstechnisch als Albtraum. Aber Madame versäumte es nicht, den älteren Herrn mit Komplimenten zu überschütten. Da war vom sauberen Auto, über die Stadtkenntnisse bis zur Playlist bei Spotify alles an Lob dabei.

Also alles paletti nach dem ersten Uber-Tag?

Nicht ganz. Das Navi, das Teil der Uber-App ist, schwächelt. Hausnummern sind oft Glücksache, Umleitungen werden, wenn überhaupt, erst in letzter Sekunde angezeigt. Der Umstieg auf die GPS-Applikationen „Waze“ oder „Google Maps“ wäre nur dann möglich, wenn als Haupt-App noch immer parallel dazu die Uber-Anwendung laufen würde, denn da spielt die Musik.

Irgendwelche Tipps aus der Blog-Community?

JEDER FAHRER braucht ein Uber-Profil. Hier ist meins: Alt, aber sicher.

Plauschen statt planschen: Kanadas Ex-Premier ist tot

KANADISCHES POWER-PAAR: Mila und Brian Mulroney. Copyright: The Sun

Wenn es um Menschen mit Geschichten geht, das wissen meine geneigten Leserinnen und Leser, sind die BLOGHAUSGESCHICHTEN stets zur Stelle. Brian Mulroney war einer dieser Menschen. Der Mann, der als Premierminister von 1984 bis 1993 die Geschicke Kanadas leitete, ist heute im Alter von 84 Jahren gestorben.

Brian Mulroney hatte nicht nur eine Fülle von Geschichten auf Lager, er machte auch Geschichte. Über sein politisches Vermächtnis sollen andere schreiben. Als Ihr ganz persönlicher Storyteller möchte ich Ihnen heute ein bisschen von einem ungewöhnlichen Treffen mit Mr. Mulroney erzählen.

Es war im Sommer 1987, als ich Brian Mulroney zum ersten Mal auf Augenhöhe begegnet bin. Im Parlament, bei Wahlkampfveranstaltungen und dem einen oder anderen Häppchen-Event hatte ich den hoch gewachsenen Mann mit der tiefen Stimme schon öfter erlebt.

An ihn denken musste ich eine Zeitlang fast täglich. Das hat auch mit seiner Ehe mit Mila zu tun, einer Frau, der mit ihrem europäischen Charme schon bald die Herzen vieler Kanadier zuflogen.

Kurz nach meiner Ankunft in Montreal in den frühen achtziger Jahren lebte ich in einer Wohnung im Stadtteil Notre-Dame-de-Grâce. Wohnraum gab es zu jener Zeit im Überfluss – so viel, dass sich Vermieter etwas einfallen lassen mussten, um Mieter zu bekommen.

Manche Hausbesitzer übernahmen die Stromrechnung, andere die Kosten für das Kabelfernsehen. Mein Vermieter pries seine Wohnung an, indem er bei der Besichtigung auf den gegenüberliegenden Tennisplatz verwies.

„Stellen Sie sich vor“, sagte er, „Sie blicken von ihrem Wohnzimmerfenster aus jeden Tag auf den Platz, an dem sich Mila und Brian Mulroney kennengelernt haben“.

Ich glaube nicht, dass Mr. und Mrs. Mulroney ursächlich dafür waren, dass ich mich schließlich für die Wohnung an der Grey Avenue entschieden habe. Aber empfänglich für ein bisschen Namedropping war ich schon damals, das gebe ich zu.

Obwohl die Mulroneys hin und wieder an Social Events im „Mount Royal Tennis Club“ teilgenommen haben, sind sie mir in meiner Straße nie begegnet.

Gesprochen habe ich mit Brian Mulroney erstmals in einem idyllischen Waldstück am „Harrington Lake“. Dort liegt die Sommerresidenz der kanadischen Premierminister. Auch Brian Mulroney zog sich oft und gerne in das Landhaus nördlich von Ottawa zurück.

Als es hieß, Mr. Mulroney und seine Gattin laden heute ein paar Journalisten in das großzügige Anwesen am See ein, ließ ich mich selbstverständlich akkreditieren. Wer hat schon Gelegenheit, seinem Premierminister beim Schwimmen und Kanufahren zuschauen zu dürfen?

Also machte ich mich mit ein paar anderen Journalisten auf in Richtung Harrington Lake.

Doch es kam mal wieder anders als gedacht.

Verspätet und dramaturgisch haarscharf inszeniert tauchte plötzlich ein Jeep aus einer riesigen Staubwolke auf. Am Steuer: Brian Mulroney persönlich, mit Khakihemd und Jeans. Ganz der Junge von nebenan, als der er sich gerne gab.

Mulroney war angeblich untröstlich. „Boys and Girls“, sagte er „es gibt eine kleine Planänderung“. Er könne die ganze Reporterschar nun doch nicht in seiner Cottage am See empfangen. Auch ein Premierminister müsse sich schließlich den Sicherheitsbedenken seiner Leibwächter beugen. „Security first!“

Statt Planschen im See also ein Plausch am Gartenzaun. Brian Mulroney war sichtlich bemüht um Schadensbegrenzung. Gespielt geknickt erzählte uns der Sohn eines Elektrikers aus dem nordkanadischen Städtchen Baie-Comeau so ziemlich alles, was wir wissen wollten.

Viel war es übrigens nicht. Einige von uns waren vermessen genug, ihre Badesachen zu diesem denkwürdigen Pressetermin einzupacken. Entsprechend groß war die Enttäuschung.

Dass er uns trotz Abmachung nicht hinter die Kulissen seines Landhauses blicken ließ, habe ich dem alten Charmeur nie verübelt. Ein schöner Sommernachmittag am Tor zum Harrington Lake war es allemal.

KNAPP VERPASST: Das Landhaus kanadischer Premierminister. © Cottage Life