
Mein Vater wäre heute 110 Jahre alt geworden. Was er wohl sagen würde zu dem, was heute in der Welt so passiert? Wir werden es nie erfahren. Aber ein bisschen spekulieren wird man ja wohl noch dürfen.
Anton Bopp war ein Hüne von Mensch. Wenn ich Fotos von Männern seiner Generation sehe, würde ich meinen Vater am ehesten der Kategorie Curd Jürgens zuordnen. Für die Jüngeren unter Euch: Das war der Breitschultrige, der mit seinen stahlblauen Augen von der Kino-Leinwand aus die Damenwelt verzauberte.
Vielleicht übertreibe ich in diesem Punkt ein bisschen. Aber einem stolzen Sohn, der in ein paar Tagen den 75ten feiert, sei schon mal ein Blick durch die rosarote Brille gestattet. Jedenfalls war Vater groß und hatte blaue Augen.
Vater war das, was man einen lebensklugen Mann nennt. Um weise zu sein, braucht es keine zwei Buchstaben vor dem Namen. Eine Universität hat er nie von innen gesehen. Trotzdem war er ein Mann mit Bildung, mit Herzensbildung.
Und er war leidenschaftlicher Politiker. Naja, Stammtisch-Politiker eher. Mehr Stammtisch als Politiker.
Geboren wurde er vier Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs, gestorben ist er 80 Jahre später bei einem Autounfall. Genau wie 27 Jahre zuvor seine Frau, meine Mutter. Dazwischen gab es noch einmal Krieg und ganz viel Frieden.
Und jetzt also wieder Krieg. In der Ukraine, im Nahen Osten und bestimmt auch irgendwo dazwischen und außerhalb – in Ländern, die wir vielleicht nicht einmal mit dem Finger auf der Landkarte deuten könnten.
Vater verabscheute Krieg. Der Name „Hitler“ wurde bei uns so gut wie nie ausgesprochen. Für Vater war er immer nur „dieser Verbrecher“. Und „dem Ivan“ könne man ohnehin nicht über den Weg trauen. Ivan heißt jetzt Vladimir. Mein Vater hatte recht.
Als mittelständischer Klein-Unternehmer wählte er FDP. Und auch Mutter machte ihr Kreuzchen gerne bei Erich Mende. Vielleicht weil Vater ihr dazu riet. Aber auch gut möglich, weil der damalige FDP-Vorsitzende so schöne graue Schläfen hatte.
Heute würden Vater – und folgerichtig auch Mutter – bestimmt nicht mehr FDP wählen. Als „Schnösel“ würde er Lindner bezeichnen. Mit Schnöseln hätte keiner von ihnen etwas am Hut. Graue Schläfen hin oder her.
Adenauer mochte er, aber CDU würde er trotzdem nicht wählen. Ich glaube, an Adenauer, dem ehemaligen Kölner Oberbürgermeister, gefiel meinem Vater vor allem der rheinische Singsang. Für einen Handwerksmeister aus der oberschwäbischen Diaspora hörte sich das nach ein bisschen Peter Stuyvesant-Reklame an. Der Duft der großen, weiten Welt.
Scholz? Der ginge gar nicht bei meinem Vater, da bin ich mir fast sicher. Für Leute, die den Hintern nicht hochkriegen, wenn es um so Kleinigkeiten wie die Rettung der Republik vor den Faschisten geht, hätte mein Vater nur Verachtung übrig.
Der Aufschwung der AfD wäre das Schlimmste, was meinem Vater hätte passieren können. Im Grab würde er sich umdrehen, wenn er wüsste, dass „dieses braune Gesocks“ schon wieder die Reihen fest geschlossen hält.
Was also dann? Der Gedanke daran, dass mein Vater grün wählen würde, gefällt mir. Ob er es tatsächlich tun würde? Ich weiß es nicht.
Wobei: So eine fesche Außenministerin könnte ihm schon gefallen, dem alten Schwerenöter. Und um Robert Habeck, dem Mann aus dem fernen, coolen Norden, weht ja auch so etwas wie der Duft der großen, weiten Welt.
Ob grün, rot oder gelb: Alles Gute zum 110. Geburtstag, Papa Bopp!






